30.03.2004

DAS KRIEGSENDEDer zweite Dreißigjährige Krieg

Der Erste Weltkrieg als Auftakt und Vorbild für den Zweiten Weltkrieg. Von Hans-Ulrich Wehler
Denkbar unterschiedliche Zeitgenossen wie Marx'' Freund, der linksradikale Unternehmermillionär Friedrich Engels, der legendäre preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke und der jahrzehntelang amtierende SPD-Vorsitzende August Bebel - sie alle hatten ihn seit Jahrzehnten prophezeit: den "großen Weltkrieg", wenn die europäischen Großmächte in einem künftigen Konflikt aufeinander stoßen würden.
An der Prognose von Engels, einem kompetenten Militärexperten, fällt die bestechende Hellsichtigkeit auf, da er bereits 1887 einen "Weltkrieg von einer bisher nie gekannten Ausdehnung und Heftigkeit" kommen sah: "Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen." Die absehbaren Folgen: "Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet. Hungersnot, Seuchen, allgemeine ... Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung ... in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankrott; Zusammenbruch der alten Staaten ... derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird."
Auch Moltke hatte schon 1890 voll düsterer Ahnungen einen "dreißigjährigen Volkskrieg" vorhergesehen. Und als ein halbes Jahrhundert später General Charles de Gaulle, seit 1940 im Londoner Exil, sich an einer Diagnose der Gegenwart versuchte, sprach er wiederholt von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg, der 1914 begonnen habe und erst mit der Niederlage Deutschlands enden werde.
Der bedeutende französische Sozialwissenschaftler und Publizist Raymond Aron, der damals zum Beraterstab de Gaulles gehörte, hat dann den Begriff des neuen Dreißigjährigen Kriegs in die geschichtswissenschaftliche Deutung der Epoche beider Weltkriege eingeführt. Dort hat die prägnante Formulierung als herausfordernde Interpretation eine weit reichende Resonanz gefunden.
Trifft sie aber tatsächlich den Kern des historischen Zusammenhangs? Oder führt sie, schon wegen der Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Genozids, nicht doch in die Irre? Welche Grundlinien des Ersten Weltkriegs verweisen vielleicht doch, so unbestritten die Neuartigkeit der deutschen Vernichtungspolitik seit 1939 auch ist, auf Kontinuitätsbrücken, ohne deren Kenntnis man den zweiten totalen Krieg allzu leicht als isoliertes Unikat hinstellt?
Daher ist zunächst zu fragen: Was hebt den Ersten Weltkrieg aus den zahllosen Kriegen, die das europäische Staatensystem in seiner 400-jährigen Geschichte bis 1914 erlebt hat, so unverwechselbar hervor?
Zum einen steigerte er sich zum ersten totalen Krieg, dessen Konturen bisher nur in den radikalisierten Kolonialkriegen der imperialistischen Mächte (etwa im Krieg gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1907) aufgetaucht waren. Alle beteiligten Gesellschaften sollten jetzt mit schlechthin all ihren Ressourcen ganz in den Dienst der Kriegsanstrengung gestellt werden. Dabei löste sich die herkömmliche Grenze zwischen militärischer Front und friedlicher Heimat zusehends auf, nachdem sie bisher, auch noch 1870/71, strikt beachtet worden war.
Zum anderen hielt er nach der Niederlage des Deutschen Reichs die ressentimentgeladene Vorstellung am Leben, mit einem klassischen Revisionskrieg, wie ihn das Staatensystem schon hundertfach erlebt hatte, die schmerzhaften Ergebnisse des verlorenen Kräftemessens nicht nur möglichst bald zu korrigieren, sondern durch eine noch umfassendere, eben "totale" Anstrengung den zweiten Griff nach dem Weltmachtstatus erfolgreich auszuführen.
Über nahezu alle politischen Lager hinweg übten diese Revisionshoffnung und die Chimäre einer endlich siegreichen "repeat performance" eine perverse Faszination aus. Dieser Glaube hielt sich unter Millionen gedemütigter Kriegsteilnehmer, aber auch und erst recht in der neuen Generation der nach 1900 Geborenen, die sich um das Kriegserlebnis geradezu betrogen fühlten. Der Gefreite Adolf Hitler, der seit 1919 in den Münchner Bierkellern, dann landesweit diese Botschaft seinen Zuhörern entgegenschrie, drückte eine allgemeine, weithin konsensfähige Sehnsucht nur in ungewöhnlich krasser Rhetorik aus - und das Echo schallte schließlich aus der Wählerschaft mit überwältigender Zustimmung zurück.
