30.03.2004

DIE URKATASTROPHE Der Marsch in die Barbarei

Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 war der erste totale Krieg in der Geschichte der Menschheit. Er verhalf Wladimir Iljitsch Lenin an die Macht und legte den Keim für den Aufstieg des Postkartenmalers Adolf Hitler zum verbrecherischen Diktator.
Am Abend vor dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich stand der britische Außenminister Edward Grey am Fenster seines Amtszimmers und blickte auf den Londoner St. James''s Park, in dem gerade die Lampen angezündet wurden. Grey befiel an diesem 3. August 1914 eine dunkle Vorahnung. "In ganz Europa gehen die Lichter aus", sagte er zu einem Freund und fügte hinzu: "Wir werden es nicht mehr erleben, dass sie wieder angezündet werden."
Der Erste Weltkrieg dauerte bis 1918, und doch erwiesen sich Greys Worte als schreckliche Prophezeiung: Einen stabilen Frieden sollte es in Europa 31 Jahre lang - bis 1945 - nicht mehr geben. Der Friedensvertrag von Versailles, der Deutschland um mehr als ein Zehntel seiner Fläche verkleinerte und zu gigantischen Reparationszahlungen verpflichtete, beendete zwar offiziell das Gemetzel auf dem Schlachtfeld. Aber der "Krieg in den Köpfen", so der Historiker Gerd Krumeich, tobte noch Jahrzehnte weiter.
Nichts machte Adolf Hitler, 1914 Kriegsfreiwilliger im bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16, so populär wie seine Drohung, die "Schmach von Versailles" auszulöschen. Für Krumeichs Kollegen Hans-Ulrich Wehler ist der Erste Weltkrieg daher der Beginn eines "zweiten Dreißigjährigen Krieges" (siehe Seite 138).
Die gute alte Friedenszeit - für die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der heute lebenden Europäer waren dies die Jahre vor 1914. Mit boomendem Optimismus hatten viele Menschen auf dem alten Kontinent das neue Jahrhundert begrüßt. Sie glaubten an eine goldene Zukunft mit mehr Freiheit, Fortschritt und Wohlstand.
Der Erste Weltkrieg zerstörte unwiederbringlich dieses Vertrauen. Millionen Männer erlebten und erlitten Gewalt von
solch massiver Brutalität, wie sie bis dahin in der Geschichte der Menschheit unvorstellbar war - ein idealer Nährboden für Faschisten und Kommunisten mit ihren Wahnvorstellungen vom Rassen- oder Klassenkampf.
Es war der Krieg, der dem Rechtsanwalt Wladimir Iljitsch Lenin 1917 die Gelegenheit gab, in Russland jene Diktatur zu errichten, unter deren Nachwirkungen Osteuropa noch lange leiden wird. Ohne die Erschütterungen des Weltkriegs wäre auch dem einstigen Postkartenmaler Hitler der Griff nach der Macht nie gelungen.
In der blutigen Auseinandersetzung zwischen den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn sowie der Entente aus Großbritannien, Frankreich und Russland zeigte die Moderne ihr anderes Gesicht - es war eine hässliche Fratze.
Die industrielle Dynamik, welche die Europäer zu den Herrschern der Welt hatte werden lassen, wandte sich erstmals gegen die Bewohner des alten Kontinents. Der Erste Weltkrieg war der erste totale Krieg. Die Eisenbahn - Sinnbild des Fortschritts - brachte Millionen Soldaten an die Front, dort gerieten sie in eine gigantische, hoch technisierte Tötungsmaschinerie von bislang unbekannten Ausmaßen.
Terrorwaffen wie das deutsche "Parisgeschütz" schleuderten ihre tödliche Last über eine Distanz von 130 Kilometern; Maschinengewehre der amerikanischen Marke Maxim feuerten bis zu 600 Kugeln pro Minute ab. Allein am 12. September 1918 verschossen die Amerikaner bei einem Angriff in vier Stunden 1,1 Millionen Granaten.
Mehr als 60 Millionen Soldaten aus fünf Kontinenten kämpften zwischen China und den Falklandinseln, auf knapp 4000 Meter Höhe in den Alpen und in den Tiefen des Atlantischen Ozeans um den Sieg und ihr Leben. Beinahe jeder sechste fiel - im Durchschnitt 6000 Mann täglich -, schätzen die Autoren des neuen Standardwerks "Enzyklopädie Erster Weltkrieg"*. Millionen kehrten als Kriegsversehrte heim.
