16.11.2004

GEBURT EINER WELTMACHT

Gräte im Schlund des Drachen

Von Lorenz, Andreas Simons, Stefan

In Hongkong, der britischen Ex-Kolonie, hat sich sieben Jahre nach der Rückkehr ins Mutterland äußerlich wenig verändert. Aber Peking übt trotz versprochener weit gehender Autonomie politischen Druck aus. Immer mehr Bürger begehren gegen die Beschneidung demokratischer Rechte auf.

Der Mann jagt Piraten und Geldfälscher, verfolgt Triaden und ihre "schwarzen Banden" und sorgt dafür, dass keine illegalen Einwanderer über die Grenze schlüpfen. Jeden Morgen röhrt er auf einer schweren BMW GS zur Arbeit auf die Wache in den "New Territories North": Stephen Chandler, 50, "Assistant Commissioner", ist einer der ranghöchsten Polizisten Hongkongs - und er ist Engländer.

Als am 1. Juli 1997 in der britischen Kronkolonie der Union Jack eingeholt wurde und das rote Fünf-Sterne-Banner Chinas am Flaggenmast emporstieg, packte Chandler nicht wie andere Beamte seine Koffer. "Ich bin Polizist, der Job ist spannend, ich lebe gern in Hongkong."

Mehr als 300 Kollegen dachten genauso. Stört es sie nicht, dass sie neben der Hongkonger Regierung seither auch der KP in Peking dienen?

"Politik betrifft uns nicht", sagt Chandler, der über 5300 Ordnungshüter kommandiert. "Die Hongkonger Polizei ist eine hoch professionelle Truppe, die nur den Hongkonger Bürgern verpflichtet ist."

Oberstes Gericht im Bezirk Admiralty, Saal 12 im sechsten Stock: Auf der Anklagebank sitzen vier Männer. An der Stirnseite des holzgetäfelten Saals thront der Vorsitzende Richter, the Honourable Mr. Gall, in roter Robe, mit Beffchen und weißer Perücke. Auch auf den Häuptern der Anwälte sitzen Haarteile, wie sie in London üblich sind.

Es geht um einen Mordfall in Hongkong - und die meisten der Juristen sind nicht Chinesen, sondern Briten. "Der Vorschlag Ihrer Lordschaft ist hervorragend", näselt einer im feinsten Oxford-Englisch.

"Ein Land, zwei Systeme" lautet das offizielle Motto, mit dem Peking das real existierende Nebeneinander der kommunistischen Großmacht und der Ex-Kolonie am Perlflussdelta umschreibt.

Es ist ein historisch herausragendes Experiment, und auf den ersten Blick scheint es, sieben Jahre nach der Rückkehr Hongkongs in den Schoß des Mutterlands, auch zu funktionieren. Nach wie vor dienen Briten, Australier, Neuseeländer und Inder in der Verwaltung - ganz wie in alten Zeiten. Jener schrullige Europäer mit dem breitkrempigen Hut und dem Silberknaufstock, der regelmäßig die Fähre nach Discovery Bay besteigt: Ist er nicht noch immer der oberste Agent des Hongkonger Geheimdiensts?

Hongkongs Medien dürfen weiter kritisch über ihre Regierung berichten, Justiziare, Buchhalter und Börsenaufsicht arbeiten nach internationalen Standards; die Gerichte entscheiden streng nach Paragrafen und nicht nach der Order des lokalen Parteisekretärs.

Immer noch ist Hongkong, ein Gebiet fast halb so groß wie Luxemburg, eine Finanzmetropole, die vor Effizienz brummt - ein Amalgam aus britischer Ordnung und asiatischer Geschäftstüchtigkeit.

Und es ist eine Stadt, die sich immer neu erfindet. Die funkelnde Silhouette, die sich wie ein Geschmeide aus Glas, Aluminium und Edelstahl um die Insel Hongkong fügt, bringt ständig neue Superlative hervor: Bürotürme, Luxushotels, Einkaufszeilen. Zur Kulisse Hongkongs gehört das Ballett der Baukräne ebenso wie das Konzert der Presslufthämmer.

Gerade ist am Pier ein neues Finanzzentrum fertig geworden: Das 88 Stockwerke hohe Gebäude sieht aus wie ein riesiger Rasierapparat. Nun wollen sie sogar einen Teil des traditionellen Victoria-Hafens zuschütten - für eine sechsspurige Magistrale durch den Geschäftsbezirk Central und, als ob es nicht schon genug davon gäbe, für noch mehr Büros und Geschäfte.