Unstreitig bestand daher seit 1918/19 die Gefahr, dass der ungestillte deutsche Revisions- und Machthunger wiederum in einen Weltkrieg münden würde. Insofern verband sich mit dieser Mentalitätslage tatsächlich, und das ist in universalhistorischer Perspektive das erschreckend Neue, ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit, dass nach einer konfliktreichen Nachkriegszeit ein zweiter Großkrieg Europa erneut verheeren, ja die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen würde. Denn er musste von vornherein als totaler Krieg konzipiert werden, um mit der verlockenden Aussicht auf den Endsieg die mächtige Allianz der Sieger niederringen zu können.
Vergegenwärtigt man sich die Zielstrebigkeit der deutschen Rüstungspolitik schon in den Jahren der Republik, erst recht aber unter der Führerdiktatur, lässt sich kaum bestreiten, dass mit dem Ersten Weltkrieg die Vorgeschichte des Zweiten beginnt. Die Konstellation von 1918/19 barg bereits den Zündstoff für einen neuen Weltbrand in sich, obwohl er sich für viele Beobachter an der Oberfläche, bis es 1941 zum Krieg gegen die Sowjetunion und Amerika kam, zunächst wie ein konventioneller europäischer Revisionskrieg ausnahm.
Welche Perspektiven der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts, die nach dem Urteil des amerikanischen Historikers George F. Kennan im Sommer 1914 begann, verdienen es, im Blick auf die Kontinuitätsproblematik hervorgehoben zu werden?
Dass an Stelle des befürchteten dritten Balkankriegs, den Wien gegen Serbien führen wollte, in kürzester Zeit und in entscheidendem Maße dank des Hasardspiels der Berliner Politik ein Megakrieg aller europäischen Großmächte entfesselt worden war, stand bereits Anfang August 1914 fest. Seither erwies sich dieser Krieg als ein gewaltiger "Transformator", der alle beteiligten Völker mit ihrer Wirtschaft und Sozialstruktur, ihrer Staatsverfassung und Innenpolitik, ihrer Mentalität und Wertewelt, nicht zuletzt natürlich mit ihren Streitkräften in allen Waffengattungen durch seinen Einfluss tiefer veränderte als jedes andere Großereignis seit 1789, vielleicht sogar seit den Umwälzungen im Gefolge der protestantischen Reformation des 16. und 17. Jahrhunderts.
I.
Nach dem Auftakt als europäischer Mächtekrieg stieß der Konflikt alsbald in neue Dimensionen vor, da er erstmals einen wahrhaft globalen Charakter gewann. Zwar blieben die militärischen Operationen im Wesentlichen auf Europa und die hohe See konzentriert. Aber im Nahen Osten führte der Kampf der Alliierten gegen die mit den Mittelmächten verbündete Türkei zur Agonie, schließlich zur rigorosen Amputation des riesigen Osmanischen Reiches, das auf seinen kleinasiatischen Restbestand reduziert wurde.
In Afrika wurde ein Kolonialkrieg gegen die vier deutschen "Schutzgebiete" geführt, bei dem es ebenso wie an der Westfront zum Bruch eines bisher verbindlichen Tabus kam, als farbige gegen weiße Einheiten eingesetzt wurden. In Ostasien setzte Japan seine imperiale Expansion zielstrebig fort. Der Atlantik wurde zum Schauplatz eines neuartigen U-Boot-Kriegs. Mit dem Kriegseintritt der USA wurde die einzige transatlantische Großmacht in das Mächteringen einbezogen.
Am Ende des Kriegs stand der Zerfall der drei multinationalen Reiche Österreich-Ungarn, Russland und Deutschland, auf deren früherem Territorium die so genannten Nachfolgestaaten auf der Legitimationsbasis des Selbstbestimmungsrechts der Völker entstanden, für das Wilson wie Lenin in ihrem Duell gleichermaßen eingetreten waren. Nach 1945 setzte sich dieser Prozess unter Berufung auf dasselbe Prinzip in der weltweit ablaufenden Dekolonisation fort, die fast alle ehemaligen Kolonien der westlichen Mächte in souveräne Staaten verwandelte.
II.
