30.03.2004

DIE OSTFRONT„Lenin arbeitet nach Wunsch“

Waffenruhe an der Ostfront - durch die russische Revolution
Was nützt die ganze Rebellion, junger Mann? Sehen Sie nicht, dass Sie gegen eine Mauer anrennen?" So soll ein Polizist den Jurastudenten Wladimir Uljanow im zaristischen Gefängnis gefragt haben. Der Häftling, der sich später "Lenin" nannte, antwortete: "Jawohl, eine Mauer, aber eine morsche, ein Fußtritt, und sie stürzt ein."
Die Mauer war das reaktionärste Regime Europas jener Zeit, das Russland der Zaren, die absolut regierten, seit 1905 dekoriert mit einem Scheinparlament, der Duma. Aber die lokale Selbstverwaltung funktionierte, die Gerichte waren unabhängig, von 1880 bis 1890 wurden 17 Personen hingerichtet. Ein halbes Jahrhundert später kommen Millionen ums Leben.
Die "Prawda", das Organ der linksradikalen Lenin-Anhänger ("Bolschewiki" = Mehrheitler), war meist frei verkäuflich. Die Zensur ließ "Das Kapital" von Karl Marx ungekürzt erscheinen. Jeder dritte männliche Russe, fast alle der drei Millionen Fabrikarbeiter konnten lesen und schreiben. Das von Großgrundbesitzern beherrschte Entwicklungsland mit 80 Prozent Landbevölkerung trat mit ausländischen Krediten in die Industrialisierung ein, erzeugte schon ebenso viel Stahl wie Frankreich, so viele Maschinen wie Österreich-Ungarn, so viel Papier wie Schweden. In der Industrieproduktion stand es an fünfter Stelle in der Welt, in der Erdölgewinnung an zweiter (hinter den USA).
Mit Reformen, die durch Ansiedlung freier Bauern in Sibirien vor allem die Übervölkerung auf dem Lande beenden sollten, hoffte Premier Witte bis 1922 den Anschluss an die fortgeschrittenen Industrienationen zu finden - falls kein Krieg dazwischenkomme. Doch dann führte die Parteinahme für Serbien, der Zugriff auf den Balkan, in den Krieg. Er stieß zunächst weithin auf Begeisterung , weil es gegen die verhassten deutschen Lehrmeister und Besserwisser ging, auch weitere Expansion erwarten ließ.
Doch Witte hatte es geahnt: Dieser Krieg überforderte die Kräfte Russlands, das noch vom verlorenen Feldzug gegen Japan 1904/05 und der daraus entstandenen, gescheiterten Revolution geschwächt war. Der russische Wehretat war zwar doppelt so hoch wie der deutsche. Über 60 000 Kilometer Eisenbahnstrecken waren gebaut worden, die Industrie hatte eine ausgezeichnete Artillerie bereitgestellt.
Von den 5,35 Millionen Soldaten des Kriegsbeginns hatte allerdings jeder dritte schon gegen die Japaner gekämpft und war dann ins Zivilleben zurückgekehrt, hatte eine Familie gegründet und mochte daher ungern sein Leben dem Vaterland opfern. 1,8 Millionen fielen bis zum Frühjahr 1915 aus - tot, verwundet oder gefangen. Bauernsöhne wurden zum Ersatz ausgehoben, schließlich steckten in der rund 16 Millionen Mann starken Armee knapp 40 Prozent der wehrfähigen Männer.
Die Folgen: Die Getreideproduktion sank um ein Drittel, das Bahnsystem funktionierte schlecht, die Kohleproduktion ging - auch nach dem Verlust des polnischen Kohlereviers - um ein Fünftel zurück. Die Versorgung der Städte brach zusammen, die Preise verdoppelten sich, die Menschen mussten - was den sozialrevolutionären Agitatoren zupass kam - nach allem Schlange stehen.
Die Deutschen drangen nach ihrem Sieg bei Tannenberg und an den masurischen Seen bis Litauen, Lettland und Weißrussland vor. Ihre Besatzungspolitik unter-
schied sich von der Tyrannei des Zweiten Weltkriegs, die Okkupanten stützten sich auf die Deutsch sprechende jüdische Minderheit. General Ludendorff ließ Flugblätter auf Jiddisch abwerfen: "Unsere Fohnen brengen eich Recht un Freiheit."
Die russischen Bauernsoldaten sahen sich ungenügend ernährt und bald auch ungenügend ausgerüstet, oftmals ohne Gewehr, das sie sich bei Gefallenen holen sollten. Rasch erlagen sie der sozialistischen, vom Feind mitfinanzierten Propaganda, die ihnen den Frieden und sogar eigenen Boden versprach.
