30.03.2004

DIE OSTFRONTSündenböcke der Niederlage

Warum der deutsche Antisemitismus im Ersten Weltkrieg immer radikaler wurde
Als Deutschland 1914 in den Krieg zog, zeigten die Juden die gleiche Mischung aus Entschlossenheit und Unsicherheit, aus Kriegsbegeisterung und Friedenssehnsucht wie ihre nichtjüdischen Mitbürger. So demonstrierten auch sie die für jene Tage typische Kampfbereitschaft.
"Glaubensgenossen! Wir rufen Euch auf, über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterland zu widmen!", gab der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" den ausrückenden Soldaten mit auf den Weg.
Kaum eine Bevölkerungsgruppe in Deutschland hat das Versprechen Wilhelms II., "keine Parteien mehr" zu kennen, häufiger beschworen als die Juden. Denn obwohl sie seit über vier Jahrzehnten gleichberechtigte Staatsbürger gewesen waren, blieben Vorurteile und Abneigung, von skrupellosen Agitatoren geschürt, in der Gesellschaft gegenwärtig. Nun aber schien das alles vergessen. Die antisemitische Hetzpresse schwieg, und erstmals seit Jahrzehnten wurden sogar wieder Juden zu preußischen Offizieren befördert.
Die Hoffnung, sich durch demonstrativen Patriotismus aus ihrer Außenseiterrolle befreien zu können, teilten die deutschen Juden mit den Sozialdemokraten. Und so war es der jüdische SPD-Reichstagsabgeordnete Ludwig Frank, der als Kriegsfreiwilliger bereits am 3. September 1914 fiel - als einziges Mitglied dieses an Stammtischpatrioten reichen Parlaments.
Und noch eines verband beide: ihre von der Reichsregierung geschickt ausgenutzte Abneigung gegen das zaristische Russland, die Heimat der Pogrome und der Unterdrückung, den Inbegriff der Rückständigkeit. Die zionistische "Jüdische Rundschau" etwa schrieb, "dass der Sieg des Moskowitertums jüdische und zionistische Hoffnungen ... vernichtet ... Denn auf deutscher Seite ist Fortschritt, Freiheit und Kultur".
Ungeachtet solch patriotischer Töne brachen jedoch die Antisemiten den emphatisch verkündeten "Burgfrieden" sehr schnell. Houston Stewart Chamberlain etwa, Schwiegersohn Richard Wagners und antisemitischer Theoretiker, zeigte sich im September 1914 reumütig, weil die Juden "ihre Pflicht vor dem Feinde und daheim" getan hatten. Doch bald schon hatte er zu seinem alten Hass gegen das "Teufelsgezücht" zurückgefunden. Ähnlich hielt es der Leipziger Antisemit Theodor Fritsch, dessen "Reichshammerbund" bereits seit Ende August 1914 wieder "Belastungsmaterial" gegen die Juden sammelte.
Die schlimmsten Auswüchse antisemitischer Propaganda wurden jedoch von der Militärzensur unterdrückt, so dass die Judenfeinde zum Mittel der Denunziation griffen. Ihre erste Kampagne richtete sich gegen die angeblich "wie ein Heuschreckenschwarm über das Deutsche Reich" herfallenden Juden aus dem deutsch besetzten Osteuropa.
Etwa 50 000 ostjüdische Arbeiter lebten bereits vor dem Krieg in Deutschland, nach 1914 kamen rund 30 000 hinzu, die Hälfte davon als Zwangsarbeiter. Sie waren für die Kriegswirtschaft ebenso unverzichtbar wie der Chemiker Fritz Haber, der Reeder Albert Ballin oder der Großindustrielle und spätere Reichsaußenminister Walther Rathenau. Haber war der Initiator und Organisator des Giftgaskrieges auf deutscher Seite, Ballin organisierte im Herbst 1914 die deutsche Getreideversorgung. Doch es war vor allem Rathenau, der die deutsche Kriegswirtschaft 1914/15 als erster Leiter der auf seinen Vorschlag hin gegründeten Kriegsrohstoffabteilung im Preußischen Kriegsministerium prägte.
Juden in einigen leitenden Positionen der von Mangel und Verteilungskämpfen geprägten Kriegswirtschaft, in der viele Menschen um ihr täglich Brot kämpfen mussten - das war ein gefundenes Fressen für die Antisemiten, die das alte Klischee vom "jüdischen Wucherer" begierig aufwärmten.
Auch im Heer wuchs bald wieder der Antisemitismus. Desillusioniert vertraute etwa im September 1916 der Vize-Feldwebel Julius Marx seinem Tagebuch an: "Ich möchte hier nichts sein als ein deutscher Soldat - aber man sorgt nachgerade dafür, dass ich 's anders weiß." Schlimmer noch als der Vorwurf der "Kriegsgewinnlerei" war in diesem menschenverschlingenden Krieg die heimtückische Behauptung, viele Juden entzögen sich dem Frontdienst.
Seit Ende 1915 überschwemmten die Antisemiten das Preußische Kriegsministerium mit anonymen Eingaben. Am 11. Oktober 1916 ordnete der Preußische Kriegsminister Wild von Hohenborn schließlich unter dem aktenstaubtrockenen Titel "Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden" eine von den Zeitgenossen schlicht "Judenzählung" genannte Statistik an. Zwar lautete deren offizielle Begründung, man wolle den Vorwurf der "Drückebergerei" lediglich nachprüfen, um ihm "gegebenenfalls entgegentreten zu können". Doch alle gegenteiligen Beteuerungen halfen nichts: Mit diesem Erlass übernahm das Ministerium antisemitische Stereotypen.
