DER SPIEGEL



KAMPF GEGEN DEN TERROR

Gespenst mit 1000 Gesichtern

Von Flottau, Renate Kraske, Marion

Albanische Extremisten zündeln für ein freies Kosovo. Mudschahidin und islamistische Eiferer nutzen Bosnien als Rückzugs- und Agitationsraum.

Die Demonstranten in Prizren ließen keinen Zweifel daran, wem ihre Sympathien gehören: Bei ihrem Protestzug durch die Stadt skandierten Tausende "UÇK, UÇK", und "Unmik armik" - die Unmik ist der Feind.

Die Beschimpfung der internationalen Uno-Verwaltung (Unmik), die in der serbischen Provinz die Oberaufsicht hat, gipfelte Mitte März in einer brutalen Eruption der Gewalt, die der Weltöffentlichkeit deutlich vor Augen führte, dass die Kosovo-Albaner nicht länger gewillt sind, eine wie auch immer geartete Fremdherrschaft zu tolerieren.

Über mehrere Tage brandschatzte ein außer Kontrolle geratener Mob serbische Kirchen und Klöster - vor den Augen der überforderten Friedenstruppe Kfor. Traurige Bilanz der Ausschreitungen: 19 Menschen - 8 Serben und 11 Albaner - wurden getötet, Hunderte verletzt.

Für die internationale Gemeinschaft, die seit Mitte der neunziger Jahre die fragile Waffenruhe auf dem Balkan mit Zehntausenden Soldaten und Polizisten absichert, sind die Ausschreitungen ein bitterer Rückschlag. Zwar ist die Gewaltherrschaft des Serben Slobodan Milosevic überwunden, doch nun - Jahre nach Ende der jugoslawischen Erbfolgekriege - sieht sich die Nato-geführte Friedenstruppe unter massivem Druck kosovo-albanischer Extremisten.

Die betreiben immer unerbittlicher die Loslösung von Belgrad - notfalls mit Gewalt und Terror. Als Inbegriff dieses Unabhängigkeitsstrebens gilt vielen noch immer die albanische Befreiungsarmee UÇK, die, offiziell zwar aufgelöst, die Strippen im Hintergrund aber weiter zieht.

Ob die Untergrundorganisation von Marxisten und albanischen Nationalisten als zunächst ideologisch orientierte Zweckgemeinschaft gegründet wurde oder - wie Insider behaupten - von der amerikanischen CIA: Die Anfänge reichen zweifellos schon in die Siebziger zurück. Kurz nach Titos Tod Anfang der achtziger Jahre startete von Albanien aus der Aufbau eines zunächst gegen Belgrad gerichteten Widerstandsnetzes, mit Stützpunkten vor allem in der Schweiz, in Deutschland und den USA.

Waffenbeschaffung wie auch die Finanzierung einer künftigen Guerillaarmee durch Drogen- und Menschenschmuggel waren die Hauptaufgabe der eingeschleusten Aktivisten; viele wurden später als UÇK-Kommandeure im Krieg gegen die serbische Soldateska berühmt - und berüchtigt. Vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag müssen sich inzwischen auch drei ehemalige UÇK-Kämpfer verantworten.

Doch was war die Zielsetzung dieser bis 1996 allenfalls einige hundert Männer umfassenden Truppe?

Tatsächlich spielten verschiedenste Motive eine Rolle: die Befreiung von der immer brutaleren serbischen Vorherrschaft ebenso wie das Kalkül des Westens, allen voran der USA, die die Untergrundorganisation mit Waffen und Know-how ausstatteten, ein Gleichgewicht zu Milosevics Militärmaschinerie zu schaffen. Zudem träumten nationalistische Strategen von einem künftigen Großalbanien.

Für die heute rund 1,8 Millionen Albaner im Kosovo wurde die Befreiungsarmee jedenfalls über Nacht zum neuen Hoffnungsträger, nachdem der Pazifismus ihres Führers Ibrahim Rugova in den neunziger Jahren beim Kampf um die Unabhängigkeit aus ihrer Sicht kläglich versagt hatte.

Die UÇK zog in der Folgezeit immer mehr Freiwillige an - Ende der neunziger Jahre standen bis zu 20 000 Mann im Dienste der Separatisten. Befördert wurde der Zustrom nicht zuletzt durch brutale, von serbischen Sicherheitskräften verübte Verbrechen.

