30.03.2004

DER KRIEG IM REICH„Wir hauen ein Loch hinein“

Vom Herbst 1917 bis zum April 1918 war ein deutscher Sieg möglich. Nach dem Zusammenbruch der Italiener am Isonzo und dem Friedensdiktat gegen Russland suchte Generalquartiermeister Erich Ludendorff die große Entscheidungsschlacht an der Westfront - aber er gewann sie nicht.
Es ist zwei Uhr morgens, als die deutsche und die österreichische Artillerie mit rund 2000 Geschützen Gasgranaten auf die italienischen Linien zu feuern beginnen. Kurz nach acht Uhr setzen die Stoßtrupps der Infanterie zum Sturm an. Im Schutz eines langsam nach vorn wandernden Granatenhagels, der berüchtigten "Feuerwalze", nehmen die Angreifer im Nahkampf eine italienische Stellung nach der anderen. Schon am Nachmittag des 24. Oktober 1917 haben sie den heute in Slowenien gelegenen Ort Caporetto am Isonzo erobert.
Am dritten Tag des Angriffs bricht die italienische Front zusammen; der 2. Armee droht die völlige Vernichtung. Der italienische Generalstabschef, Luigi Graf von Cadorna, hatte zuvor geprahlt, seine Truppen könne fünf Wochen lang jeglichen Angriffen standhalten. Jetzt muss er 1,5 Millionen Soldaten den Rückzug befehlen. In nur vier Tagen haben sie das Terrain wieder verloren, für dessen Eroberung in gut zwei Jahren über 300 000 Mann umgekommen waren.
Als der Angriff vor allem wegen Nachschubproblemen nach elf Tagen an der Piave, nur 30 Kilometer vor Venedig, zum Stehen kommt, haben die Österreicher mit deutscher Unterstützung die Front in den Alpen um rund 320 Kilometer verkürzt. Die italienische Armee hat rund zwei Drittel ihrer Artilleriegeschütze verloren, 10 000 Soldaten sind gefallen, 30 000 verwundet, fast 300 000 in Gefangenschaft geraten. Der österreichische Politiker Josef Redlich notiert in Wien: "Die Nachrichten von der italienischen Front sind märchenhaft."
Angesichts der besonders im habsburgischen Vielvölkerstaat grassierenden Lebensmittelknappheit und Kriegsmüdigkeit hatten die Mittelmächte solche Erfolgsmeldungen auch nötig. Zumal es im Herbst 1917 nicht mehr unbedingt so aussah, als ob die deutschen Marine die Briten mittels eines uneingeschränkten U-Boot-Kriegs in die Knie zwingen könnte.
Die im August 1916 eingesetzte und von Erich Ludendorff dominierte 3. Oberste Heeresleitung hatte von Anfang an auf eine Ausweitung des U-Boot-Kriegs auch auf alle zivilen Schiffe der Entente und neutraler Staaten rund um die britischen Inseln gedrängt. Der Admiralstab hatte vorgerechnet, dass deutsche U-Boote monatlich 600 000 Bruttoregistertonnen an Schiffsraum versenken und Großbritannien, das einen großen Teil seiner Lebensmittel importieren musste, so innerhalb von fünf Monaten zum Frieden zwingen könnten.
Um den drohenden Kriegseintritt der Amerikaner zu verhindern, hatte Wilhelm II. den U-Boot-Krieg zuvor gestoppt. Auch Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hatte gewarnt, dass sein Scheitern "Finis Germaniae" - Ende mit Deutschland - bedeute. Doch als der Kronrat am 9. Januar 1917 erneut darüber beriet, gaben sowohl der Kaiser als auch der Reichskanzler Ludendorff nach.
Es dauerte nicht lange, bis sich diejenigen, die den U-Boot-Krieg als selbstmörderische Strategie abgelehnt hatten, bestätigt sahen. Nachdem die deutsche U-Boot-Flotte am 1. Februar mit dem Versenken von Schiffen in einem weit um die britischen Inseln gezogenen "Schutzgebiet" begonnen hatte, erklärte die amerikanische Regierung am 6. April dem Deutschen Reich den Krieg.
Die Führungsclique Deutschlands hatte ohne Not einen potenziell übermächtigen Gegner in den Krieg gezogen. Die Amerikaner verfügten zwar noch nicht über eine Armee, die diesen Namen verdiente, aber über ein enormes menschliches und industrielles Potenzial sowie die nach der englischen zweitgrößte Kriegsflotte der Welt.