Das Grauen von Bombenterror, Flucht und Vertreibung, welches die Deutschen erst gegen Ende des "Dritten Reichs" erlebten, wirkt heute wie ein vielfach verstärktes Echo jenes Schreckens, den deutsche und österreichische Truppen 30 Jahre zuvor nach Frankreich, Belgien oder Serbien getragen hatten.
Über 800 000 Belgier flohen 1914 vor den Deutschen ins Ausland; mindestens 60 000 Belgier ließ Wilhelm II. aus den besetzten Gebieten verschleppen. Diese sowie 15 000 osteuropäische Juden mussten im Reich zwangsarbeiten. Städte wie das belgische Ypern bestanden 1918 nur noch aus Ruinen.
Im belgischen Tamines oder in Dinant wurden Hunderte von Zivilisten als Vergeltung für vermeintliche Partisanenangriffe erschossen. Deutsche Soldaten nahmen beim Kampf um Lüttich oder Namur Geiseln als menschliche Schutzschilde. Fotos aus Serbien zeigen österreichische Soldaten vor gehenkten Zivilisten - ähnlich den umstrittenen Aufnahmen in der Hamburger Wehrmachtsausstellung über die Verbrechen deutscher Militärs im Zweiten Weltkrieg.
Noch gab es Barrieren, die erst bei Hitler fielen. Am 4. September 1914 schlug Kaiser Wilhelm II. vor, 90 000 russische Kriegsgefangene auf der Kurischen Nehrung verhungern zu lassen, wogegen der
preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn sich sofort verwahrte. Fünf Tage später freilich plädierte der 55-jährige Monarch dafür, die von Belgien und Frankreich nach einem Sieg zu annektierenden Gebiete ethnisch zu säubern und das dann frei gewordene Land an verdiente Unteroffiziere und Mannschaften zu vergeben. Niemand widersprach. Die Niederlage ließ aus Wilhelm sogar einen radikalen Antisemiten werden, der von der Vergasung der Juden fabulierte.
Der erste Dreißigjährige Krieg - zwischen 1618 und 1648 - hinterließ ein verwüstetes Mitteleuropa und traumatisierte die Menschen für Jahrhunderte. Es ist wahrscheinlich, dass der zweite eine ähnliche Langzeitwirkung entfaltet.
Allerdings ist die Erinnerung an das damit verbundene Grauen unterschiedlich ausgeprägt. Der Osten Europas sieht im Holocaust und im Vernichtungskrieg zwischen 1939 und 1945 die zentralen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Im Westen des alten Kontinents hingegen ist der "Große Krieg" (La Grande Guerre) jener zwischen 1914 und 1918 geblieben.
In der Knochenmühle von Verdun oder auf den Killing Fields von Flandern starben viermal so viele Franzosen, dreimal so viele Belgier, doppelt so viele Briten wie im Zweiten Weltkrieg. Allein am 1. Juli 1916 verloren die Briten rund 60 000 Soldaten.
Die Erinnerung an die Opfer wird bis heute hochgehalten. Am 11. November - zum Jahrestag des Waffenstillstands 1918 - gedenken die gut 35 000 französischen Gemeinden in Feierstunden der Toten; der Präsident legt einen Kranz am Pariser Arc de Triomphe nieder.
Reisen zu den belgischen Schlachtfeldern gehören in vielen englischen Schulen zum Pflichtpensum. Briten stellen über die Hälfte der 500 000 Besucher, die jährlich in Flandern die Minenkrater bei Menin oder den Soldatenfriedhof Tyne Cot besuchen.
Diesseits des Rheins hat die Beschäftigung mit Auschwitz die Erinnerung an Verdun schon vor Jahren verdrängt. Die Bilder, die Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 Hand in Hand an den Gräbern von Verdun zeigen, entfalteten in der Bundesrepublik nicht annähernd jene symbolische Kraft wie in Frankreich.
Konrad Adenauer saß noch im Palais Schaumburg in Bonn, als der Erste Weltkrieg das letzte Mal die breite Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik beschäftigte. Das war Anfang der sechziger Jahre. Der Historiker Fritz Fischer hatte behauptet, das Kaiserreich trage die Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Fischer zerstörte damit die Lebenslüge der Generation, die in Hitlers Weltkrieg bloß einen Betriebsunfall der deutschen Geschichte sehen wollte und nicht etwa die Endstation eines lange zuvor eingeschlagenen Sonderwegs.
