07.09.2004

REFORMBAUSTELLE SCHULE

Waldis unter Leistungsdruck

Von Holm, Carsten

Die privaten Waldorfschulen haben einen Zulauf wie nie zuvor, doch die meisten Eltern stehen der kruden Weltsicht des umstrittenen Schulgründers Rudolf Steiner fern. Zunehmend verfallen die Dogmen der reinen Lehre, gefragt ist nur noch das alternative Lernmodell.

Die letzte Stunde ist zu Ende gegangen in der Aachener Waldorfschule. Draußen im Park treiben Mädchen schnell noch die Schafe in den Stall. Drinnen führt Mathematiklehrer Wolfgang Creyaufmüller, 53, durch das verlassene Gebäude. Er gibt eine kurze Einführung in das Zusammenspiel von Farben und anthroposophischer Pädagogik.

"Sehen Sie hier, Klasse eins", sagt Creyaufmüller, "der Raum ist rot gestrichen. Rot gibt Wärme, Rot hüllt ein. Die Kinder waren als Embryo im Mutterleib von solchem Rot umgeben." Der promovierte Lehrer, der über Primzahlen forschte, zieht die Augenbrauen hoch wie immer, bevor er Bedeutendes äußert. Mit großem Ernst deutet er auf die ursprünglich rechteckigen Fensterscheiben, die mit Schablonen abgerundet sind. "Kanten sind bewusstseinsfördernd, der Blick stößt sich an ihnen", sagt er, "aber das ist für Erstklässler zu früh."

Klasse zwei, gleich nebenan. Helleres Rot jetzt. Nur eine Fensterseite hat runde Ecken. "Die Schüler sind älter und brauchen weniger Wärme. Ihr Blick darf sich jetzt schon mal stoßen", erklärt der Lehrer.

Wundersame Waldorfwelt: Ist es spinnert, die Klassenzimmer aller 187 deutschen Waldorfschulen nach demselben Muster zu streichen? Oder einfach nur kindgerecht? Wie vieles in der Welt der "Waldis" (Waldorfianer über sich) ist der Einfluss des Farbkonzepts auf die Schüler nicht messbar. Das Publikum aber scheint es zu schätzen: Landauf, landab lernen rund 80 000 Schüler im behaglichen Waldorf-Ambiente. Überall eine Art Schul-Feng-Shui: eine luftige und warme Atmosphäre, viel Holz - kein Vergleich mit der architektonischen Tristesse vieler Staatsschulen.

Noch nie war die Privatschule, in der es in der Unter- und Mittelstufe weder Zensuren noch Sitzenbleiber gibt, so gefragt wie im Schuljahr 2004/2005. Um ein Drittel, mancherorts sogar um die Hälfte, stieg die Zahl der Anmeldungen - trotz eines Monatsbeitrags von durchschnittlich 125 Euro pro Kind. Bundesweit wollen Eltern weitere 20 Schulen gründen.

Der Boom, sagt Walter Hiller, Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen in Stuttgart, sei "eine Folge der Pisa-Studie, die unseren Ansatz nachdrücklich bestätigt hat". Das deutsche Bildungssystem kranke an der Ideologie der homogenen Lerngruppe, die Schwache aussortiere, damit die Guten vorankommen. Das habe sich, so Hiller, "als überholt erwiesen".

Selbst kritische Wegbegleiter der Waldorfpädagogik wie der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck stimmen dem zu. Schüler in skandinavischen Schulen, den europäischen Spitzenreitern der internationalen Vergleichsstudie, würden nach Prinzipien unterrichtet, "die Waldorf seit über 80 Jahren praktiziert". In Skandinavien blieben die Kinder neun Jahre lang im Klassenverband; in Schweden und Norwegen werde acht Jahre, in Dänemark sieben Jahre auf Noten und Sitzenbleiben verzichtet. "Die späte Auslese ist ein Erfolgsgeheimnis, in Skandinavien wie bei Waldorf", so Struck.