Gegenüber, auf Kowloon ("Neun Drachen"), ragen auf dem früheren Containergelände zwei neue glitzernde Apartmenttürme in den Himmel. In einem ist eine riesige Öffnung ausgespart - ein architektonisches Zugeständnis an die traditionelle "Feng Shui"-Lehre: So wird dem Drachen der Weg zum Wasser nicht versperrt.

Zu Füßen der Wolkenkratzer quietscht die alte doppelstöckige Tram über die Schienen der Des-Voeux-Straße. Zwischen den Stadtteilen Kowloon und Hongkong Island pflügen die Schiffe der "Star Ferry"-Linie durch den Hafen.

Die behäbige Fähre, umweht vom Geruch des Dieselöls, verbreitet den Charme vergangener Zeiten: 2,20 Hongkong-Dollar kostet die Passage im "upper deck"; die zweite Klasse darunter ist um 50 Cent billiger - als hätte sich hier die Klassengesellschaft des britischen Empires erhalten.

Auch das ist Hongkong: Kraniche ziehen über Bucht, Bambushaine und Mangroven. Vor dem Ahnentempel des Dorfs Nam Chung glühen Räucherstäbchen. Hier hat sich Hongkong einen letzten Rest seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Hinter hässlichen Betonquadern verfallen die alten Häuser der Hakka - jener chinesischen Fischer und Bauern, die vor fast 400 Jahren hier siedelten.

Unter den geschwungenen Ziegeldächern verblassen Wandmalereien und mit Pinsel gemalte Segenssprüche. Die Region dient nun als Naherholungsgebiet für die Hongkonger Städter. Auf der anderen Seite der Bucht sind die Hochhäuser, Kräne und Docks von Chinas Sonderwirtschaftszone Shenzhen erkennbar.

Im exklusiven China-Club in den obersten Stockwerken der alten Bank of China trifft sich die Elite Hongkongs: eine ganz eigene Melange aus Festland-Funktionären, Bankern, tattrigen Taipanen und Prinzlingen, wie die privilegierten Kinder der chinesischen KP-Elite genannt werden. Unter Drucken und Gemälden avantgardistischer Festlandskünstler genießen die neuen und alten Entscheidungsträger gediegene Speisen und diskrete Vertraulichkeit.

Ein besonders bizarres Überbleibsel aus der Kolonialperiode: Pekings KP versteckt sich nach wie vor wie eine Geheimloge. Wie viele Parteizellen es in der Stadt gibt, welcher Hongkonger Mitglied ist, liegt im Dunkeln.

Also alles wie gehabt? Funktioniert die Koexistenz zwischen KP und Kapital wie einst die Kooperation zwischen Kolonialmacht und Kompradoren - jenen chinesischen Händlern, die den Briten zu Diensten waren? Hat Hongkong die Wende von der Kronkolonie zur "Sonderverwaltungsregion" unbeschadet überstanden?

Die sicht- und greifbaren Neuerungen sind marginal. Von den Postkästen und Polizeiuniformen ist die britische Krone verschwunden, vor den Regierungsgebäuden hängt das neue Symbol, bekannt als Blüte des Orchideenbaumes (wissenschaftlich: "Bauhinia blakeana"). Der Geburtstag von Queen Elizabeth wird nicht mehr gefeiert. Das "Verbindungsbüro", Pekings offizieller Vorposten in Hongkong, ist aus der Xinhua-Nachrichtenagentur in einen eigenen weißen Büroturm an der Causeway Road West gezogen.

Im früheren Prince of Wales-Gebäude, dem Hauptquartier der britischen Armee, residiert nun die Volksbefreiungsarmee. Morgens machen auf dem betonierten Hof Soldaten im Kampfanzug Freiübungen, nachts erleuchtet ein gelbgrüner Scheinwerfer das Gebäude. Nur selten verlässt die Truppe ihre Kasernen: Pekings Militärmacht legt Wert auf Diskretion.

Jeden Tag um 7.50 Uhr marschieren fünf schneidige Polizei-Sergeants über den Vorplatz des ultramodernen Kongresszentrums. Unweit der sechs Meter hohen Bauhinia hissen sie die Fahnen Chinas und Hongkongs. Die Kitschskulptur in Marmor und Blattgold ist ein Geschenk Pekings an die wiedervereinigten Landsleute. Die Nationalhymne ertönt aus einem Lautsprecher, bei besonderen Anlässen spielt die Musikkapelle der Polizeischule auf. Die meisten Zuschauer sind Besucher vom Festland. Vor allem für sie wurde das zehnminütige Ritual eingeführt.