Nach der so genannten Fischer-Kontroverse erlahmte die öffentliche Anteilnahme allerdings rasch. Erst 2004, zum 90. Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914, wendet sich die Aufmerksamkeit des nun geeinten Deutschland dem Krieg des Kaisers erneut zu.
Geschichtsstudenten drängen sich in Seminare und Vorlesungen zum Ersten Weltkrieg. "Das Interesse ist enorm", beobachtet Dorothee Wierling, Historikerin an der Universität Hamburg. Der Publizist Michael Jürgs verkaufte von seinem Buch über den "Weihnachtsfrieden" 1914 (SPIEGEL 45/2003) innerhalb weniger Wochen über 30 000 Exemplare. Verlage und TV-Anstalten haben sich auf den neuen Trend eingestellt.
Ein gutes Dutzend Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg kommt im Frühjahr 2004 auf den Markt. ZDF gemeinsam mit SPIEGEL TV sowie ARD bereiten jeweils Serien vor, die sich mit dem Kaiser beschäftigen oder einen kompletten Überblick des Kriegs versuchen. Ab 12. Mai 2004 zeigt das Deutsche Historische Museum eine große Ausstellung in Berlin.
Gerhard Hirschfeld, Geschichtsprofessor und Direktor der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart, erklärt das neue Interesse mit einer besonderen "Dialektik der Erinnerung". Der Erste und der Zweite Weltkrieg würden bei der Aufarbeitung des 20. Jahrhunderts zunehmend "zusammen gedacht". Die Aufmerksamkeit, die Wilhelms Schlachten nun zuteil wird, wäre demnach logische Folge der Debatten über die Kollektivschuld-These Daniel Goldhagens, die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung oder die Entschädigung der Zwangsarbeiter.
Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs nahm ihren Anfang am 28. Juni 1914 im bosnischen Sarajevo, wo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand zu Besuch weilte. Bei der Fahrt durch die Stadt bog dessen Fahrer falsch ab. Als er wenden wollte, sprang der 19-jährige serbische Gymnasiast Gavrilo Princip vor und feuerte zweimal in den offenen Wagen. Die Erzherzogin war sofort tot, der Thronfolger starb zehn Minuten später.
Princip gehörte zu einem siebenköpfigen Terrorkommando junger Serben, die von einem großserbischen Reich träumten. Die Teenager hatten Bomben und Pistolen vom serbischen Geheimdienst erhalten.
Seit langem drängten die Falken in der Wiener Regierung auf einen Krieg gegen Serbien, um den serbischen Nationalismus, der das marode Vielvölker-Imperium schwächte, als "Machtfaktor am Balkan auszuschalten". Nach dem Attentat gewann die Kriegsfraktion die Oberhand.
Und da der greise Kaiser Franz Joseph fürchtete, Russland könne den slawischen Brüdern beispringen, bat er den deutschen Verbündeten um Rückendeckung. Als am 5. Juli 1914 der Wiener Botschafter im Neuen Palais in Potsdam Wilhelm II. über eine geplante "Isolierung und Verkleinerung Serbiens" unterrichtete, gab "Höchstderselbe" seine "volle Unterstützung". Damit setzte die "Julikrise" ein - der Anfang vom Ende einer langen Epoche des Friedens.
Seit Napoleon, also etwa hundert Jahre, hatte es in Europa keinen großen Krieg mehr gegeben. Die regierenden Fürstenhäuser waren eng verwandt: Zar Nikolai II., Kaiser Wilhelm II. und König George V. waren Cousins (siehe Grafik Seite 25). Man konnte ohne Pass von London bis an die russische Grenze reisen. Außenhandelsboom und Goldstandard hatten eine Verflechtung der Volkswirtschaften zur Folge, die erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wieder erreicht wurde.
Doch zugleich standen sich zwei Machtblöcke zunehmend feindlich gegenüber. Auf der einen Seite die Mittelmächte Österreich-Ungarn sowie das Deutsche Reich, das nach Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent strebte; auf der anderen Seite die Entente aus französischer Republik, konstitutioneller britischer Monarchie und Russlands rückständiger Autokratie - ein verqueres Bündnis, das nur der gemeinsame Gegner Deutschland zusammenhielt. Der Machthunger des deutschen Kaisers ließ Franzosen, Russen und Briten zusammenrücken, obwohl diese wegen ihrer kolonialen Interessen jahrzehntelang miteinander verfeindet waren.