Das Waldorfkonzept, so scheint es, funktioniert. An Hamburger Staatsschulen schaffen nur drei von zehn Absolventen die Reifeprüfung, in der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Farmsen sind es durchschnittlich fast sechs von zehn.

Die Quote, relativiert Struck, sei allerdings nicht zuletzt deshalb so hoch, "weil über das Schulgeld eine soziale Auslese stattfindet". Tatsächlich erziehen Waldorfpädagogen die Kinder der Eliten - und das für netto rund 500 Euro Gehalt weniger als Staatsschullehrer. Laut einer Studie der Berliner Freien Universität hatten in West-Berliner Steiner-Schulen 58 Prozent der Väter und 48 Prozent der Mütter einen Hochschulabschluss - gut dreimal so viele wie im Landesdurchschnitt.

Von Problemen, die Staatsschulen etwa mit hohem Ausländeranteil quälen, bleiben die Waldis verschont. Nur formal sei das Modell offen für alle Kinder, bemängelt der Berliner Schultheoretiker Achim Leschinsky. Es sei "kaum denkbar, dass Türken ihre Töchter dort anmelden".

Warum aber lassen auffallend viele Lehrer ihre Kinder in Waldorfschulen unterrichten - dem erklärten Gegenentwurf zu Realschulen und Gymnasien? "Die Schüler werden bei Waldorf als Individuen weitaus ernster genommen als auf den Staatsschulen", sagt Dorothea Dietrich, selbst Studienrätin an einer Hamburger Gesamtschule. Sie gab ihre Tochter und ihren Sohn zu Waldorf, beide bestanden das Abitur. Ihre Kinder führten Goethes Faust auf, sie übten Gedichte und lernten Instrumente. "Das alles hat einen ungemein positiven Einfluss auf ihre innere und äußere Entwicklung", urteilt die Mutter.

Tatsächlich wird bei den Waldis, frei nach dem Schweizer Pädagogik-Vordenker Johann Heinrich Pestalozzi, mit Kopf, Herz und Hand gelernt. Neben den traditionellen Fächern stehen etwa Nähen, Stricken, Häkeln, Spinnen, Weben, Schlossern, Mauern, Brotbacken, Vermessen und Bildhauerei auf dem Stundenplan. Heilpädagogen schätzen zudem die Bewegungslehre Eurythmie, den Tanz von Tönen und Buchstaben, die durch Gebärden ausgedrückt werden.

Immer mehr Eltern sind vom Lernmodell Waldorf überzeugt - von der teils kruden Weltsicht des Schulgründers Rudolf Steiner, dem Guru der Anthroposophen, wollen die meisten allerdings nichts wissen. Allenfalls 10 von 100 Elternpaaren und nur jeder fünfte Lehrer stehen, so schätzt die Bundesgeschäftsführung der Schulen, der Anthroposophie nahe.

Kein Wunder, dass das Gleichgewicht im sensiblen Waldorfsystem ins Wanken gerät. Plötzlich verlangen Eltern klassische Leistungsnachweise - obwohl das dem Waldorfansatz widerspricht. "Schon in der ersten Klasse haben Eltern Angst, dass ihr Kind das Abitur nicht schafft", sagt Matthias Farr, Waldorf-Geschäftsführer in Hamburg-Farmsen. Nicht nur dort gab es "erhebliche Unruhe" (Farr). Ehrgeizige Bildungsbürger machten auf so genannten Sprach-Elternabenden Druck: Nachbarkinder lernten im Gymnasium rasant Englisch - ihr Waldi hinke hinterher.

Zweifellos ist die Mittelstufe ein Schwachpunkt der Schulen. Allzu lasch geht es zwischen Klasse 5 und Klasse 10 zu, sogar Schüler klagen über das Nullwachstum ihres Wissens. Der Hamburger David Rückert, 16, wechselte auf ein Gymnasium, weil seine Lehrer "es hinnahmen, dass die eine Hälfte der Klasse Abi machen wollte und die andere Mist". Kilian Ullmann, 18, Zwölftklässler in Weimar, moniert ein "Forderungstief" bis Klasse 10.