Angesichts dieser eher symbolischen Präsenz Pekings versichert Regierungssprecher Brett Free, ein Australier: "In Hongkong hat sich so gut wie nichts verändert."

"Really?", wie die Briten fragen oder wie die Kantonesen: "Zhenge mo?"

Die wahren Veränderungen sind subtil. Hongkonger Journalisten klagen, dass die viel beschworene Meinungsfreiheit millimeterweise schrumpft. Kritische Redakteure werden entlassen oder weggemobbt, die "South China Morning Post" verlor beispielsweise mehrere Spitzenjournalisten.

50 Jahre lang, so hatte Peking versprochen, werde die kapitalistische Enklave "weit gehend autonom" bleiben. Doch in der Praxis mischen sich die Herren aus dem Norden immer mehr ein. Eine Direktwahl des Regierungschefs, die nach dem Grundgesetz ab 2007 möglich wäre, untersagte Peking im Frühjahr kategorisch. "Von der De-Kolonialisierung zur Re-Kolonialisierung", beschreibt ein Hongkonger Radiomoderator die Wende von der britischen Herrschaft zum kommunistischen Regime.

Wie sich die Pekinger die demokratische Zukunft vorstellen, haben sie vor dem Kongresszentrum auf einer dunklen "Stele zur Erinnerung an die Rückkehr Hongkongs" eingemeißelt: "Wir hoffen, dass die Chinesen und künftige Hongkonger Generationen ... allmählich und geordnet ein demokratisches System für ihren Wohlstand weiterentwickeln." Im Klartext: Abwarten mit der Demokratie - bis in eine ferne Zukunft.

Professor Joseph Cheng von der City University hält diese Strategie für einen schweren Fehler: Sollte Peking weiterhin politische Reformen ablehnen, "werden die Menschen enttäuscht. Öffentliche Moral und das Vertrauen in die Zukunft könnten schwer beschädigt werden. Dies kann sich zu einem Krebsgeschwür für Hongkongs langfristige Entwicklung auswachsen".

Denn die Zeiten haben sich geändert. Statt sich wie früher damit zu begnügen, Geld zu verdienen, um es beim geliebten Pferderennen wieder zu verspielen und ansonsten stillzuhalten, erweisen sich die Hongkonger zum Schrecken der Genossen als unerwartet sperrig. Das politische Bewusstsein unter den 6,8 Millionen Bewohnern ist gewachsen. Sie werden immer mehr zur Gräte im Schlund des roten Drachen.

Es sind nicht nur Studenten oder linksliberale Aktivisten, die mehr Mitsprache fordern. Auch die bislang schweigende Mehrheit - Ingenieure, Lehrer, Hightech-Manager, Hotelangestellte, Designer, Rechtsanwälte - wird politisch aktiver.

Ihr Zorn richtet sich vor allem gegen den stümperhaften Regierungsstil der Obrigkeit. Deutlich wurde der im vergangenen Jahr beim Versuch, ein Anti-Subversions-Gesetz durchzudrücken, ohne sich um die Ängste der Bürger zu scheren. Viele Hongkonger stammen aus Familien, die einst vor den Kommunisten geflohen waren, und reagieren empfindlich: Die von Peking gewünschten Paragrafen hätten die von den Briten hinterlassenen Grundrechte einschränken können.

Was weder Pekings Bürokraten noch ihre Hongkonger Statthalter für möglich gehalten hätten, geschah am 1. Juli 2003. Rund 500 000 Menschen marschierten durch den zentralen Geschäftsbezirk Hongkongs. Es war wohl eine der vorbildlichsten Anti-Regierungs-Demonstrationen, die es in der Welt je gegeben hat: Bei dieser Lektion in Demokratie ging kein Schaufenster zu Bruch, es flogen weder Steine noch Farbbeutel. Am Ende sammelten die Protestierer noch ihren Müll ein.

Die Massenkundgebung wiederholte sich ein Jahr später. Diesmal forderten die Teilnehmer, ihren Regierungschef selbst wählen und abwählen zu dürfen. Seit dem Abzug der Briten kürt ein von Peking bestimmtes Wahlmännergremium den Chef der Exekutive. Auch für das "Legislativrat" genannte Parlament dürfen die Bürger nur 30 der 60 Volksvertreter direkt wählen. Die andere Hälfte entsenden Berufsverbände - zuweilen sogar, ohne ihre Mitglieder zu befragen.