Der Sieg von Caporetto gegen die Italiener war vor diesem Hintergrund ein bitter nötiger Triumph für die ratlosen Strategen der Mittelmächte. Der kanadische Militärhistoriker Holger H. Herwig wertet die Schlacht am Isonzo als einen "der spektakulärsten operationalen Erfolge" des gesamten Ersten Weltkriegs. Die Briten und Franzosen zwang der drohende Zusammenbruch ihres italienischen Alliierten zunächst zum Abzug von elf Divisionen von der allgemein als entscheidend angesehenen Westfront.
"Ende 1917", urteilt der britische Militärhistoriker Sir Michael Howard, "waren die Aussichten der Alliierten noch düster." Im Februar 1918 meldete der amerikanische Vertreter beim Allied Supreme War Council nach Washington: "Ich bezweifle, dass ich jemandem, der nicht beim letzten Treffen zugegen war, die Angst und die Befürchtungen vermitteln könnte, welche die Gemüter der Politiker und Militärs hier durchdringen."
Im Januar 1918 schrieb der britische Rüstungsminister Winston Churchill an Premierminister David Lloyd George: "Die Deutschen sind ein schrecklicher Feind & ihre Generäle sind besser als unsere."
Wie knapp es zwischen Herbst 1917 und Frühjahr 1918 tatsächlich war, wird heute von den meisten Historikern unterschätzt und heruntergespielt. Es ist wohl zu verlockend, den Verlauf des Kriegs auf seinen Ausgang hin zu beschreiben. Zudem sprach die Unterlegenheit der Mittelmächte, von ihrem Menschen- und Industriepotenzial bis zu ihren überholten politischen Systemen, von Anfang an eher für einen Sieg der Entente.
Vor allem die deutschen Historiker neigen seit den sechziger Jahren dazu, den gesamten Krieg als einen ebenso verbrecherischen wie hoffnungslosen "Griff nach der Weltmacht" durch das deutsche Kaiserreich zu verurteilen.
Die berechtigten Hoffnungen der Mittelmächte um die Jahreswende 1917/18 herum, doch noch einen "Endsieg" zu erringen, gründeten sich auf die Entwicklungen im Osten. Am 7. November kam es in Petrograd zu einem Ereignis, das das gesamte 20. Jahrhundert prägen sollte: Die Bolschewiki unter der Führung von Lenin stürzten die nach der Abdankung des Zaren im März gebildete bürgerliche Übergangsregierung. Sie waren mit der Parole "Brot und Frieden" angetreten. Schon einen Tag später schlug der Sowjetkongress einen sofortigen Waffenstillstand "unter Verzicht auf Annexionen und Kontributionen" vor. "Die Entente", so Hans-Ulrich Wehler, "zerfiel über Nacht."
Für die Mittelmächte bedeutete die russische Revolution die Befreiung vom Zweifrontenkrieg. Schon nachdem deutsche
Truppen Anfang September die russische Front vor Riga durchbrochen und die Stadt eingenommen hatten, begann die demoralisierte russische Armee sich aufzulösen. Im Dezember 1917 wurden in Brest-Litowsk die Friedensverhandlungen über einen Waffenstillstand aufgenommen. Das ehemalige Zarenreich verlor einen beträchtlichen Teil seines europäischen Territoriums mit einem Viertel seiner Bevölkerung und drei Viertel seiner Kohlevorkommen.
Im Frühjahr 1918 herrschte unter den verbliebenen Anhängern eines "Siegfriedens" in Deutschland Hochstimmung. "Wir standen", so der nationalliberale Reichstagsabgeordnete und spätere Außenminister Gustav Stresemann, "niemals günstiger. Wir holen aus zum letzten Schlag."
Allerdings wurde jetzt die Zeit knapp.
Nicht nur Ludendorff war klar, dass ein durchschlagender Erfolg an der Westfront erzielt werden musste, bevor die amerikanischen Truppen wirkungsvoll in die Kämpfe eingreifen konnten. Ab November 1917 begannen Ludendorff und sein Generalstab deshalb eine entscheidende Offensive im Westen zu planen.
Ludendorff sah keine Alternative zum Ausspielen der "letzten Karte", wie die deutschen Offiziere die geplante Offensive nannten. Als der spätere Reichskanzler Prinz Max von Baden ihn fragte, welche Optionen im Falle eines Scheiterns noch blieben, herrschte ihn der General an: "Dann muss Deutschland eben zu Grunde gehen."
Doch der Untergang Deutschlands war keineswegs besiegelt. Die Oberste Heeresleitung hatte 52 Divisionen mit über einer Million Soldaten im Osten, von denen sie einen beträchtlichen Teil samt Artillerie an der Westfront hätte einsetzen können. Im März 1918 standen an der Westfront 192 deutsche Divisionen gegen 178 der Entente.
