30.03.2004

ZERFALL DER IMPERIEN

Ein Volk auf der Schlachtbank

Von Andresen, Karen

Im Frühjahr 1915 begann im Osmanischen Reich der Völkermord an den Armeniern. Das deutsche Kaiserreich deckte das Verbrechen.

Die Männer holten sie zuerst. Eines Sommermorgens im Jahr 1915 führten türkische Häscher alle männlichen Bewohner des Ortes Adiyaman ab. Ihre Familien sahen sie nie wieder.

Als Nächstes traf die zurückgebliebenen Frauen und Kinder der Bannstrahl der Machthaber in Konstantinopel. Sie wurden aus ihrer Heimatstadt gejagt und wochenlang kreuz und quer durch die glühende Hitze getrieben. 2000 Menschen, ohne Wasser und ohne Brot. Mütter, deren Säuglinge in ihren Armen verendeten. Junge Mädchen, die sich ängstlich vor Vergewaltigungen zu schützen suchten.

Das Wenige, was die Verbannten am Leibe mitführten, nahmen ihnen schon bald Wegelagerer ab. Wen die Kräfte verließen, der blieb am Straßenrand liegen. Über dem Land lag beißender Verwesungsgeruch.

Vergebens hatten die verzweifelten Frauen den Gouverneur in Adiyaman angefleht, sie nicht erst auf lange Todesmärsche zu schicken, sondern gleich vor Ort zu erschießen. Nicht einmal diese Gnade mochte Konstantinopel seinen armenischen Untertanen noch gewähren.

Seit Oktober 1914 stand das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands und Österreichs im Krieg, und im Schatten der großen Schlachten orchestrierte die Regierung noch ein anderes blutiges Projekt - die Vertreibung und Ermordung der christlichen Armenier.

Es war ein Genozid, der an Grausamkeit wohl nur noch vom Holocaust an den europäischen Juden mehr als zwei Jahrzehnte später überboten wurde. Über eine Million Menschen starben qualvoll, und auch diesmal waren die Deutschen nicht ohne Schuld.

Zwar hatte das Kaiserreich den Völkermord nicht initiiert, wie es die Propaganda der Entente behauptete. Aber Berlin deckte ihn. Aus Sorge, den Waffenbruder am Bosporus zu verlieren, aber wohl auch, weil viele im wilhelminischen Deutschland die Abneigung der Türken gegen die Armenier teilten. "Blutsauger" seien sie, hieß es, und "gewissenlose Krämer", verschlagen und hinterlistig - Stereotype, wie sie die antisemitische Hetze in Deutschland auch gegen Juden benutzte. "Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt", schrieb Karl May, der in seinem Leben nie mit Armeniern zusammengetroffen war.

Die Menschen, gegen die sich diese Schmähungen richteten, lebten vor allem im Ostteil des Osmanischen Reichs, an der Grenze zu Persien und zum türkischen Erzfeind Russland, wo es ebenfalls große armenische Siedlungsgebiete gab.

Die Armenier waren besser ausgebildet als ihre türkischen oder kurdischen Nachbarn und deshalb zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor im Vielvölkerstaat aufgestiegen. Schmiede und Schlosser, Maurer und Schneider, Apotheker und Advokaten gehörten überwiegend der christlichen Minderheit an.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begeisterten sich armenische Intellektuelle zunehmend für nationale Bewegungen - eine Entwicklung, die in Konstantinopel mit Misstrauen registriert wurde. Zumal sich auch die europäischen Mächte und, fataler noch, das am Bosporus verhasste Russland für mehr Eigenständigkeit der armenischen Minderheit stark machten. Schon 1895 begannen antiarmenische Pogrome, bei denen Tausende starben.

Die Lage spitzte sich zu, als 1913 Mitglieder der jungtürkischen Bewegung im Osmanischen Reich die Alleinherrschaft übernahmen. Getrieben von der Angst, ihr ohnehin in Auflösung begriffener Vielvölkerstaat könnte vollständig auseinander brechen, verschrieben sich die neuen Machthaber einem radikalen Nationalismus. Die Türken, so ihre Überzeugung, müssten andere ausrotten, um ihrer eigenen Ausrottung zu entgehen.

