29.06.2004

DOSSIER: DIE TERROR-INTERNATIONALEJAPAN: DIE AUM-SEKTE

Religiöse Wurzeln
Schon als Schüler fühlte sich Sektengründer Shoko Asahara zu Höherem berufen. Chizuo Matsumoto - wie der halbblinde Sohn eines Reisstrohmattenflechters aus Südjapan mit bürgerlichem Namen heißt - wollte Premier werden. Doch bereits bei der Wahl zum Klassensprecher, obwohl er mit Süßigkeiten um Stimmen warb, fiel Asahara durch.
Auch mit seinem ehrgeizigen Ziel, in die elitäre Tokio-Universität aufgenommen zu werden, scheiterte er. Doch unverdrossen strebte der redegewandte Japaner danach, andere zu beeinflussen. 1977 eröffnete er eine Praxis für Akkupunktur und Kräutermedizin; 1984 gründete er eine Yoga-Studiengruppe. Auf einer Reise in den Himalaja 1986 gewann Asahara angeblich die Erleuchtung sowie die übernatürliche Kraft zum Schweben. Von Anhängern ließ er sich als Wiedergeburt des hinduistischen Gottes Shiva anbeten.
Ab Juli 1987 nannte der Guru seine Gruppe Aum Shinri Kyo ("Höchste Wahrheit"); 1989 wurde die Sekte als religiöse Körperschaft staatlich anerkannt. Mit einer Mischung aus buddhistischen, hinduistischen und christlichen Elementen sowie mit Yoga- und Diätkursen zog Asahara vor allem junge Japaner an - darunter viele Akademiker von Eliteuniversitäten. Ihnen wies der Guru den Ausstieg aus einer Gesellschaft, die vornehmlich die kollektive Jagd nach materiellem Glück als Lebenszweck sah.
Schon bei der frühen Expansion seiner Sekte scheute Asahara vor Gewalt nicht zurück: Im November 1989 ließ er den Rechtsanwalt Tsutsumi Sakamoto, dessen Frau sowie deren einjähriges Kind in Yokohama brutal ermorden. Der Anwalt hatte sich für Aum-Opfer eingesetzt. Obwohl die Mörder einen Aum-Anstecker am Tatort verloren hatten, ließ Japans Polizei die Sekte weiter agieren. In TV-Talkshows durfte der bärtige Guru ungehindert den Weltuntergang prophezeien.
Kriegsgerät aus Russland
Mitte der neunziger Jahre folgten der Sekte in Japan über 10 000 Gläubige. Um bei Aum aufgenommen zu werden, mussten Nonnen und Mönche der Gemeinschaft ihr Vermögen übertragen. Mit dem so erworbenen Reichtum baute Asahara ein blühendes Geschäftsimperium auf - mit Computerläden und Restaurants. Selbst sein gebrauchtes Badewasser ließ der göttliche Führer als teure Reliquie an Gläubige verkaufen. Auch im Ausland - vor allem in Russland, wo viele einstige Untertanen des Sowjetreichs neue ideologische Orientierung suchten - fand Asaharas Heilslehre massenhaft Zulauf.
Im Februar 1990 kandidierte der Guru mit 24 Jüngern erfolglos für Japans Parlament. Der misslungene Versuch, auf legale Weise politische Macht zu erobern, beschleunigte Aums Hinwendung zum Terror. Vom Aum-Hauptquartier am Fuß des heiligen Berges Fuji aus herrschte Asahara über seinen eigenen Ministaat: Entsprechend der Ressort-Aufteilung in der japanischen Regierung hielt er sich ein Schattenkabinett, bestehend aus engsten Vertrauten. Sein "Wissenschaftsminister" Hideo Murai baute eine eigene Giftgas- und Waffenproduktion auf; gemeinsam mit "Bauminister" Kiyohide Hayakawa kaufte Murai in Russland reichlich Kriegsgerät ein, darunter einen Mi-17-Hubschrauber.
Die militärische Aufrüstung sollte dem Guru dazu verhelfen, den japanischen Kaiserthron zu besteigen und letztlich die Weltherrschaft zu erringen. Seine Vision erklärte Asahara den Anhängern in der Sprache von Science-Fiction-Comics wie dem "Raumkriegsschiff Yamato": Ein Kampf zwischen Japan und den USA - mit Laser- und Weltraumwaffen geführt - würde in den Dritten Weltkrieg und in einem nuklearen Inferno münden. Aussicht auf Rettung verhieß der Guru nur jenen Auserwählten, die sich seinen religiösen Riten willenlos unterwarfen. Wer sich aber der Gehirnwäsche - befördert durch Verabreichung von Drogen wie LSD - entzog oder als Spion verdächtigt wurde, den ließ Asahara ins "Jenseits" befördern: durch Erdrosseln, Bäder in heißem Wasser oder Giftgasattentate.
