16.11.2004

HAUSMITTEILUNG

Krasse Gegensätze prägen das heutige China. Faszinierend ist der rasante wirtschaftliche Aufstieg, abschreckend, andererseits, wie rückständig das Land in weiten Teilen noch ist und wie autoritär es regiert wird. Immensen Reichtum und bittere Armut erlebten der Pekinger SPIEGEL-Korrespondent Andreas Lorenz, 52, und Redakteur Stefan Simons, 53, aus der Hamburger SPIEGEL-Zentrale hautnah bei zwei aufeinander folgenden Recherche-Terminen: Erst interviewten sie in Sichuan den Unternehmer Liu Yonghao, 52, der es vom Lehrer zum Multimillionär gebracht hat (siehe Seite 113); anschließend reisten sie mit dem Wanderarbeiter Wang Zhao, 34, in dessen Heimatdorf in der Provinz Anhui. Bei Nudeln und Tee hatte Wang den Deutschen vom Leben auf dem Land erzählt und sie spontan zum Besuch eingeladen. Den eloquenten, belesenen Wang, der seine Gäste mit einem Festessen verwöhnte, erlebten die Journalisten als guten Familienvater, frei von Sozialneid: "Ich will nur, dass es meinen Söhnen mal besser geht."
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Der neue Shanghai-Korrespondent Wieland Wagner, 45, zuvor fast neun Jahre in Tokio stationiert, kann täglich beobachten, wie rasch die Wirtschaftsmetropole ihr Aussehen verändert. Doch jenseits der neonglitzernden Verwestlichung hält die Staatsführung hartnäckig an alten Praktiken fest - vor allem im Umgang mit Journalisten. Die Grenzen freier Berichterstattung erfuhr Wagner in der neuen Autostadt Anting: Als er dort auf alteingesessene Anwohner traf, die dem gigantischen Projekt weichen mussten, filmten Sicherheitsbeamte den Reporter und seine Gesprächspartner (siehe Seite 49).
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SPIEGEL-Autor Erich Follath, 55, hat die dreiteilige SPIEGEL-Serie "China - Geburt einer Weltmacht" konzipiert und geschrieben, die - um zahlreiche Artikel erweitert - Kernstück dieses SPIEGEL special ist. Auch Follath, der die Volksrepublik seit 1978 regelmäßig bereist, wurde bei seinen Trips in diesem Herbst mal von Nostalgie erfasst und mal von Zukunftseuphorie. Wie eine Zeitreise kam Follath der Flug zu den Städten vor, die Vorbild für das ganze Land werden sollen: Shanghai und Shenzhen, die reichsten und weltoffensten Orte Chinas, sowie Chongqing - mit Vororten und seinen 31 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Erde. Follath findet den von Wissenschaftlern gezogenen Vergleich zwischen Chongqing und Chicago gar nicht so abwegig, freilich weniger wegen der Wolkenkratzer-Parallelen. Er sieht eher andere Gemeinsamkeiten: "mafiose Strukturen und einen rücksichtslosen Raubtierkapitalismus, die eines Tages zu einer sozialen Marktwirtschaft führen können - aber keineswegs zwangsläufig müssen".

SPIEGEL SPECIAL 5/2004
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