Die Kriegführung erlebte eine beispiellose Technifizierung. Nach vier Jahren hatte sich die Natur dieses industrialisierten Kriegs von Grund auf gewandelt. Das Maschinengewehr erwies sich als Massentöter. Noch schlimmer wütete der massierte Artilleriebeschuss, auf dessen Konto mehr als 50 Prozent aller Kriegstoten entfielen. (Zu Beginn der Schlacht an der Somme mit ihren 1,1 Millionen Toten und Verwundeten schossen die Alliierten eine Tonne Granaten auf jeden Quadratmeter der deutschen Stellungen!)
Der Tank, dessen Entwicklung die deutsche Seite verpasst hatte, gewährte der Infanterie eine fast unwiderstehliche Unterstützung. Im Sommer 1918 war daher die deutsche Westfront auch den 1500 alliierten Tanks nicht gewachsen. Junge Offiziere wie Charles de Gaulle und Heinz Guderian erkannten in ihnen die strategisch wertvolle Panzerwaffe der Zukunft, die im Zweiten Weltkrieg in der Tat eine eminent wichtige Rolle spielen sollte.
Der alliierte Vorsprung in der Autoproduktion führte zu ersten mobilen Verbänden. Die Bedeutung der Kampfflugzeuge stieg rapide an. Im Sommer 1918 besaß Frankreich bereits 3400 einsatzfähige Flugzeuge - mehr als im Mai 1940, als die neue deutsche Luftwaffe die Konsequenzen aus dem ersten Luftkrieg folgerichtig gezogen hatte. Die deutsche Marine wiederum beschwor nicht mit ihrer nutzlosen Schlachtflotte, jedoch mit ihren U-Booten zeitweilig eine tödliche Gefahr für den Gegner herauf, die seit 1942 von Berlin planmäßig imitiert wurde.
Neuartig an der Kriegführung war aber auch, dass Massenheere in vorbildloser Millionenstärke gegeneinander antraten. Weltweit zog man schließlich rund 70 Millionen Soldaten ein. In Deutschland etwa wurden 13,5 Millionen Männer zum Wehrdienst beordert, relativ mehr als in jedem anderen Krieg führenden Staat. 81 Prozent aller Männer im wehrpflichtigen Alter wurden erfasst, 15 Prozent von ihnen, mehr als 2 Millionen, starben, ein Drittel wurde verwundet. Zumindest der erste Teil von Bertrand Russells zynisch-realistischer Definition des modernen Kriegszwecks: "Maximum slaughter at minimum expense" (ein Höchstmaß an Metzelei bei einem Minimum an Kosten) ging in Erfüllung.
An der "Heimatfront" gewann währenddessen der Ausstoß der Rüstungsindustrie eine entscheidende Bedeutung. Denn da die unersättliche Nachfrage nach Kriegsmaterial anhielt, bestimmte auch die Produktionsfähigkeit und Verkehrsleistung den Kriegsausgang mit. Als sich seit 1916 der Übergang zum totalen Krieg durchsetzte, gelang zwar mit dem "Vaterländischen Hilfsdienstgesetz" noch nicht die von der 3. Obersten Heeresleitung anvisierte rücksichtslose Mobilisierung schlechterdings aller materiellen und menschlichen Reserven allein für den Kriegszweck. Doch 1918 näherte sie sich einigen Maximalzielen.
III.
Kriegsziele werden in jedem Krieg verfolgt. Doch die Gigantomanie der deutschen Kriegszielpolitik seit 1914 übertraf alle Vorläufer bei weitem. Aus strategischen, ökonomischen, machtpolitischen Gründen, aber auch mit dem Ziel der sozialimperialistischen Ablenkung von dem innenpolitischen Reformstau wurden vier Jahre lang maßlos ausgreifende Pläne verfolgt. Im Westen sollten das "germanische" Flandern, die Kanalküste und das französische Erzbecken bei Longwy-Briey, im Osten ein riesiges russisches Territorium annektiert werden, das zudem durch einen Gürtel von Satellitenstaaten gegen das Zarenreich geschützt werden sollte; eine "Europäische Wirtschaftsgemeinschaft" sollte die ökonomische Vorherrschaft in Europa gewährleisten, ein mittelafrikanisches Kolonialreich sich von der West- bis zur Ostküste erstrecken.