Die Ergebnisse der "Judenzählung" wurden nie veröffentlicht, worin die Antisemiten eine Bestätigung ihrer Vorwürfe erblickten. Nach Kriegsende wurden dem radikalvölkischen Autor Alfred Roth die amtlichen Quellen zugespielt, aus denen er den angeblichen Beweis für die Wahrheit jenes Spruches erbrachte, der 1918 an der Front kursierte: "Überall grinst ihr Gesicht, nur im Schützengraben nicht!" Der Soziologe und Nationalökonom Franz Oppenheimer und andere entlarvten die Taschenspielertricks, mit denen Roth und Konsorten die an sich schon fragwürdige Statistik weiter verfälscht hatten.
Seriöse Hochrechnungen zeigten, dass unter rund 550 000 deutschen Staatsbürgern jüdischer Religionszugehörigkeit knapp 100 000 Kriegsteilnehmer waren, von denen 77 Prozent an der Front standen. Allein die Zahl von 30 000 Kriegsauszeichnungen und 12 000 Gefallenen beweist ihre Opferbereitschaft. Nach 1933 wurden die "Frontkämpfer" daher zunächst noch von einigen antijüdischen Maßnahmen des Nazi-Regimes ausgenommen, doch spätestens 1935 war es auch damit vorbei. Kein im Weltkrieg erworbenes Eisernes Kreuz schützte sie später vor der Deportation in den Tod.
Die "Judenzählung" kann nicht allein durch den Antisemitismus erklärt werden. Sie stand vielmehr im Zusammenhang mit der Ausbildung der "verdeckten Militärdiktatur" unter Generalstabschef Paul von Hindenburg und seinem Adlatus Erich Ludendorff, der totalen Mobilmachung aller menschlichen und industriellen Ressourcen sowie der aggressiven Agitation gegen den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Der war gewiss kein Liberaler oder gar Demokrat. Aber er war doch Realist genug, um zu erkennen, dass innenpolitische Reformen notwendig waren und der Krieg notfalls auch ohne militärischen Sieg beendet werden musste.
Das genügte, um ihn als "Flaumacher" zu diffamieren und das Schreckbild einer Regierung unter "alljüdischer" Leitung zu malen. Angesichts der Niederlage rief Heinrich Claß, Führer des antisemitischen und ultranationalistischen "Alldeutschen Verbandes", im Oktober 1918 dazu auf, die katastrophale Lage Deutschlands "zu Fanfaren gegen das Judentum und die Juden als Blitzableiter" zu benutzen. Die "Dolchstoßlegende" war geboren, der zufolge Deutschland nicht militärischer Überlegenheit, sondern einer internationalen Verschwörung von Sozialisten, Pazifisten und Juden erlegen war, obwohl beispielsweise Walther Rathenau bis zuletzt zum "Durchhalten" aufrief.
Seit der Oktoberrevolution in Russland gewann auch die Behauptung der Identität von Revolution und Judentum durch den Hinweis auf führende Revolutionäre jüdischer Herkunft wie Leo Trotzki eine scheinbare Plausibilität im verunsicherten Bürgertum. 1941 diente der "Kampf gegen den jüdischen Bolschewismus" als Propagandafanfare für den Überfall auf die Sowjetunion und half, Hemmungen vor dem systematischen Judenmord abzubauen. Die Hohmann-Affäre hat gezeigt, dass die Gleichsetzung der Juden mit den Verbrechen des Bolschewismus bis heute herumgeistert.
So kamen im Krieg all jene Zutaten zusammen, aus denen die Antisemiten nach 1918 einen neuen Giftcocktail mischten. Das uralte Motiv des "jüdischen Schmarotzers" erstand in Gestalt des "Kriegsgewinnlers" neu. Der vermeintlich "zersetzende", liberal-individualistische Jude des 19. Jahrhunderts wandelte sich in den "bolschewistischen Revolutionär". Und einmal mehr galten die Juden als national illoyale, "wurzellose Kosmopoliten". Die deutsch-nationalen Kräfte verhöhnten die erste deutsche Demokratie daher als angeblich "undeutsch" und als "Judenrepublik".
Viele Deutsche akzeptierten diesen Wahn als Realität. Der Schriftsteller Jakob Wassermann schrieb 1921 verbittert über seine Mitbürger: "Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen ... Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: Er ist ein Jude."
Der Patriotismus und die Opferbereitschaft der deutschen Juden wurden im Ersten Weltkrieg bitter verhöhnt. Doch unter staatlicher Diskriminierung hatten andere Bevölkerungsgruppen womöglich noch mehr gelitten, vor allem die nationalen Minderheiten im polnisch geprägten Osten Preußens, in Elsass-Lothringen sowie in Nordschleswig. Und Opfer eines Völkermords in diesem Krieg wurden nicht die Juden, sondern die Armenier im Osmanischen Reich. Dieser nach wie vor von der Türkei geleugnete Genozid erscheint heute als ein Probelauf zu der noch größeren Katastrophe, die einen Weltkrieg später über die europäischen Juden hereinbrach. Die zwischen 1914 und 1918 erbrachten Opfer waren umsonst gewesen. CHRISTOPH JAHR
Christoph Jahr ist wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Von Christoph Jahr

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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