Als die Nato mit massiven Bombardements zwischen März und Juni 1999 zum Schutz der albanischen Zivilbevölkerung serbische Verbände angriff, leistete die UÇK den westlichen Truppen wichtige Hilfsdienste. Doch die Allianz endete alsbald: Nach der erfolgreichen Nato-Intervention forderte der Westen die Auflösung des einstigen Verbündeten.

Die indes geriet zur Farce: Zwar wechselten die meisten UÇK-Führer politische Ämter, und ein Großteil der Kämpfer in die zivile Schutztruppe TMK. Tatsächlich aber sind die einstigen Befreiungskämpfer - trotz der Uno-Verwaltung Unmik - immer noch die eigentlichen Herrscher in der Provinz und bilden das neuralgische Machtzentrum, aus dem sich auch alle später entstandenen albanischen Freischärlerarmeen rekrutieren.

Hierzu zählt die im Februar 2000 gegründete Befreiungsarmee von Presevo, Medvedja und Bujanovac - genannt UÇPMB, die mitunter im Südwesten Serbiens zündelt. Und auch die nationale Befreiungsarmee Mazedoniens UÇKM, die im Frühjahr 2001 den Krieg über die Grenzen Kosovos ins Nachbarland trug, hat ihre Kombattanten in den Reihen der einstigen UÇK geworben. Schließlich operiert in der Region die Albanische Nationalarmee, die unverblümt eine Vereinigung all jener Gebiete im südöstlichen Europas fordert, in denen Albaner die Bevölkerungsmehrheit stellen.

Das Gespenst des von albanischen Extremisten betriebenen Terrors in der Region hat mithin viele Gesichter. Das Ziel ist indes fast immer gleich - gewechselt werden lediglich Uniformen und Pseudonyme. Mord und Attentate finden ihre Rechtfertigung in der These, Albaner müssten sich auf dem Balkan grundsätzlich gegen Diskriminierung und Unterdrückung zur Wehr setzen. Mit dieser Ideologie wurde das Kosovo mehr und mehr zu einer von Serben und anderen Minderheiten befreiten Kampfzone.

Die UÇK als Symbol des albanischen Widerstands ist vor allem eines: ein nationaler Mythos, ein Synonym der Unbesiegbarkeit, eine Ideologie, die noch jahrelang Albaner auf dem Balkan mobilisieren wird, um das Ziel eines unabhängigen Kosovo zu erreichen.

Eine schwere Bürde für den Westen, der mit Kfor-Truppen und Uno-Polizei versucht, den terroristischen Aktivitäten Einhalt zu gebieten. Seit den blutigen Unruhen vom März weigert sich die Uno mehr denn je, die staatliche Zukunft des Kosovo rasch zu definieren. Ihr Credo lautet: Erst wenn die Albaner im Kosovo rechtsstaatliche Regeln akzeptieren, könne auch der Status der Provinz geklärt werden.

Weiter westlich, im derzeit von der Internationalen Staatengemeinschaft verwalteten Bosnien-Herzegowina, ist der Westen mit einer globaler ausgerichteten Variante des Extremismus konfrontiert. Hier operieren Islamisten, die der Idee eines weltumspannenden heiligen Krieges anhängen.

Ihr Missionierungsfeldzug ist in vollem Gange: Überall schießen seit Ende des Bürgerkriegs nagelneue Moscheen aus dem Boden, selbst in entlegensten Dörfern. Wahrlich imposant zeigt sich die König-Fahd-Moschee in Alipasino Polje, einem Vorort Sarajevos. Wo sonst sozialistische Wohnklötze dominieren, protzt hier Glas und heller Marmor. Mit Platz für mehr als 5000 Gläubige gilt der Megakomplex als größte Moschee Europas. Ein "Geschenk" des saudischen Königshauses an das bosnische Volk, 20 Millionen Dollar teuer.

Die Fahd-Moschee ist nur eine Investition von vielen. Seit Ende des Bürgerkrieges finanzierten die Saudis in Bosnien-Herzegowina gut 3000 Projekte. Doch mit den Millionen strömen nicht nur wirtschaftliche Aufbauhilfen ins Land, sondern auch fundamentalistische Heilslehren: Radikale Eiferer trommeln für die Überzeugungen ihres charismatischen Vordenkers, des Religionsgelehrten Mohammed Ibn Abd-al-Wahhab (1703 bis 1792). Seine Anhänger hetzen mal gegen den Westen, mal gegen Israel - oder das gottlose Amerika.