Die höchste Priorität besaß unstreitig die Expansion nach Osten, um einen blockadefesten, Autarkie garantierenden Großraum, Basis des Siegfriedens und künftiger Kämpfe um Weltmacht, zu gewinnen. In ihm sollten zugleich rassepolitisch eingefärbte Umsiedlungspläne mit scharfer antipolnischer und antisemitischer Spitze verwirklicht werden, um einen "Wall deutscher Menschen" gegen die "slawische Flut", in Ludendorffs enthüllenden Worten: "Zuchtstätten" für künftige germanische Ostkrieger, zu schaffen. Damals, nicht erst 1939, bahnte sich der entscheidende Mentalitätswandel hin zu einer gewalttätigen Germanisierungspolitik an.
Seinen Höhepunkt erreichte der mit breiter Unterstützung der deutschen Öffentlichkeit, der Interessenverbände und der meisten Parteien vorangetriebene Ostimperialismus nach dem Frieden von Brest-Litowsk im März 1918, der Russland riesige Gebiets- und Wirtschaftsverluste zumutete, als deutsche Divisionen durch die Ukraine bis hinunter zum Kaukasus vorstießen; dieser neue Krieg gegen Russland ist aus dem deutschen historischen Gedächtnis völlig verdrängt worden.
Der Wunschtraum vom gewaltigen Ostimperium schien damals endlich in Erfüllung zu gehen. Vergegenwärtigt man sich die Grenze der deutschen Besatzungssphäre bis zum Asowschen Meer, zum Elbrus und nach Georgien, versteht man besser, dass Hitlers Generation der zweite Griff nach "Ostland" seit 1941 alles andere als neuartig vorkam.
Dem Entwurf der aktivistischen Germanisierungspolitik im Osten lag schon die Absicht der durchgreifenden "ethnischen Säuberung" zu Grunde, die nicht nur vom Alldeutschen Verband und Ostmarkenverein, sondern in der offiziellen Regierungsplanung gefordert wurde. Wegen der Fixierung auf die nationalistische Fata Morgana des ethnisch homogenen Nationalstaats war das eine fatale, aber mit innerer Schlüssigkeit ausgestattete Konsequenz.
Voran ging freilich die jungtürkische Reformbewegung, die sich diese Homogenisierungsutopie zu Eigen gemacht hatte, ehe sie 1,5 Millionen christlicher Armenier ermorden und wenige Jahre später auch 1,5 Millionen Griechen umbringen oder vertreiben ließ. Die osteuropäischen Nachfolgestaaten praktizierten dann öfter eine noch gemäßigte Verdrängungspolitik gegenüber nationalen Minderheiten. Erst die nationalsozialistische Rasse- und Umsiedlungspolitik unterwarf Millionen Osteuropäer, wie es jetzt im SS-Jargon hieß, der "ethnischen Flurbereinigung", die im Gegenschlag die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen auslöste.
IV.
Der große Krieg wurde auch zu einem Wirtschaftskrieg, in dem wichtige ökonomische Trends sich veränderten, abbrachen oder beschleunigt wurden. Nach zwei goldenen Jahrzehnten weltweiter Hochkonjunktur schrumpfte die deutsche Gesamtproduktion um zwei Fünftel, der landwirtschaftliche Ausstoß um ein Drittel. Der Krieg diskreditierte mit jedem Fortschrittsglauben auch die Idee der liberalen Weltwirtschaft als Muster wahrer Progressivität. Die Zukunft schien sorgfältiger staatlicher Planung zu gehören. Der längst vor dem Krieg eingeübte Korporativismus - die außerhalb des Parlaments geübte enge Kooperation von Großwirtschaft, Interessenverbänden und Staatsbürokratie - verdichtete sich zu einer noch intimeren Zusammenarbeit, die weithin als zukunftsfähiges Modell galt, etwa noch für die nationalsozialistischen Vierjahrespläne.
Außerdem begann im Sommer 1914 die "Große Inflation", die allerdings erst 1922/23 ihren fatalen Höhepunkt erreichen sollte. Da die Berliner Führungselite die Kriegsfinanzierung nicht auf Steuern, die endlich auch die besitzenden Klassen belastet hätten, zu basieren wagte, sondern auf Anleihen zurückgriff, lief die
Notendruckpresse unentwegt, um die Kriegskosten wenigstens vorläufig in der illusionären Erwartung zu decken, dass sie als riesige Reparationen auf die besiegten Gegner abgewälzt werden könnten - so wie es später das "Dritte Reich" im besetzten Europa bis 1944 praktiziert hat. Den Preis des völligen Währungszusammenbruchs präsentierte dann die Hyperinflation. 25 Jahre später wiederholte sich dieses Ergebnis deutscher Kriegsfinanzierungspolitik: Erneut wurden die finanziellen Kriegsfolgen durch massenhafte Enteignung liquidiert.
