28.09.2004

ARABISCHE WELT

Dialog mit den Muslimen

Von Weiss, Dieter

Im letzten Band seiner Trilogie zu den monotheistischen Religionen analysiert der Tübinger Theologe Hans Küng den Islam: seine Geschichte, Orientierungskrisen und seine Zukunftsperspektiven. Von Dieter Weiss

Der Vatikan wollte ihn mundtot machen. 1979 entzog er Hans Küng die kirchliche Lehr-erlaubnis. Doch an der Universität Tübingen blieb der Theologe bis zu seiner Emeritierung 1996 Institutsdirektor. Sein jahrzehntelanges Studium der Weltreligionen führte zur Gründung der Stiftung Weltethos, deren Präsident Küng seit 1995 ist. Nach seinen fulminanten Werken "Das Judentum" (1991) und "Das Christentum" (1994) liegt nun der letzte Band der Trilogie zu den drei abrahamitischen Religionen vor: "Der Islam - Geschichte, Gegenwart, Zukunft".

Der Verfasser will den Leser dialogfähig machen. Die Weltpolitik, so seine These, könne nicht verstanden werden ohne die Wirkkräfte der Weltreligionen. Küng will eine faire Darstellung des Islam in Geschichte und Gegenwart. Er will Orientierungswissen bieten, gerade auch angesichts krasser Fehleinschätzungen der Situation in islamischen Ländern während der vergangenen Jahre.

Auch auf den fast 900 Seiten des vorliegenden Bandes lassen sich nicht umfassend 14 Jahrhunderte islamischer Vergangenheit und Gegenwart einfangen und alle denkbaren Zukunftsperspektiven des religiösen, kulturellen und politischen Dialogs mit den Muslimen abschätzen. Zu verschieden waren die historischen Entwicklungen zwischen dem maurischen Spanien und dem Mogul-Reich in Indien. Der afrikanische, südostasiatische und chinesische Islam wird vom Verfasser ausgeklammert. Das ist vertretbar, da die islamischen Länder in Weltwirtschaft und Weltpolitik nicht als monolithischer Block auftreten.

Als methodisch fruchtbar erweist sich die von Küng in früheren Arbeiten entwickelte Analyse zentraler Paradigmen. Damit sind die jeweils vorherrschenden Wahrnehmungsmuster gemeint - gemeinsame Überzeugungen, Werte und Verfahrensweisen - die von einer Gemeinschaft geteilt werden. So werden die beherrschenden Strukturen und prägenden Akteure aufeinander folgender Epochen sichtbar, unter Verzicht auf unnötige Details. Fünf wesentliche Phasen lassen sich so herausarbeiten:

* das ur-islamische Gemeindeparadigma zu Zeiten des Propheten Mohammed in Mekka und Medina;

* das arabische Reichsparadigma (Staatsbildung und territoriale Expansion unter der Umaijadendynastie 661 bis 750 n. Chr.) mit der Hauptstadt Damaskus;

* das klassisch-islamische Weltreligionsparadigma - von der arabischen Nation zur islamischen Weltreligion in einem Vielvölkerreich - unter den Abbassiden (750 bis 936 n. Chr., bis zu ihrer faktischen Entmachtung durch ihre eigenen Wesire und Militärführer) mit der Hauptstadt Bagdad;

* das Paradigma der Rechtsgelehrten (Ulama) und Sufi-Mystiker in den Zerfallsphasen des islamischen Imperiums und

* das islamische Modernisierungsparadigma seit dem Zusammenstoß mit dem Kolonialismus und der Aufteilung des Osmanischen Reichs in die heutige arabische Staatenwelt.

Diverse Ideologien der Modernisierung sind gescheitert: Panislamismus, Panarabismus, Sozialismus, Säkularismus, Islamismus. Die islamische Welt fiel im Entwicklungswettlauf hinter die Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas zurück. Nur Schwarzafrika erzielte noch desolatere Resultate. Daher rührt die Frustration insbesondere der jungen Generation, die Wut und Gewaltbereitschaft angesichts fehlender Lebensperspektiven. Die Kreuzzugsrhetorik der Bush-Administration, die Militärinterventionen in Afghanistan und im Irak und der israelischpalästinensische Konflikt heizen die Spannungen an. Für die neokonservativen Ideologen hat der Islam das frühere Feindbild Kommunismus abgelöst.

Dagegen setzt Küng sein Credo: kein Weltfriede ohne Religionsfriede, kein Friede unter den Religionen ohne Dialog - über Gemeinsames, aber ebenso über Trennendes. Gefordert ist geistige Integrität und die Bereitschaft, die eigenen Wahrnehmungen des Anderen rückhaltlos zu hinterfragen. Wenn Huntington sagt: "Die Grenzen des Islam sind blutig", so antwortet Küng: "Die Grenzen des Christentums etwa nicht?"

Sein Projekt Weltethos zeigt in der Praxis, interreligiöser Dialog ist möglich und fruchtbar. Dazu gehört vor allem genaues Wissen. "Gerade um der Wahrheit der eigenen Religion willen ist rückhaltlose Wahrhaftigkeit gefordert, die freilich mit Gerechtigkeit und Fairness gepaart sein muss. Heute muss es darum gehen, langsam, so gut wir können, von innen her zu verstehen, warum Muslime Gott und Welt, Gottesdienst und Menschendienst, Politik, Recht und Kunst mit anderen Augen sehen, mit anderem Herzen erleben als etwa Christen. Und als Erstes sollte man sich klar machen, dass der Islam als Religion für die Muslime auch heute noch nicht einfach ein Teilaspekt des Lebens ist."