Jens Thomsen, Englischlehrer an der Wilhelm-Wisser-Realschule im holsteinischen Eutin, hat etwa ein Dutzend Waldis unterrichtet, die in seine 8. oder 9. Klasse wechselten. "Allesamt waren die 13- bis 14-Jährigen auffällig eigenständige, selbstbewusste Persönlichkeiten", sagt Thomsen, "aber trotz acht Jahren Englischunterricht fingen sie fast bei null an." Das Schriftenglisch sei "sehr fehlerhaft", die Aussprache "schlecht" gewesen.

In der Waldorfschule in Hamburg-Farmsen wurde auf den Wunsch nach mehr Leistung reagiert. In Englisch und Französisch finden nun in der 7. Klasse vier Leistungstests pro Schuljahr statt - ein eklatanter Verstoß gegen das Prinzip, jeden Leistungsdruck zu vermeiden. "Qualitätsmanagement" nennt Geschäftsführer Farr solche Brüche. In Wahrheit markieren sie den Paradigmenwechsel in der Waldi-Welt: weniger klassische Waldorfpädagogik, mehr Training von abrufbarem Wissen.

Nicht nur die Waldorfprinzipien verwässern - auch das umstrittene weltanschauliche Fundament der Schulen wird immer brüchiger: die Anthroposophie, mit der Schulgründer Rudolf Steiner "das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen" wollte, überzeugt nicht mehr.

1919 hatte Steiner in Stuttgart die erste Waldorfschule für die Kinder von Arbeitern gegründet, die in der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria schafften. Seine Weltsicht umfasst vieles, das sich im aktuellen Boom der Esoterik wiederfindet: den Glauben an die Wiedergeburt etwa und an das Karma. Manchen ist er wegen rassistischer Äußerungen und seinen Hang zum Okkultismus suspekt, doch dem oft abstrusen Überbau zum Trotz setzte sich sein Schulmodell durch: Es gibt 881 Schulen zwischen Norwegen und Kenia, Japan und Argentinien.

Doch in wenigen spielt die Anthroposophie noch eine tragende Rolle. Den meisten Eltern ist es egal, dass ein paar Lehrer ihre Kinder für die soundsovielte Reinkarnation von irgendwem halten. "Nichts am Hut" habe er mit dieser "verschwommenen Lehre", sagt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Für ihn zähle, "was Waldorf in der Praxis leistet", und das sei "eine Menge". Seine Tochter, 17, besucht die Steiner-Schule in München-Schwabing, sie absolvierte wie üblich ein handwerkliches und ein soziales Praktikum. Diese Schulform sei, so Enzensberger, "ein sozialer Ort, wie es ihn in Staatsschulen kaum noch gibt".

Zudem scheint die Wirtschaft die Werte, die Waldorfschulen vermitteln, zu goutieren. Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), war selbst dort Schüler. Er würde Waldorfabsolventen "nicht unbedingt als Ingenieure einstellen, weil ich in Mathe und Physik große Lücken hatte", sagt der BDI-Chef. Wohl aber als Kommunikationsfachleute: "In allen Bereichen, in denen die Persönlichkeit eine große Rolle spielt, haben sie ihre Stärken."

Die Pennäler haben es außerhalb der Schulen bisweilen schwer. Als "Baumschüler" wurde der Hamburger Michael, 17, gehänselt, die Bremerin Caro klagte im Internet darüber, dass sie "für leicht oder schwer behindert" erklärt werde, wenn sie sich als Waldi zu erkennen gebe.

Der bis heute seltsame Ruf der Schulen rührt aus einigen Verrücktheiten, die Fundamentalisten der Bewegung durchzusetzen versuchten. Jahrzehntelang wollten Waldorfpädagogen das Böse aus Herzen und Haushalten exorzieren. Fernsehen, Video, CD, Computer, Lego-Steine, Barbie-Puppen und Comics: alles schädlich für sensible Kinderseelen.