Die Schüsse von Sarajevo und das österreichische Ultimatum setzten eine Kettenreaktion in Gang. Russland sprang dem von Österreich bedrohten Serbien in der Hoffnung bei, Österreich-Ungarn zu schwächen; Deutschland stellte sich daraufhin offen gegen das Zarenreich, was zur Folge hatte, dass Frankreich seinem Verbündeten Russland zu Hilfe eilte und Großbritannien schnell folgte.
Einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland glaubte der Große Generalstab nur gewinnen zu können, wenn Deutschland mit einem Angriff auf Frankreich nicht lange zögerte. Ein fataler Automatismus kam in Gang.
Über die Frage, welche Seite die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch trägt, streiten bis heute die Historiker. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg gestand einem Journalisten, dass Deutschland einen Teil der Schuld am Ausbruch des Kriegs trage, und fügte hinzu: "Wenn ich sagen wollte, dieser Gedanke bedrückt mich, so wäre das zu wenig - der Gedanke verlässt mich nicht, ich lebe darin." Wilhelm-II.-Biograf John Röhl wirft dem Kaiser sogar "Verschwörung zu einem Angriffskrieg" vor (siehe Gespräch Seite 22).
Die jungen Soldaten, die im August 1914 an die Front fuhren, ahnten nichts von dem Inferno, das sie erwartete. Französische Wehrpflichtige zogen mit leuchtend blauen Röcken und roten Hosen in die Schlacht. Säbel baumelten an den Gürteln der Offiziere aller Armeen. Ungarische Husaren übten mit quastenbesetzten Waffenröcken Attacken. "Ich finde den Krieg herrlich. Er ist wie ein großes Picknick, aber ohne das überflüssige Beiwerk, das normalerweise dazugehörte", notierte der britische Offizier Julian Grenfell.
Die grauenvollen Zutaten dieses Picknicks: Handgranaten, Flammenwerfer, Giftgas. Am 22. April 1915 setzten die Deutschen erstmals in der Geschichte der Menschheit Massenvernichtungswaffen ein. Der Einsatz von Gas, den Briten, Franzosen und Russen erwiderten, kostete Zehntausende das Leben; eine kriegsentscheidende Wende brachte er nicht.
Dabei schien der Sieg der Deutschen im August 1914, wenige Wochen nach Kriegsbeginn, bereits in Reichweite. Fast alles war nach jenem Plan verlaufen, den in seinen Grundzügen 1905 Alfred Graf von Schlieffen, der scheidende Generalstabschef, entworfen hatte.
Schlieffen wollte im Falle eines Zweifrontenkriegs die Zeit, die der Zar brauchte, um seine Truppen im riesigen Russland zu mobilisieren, für einen schnellen Sieg gegen Frankreich nutzen. Doch der deutsche Angriff kam im September an der Marne unerwartet zum Stehen. Im November zog sich eine 700 Kilometer lange Grabenfront wie eine hässliche Narbe von der Nordsee bis an die Schweizer Grenze.
Der Stellungskrieg begann, und er dauerte fast vier Jahre. Von Scharfschützen bedroht, von Ratten und Läusen gequält, mussten die Soldaten in den Gräben ausharren, die oft voll Wasser liefen. Vor ihnen tat sich baumloses, von Kratern durchsetztes Niemandsland auf, Pferdekadaver und Leichenteile verbreiteten einen elenden Gestank.
Für die meisten Soldaten kam der Tod aus kilometerweit entfernten Artilleriegeschützen. "Wir liegen unter dem Gitter der Granatenbogen und leben in der Spannung des Ungewissen. Über uns schwebt der Zufall. Wenn ein Geschoss kommt, kann ich mich ducken, das ist alles; wohin es schlägt, kann ich weder genau wissen noch beeinflussen", beschreibt der Veteran Erich Maria Remarque in seinem Weltbestseller "Im Westen nichts Neues" die Fronterfahrung.
Immer wieder starteten die Generäle groß angelegte Offensiven, die nicht einmal ein Dutzend Kilometer Geländegewinn brachten, aber Hunderttausenden den Tod. Im Londoner Imperial War Museum läuft ein Tonband mit dem Bericht von Sergeant Quinnell über den Angriff seiner Einheit an der Somme am 7. Juli 1917. Um 4.15 Uhr setzte das wechselseitige Bombardement ein. In den Gräben mussten die Soldaten vier Stunden lang warten. Bevor der Angriff begann, war bereits jeder Vierte tot. Dann kam der Befehl: Auf die Leiter, raus aus dem Schützengraben. Die Ersten wurden weggemäht von den feindlichen MG-Schützen.