Die Deportationen begannen in Zeytun, einem Ort im Taurusgebirge, dem Franz Werfel in seinem berühmten Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" ein bewegendes Denkmal gesetzt hat. Im April 1915 verschanzten sich dort in einem Kloster 150 Deserteure. 4000 türkische Soldaten stürmten das Gebäude. Einen Tag später wurden die Bewohner der Stadt, die heute Süleymanli heißt, in die nahe gelegenen Sümpfe oder die Syrische Wüste getrieben.

Bald schleppten sich aus fast allen armenischen Ansiedlungen des Osmanischen Reichs verängstigte Menschen über die staubigen Straßen. Oder sie wurden in überfüllten Bahnwaggons wie Vieh durchs Land transportiert. Wer die Strapazen überlebte, musste in einem der Konzentrationslager in der Wüste ausharren, ohne Dach über dem Kopf. Allenfalls ein paar Erdlöcher boten spärlichen Schutz vor Hitze und Kälte. "Mein Volk", so die Klage eines armenischen Geistlichen, "liegt auf der Schlachtbank."

Der Regierung des deutschen Kaiserreichs blieb das mörderische Treiben ihres türkischen Verbündeten nicht verborgen. Schon am 10. Mai 1915 berichtete der Konsul in Aleppo, Walter Rößler, von einer "Vernichtung der Armenier in ganzen Bezirken". Seine Kollegen aus Erzurum und Adana schlugen ebenfalls Alarm.

Berlin beeindruckte das nicht. Die Regierung in Konstantinopel hatte militärische Gründe für die Vertreibungen vorgeschoben, und die deutsche Regierung hielt sich an diese Version. Die Maßnahmen, so der deutsche Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim, bedeuteten zwar eine "große Härte", seien aber "leider nicht zu vermeiden".

Erst als die Kriegsgegner Deutschlands das Kaiserreich für die grausamen Massaker mit verantwortlich machten, entschloss sich Berlin, in Konstantinopel zu protestieren - besorgt allerdings mehr um den eigenen Ruf als um das Leben der Armenier. Er habe die Hohe Pforte, so Botschafter von Wangenheim im Juli 1915, "darauf aufmerksam gemacht, dass wir Deportationen der Bevölkerung nur insofern billigen, als sie durch militärische Rücksichten geboten" sind.

Konstantinopel blieb uneinsichtig - und konnte sich dabei auch auf deutsche Militärs berufen, die das Kaiserreich zur Reorganisation der osmanischen Armee an den Bosporus entsandt hatte. Etwa auf Korvettenkapitän Hans Humann, der feststellte: "Die Armenier wurden jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich." Oder auf den Offizier Eberhard Wolffskeel, für den die Deportation der Bewohner von Zeytun "eine günstige Gelegenheit" war, endlich "aufzuräumen". Nur Paul Graf Wolff-Metternich, seit dem 15. November 1915 Botschafter in Konstantinopel, mochte nicht stillhalten. Knapp einen Monat nach seinem Amtsantritt schrieb er an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, dass gegen die "Armeniergreuel" unbedingt "schärfere Mittel notwendig" seien - etwa die Veröffentlichung eines scharfen Protestes in deutschen Zeitungen.

Bis dahin hatten die Deutschen in der zensierten Presse des Kaiserreichs von den Vorgängen im Osmanischen Reich kaum etwas erfahren. Und auch jetzt lehnte Bethmann Hollweg jede öffentliche Verurteilung des Bündnispartners ab. "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht", schrieb er unter die Metternich-Vorlage.

Zehn Monate später musste der Botschafter seinen Posten räumen. Die meisten Deutschen konnten auch weiterhin allenfalls in Kirchenblättchen lesen, dass im Osmanischen Reich gerade ein ganzes Volk auslöscht wurde.

Adolf Hitler allerdings muss über das Schicksal der Armenier wohl informiert gewesen sein - und hocherfreut darüber, dass der Genozid nach Kriegsende so schnell in Vergessenheit geraten war. "Wer spricht heute noch vom Völkermord an den Armeniern?", soll der Diktator seine Zuhörer im August 1939 auf dem Obersalzberg spöttisch gefragt haben.

Gut zwei Jahre danach begannen die Massendeportationen in die deutschen Vernichtungslager. KAREN ANDRESEN


SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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