Unter Schmerzen beobachten Erzanthroposophen nun, wie alte Dogmen zerfallen. "TV-Konsum ist bei der Anmeldung kein K.-o.-Kriterium mehr", sagt Friedrich Ohlendorf, Waldorf-Geschäftsführer in Berlin. Selbst das eherne Fußballverbot wird aufgeweicht. Dieser Sport mache "die Beine geistig nicht frei", beschwor einst das anthroposophische Blatt "Info3" die Gläubigen; die Beine könnten beim Kicken nicht wie sonst "den Kopf mit freien Kräften ernähren".

Die Warnung verhallte. In Hamburg-Farmsen darf in den Pausen jetzt Fußball gespielt werden, in Weimar sogar in Sportstunden. Im kalifornischen Sacramento steht "Soccer", welch Frevel an der reinen Lehre, auch für Mädchen auf dem Lehrplan. Hat sich etwa herumgesprochen, dass der Waldorfschüler Klaus Wunder Profikicker bei Werder Bremen wurde - und mit seinem Kopf alles in Ordnung scheint?

Es ist das Ende der Exorzisten, das in den Waldorfschulen naht. Schmachvoll hatten sie die erste große Schlacht im Kampf gegen die Moderne verloren, als vor etwa fünf Jahren die einst verhassten Computer Einzug hielten. Mal ab Klasse 8 und mal ab Klasse 10 gibt es inzwischen EDV-Unterricht, fast jede Schule stellt sich im Internet auf einer Homepage vor. "Bei uns hielt sich der Staub in manchen Ecken etwas länger als anderswo", sagt Bundesgeschäftsführer Hiller, "jetzt aber hat Goretex die Wolle auch bei uns abgelöst".

Und es geht weiter, Dogma um Dogma. Klassen wie bisher mit 38 Kindern? Das stehe "auf dem Prüfstand", sagt Geschäftsführer Hiller. Es gebe Kinder, die in großen Lerngruppen optimal gefördert würden "und andere, für die das zu groß ist". An einzelnen Schulen werden jetzt Klassen mit 20 Schülern zusammengestellt. Acht Jahre lang wie bisher denselben Klassenlehrer? "Wird überprüft", sagt Hiller: "Das tut den Schülern nicht immer gut." Kein Wunder sei bei so viel Reformbedarf, "dass es bei uns im Gebälk knirscht".

Dem Druck, der seit der Pisa-Studie auf deutschen Schulen lastet, kann sich auch das Modell Waldorf nicht entziehen. Sollte etwa das Abitur in Zukunft nach der 12. Klasse abgenommen werden, könnten die Waldorfschulen in den Würgegriff der Kultusminister wie der Elternschaft geraten. Denn höchst fraglich wäre dann, ob die Länder weiterhin ihren Pro-Kopf-Zuschuss für Waldorfschüler bis zum 13. Schuljahr zahlen würden. Nur Bayern hat das bisher zugesagt. Zudem könnten auch die Eltern die Verkürzung der Schulzeit fordern - um Geld zu sparen.

In der Bundesgeschäftsführung wird indes ein anderer Traum geträumt: die staatliche Anerkennung eines eigenen Waldorfschulabschlusses soll her. Politisch ist das kaum durchsetzbar - Waldorfexperten und Juristen tüfteln deshalb an einer formalen Lösung. Sie wollen die Anerkennung des Waldorfabschlusses als Hochschulzugangsberechtigung einklagen. Ihre Argumentation: Schwedische Waldorfabsolventen würden zum Studium nicht nur im eigenen Land zugelassen - eine 1950 von den meisten europäischen Staaten unterzeichnete Konvention zwingt deutsche Universitäten sogar, schwedische Waldis aufzunehmen.

Das, so findige Waldorfianer, widerspreche dem so genannten Diskriminierungsverbot. "Wir prüfen, ob wir vor dem Europäischen Gerichtshof erstreiten können, dass Waldorfabschlüsse europaweit dem Abitur gleichgestellt werden", sagt Christiane Bäuerle, Justiziarin des Bundesverbandes - deutsche Waldis sollen nicht länger draußen bleiben, wenn sie keine externe staatliche Abiturprüfung vorweisen können. CARSTEN HOLM


SPIEGEL SPECIAL 3/2004
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