Sarin in der U-Bahn
Offenbar als Probelauf für den geplanten Staatsstreich verübte Aum am 27. Juni 1994 einen Anschlag mit dem Nervengas Sarin in der zentraljapanischen Stadt Matsumoto. Bei dem Anschlag, der auf lokale Richter zielte, starben binnen zehn Minuten 7 Menschen, 144 wurden verletzt. Für die Tat benutzte Aum einen umgebauten Wagen mit einem speziell entwickelten Sprühmechanismus.
Durch das verheerende Erdbeben von Kobe am 17. Januar 1995 sah Asahara seine Prophezeiungen vom drohenden Weltuntergang bestätigt. Am 20. März 1995 verübten Aum-Jünger auf Befehl des Gurus den bislang schlimmsten Terroranschlag in Japan: In der morgendlichen Rush-Hour ließen die Täter in fünf voll besetzten Zügen der Tokioter U-Bahn Sarin entweichen. Mit speziell präparierten Regenschirmen durchstachen sie Plastiktüten, die mit dem Nervengas gefüllt waren.
Die Bilder von bewusstlosen Pendlern und Verletzten mit Schaum vor dem Mund erschütterten das Selbstbewusstsein der zweitgrößten Industrienation der Welt, die sich als Hort der Sicherheit gewähnt hatte. 12 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, über 5000 wurden verletzt.
Zwei Tage nach dem Attentat startete die Polizei Großrazzien gegen Aum; eine Welle von Verhaftungen folgte. Am Fuji entdeckten die Fahnder tonnenweise Chemikalien, die Aum in seiner eigenen Fabrik produziert hatte. Zeitweilig schien die japanische Ordnung aus den Fugen zu geraten: Am 30. März wurde Polizeichef Takaji Kunimatsu vor seiner Wohnung in Tokio angeschossen und schwer verletzt - ein Überfall, der bislang nicht aufgeklärt ist. Rätselhaft bleiben auch die Hintergründe des Todes von Aum-"Wissenschaftsminister" Murai. Ein Ultranationalist erstach Asaharas Weggefährten vor laufenden Kameras.
Von einem Versteck aus schürte Asahara derweil die Furcht vor neuem Terror: Für den 15. April 1995 drohte er "Tag X" an, der das Erdbeben von Kobe vielfach übertreffen werde. Am 5. Mai vereitelte die Polizei nur knapp einen Anschlag in Tokios Bahnhof Shinjuku: Tausende sollten durch Blausäuregas umgebracht werden. Am 16. Mai explodierte in der Stadtverwaltung von Tokio eine Briefbombe, die an den Gouverneur der Hauptstadt adressiert war. Sie zerfetzte einem Beamten die linke Hand. Am selben Tag stöberte die japanische Polizei Asahara in einem fensterlosen Verlies auf dem Sekten-Areal am Fuji auf.
Der Prozess
Am 27. Februar 2004 verurteilte das Tokioter Bezirksgericht den Guru nach fast achtjährigem Prozess zum Tod durch den Strang. Der 48-Jährige wurde des Mordes an 27 Menschen für schuldig befunden. Außer dem Sektenchef standen 188 seiner Anhänger vor Gericht. Elf führende Vertraute waren bereits vor Asahara zum Tode verurteilt worden. Alle Beteiligten legten Berufung ein; in zweiter Instanz könnten sich die Aum-Verfahren noch Jahre hinziehen.
Der Aum-Sekte, die sich jetzt Aleph nennt, ist der Status einer religiösen Körperschaft entzogen worden, aber verboten wurde sie nicht. Nach Schätzung japanischer Sicherheitsbehörden verfügt Aleph über 1650 Anhänger in Japan. In Russland soll es etwa 300 Gläubige geben. Zwar schwor die Sekte dem Aum-Terror offiziell ab. Doch viele Jünger vergöttern Asahara weiterhin als geistiges Oberhaupt.
WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

SPIEGEL SPECIAL 2/2004
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