Warum die Männer bis kurz vor Kriegsende gegen das Abschlachten nicht aufbegehrten, zählt bis heute zu den großen Rätseln. Denn nicht Terror hielt die Ordnung an der Front aufrecht. Anders als 30 Jahre später urteilte die deutsche Militärjustiz damals milde. War es die Kameradschaft, das so genannte Fronterlebnis, das die Soldaten immer weiterkämpfen ließ? War es die fatalistische Hoffnung des Einzelnen, er werde durchkommen? Oder wurden die Landser Opfer der gebetsmühlenhaften Propagan-da, das Ende des Kriegs stehe unmittelbar bevor?
Der Krieg im Osten war ein ganz anderer. Das Vereisen der Böden im Winter erschwerte den Stellungsbau enorm. Die Länge der Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ermöglichte beiden Seiten immer wieder Durchbrüche.
Kaiser Wilhelm holte zur Abwehr der Russen den 1911 pensionierten General Paul von Hindenburg aus dem Ruhestand. Dem erfahrenen Militär mit dem großväterlichen Bart gelang es, die Truppen des Zaren bei Tannenberg 1914 und in Masuren 1915 zu schlagen. Die triumphalen Siege machten Hindenburg zum Volkshelden und legten den Grundstein für dessen verhängnisvolle Karriere nach dem Krieg: Als Präsident der Weimarer Republik ernannte er 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler.
Die Russische Revolution im Oktober 1917 beendete den Zweifrontenkrieg. Die russischen Soldaten, meist Bauern, fanden Lenins Parole "Frieden, Land und Brot" allemal attraktiver als das Sterben an der Front. Im Dezember 1917 nahm eine Delegation im Auftrag Lenins in Brest-Litowsk Friedensverhandlungen mit den Deutschen auf.
Der Zusammenbruch des Zarenregimes war Wilhelms einzige Chance, den Krieg im Westen noch zu gewinnen. 52 Divisionen mit über einer Million Soldaten standen in Russland bereit, doch als die Verhandlungen mit Lenins Delegation stockten, stießen die deutschen Divisionen bis zum Kaukasus vor - und wurden nicht an die Westfront verlegt, wo man sie so dringend benötigte.
Dort waren bereits die ersten ausgeruhten Soldaten aus Übersee eingetroffen: US-Amerikaner. "Das Dorf war plötzlich voll von Männern mit Cowboyhüten. Offiziere und einfache Soldaten tranken gemeinsam in den örtlichen Kneipen. Und sie schäkerten mit den Mädchen in einer Weise, die wir uns niemals getraut hätten", notierte der britische Soldat Eric Hiscock über die Vertreter der neuen Weltmacht.
Es war wohl der folgenschwerste Fehler Wilhelms II., die größte Industrienation in den Krieg gezogen zu haben. Des Kaisers Experten hatten geglaubt, mit einem unbeschränkten U-Boot-Krieg gegen Frachtschiffe, die Nahrungsmittel und Rohstoffe auch aus den neutralen USA nach Großbritannien brachten, ließe sich London innerhalb von fünf Monaten zum Frieden torpedieren. Stattdessen hatte US-Präsident Woodrow Wilson Berlin den Krieg erklärt.
Mit einer verzweifelten Offensive versuchte die deutsche Führung im März 1918, den Waffengang doch noch zu ihren Gunsten zu entscheiden. Aber der Angriff lief sich fest. Der Krieg war verloren.
Sieben Monate hielt die deutsche Armee noch durch. Dann war alles vorbei. Am 10. November 1918 reiste Wilhelm II. aus dem Oberhauptquartier in Spa direkt ins niederländische Exil. Der Reichstagsabgeordnete Matthias Erzberger unterzeichnete die Waffenstillstandsbedingungen; am 11. November ab 11 Uhr schwiegen die Waffen.
Adolf Hitler beschloss, "Politiker zu werden". KLAUS WIEGREFE
** Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hg.): "Enzyklopädie Erster Weltkrieg". Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn; 1004 Seiten; 78 Euro.
Von Wiegrefe, Klaus

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.