Was die Demonstranten einte, war der Zorn auf Regierungschefs Tung Chee-hwa, 67. "Pekings Prokonsul", so der Hongkonger Autor Steve Vines, "verfügt über einen phänomenalen Mangel an Kompetenz."

Bis heute glaubt der ehemalige Reeder Tung, er könne über die Hongkonger verfügen wie über die Angestellten eines Großunternehmens, sagen seine Kritiker. Zudem habe er sich mit Ja-Sagern aus den reichen Familien umgeben und es versäumt, die Stimmung an der Basis direkt zu erkunden.

Die hat die grandiosen Pläne für den sozialen Wohnungsbau nicht vergessen, die Tung bei seinem Amtsantritt herausposaunte und später stillschweigend kassierte. Oder sein Versagen in der Sars-Krise: Als 2003 die Lungenkrankheit über die Stadt hereinbrach und 299 Hongkonger starben, ließ sich Tung nicht ein einziges Mal in einem Krankenhaus blicken.

Partystimmung an Hongkongs Bar-Meile Lan Kwai Fong: Von der Happy Hour bis zum Morgengrauen treffen sich hier Makler und Finanziers; Beamte und Sekretärinnen aus den benachbarten Behörden und Banken nippen an ihrem Sundowner. Im "Schnurrbart" feiert eine europäische Reisegruppe lautstark bei Bier und Bratwurst - von Touristen vom chinesischen Festland mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu beobachtet.

Im Club 64 (der Name ist eine Anspielung an das Tiananmen-Massaker am 4.6.1989) schiebt sich ein 47-Jähriger mit Pferdeschwanz und Ché-Guevara-T-Shirt durch die Stammkundschaft - im Schlepptau Fotografen und ein Kamerateam. Leung Kwok-hung lässt sich in einen Stuhl fallen und bestellt Eistee und ein "Stella" vom Fass. "Ich habe hier mal gekellnert", sagt er. "Sie sind mein Abgeordneter", sagt ein Gast und schüttelt ihm die Hand.

Seit ihn fast 61 000 Hongkonger im September in den Legislativrat gewählt haben, ist der Mann, der aussieht wie ein Philosophiestudent im 49. Semester, der Liebling der örtlichen Medien. In den Klatschblättern verdrängt er bisweilen sogar Filmstar Maggie Cheung. Die Frisur ist sein Markenzeichen: Gegner wie Freunde nennen ihn nur "Langhaar-Leung".

Der bekennende Trotzkist machte früher von sich reden, als er die chinesische Fahne verbrannte oder Parlamentsdebatten mit Parolen von der Zuschauertribüne unterbrach. Wegen solcher Übungen bürgerlichen Ungehorsams wanderte er in den vergangenen fünf Jahren viermal ins Gefängnis. Doch er ist noch immer einer der schärfsten Kritiker der Pekinger und der Hongkonger Regierung. "Das System", meint der Aktivist, "ist durch und durch korrupt."

Die Stadt, sagt Leung, ist in den letzten Jahren zum Spielball im Machtkampf chinesischer Parteifraktionen verkommen, während einheimische Millionäre, Triaden-Bosse und Prinzlinge sich über ihre Firmen schamlos aus den Reichtümern Hongkongs bedienen. "Der Druck Pekings ist nicht immer gleich stark, er kommt in Wellen", sagt Leung: "Aber jede Woge ist größer als die vorangegangene."

Sein Gegenrezept: Widerstand durch Bürgerinitiativen, Nicht-Regierungsorganisationen, das Bündnis von Basisgruppen, Kirchen und pro-demokratischen Gruppierungen. "Wir müssen den Kampf aufnehmen, nur dann haben wir eine Chance. Wie in dem Lied von Bob Dylan: ,The Times They Are A-Changin'."

Der Vergleich zum deutschen Außenminister Joschka Fischer drängt sich auf: Ein Autodidakt wie der Grünen-Prominente, verfügt Langhaar-Leung über eine gehörige Portion politischen Instinkts und das Geschick für medienwirksame Selbstdarstellung. Jetzt allerdings wird es ernst: Leung, der sich sein Hochchinesisch durch das Hören von Pekinger Propagandasendungen beigebracht hat, wird sich als Abgeordneter profilieren müssen - ausgestattet mit einer großzügigen Apanage.