V.
So, wie sich die Prioritäten der Wirtschaftspolitik veränderten, unterlag auch die Kohäsion der großen sozialen Klassen einem tief reichenden Wandlungsprozess. Insbesondere die materielle Not der Kriegsjahre führte zu einer extrem ungleichen Belastung der Bevölkerung. An Stelle der 3400 täglichen Kalorien der Vorkriegszeit und der 2600 jetzt für notwendig erachteten gab es nur mehr gerade 1000. Erwachsene verloren im Durchschnitt 20 Prozent ihres Gewichts. Die Kindersterblichkeit schnellte in ungeahnte Höhen. Zwar landeten bis zu 50 Prozent aller begehrten Produkte auf dem Schwarzmarkt, doch waren dessen exorbitant hohe Preise für die städtische Arbeiterschaft unerschwinglich, zumal ihre Reallöhne um ein Drittel sanken. Die Nahrungsmittelnot erreichte im "Steckrübenwinter" 1916/17, als ein preußisches Ministerium die Konsumenten über die Schmackhaftigkeit abgeschossener Krähen aufklärte, ihren dramatischen Höhepunkt.
Größer noch als der Einfluss der Notlage an der "Heimatfront" auf die Mentalität der Kriegsdeutschen war die mentale Verstörung, die Millionen von Soldaten im Angesicht des Todes erlebten. Dadurch wurden vertraute Bindungen und Loyalitätsbeziehungen in Frage gestellt. Der traditionelle Anspruch der adligen und bürgerlichen Oberklassen auf politische Hegemonie und soziale Privilegien traf auf anschwellende Zweifel und verschärfte Legitimationsforderungen. Die anhaltende politische Diskriminierung durch das Klassenwahlrecht und die evident ungleiche Verteilung von Lebenschancen und -risiken wurde zur offenen Provokation. Schließlich gingen die durch Repression, Zensur und "Burgfriedens"-Ideologie mühsam gezähmten Spannungen seit 1917 in offene Konflikte über, als große Massenstreiks und Protestbewegungen das Reich erschütterten.
Auch die Parteienlandschaft unterlag einer schroffen Polarisierung, als sich die Unabhängige SPD von der Mutterpartei abspaltete, während auf der äußersten Rechten mit der blindlings auf Annexionismus und "Siegfrieden" setzenden Vaterlandspartei eine frühfaschistische Sammlungsbewegung entstand, der zahlreiche ältere Nationalsozialisten angehört haben.
Wegen der Klassenantagonismen und der politischen Konfrontation gewann andererseits die Utopie einer harmonischen "Volksgemeinschaft" eine weit reichende Anziehungskraft, zumal die Fiktion der "Schützengrabengemeinschaft" oder des "Frontsozialismus" durch die Realität dementiert wurde. Es war die Erfahrung mit der Zerrissenheit der reichsdeutschen Gesellschaft, welche die Illusion der "Volksgemeinschaft" auch für die Hitler-Bewegung so überaus attraktiv gemacht hat.
VI.
Als eine der folgenreichsten Erscheinungen des Kriegs erwies sich überhaupt die psychische Mobilisierung der deutschen Gesellschaft. Die Kriegsleidenschaft, wesentlich ausgelöst durch die Legende vom aufgezwungenen Verteidigungskrieg gegen die "Einkreisungs"-Allianz, steigerte den Nationalismus zu beispiellosen Extremen. Die geschwind erfundene Integrationsideologie der "Ideen von 1914" wurde im Zeichen des "Burgfriedens", des Einfrierens aller innenpolitischen Auseinandersetzungen, als deutsche Gegenutopie der "Ideen von 1789" stilisiert, die Überlegenheit des deutschen "Sonderwegs" in die Moderne dogmatisch überhöht.