Bei der unter dem Decknamen "Michael" geplanten großen Offensive sollten jene Angriffstaktiken zur Anwendung kommen, die im Laufe des für die Strategen neuen und so frustrierenden Stellungskriegs entwickelt worden waren. Vor allem die Bedeutung der Artillerie war enorm gewachsen, denn es hatte sich gezeigt, dass die Infanterie nur dann Geländegewinne erzielen konnte, wenn zuvor die Artillerie nicht nur die Frontstellungen und feindlichen Geschütze, sondern auch die Kommunikationseinrichtungen nachhaltig zerstört hatte.
Für die größten Innovationen der Artillerietaktik - auf beiden Seiten - war Oberstleutnant Georg Bruchmüller verantwortlich, der bei Beginn des Krieges aus dem Ruhestand geholt worden war. "Entscheidend für die Wirkung des Artilleriefeuers", hatte Bruchmüller festgestellt, "ist nicht so sehr die Zahl der auf den Feind geworfenen Granaten, als die Kürze der Zeit, in der dies geschieht."
Der Vater von "shock and awe" hatte auch verstanden, dass tagelanges Beschießen eines Frontabschnittes dem Gegner ankündigte, dass bald eine Offensive folgen würde. Es ging deshalb darum, den Feind in wenigen Stunden mit einem Geschosshagel zu lähmen. Um den Überraschungseffekt zu vergrößern, ließ Bruchmüller zudem auf das langwierige Einschießen verzichten und die Ziele vorab berechnen sowie die Art der Geschosse genau festlegen.
Mit dieser Taktik hatten die Deutschen unter Bruchmüllers Leitung nicht nur die russische Front vor Riga durchbrochen, sondern auch die italienische bei Caporetto. Jetzt hatte Ludendorff Bruchmüller an die Westfront geholt. Dort ließ "Durchbruchmüller", wie er gern von seinen Kameraden genannt wurde, auf einer Frontlänge von 80 Kilometern im Schnitt 100 Geschütze pro Kilometer auffahren: "Das waren Zahlen", so Ludendorff, "an die früher kein Mensch geglaubt hatte."
"Der Orkan brach los", beschrieb der Schriftsteller und Leutnant Ernst Jünger, der einen Stoßtrupp führte, den Beginn der Michael-Offensive in den Morgenstunden des 21. März. "Ein flammender Vorhang fuhr hoch, von jähem, nie gehörten Aufbrüllen gefolgt. Ein rasender Donner, der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang, ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen Geschütze hinter uns war so furchtbar, dass auch die größten überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel erschienen."
Nach dem Giftgas kamen die Sprenggranaten, und an den Moment, als schließlich um 9.40 Uhr die Infanterie aus den Gräben stürmte, erinnert sich Jünger später: "Der übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte." Rund 800 000 deutsche Soldaten griffen an. Als der Kaiser am dritten Tag der Offensive von einer Frontvisite ins Hauptquartier nach Spa zurückkehrte, verkündete er: "Die Schlacht ist gewonnen. Die Engländer sind völlig geschlagen."
Wilhelm II. ordnete schulfrei im ganzen Reich an und ließ zum Abendessen Champagner auffahren.
Doch der Anfangserfolg war trügerisch. Ludendorff hatte keine Strategie und war dem französischen Generalstabschef, Ferdinand Foch, klar unterlegen. Täglich änderte er die Stoßrichtung der Angriffe, jagte letztlich bedeutungslosen taktischen Erfolgen nach.
Als Kronprinz Rupprecht von Bayern Ludendorff einmal fragte, was denn das operative Ziel der Offensive sei, antwortete er: "Das Wort Operation verbitte ich mir. Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich."
Was die ausgehungerten Soldaten bald fanden, waren in britischen Stellungen zu-
rückgelassener Proviant oder französische Weinhandlungen, die sie sofort ausplünderten. Alkoholkonsum und Disziplinlosigkeit verlangsamten das Tempo. Der britische Generalstabschef, Sir Douglas Haig, räumte später ein: Mit nur sechs zusätzlichen Divisionen hätte den Deutschen der strategische Durchbruch nach Amiens und die Trennung der britischen von den französischen Truppen im Frühjahr 1918 gelingen können. Dass diese Kräfte fehlten, war Ludendorff zu verdanken, der an seinen aberwitzigen Annexionsplänen im Osten festhielt.
Eine Woche nach dem Beginn der Michael-Offensive hatten sich die deutschen Angriffsspitzen festgefressen. Der Durchbruch war wieder nicht gelungen, die Artillerie nicht hinterhergekommen und der Munitionsnachschub zu spärlich.
Der im Gegensatz zu Ludendorff stets nüchterne Kronprinz Rupprecht urteilte am 27. März 1918: "Der Krieg ist verloren." MICHAEL SONTHEIMER
* Nach der verlorenen Schlacht von Caporetto. * Gemälde von Hermann Eissfeld um 1920.
Von Michael Sontheimer

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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