Seine Hauptaufgabe, sagt Leung, der mit seiner Protestkultur so gar nicht in das Ambiente des Hongkonger Parlaments aus dunklen Edelhölzern und burgunderfarbener Auslegeware passt, werde es sein, "das Establishment als ignorant zu entlarven". Leung: "Demokratie darf kein abstraktes Konzept sein, im Gegenteil, die Leute müssen fühlen, dass man sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert."

Da hat Leung den Heimvorteil: Er lebt wie seine Klientel in einem kleinen Apartment des sozialen Wohnungsbaus - jenen Hochhausfluchten in den Retortenstädten, die sich in den "New Territories" zwischen Stadtzentrum und chinesischer Grenze erstrecken.

Wie beispielsweise in Tuen Tsz Wai: Hier leben bis zu 2550 Menschen in einem einzigen, 37 Stockwerke zählenden Hochhausriegel. Rund 40 dieser zum Verwechseln ähnlichen Wohnwaben gruppieren sich um Schulen, Krankenhäuser, Supermärkte und Kulturzentrum.

Es ist die untere Mittelschicht, die sich, eine Stunde Fahrzeit vom Postkartenpanorama am Hafen entfernt, hier eine Wohnung leisten kann: junge Familien, Rentner, Zuwanderer vom Festland. "Bei uns sind viele arbeitslos", berichtet der ehemalige Seemann Huang, 62, der an diesem Sonntagnachmittag für die Alten ein Peking-Oper-Konzert mitorganisiert. "Wer auf Stütze angewiesen ist, kommt gerade eben über die Runden."

Willkommen in Hongkong, der Klassengesellschaft: ganz oben die Welt der Superreichen. Die Zahl der Millionäre ist seit vorigem Jahr um ein Drittel größer geworden. Darunter folgt die Schicht der Technokraten und Angestellten, die als Erste vom Wiederanstieg des Bruttoinlandsprodukts (2004: geschätzt plus 7,5 Prozent) profitieren.

Aber was wären sie alle ohne die philippinischen und indonesischen Hausmädchen, die für Hungerlöhne putzen, bügeln, einkaufen und die Kinder hüten - sechs Tage die Woche, 24 Stunden täglich? Sonntags versammeln sie sich zu Tausenden vor den Fenstern der Boutiquen am "Pacific Place", den Auslagen des "Landmark"-Gebäudes, um zu beten, zu singen und zu picknicken.

Ganz unten in der Hierarchie stinkt auch der "Duftende Hafen" zum Himmel. Die Ärmsten hausen in den Siedlungen am Rand der Metropole oder in Slums von Causeway Bay und Kowloon: in vermodernden dunklen Wohnkästen, zwischen die kaum Tageslicht fällt.

Fast die Hälfte der Hongkonger ist weniger als neun Jahre zur Schule gegangen. Allein 350 000 Kinder - jedes vierte in Hongkong - leben in bitterer Armut. Darunter sind Drei- bis Sechsjährige, die nur gut die Hälfte der empfohlenen 1500 Kilokalorien zu essen bekommen.

Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten Jahren weiter geöffnet: Das durchschnittliche Familieneinkommen der obersten zehn Prozent ist 47-mal höher als das der Familien am unteren Ende des sozialen Spektrums. In keiner anderen Ecke der entwickelten Welt ist die soziale Ungleichheit so groß.

Und es soll noch schlimmer werden: Um Lücken im Haushalt zu stopfen, will Statthalter Tung rund 230 000 Fürsorgeempfängern den Unterhalt kürzen. "Die Armen bestehlen, damit die Reichen nicht mehr Steuern zahlen müssen", grollte die "South China Morning Post".

Die kommunistische Regierung in Peking findet nichts dabei. Für sie ist die Hauptsache, dass die Metropole politisch stabil bleibt und weiter floriert. Wer wie Langhaar-Leung die Verhältnisse kritisiert, gilt schnell als "unpatriotisch" (sprich: gegen die KP eingestellt) und darf nicht in die Volksrepublik einreisen.

Mehrfach in der jüngsten Zeit sind prodemokratische Politiker und ihre Familien bedroht worden. Drei Radiomoderatoren gaben ihren Job auf. Albert Cheng, der die Sendung "Teacup in a Storm" leitete, warf das Handtuch, nachdem sich eine Figur aus der Unterwelt "nach dem Wohlergehen der Familie" erkundigt hatte - was in Hongkong als klare Warnung gilt.