Der Nobelpreisträger Rudolf Eucken erkannte im Krieg die "Weltbewährungsprobe deutscher Innerlichkeit", der rechtskonservative Theologe Reinhold Seeberg das "Herannahen des Tages der Deutschen". "Wir müssen diesen Kreuzzug", überbot sie der Nationalökonom Johannes Plenge, "im Dienste des Weltgeistes zu Ende führen, und Gott will es ... uns und der Welt zum Heil", denn "wir sind das vorbildliche Volk. Unsere Ideen werden die Lebensziele der Menschheit bestimmen".
Die Amtskirchen wetteiferten bei der Heiligung des Kriegs. Nationalprotestantische Theologen überboten sich wechselseitig, wenn sie den Soldatentod für die Nation mit dem Opfertod Jesu Christi für die Menschheit verglichen. "Wir stehen mit Gott in diesem Krieg als seine Diener", wusste Paul Althaus. "Darum ist es ein heiliger Krieg und deshalb für jeden" ein "Gottesdienst". Der Berliner Generalsuperintendent Friedrich Lahusen entdeckte in den deutschen Heeren "Gottes himmlische Engel".
Nicht "Verständigung", predigte ein Scharfmacher wie Otto Dibelius, bald ein Lobredner des Antisemitismus und der Wahlsiege der NSDAP, "sondern Ausnutzung unserer Macht bis zum Äußersten, das ist die Forderung des Christentums". Deutschlands Sieg verkörpere die "vollendete Heilsgeschichte". Kein Wunder, dass ein kritischer evangelischer Theologe wie Karl Barth die "germanische Kampftheologie" geißelte, durch die "Kriegslust und christlicher Glaube in ein hoffnungsloses Durcheinander geraten" seien.
Umso deprimierender wirkte dann der Absturz aus allen Sieg- und Kriegszielträumen in die unerwartete Niederlage. Und ein tief traumatisierter Nationalismus brannte seither auf Revanche. Keiner verstand es, die Wiederherstellung der Ehre und Größe der Nation so fanatisch zu beschwören wie Adolf Hitler. Es war der Konsens dieses ressentimentgefüllten, revisionshungrigen Radikalnationalismus, der ihn vorantrieb und emportrug.
Jedoch: Der extreme Kriegsnationalismus integrierte nicht nur, vielmehr spaltete er auch. Die linken Protestbewegungen etwa lehnten seine expansiven Ansprüche dezidiert ab. Sie liefen auch der Demokratisierungswelle zuwider, welche die autoritären Herrschaftsstrukturen in Frage stellte. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sah in der Demokratisierung die "ungeheuerlichste aller Revolutionen". Seit dem Fanal der russischen
Oktoberrvolution von 1917 erhielten auch in Deutschland die Impulse für die politische und soziale Demokratisierung einen machtvollen Auftrieb. Und als die revolutionäre Springflut im November 1918 das Reich so vehement erfasste, dass alle Gatter des "Burgfriedens" gesprengt wurden, war ihre stärkste Antriebskraft nicht allein die unleugbare militärische Niederlage, sondern die Vielzahl von Problemen im Inneren, die jahrzehntelang aufgestaut worden waren und endlich auf eine Lösung drängten. Auch die von der Mehrheit ungeliebte Revolution hat dann die Sehnsucht nach einer pazifizierten "Volksgemeinschaft" noch einmal verstärkt.
VII.
Last, but not least: Mehr als 13 Millionen deutscher Soldaten hatten jahrelang Lebensgefahr, Verwundung, Verstümmelung, Vergiftung und vielfachen Tod erlebt. Die Hemmschwelle vor Gewalt und Aggression war tief abgesenkt worden. Die Gewöhnung ans Töten, das als kriegsförderliche Leistung aufgewertet, mit Orden und Beförderung belohnt wurde, beherrschte den Alltag. Millionen Männer kehrten, an menschenverachtende Kämpfe gewöhnt, im Umgang mit Waffen erfahren, erbittert über die Niederlage, aus dem Krieg zurück. Zu Hunderttausenden füllten sie die neuen paramilitärischen Kampfverbände vom "Stahlhelm" über den "Roten Frontkämpferbund" bis zu den "Sturmabteilungen" der Nationalsozialisten. Der Staatenkrieg wurde als Bürgerkrieg zwischen rechtem und linkem Lager fortgesetzt.
Als sich dieser Antagonismus zu einer verhängnisvollen Entscheidung zwischen dem Rechtstotalitarismus der Hitler-Bewegung und dem Linkstotalitarismus der KPD zuzuspitzen schien, zerbrach die Republik, und die Repräsentanten der kaiserdeutschen Machteliten, die sie von Anfang an bekämpft hatten, dienten jetzt als beflissene Steigbügelhalter bei der Machtübergabe an Hitler.