Zwar operieren die Islamisten noch am Rande der Gesellschaft. Doch die Radikalisierung des bosnischen Islam ist weithin sichtbar: Neben Bartträgern sieht man in den Moscheen immer öfter verschleierte Musliminnen, selbst Gesicht und Hände hinter schwarzem Tuch verborgen. Insider berichten, wahhabitische Gemeinden böten den Frauen gezielt Geld, damit sie sich vor fremden Blicken schützen.

Die fundamentalistischen Umtriebe alarmieren inzwischen den Westen. Durch die aus Arabien gesteuerte aggressive Missionierung, fürchten Sicherheitsexperten, könne das Land mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil von 45 Prozent künftig zum Tummelplatz für gewaltbereite Extremisten werden - und zum Aufmarschgebiet islamistischer Terrorsyndikate im Südosten Europas.

Auch die Friedenstruppe Sfor, Wächter über die mühsam errungene Waffenruhe zwischen Serben, Kroaten und Muslimen, sieht das Treiben der radikalen Prediger mit Sorge. Schließlich birgt der vier Millionen Einwohner zählende Mini-Staat eine weitere explosive Altlast. Während des Bürgerkriegs strömten muslimische Kämpfer, so genannte Mudschahidin, ins Land, um ihren bedrängten Glaubensbrüdern im Kampf gegen Milosevic beizustehen. Bis zu 5000 ausländische Freischärler unterstützten damals die Truppen des ehemaligen bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic. Bosnien, urteilte der französische Islamwissenschaftler Alexandre del Valle, wurde zum Trainingslager für islamistische Aktivisten aus der ganzen Welt.

Viele der frommen Kämpfer blieben nach Ende des Krieges im Land, sie heirateten bosnische Frauen, erhielten bosnische Pässe. Für so manchen Gotteskrieger - bis zu 300 sollen sich in Bosnien aufhalten - fungiert das einstige Bürgerkriegsland heute als strategischer Ruhe- und Rückzugsraum. Für sie ist der heilige Kampf noch lange nicht vorüber: Westliche Sicherheitsexperten registrieren einen regen Reiseverkehr zwischen Bosnien und Kriegsschauplätzen wie Afghanistan oder Tschetschenien. Selbst im Irak sollen sich Mudschahidin vom Balkan am Kampf gegen die gottlosen amerikanischen Okkupanten beteiligen.

Im Vorjahr warnte der renommierte US-Informationsdienst Stratfor, angesichts der amerikanischen Truppen im Land könne Bosnien künftig für islamistische Terroristen an Bedeutung gewinnen. Der Balkan sei für al-Qaida in jedem Fall von strategischer Bedeutung.

Dass gesuchte Islamisten hier, am südöstlichen Zipfel Europas, Unterschlupf finden, belegen zahlreiche Festnahmen: Wenige Wochen nach dem 11. September 2001 arretierten bosnische Sicherheitskräfte sechs mutmaßliche Terroristen aus Algerien. Im vergangenen Oktober gingen den Grenzpolizisten gleich zwei Terrorverdächtige ins Netz, unter ihnen ein Ägypter.

Radikal-islamische Ziele sollen auch mehrere in Bosnien ansässige arabische Hilfsorganisationen verfolgen. Bei mehreren Großrazzien entdeckten Sfor-Einheiten in der Vergangenheit versteckte Waffenlager, gefälschte Pässe - und einen Brief von Terrorfürst Osama Bin Laden.

Für amerikanische Terrorfahnder besteht kein Zweifel: Unter dem Deck-mantel humanitärer Hilfe betreibt Saudi-Arabien vom Balkan aus die finanzielle Unterstützung des weltumspannenden Terrornetzwerks al-Qaida.

Anfang Mai holten die US-Behörden zum Gegenschlag aus. Um die Finanzströme der Qaida zu stören, wies die US-Regierung alle Banken in den Vereinigten Staaten an, das Geld von mehreren in Bosnien angesiedelten saudi-arabischen Organisationen einzufrieren, unter ihnen al-Furkan, al-Haramain und das bosnische Büro von Taibah International. Gleichzeitig wandte sich die US-Regierung mit der Bitte an die Vereinten Nationen, diese Gruppen auf die schwarze Liste derjenigen Organisationen zu setzen, die als Finanziers des weltumspannenden Terrors gelten.

In Bosnien zeigen die Maßnahmen erste Wirkung. Einige Islam-Gemeinden, beobachten westliche Ermittler, suchen bereits nach neuen Finanzwegen.

RENATE FLOTTAU, MARION KRASKE


SPIEGEL SPECIAL 2/2004
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