Leung zieht im Club 64 einen ganzen Stapel mit Hasspost aus der Tasche: Hohn, Beleidigungen und offene Morddrohungen. Sitzen die Drahtzieher etwa in Peking? Der Rebell schüttelt den Kopf: "Das haben unsere Machthaber gar nicht nötig. Die haben ihre Leute, die den Job in eigener Initiative erledigen." Leung, der mit einer deutschen Freundin Anfang der neunziger Jahre zwei Jahre in Mönchengladbach lebte, sagt: "Ich will nicht so enden wie Rudi Dutschke."

Seit der asiatischen Finanzkrise, die gleichzeitig mit der Rückkehr der Kolonie begann, sind Hongkong und das Festland wirtschaftlich enger zusammengerückt: Peking erleichtert schrittweise den Handel. Von der benachbarten Industriestadt Zhuhai soll schon bald eine 29 Kilometer lange Brücke nach Hongkong und Macau führen. Zusätzliche Verbindungen sind nötig, da am Übergang Lo Wu täglich Tausende Lastwagen die Grenze passieren.

Die Hongkonger erobern das Perlflussdelta. Sie schicken ihre Kinder auf die billigeren Schulen jenseits der Grenze in Shenzhen, gehen in Zhuhai zum Zahnarzt oder in einschlägige Massagesalons. Sie kaufen dort Möbel, Kleidung und Haushaltswaren. Nur eine Stunde von Central entfernt sind Apartments für einen Bruchteil des Hongkonger Preises zu haben - eine "luxuriöse Alternative für Leute, denen der Hongkonger Lebensstil zu teuer und zu eng ist", lockt die Werbung. Hongkonger golfen in den "Mission Hills" oder im "Palm Island" - und halten sich schon mal eine Zweitfrau.

Auf der anderen Seite beleben die Festländer das Geschäft. Seit Peking seinen Untertanen erlaubt, als Touristen nach Hongkong zu reisen, strömen Festland-Chinesen in die Einkaufszentren, wo sie mittlerweile für Gold und Gucci mehr Geld ausgeben als der durchschnittliche Besucher aus den USA.

Lili Yan, 38, Geschäftsfrau aus Shanghai, hat in drei Tagen schon mehr als 1000 Euro für Schmuck, Fummel und Handtaschen verbraten. In der Kneipenszene von Lan Kwai Fong versucht sie abends ihren Reiseetat mit dem Verkauf gefälschter Breitling-Uhren für 30 Euro das Stück aufzubessern. Viel Glück hat sie nicht. "Die wollen hier nur die Echten", sagt die erfolgreiche Händlerin ganz erschöpft vom Lärm und Tempo der Metropole.

Im Stadtteil Mong Kok wird hingegen das soziale Elend des Festlands angespült. Junge Frauen aus Anhui, Yunnan oder Guizhou, als Touristinnen eingeschleust, bedienen hier in Karaoke-Bars und Absteigen ihre Kunden. In einem schmalen Durchgang zwischen den Neonleuchten der Nachtclubs von Shanghai- und Reclamation-Street sitzen sie mit ihren Zuhältern auf zerschlissenen Sesseln. Unter ihnen gurgelt ein offener Abwasserkanal. Aushänge preisen sie als "weißhäutige Schönheiten aus dem Norden" oder "westliche nette Schwestern" an und nennen die Tarife: 250 bis 500 Hongkong-Dollar (26 bis 52 Euro).

In der Temple-Street, wenige Schritte weiter, zeigt sich das traditionelle Hongkong von einer anderen Seite. In Unterhemden und kurzen Hosen spielen Alte in der Schwüle der Nacht Schach und Karten, Amateursänger quietschen Arien aus der Peking-Oper. Geflügelhändler verstauen ihr Federvieh, Diakonissen eilen von der Essensausgabe für die Armen nach Hause, Zuhälter verständigen sich telefonisch über eine nahende Polizeistreife.

Neben Hühnern, Huren und Heiligen sind die Seher zu Hause. Meister Ya in einer gelben Seidenjacke wirbt mit "Voraussagen für Liebe, Geschäft und Feng Shui". Zur Zukunft Hongkongs mag er sich allerdings nicht äußern. Nur so viel: "Hongkong ist wie ein alter Mann."

Was will das Orakel sagen? Der Meister wiegt den kahlen Kopf und lächelt hintergründig: "Entscheiden Sie selbst."

Mehr Weisheit, fügt er hinzu, koste noch einmal 100 Hongkong-Dollar.

ANDREAS LORENZ, STEFAN SIMONS


SPIEGEL SPECIAL 5/2004
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