30.03.2004

DIE WESTFRONT„Let op, Levensgevaar“

Ein mit 2000 Volt geladener Elektrozaun sollte die 300 Kilometer lange Grenze zwischen dem besetzten Belgien und den Niederlanden sichern.
Hunderten von belgischen Flüchtlingen, deutschen Deserteuren und alliierten Spionen hat er den Tod gebracht. Sie verschmorten und verkohlten im Drahtgeflecht. Sobald ein Opfer mit verkrampften Händen im Gitter hing, läutete ein Signalwerk und rief den deutschen Grenzschutz herbei. Zahlreiche weitere Menschen wurden an diesem Zaun von deutschen Militärpatrouillen erschossen.
Der elektrisch geladene Grenzzaun, den das DDR-Regime an manchen Abschnitten seiner "Staatsgrenze" nach Westen einst errichten ließ, war keine Erfindung des ersten deutschen Arbeiterund-Bauern-Staates. Bereits das Militär des deutschen Kaiserreichs hatte 1915 die über 300 Kilometer lange Grenze zwischen Belgien und den Niederlanden durch eine tödliche Stromsperre gesichert. Wer diese Sperre überwinden wollte, wurde kurzerhand "elektrikutiert", wie das damals hieß.
Die genaue Zahl der Opfer, die an dem Hindernis ums Leben kamen, ist unbekannt; zeitgenössische Quellen sprechen von weit über 2000 Opfern, darunter auch viele Frauen und Kinder.
Doch mehr als 20 000 Belgiern gelang es - oftmals unter abenteuerlichen und bizarren Umständen -, den bis zum Kriegsende bestehenden "Todeszaun" zu überwinden.
Die Idee zu einem mit Starkstrom geladenen Zaun entlang der niederländischen Grenze stammte vermutlich von dem preußischen Hauptmann Schütte, Angehöriger eines Nachrichtenbataillons im besetzten Belgien. Schüttes Anregung wurde vom deutschen Generalgouvernement in Brüssel - Generalgouverneur war seit November 1914 Moritz Ferdinand Freiherr von Bissing - aufgegriffen. Am 6. Juni 1915 unterrichtete der deutsche Gesandte in Den Haag das niederländische Außenministerium, die deutschen Militärbehörden wollten einzelne Abschnitte der belgisch-niederländischen Grenze durch eine Absperrung sichern - dass die Deutschen vorhatten, die gesamte Grenze hermetisch abzuschließen, verschwieg der Gesandte.
Die Arbeiten am "Grenzhochspannungshindernis", wie der Elektrozaun offiziell genannt wurde, begannen im Vierländereck bei Aachen, wo damals die Grenzen zwischen Deutschland, Belgien, den Niederlanden und dem bis Kriegsbeginn gemeinsam von Preußen und Belgien verwalteten Zwergstaat Neutral-Moresnet verliefen. Die gesamte Strecke von Vaals bei Aachen bis zur Mündung der Schelde (und schließlich weiter bis zur belgischen Kanalküste beim Seebad Knokke) wurde in zunächst sechs (später sieben) "Betriebsabschnitte" aufgeteilt. Entlang der Grenze sollte "ein mit Starkstrom geladener Draht gespannt werden" - so der Befehl des deutschen Grenzschutzkommandeurs Major Graf von Faber-Castell vom 1. Juli 1915. Doch die Arbeiten verzögerten sich: Im August 1915 waren erst einzelne Abschnitte des Elektrozauns am Netz. Probleme bereitete den deutschen Ingenieuren vor allem der Strom, der mit etwa 2000 Volt eingespeist werden sollte. Die für damalige Verhältnisse ungeheure Menge an benötigter Energie wurde schließlich in nahe gelegenen Fabriken oder in Transformatorenhäusern, die man in Abständen von etwa zwei Kilometern entlang dem Grenzzaun errichtete, mit Hilfe von Petroleumgeneratoren erzeugt.
In den Schalthäusern saßen auch die deutschen Grenzsoldaten, die ansonsten auf Fahrrädern oder zu Fuß auf einem etwa drei bis vier Meter breiten Grenzstreifen patrouillierten. Zu ihrem Schutz (und zur Sicherheit der niederländischen Militärs auf der anderen Seite) hatte man rechts und links des etwa zwei Meter hohen Zauns besondere Warndrähte angebracht. Der Mittelteil des Zauns bestand aus fünf bis zehn miteinander verbundenen Zink- oder Kupferdrähten, in denen der tödliche Strom floss. Entlang der Strecke waren Feldtelefone installiert, außerdem wurden einige Grenzabschnitte nachts durch riesige Scheinwerfer ausgeleuchtet, Sirenen meldeten jede Berührung.
Warum dieser Aufwand für eine Grenze, die militärisch kaum Bedeutung hatte?
Die deutsche Invasion von 1914 und die Nachrichten von Vergeltungen und Repressalien der deutschen Armee gegen die belgische Bevölkerung hatten eine riesige Fluchtbewegung ausgelöst.