Der Verfasser wirbt für eine ökumenische Gesamtverantwortung aller für alle, "gerade angesichts der durch eine völlig verfehlte Politik zugespitzten weltpolitischen Situation. Aus einer solchen interreligiösen Verantwortung wird man am Wohlergehen auch des Islam interessiert sein müssen. Respekt vor dem Islam, ja Bewunderung für seine großen kulturellen wie geistigen Leistungen sollten die Basis sein, um bestimmte Reformanliegen aus dem Wesen des Islam heraus zu formulieren - in interreligiöser Solidarität mit ungezählten Musliminnen und Muslimen, die den Reformdruck ungleich existenzieller verspüren als ein christlicher Theologe".

Das anstehende Problem einer Interpretation des Koran, die den neuzeitlichen Herausforderungen Rechnung trägt, wird erschwert durch den Stellenwert des heiligen Buchs bei den Muslimen. Denn das wird nicht - wie das Neue Testament in der christlichen Theologie von heute - als nachträgliche Textsammlung verschiedener Autoren betrachtet. Es gilt als wortwörtlich übermittelte Botschaft Gottes, an der kein Buchstabe verändert werden darf.

Wer daran glaubt, dem verbietet sich jede textkritische Analyse. Die müsste beispielsweise unterscheiden zwischen den Suren, die dem Propheten Mohammed in Mekka übermittelt wurden einerseits, und denen während seiner Tätigkeit als Staatsmann seit 622 n. Chr. andererseits. Erstere mit der zeitlosen transzendentalen Botschaft, letztere historisch bedingt durch damalige politische Tagesprobleme und deshalb nicht mehr wörtlich zu verstehen, sondern interpretationsbedürftig. Das Gebot einer Vermögensabgabe in Höhe von zwei Prozent in Form der Almosensteuer Sakat wäre beispielsweise heute zu verstehen als Auftrag zur Entwicklung eines gerechten modernen Steuersystems. So sah es der große sudanesische Reformer Mahmud Mohammed Taha, der dafür 1985 in Khartum wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wurde.

Doch muss - so Küng - die kritische Bestandsaufnahme im eigenen Hause beginnen. Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 wurde von der katholischen Kirche zugestanden, dass auch der Islam ein Weg zum Heil sein könnte. Galt doch seit dem Ökumenischen Konzil von 1442 in Florenz, dass außerhalb der katholischen Kirche kein Mensch des ewigen Lebens teilhaftig werde, sondern unweigerlich dem ewigen Feuer verfalle. Heute aber sei im religiösen Dialog zu fragen: der Koran als Wort Gottes und Mohammed als sein Prophet - auch für Christen?

Im abschließenden Teil versucht der Verfasser, Spielräume einer zukunftsfähigen islamischen Erneuerung auszuloten. Besonders interessiert ihn die Tatsache, dass in den arabischen Gesellschaften nach einer Phase der Dominanz westlich-säkularer Einflüsse die religiöse Dimension neues Gewicht bekommen hat. Auch die Probleme einer wieder stärker ethisch eingebundenen Wirtschaftsordnung werden erörtert. In ähnlicher Weise hat schon der große Anthropologe Karl Polanyi die Wiedereinbettung der ökonomischen Sphäre in übergreifende Wertfelder angemahnt.

Europa ist unmittelbar betroffen vom Geschehen in der arabischen Welt: Die zugewanderte muslimische Bevölkerung beziffert sich inzwischen auf 20 Millionen. Mit dieser Immigration sind wechselsei-

tige Anpassungsprobleme (Kopftuch, Schleier, Schulsport, Sprachenerwerb, Respektierung individueller Freiheitsrechte) verbunden. Auf wachsende Wanderungsströme - für den Fall weiter unbefriedigender Modernisierungsbemühungen der arabischen Welt - ist die Europäische Union weitgehend unvorbereitet.

Küngs monumentales Werk verdeutlicht, wie überkommene Welt- und Menschenbilder auch heute das Denken und den Alltag unserer unmittelbaren Nachbarn bestimmen. Es zeigt, wie dringend wir einen interkulturellen und interreligiösen Dialog brauchen. Voraussetzung für Dialogfähigkeit ist eine fundierte gegenseitige Kenntnis. Orientierungslinien dafür bietet die Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen von 1993: Sie fordert eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben, Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung, Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter und die umfassende Respektierung der Menschenrechte.

Das Buch besticht durch seine Klarheit und - trotz des Umfangs - gute Lesbarkeit. Sehr hilfreich ist die übersichtliche, kommentierende Aufschlüsselung der Flut einschlägiger Literatur.

Wir werden den Geist eines konstruktiven Dialogs, der kritischen Themen nicht ausweicht, in den nächsten Jahrzehnten brauchen. Denn bald schon werden vielleicht immer mehr Moscheen in der Nachbarschaft von christlichen Kirchen entstehen. Dann könnten - verfassungsrechtlich geschützt - die Gebetsrufe von den Minaretten das Geläut der Glocken begleiten. -------------------------------------------------------------------

Weiss, 68, ist emeritierter Professor für Volkswirtschaft des Vorderen Orients an der Freien Universität Berlin. Zuletzt veröffentlichte er gemeinsam mit Ulrich Wurzel "The Economics and Politics of Transition to an Open Market Economy - Egypt".

Hans Küng Der Islam. Geschichte, Gegenwart, Zukunft Piper Verlag, München; 892 Seiten; 29,90 Euro

* In der Moschee von Wülfrath im Bergischen Land.

SPIEGEL SPECIAL 4/2004
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