Am Ende waren 1,7 Millionen gefallen, 4,9 Millionen verwundet, 2,5 Millionen in - erträglicher - Gefangenschaft. Die Russen hatten ihrerseits 1,1 Millionen Deutsche, 2 Millionen Österreicher und 50 000 Türken gefangen genommen.
Daheim übernahm der Zar den Oberbefehl und schaltete die Duma aus. Seine Frau, eine Deutsche, ließ sich von dem nach einer Ausweisung aus St. Petersburg rasch zurückgekehrten Wundermönch Rasputin beraten, was das ganze monarchische System in Misskredit brachte.
Die Einwohner aber hungerten und froren erbärmlich im Winter 1916/17. Am 23. Februar 1917 (nach altem Kalender, am 8. März nach westlicher Rechnung) begingen in der Hauptstadt Demonstrantinnen den Internationalen Frauentag. Rüstungsarbeiter, die wegen eines Streiks von 24 000 Beschäftigten der Putilow-Werke ausgesperrt waren, schlossen sich an.
Nach zwei Tagen streikten 200 000 für Brot und Frieden, der Zar ließ schießen. Daraufhin meuterten die 160 000 Mann der Garnison, auch die Garderegimenter - dieser Tritt genügte schon, das morsche Regime zerfiel. Ein Arbeiter- und Soldatenrat ("Sowjet") trat zusammen. Duma-Abgeordnete bildeten eine Provisorische Regierung. Der Zar dankte rasch ab.
Lenin, als Emigrant in der Schweiz, wurde davon überrascht. Noch Wochen vorher hatte er resigniert: "Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben." Dass sie spontan ausbrach, erfuhr er aus der "Neuen Zürcher Zeitung".
Doch er fand einen mächtigen Sponsor: die deutsche Reichsregierung, die ihm insgesamt 82 Millionen Goldmark zukommen ließ. Der kleine, kahlköpfige Mann mit einer deutschstämmigen Mutter und mehr Tatare als Russe, bot Berlin die Chance, den Zweifrontenkrieg auf einer Seite zu beenden. Dieses Projekt hatte der Sozialist, Osthändler und Millionär Alexander Helphand ("Parvus") dem deutschen Gesandten Ulrich von Brockdorff-Rantzau in Kopenhagen beigebracht, und jener meldete nach Berlin, was geschehen könnte, wenn es gelänge, "Russland rechtzeitig zu revolutionieren" und dadurch die Koalition der Feinde zu sprengen: "Der Sieg, und als Preis der erste Platz in der Welt, ist unser."
Im Grunde wollte Lenin dasselbe, aber für sich. Schon 1902 hatte er in einer Broschüre, die im Stuttgarter SPD-Verlag erschien ("Was tun?"), eine Revolution propagiert, welche "das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen" werde.
Kaiser und Oberste Heeresleitung stimmten zu: Russlands neue Regierung setzte den Krieg fort, Lenin aber trommelte für sofortigen Friedensschluss mit Deutschland. So halfen die Deutschen den Kommunismus in Russland zu etablieren, welche Folgen das auch immer bergen mochte.
Durch Vermittlung von Helphands Agenten Georg Sklarz transportierte das deutsche Militär den gefährlichen Lenin samt drei Dutzend anderen Revolutionären im Bahnwaggon in ihre Heimat. An der Grenze ließ ein Rittmeister die Reisenden antreten und durchzählen. Über Berlin, Sassnitz, Schweden und Finnland ging es nach Petrograd, wie Russlands Hauptstadt nun hieß.
Der Stockholmer Resident des deutschen Geheimdiensts telegrafierte: "Lenin Eintritt nach Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch." Noch auf dem Finnischen Bahnhof von Petrograd proklamierte Lenin den Sturz der Provisorischen Regierung, die den Krieg fortführte und weiter auf den Westen setzte.
Der deutsche Kriegsherr Ludendorff befand hernach: "Militärisch war die Reise gerechtfertigt, Russland musste fallen. Unsere Regierung aber hatte darauf zu achten, dass nicht auch wir fielen."