Nach zeitgenössischen Schätzungen flohen bis zum Herbst 1914 über 800 000 Belgier in die Niederlande und nach Frankreich. Nach dem Fall von Antwerpen am 9. Oktober 1914 setzten sich 30 000 Soldaten über die niederländische Grenze ab. Sie wurden auf Anweisung der Haager Regierung, ebenso wie die bereits zuvor geflüchteten belgischen Zivilisten, aufgenommen und von den inzwischen völlig überforder- ten südniederländischen Gemeinden in rasch errichteten Auffanglagern untergebracht.
Zwar kehrten die meisten der über 700 000 in den Niederlanden gestrandeten Belgier in ihre Heimat zurück, nachdem die militärische Situation sich etwas beruhigt hatte, doch befanden sich 1916 immer noch 80 000 Flüchtlinge in dem nördlichen Nachbarland. Es entwickelte sich ein reger "Grenzverkehr" in beide Richtungen, der Schmuggel nahm überhand und machte den deutschen Besatzern immer heftiger zu schaffen. Zudem nutzten deutsche Überläufer und Deserteure ebenso wie alliierte Spione und Agenten den Weg über die offene Grenze in die neutralen Niederlande.
Die belgische Post, die ein Grenzpostamt in Baerle-Duc unterhielt, versicherte sich der Hilfe besonderer Grenzkuriere, um den Briefverkehr von Belgien nach Großbritannien und von dort wiederum nach Frankreich, aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise gelangte unzensierte Post aus dem besetzten Teil Belgiens sogar an die jenseits der Yser weiter gegen die Deutschen kämpfenden belgischen Soldaten.
All diese Vorgänge beunruhigten das deutsche Militär und die Behörden des Generalgouvernements in hohem Maße. So entstand die Idee eines elektrischen Hochsicherheitszaunes.
Am 15. Juli 1915 informierte Generalgouverneur Freiherr von Bissing die belgische Bevölkerung über die Sperrung der Grenze, die künftig nur noch mit einem besonderen Passierschein überquert werden konnte.
Bereits während der Versuchsphasen an Teilabschnitten des Elektrozauns kam es zu zahlreichen tödlichen Unfällen. Nicht selten starben die Menschen, weil sie keine Ahnung von den tödlichen Wirkungen des Stroms hatten. Manche Gemeinden entlang der Grenze wurden erst in den dreißiger Jahren an das belgische Stromnetz angeschlossen. Trotz der zahlreichen Warntafeln ("Let op, Levensgevaar") versuchten viele Menschen, den tödlichen Zaun zu überwinden. Einige schnallten sich nicht leitende Porzellanteller unter Hände, Knie und Füße, benutzten Holzfässer und entwickelten ausklappbare Gestelle, um die Drähte auseinander zu biegen, oder sie schnitten die Drähte mit isolierten Zangen durch. Andere versuchten sich als Stabhochspringer oder schlüpften in angeblich isolierende Gummianzüge.
Manche Grenzposten und Streckenmeister ließen sich bestechen und öffneten für wenige Minuten die sicheren Übergänge oder schalteten kurzzeitig den Strom ab. Mit der Zeit organisierten sich in Belgien und den Niederlanden professionelle, technisch versierte Fluchthelfer, so genannte Passeurs. Mitunter schafften sie ganze Gruppen von Flüchtlingen ins Nachbarland.
Bis Kriegsende sollen etwa 20 000 bis 25 000 Menschen - so die Schätzung des Antwerpener Romanisten Alex Vanneste - über das monströse "Grenzhochspannungshindernis" in Richtung Niederlande retiriert sein. Unter ihnen waren vermutlich nicht wenige Männer und Frauen, die so den seit Herbst 1916 von der obersten Heeresleitung angeordneten Deportationen zum Einsatz als Zwangsarbeiter im Reich zu entkommen suchten.
Nach Kriegsende wurde der Zaun zu einem beliebten "Ersatzteillager" für Bewohner der Grenzgemeinden. Sie demontierten alles, was sie gebrauchen konnten. Doch die Erinnerung blieb lebendig: Berichte über mutige Fluchthelfer und tollkühne Spione erschienen in lokalen Zeitungen noch bis in die sechziger Jahre, dann geriet auch dieses Kapitel des "Großen Krieges" in Vergessenheit. Heute erinnern nur noch die Reste zerborstener Keramik-Isolatoren und verrosteter Drahtstücke entlang den alten Grenzpfaden an den "Todeszaun" des Ersten Weltkriegs.
Gerhard Hirschfeld ist Direktor der Bibliothek für Zeitgeschichte und Professor am Historischen Institut der Universität Stuttgart.
Von Gerhard Hirschfeld ist Direktor der Bibliothek für Stuttgart. und Zeitgeschichte und Professor am Historischen Institut der Universität

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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