VIII.
Hitler als erfolgreichster deutscher Berufspolitiker zwischen 1930 und 1942, wegen der Vielzahl seiner innen- und außenpolitischen Erfolge von der Mehrheit der Deutschen abgöttisch verehrt, ist wie der Kern seiner Bewegung durch den Ersten Weltkrieg zutiefst geprägt worden. Von Anbeginn an stand ein risikobereiter Revisionismus auf seinem Panier, forderte sein extremer Nationalismus den Wiedergewinn nationaler Ehre und Größe. Das erwies sich als zustimmungsfähige Maxime, denn die Hitler-Bewegung (wie sie sich seit 1928 auch offiziell auf den Wahlscheinen nannte) wurde bekanntlich trotz, nicht aber wegen ihres Antisemitismus gewählt.
Hitler hielt an der fixen Idee seines Judenhasses genauso fest, wie der Antisemitismus die "alten Kämpfer" seiner Partei integrierte. Den seit 1916 erneut aufsteigenden militanten Antisemitismus hatten sie geteilt und später in "dem Juden" den Sündenbock für die Niederlage dingfest gemacht. Dadurch wurde der überkommene völkisch-rassistische Antisemitismus der Vorkriegszeit fatal gesteigert bis hin zu dem Wunschziel, im Besitz der Staatsgewalt "die Juden" als die Schuldigen an der Kriegsniederlage zu "beseitigen", zumal sie ohnehin als Inkarnation aller Übel der Moderne galten.
Genauso besessen aber waren Hitler und seine Anhänger, Sympathisanten und Wähler von dem Ideal des großen Revisionskrieges - als Racheakt und Tor in eine helle Zukunft zugleich. Allerdings galt es, sich ungleich solider vorzubereiten, als das vor 1914 der Fall gewesen war. Notwendig war dafür die Aufrüstung mit den modernsten Waffen, der Einsatz aller Ressourcen für den anvisierten Endkampf, auch die lückenlose Militarisierung der gesamten Gesellschaft, damit der zur kampfwilligen Einheit verschmolzene "Volkskörper" des neuen Sparta den zweiten totalen Krieg gewinnen konnte.
Als unverzichtbar galt auch, hier war die Erinnerung an 1918 stets präsent, die Eroberung eines blockaderesistenten, Autarkie und "Lebensraum" für die Arier des Großgermanischen Reichs verheißenden Ostimperiums, um beim Kampf um die Weltherrschaft das Armageddon gegen die mächtigen Konkurrenten siegreich bestehen zu können.
Doch aller Größenwahn blieb mit der Sorge Hitlers und seines engsten Kreises gekoppelt, das Debakel einer neuen Revolution wie der von 1918 um nahezu jeden Preis vermeiden zu müssen. Mochte die Führerdiktatur auch im Judengenozid und Slawenmord in eine Dimension des Vernichtungskriegs vordringen, die eine schlichte Gleichsetzung mit dem Ersten Weltkrieg ausschließt, ist doch schwerlich zu bestreiten, dass die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und der Niederlage in vielfacher Hinsicht die Motorik, die Planung, die Durchführung des Zweiten Weltkriegs bei Hitler und seiner Machtelite bestimmt haben. Um ihn zu gewinnen, musste er freilich - darauf lief ihr pathologisches Lernen hinaus - noch rücksichtsloser, zerstörerischer, mörderischer als der von 1914 bis 1918 geführt werden.
Dieser Vernichtungsfanatismus verleiht dem Zweiten Weltkrieg seine einzigartigen Züge. Aber ebenso unstreitig ist, dass die Erfahrung, der Verlauf und der Ausgang des ersten totalen Krieges den zweiten in hohem Maße vorgeprägt haben. Es ist dieser Zusammenhang, der die innere Einheit des zweiten Dreißigjährigen Krieges konstituiert.
Hans-Ulrich Wehler war bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld.
* Links: Armenier im Dorf Toz 1916; rechts: Holocaust-Opfer im KZ Buchenwald nach dem Einmarsch der US-Armee im April 1945. *Links: 1916 mit Kriegskameraden; rechts: im Juni 1942 mit Generälen im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd.
Von Hans-Ulrich Wehler

SPIEGEL SPECIAL 1/2004
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