In Russland hielten zunächst sogar die bolschewistischen Spitzengenossen Lenin für übergeschnappt - er war mit seiner extremen Position auch unter den Sozialisten isoliert. Doch zwischen Lenins Rückkehr im März 1917 und dem Herbst desselben Jahres nahmen die Kriegsmüdigkeit der Bauern- und Arbeitersoldaten und ihr Hass auf die Obrigkeit dramatisch zu. Desertionen und Meutereien griffen um sich. Dieser Stimmungsumschwung bereitete der neuen Revolution, für die Lenin unermüdlich agitierte, den Boden. Weil die Provisorische Regierung den Revolutionär, den die deutsche Regierung eingeschleust hatte, als deutschen Spion zur Fahndung ausschrieb, tauchte Lenin mit falschem Pass in Finnland unter.
Dort entwarf er sein Projekt für Russland: Der Sozialismus stehe nicht auf der Tagesordnung. Wichtiger war es, in dem unterentwickelten Land eine Basis mit proletarischer Mehrheit zu schaffen, also die Industrialisierung weiter voranzutreiben, nur rascher - ohne die Grundbesitzerkaste und unabhängig von ausländischem Kapital. Entscheidende Hilfe erwartete er von der Revolution im industriell entwickelten Westeuropa - und paktierte mit Ludendorff.
Zum Muster eines künftigen Betriebs nahm Lenin die Deutsche Reichspost, zum Vorbild der Wirtschaftslenkung die deutsche Rüstungsbehörde "Wumba", das Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt Walther Rathenaus am Berliner Kurfürstendamm. Lenin: "Macht, was die Wumba macht!" Und an Stelle der Arbeiterräte konzipierte er die unumschränkte Diktatur seiner kleinen Intellektuellenpartei.
Nach einem Szenario von Leo Trotzki, dem neben Lenin wichtigsten Führer der Revolution, besetzten am 25. Oktober 1917 Arbeiter, desertierte Soldaten und Rotgardisten kampflos die Brücken, die Telefonzentrale, die Telegrafenämter, Druckereien, Elektrizitätswerke, Bahnhöfe, Munitionsdepots und Lebensmittelmagazine in Petrograd. Auf Widerstand trafen sie nur im Militärhauptquartier und am Regierungssitz, dem Winterpalais, das von einem Frauenbataillon und Offiziersschülern verteidigt wurde. Sechs Tote forderte der Putsch. Dieser Umsturz sollte als "Große Sozialistische Okoberrevolution" in die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung eingehen. Aber er war keine Revolution, er war nicht sozialistisch, er war nicht groß (die Petersburger bemerkten ihn kaum). Nach westlichem Kalender fand er auch nicht im Oktober statt.
Seine Folgen aber sollten Millionen Menschen das Leben kosten.
Im März 1918 schloss Lenin, um Zeit zu gewinnen, wie er sagte, bis zur erhofften Entlastung der russischen Revolution durch den sozialistischen Umsturz in Deutschland, in Brest-Litowsk Frieden mit dem Reich Kaiser Wilhelms II. Diesem brachte der Diktatfrieden an der Ostfront kaum Entlastung. Die deutschen Truppen blieben als Besatzer. Da sie zur Absicherung im Osten eingesetzt wurden, fehlten sie im Frühjahr 1918 bei den letzten verzweifelten Versuchen, das Kriegsgeschick an der Westfront zu Gunsten Deutschlands zu wenden.
Gleich nach dem Oktober-Putsch empfing Lenin 15 Millionen Goldmark aus Berlin. Auch in Moskau und anderen Städten siegten die Bolschewiki, ein jahrelanger, blutiger Bürgerkrieg folgte, in dem die Großmächte erfolglos intervenierten, den Trotzkis Rote Armee aber zur Wiederherstellung des Vielvölkerstaats nutzte.
Lenin hielt keines seiner Versprechen. Er befahl Myriaden von Hinrichtungen und die Verstaatlichung der Betriebe wie von Grund und Boden. Die Volkswirtschaft kollabierte, Arbeiter und Matrosen erhoben sich wieder 1921 in Kronstadt, ihr Aufstand wurde brutal niedergeschlagen. Lenin ging darauf zu einer Art Marktwirtschaft über, die er "Staatskapitalismus" nannte. Nach Lenins Tod 1924 ersetzte der Georgier Josef Stalin die Hoffnung auf die Weltrevolution durch den russisch-nationalen "Aufbau des Sozialismus in einem Land". Nach Enteignung der Bauern und Hinrichtung der meisten Oktober-Revolutionäre gelang es ihm, Russland mit Gulag-Gewalt zur Weltmacht zu führen.
Fast ein halbes Jahrhundert versteinerte der von Lenin gegründete Staat - bis auch er zerfiel wie eine morsche Mauer. FRITJOF MEYER
* Auf einem Gemälde von Wladimir Alexandrowitsch Serow.
Von Fritjof Meyer

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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