Von Hinrichs, Per und Koch, Julia
In seinen ersten Monaten an der Universität Münster hatte der Pflanzenbiochemiker Bruno Moerschbacher viel Zeit zum Nachdenken. Ins Labor konnte er kaum, denn in seinen Räumen im Universitätsgebäude am Hindenburgplatz werkelten noch die Bauarbeiter. Moerschbacher machte sich derweil an die Neuerfindung des Biologiestudiums.
"Das Fach hat sich in den letzten Jahren zur Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts entwickelt", erklärt der bärtige Professor, "nur die Ausbildung ist davon seltsam unberührt geblieben." Künftige Biotechnologen, Genetiker und Mikrobiologen, fand Moerschbacher, müssten nicht mehr jedes Moospflänzchen mit Namen kennen.
Die Studierenden im neu konzipierten Studiengang Biowissenschaften schwärmen zwar noch immer zum Blumensammeln in die westfälische Flora aus; doch sie gießen im ersten Studienjahr auch schon Gele für DNA-Sequenzanalysen. "Wir kommen von Anfang an mit der modernen Biologie in Kontakt", lobt Student Christian Moormann.
In sechs Semestern durchlaufen Moormann und seine Kommilitonen an der Westfälischen Wilhelms-Universität nun eine biologische Grundausbildung, die auf exemplarisches Lernen statt auf Detailwissen setzt. Das Vordiplom nach zwei Jahren fällt weg, die Studenten müssen sich regelmäßig Klausuren und mündlichen Prüfungen stellen, für bestandene Prüfungen erhalten sie sogenannte Credit Points.
"Die Semester, in denen auch mal wenig zu tun ist, gibt es jetzt nicht mehr", sagt Reformer Moerschbacher. Dafür haben die Studenten bereits nach drei Jahren einen Universitätsabschluss in der Tasche: den Bachelor of Science. Wer sich zur Wissenschaft berufen fühlt, kann anschließend sein Fachwissen in einem Master-Studiengang vertiefen; dieser zweite Abschluss entspricht dann in etwa dem traditionellen Biologiediplom.
Moerschbachers Fakultät hat schon hinter sich, was vielen Universitäten und Fachhochschulen zwischen Kiel und Konstanz noch bevorsteht: die Umstellung von Diplom- und Magisterabschlüssen auf Master und Bachelor - eine Veränderung, die wie kaum eine andere die Wissenschaftswelt spaltet.
Für die einen ist sie eine der weitreichendsten Reformen seit dem Ausbau der Massenuniversität in den siebziger Jahren und damit eine Chance zur Neustrukturierung der Hochschulen. Die Reformbefürworter hoffen auf eine praxisnähere Lehre, weniger Abbrecher und jüngere Absolventen. Die Gegner warnen vor dem Einstieg ins Schmalspurstudium und sehen bereits das Ende der akademischen Freiheit nahen.
Vor sechs Jahren beschlossen die europäischen Bildungsminister im italienischen Bologna, mehr Gemeinsamkeiten im Bildungssystem zu schaffen. Ein deutscher Student, so der Bologna-Beschluss, soll künftig ebenso problemlos von Bochum nach Basel oder Barcelona wechseln können wie bisher nach Berlin, britische Bachelor-Absolventen sollen nahtlos in deutsche oder italienische Master-Programme überlaufen können.
Seit 1998 dürfen deutsche Universitäten Bachelor- und Master-Abschlüsse anbieten. Abiturienten können bereits aus mehr als 1200 Angeboten vom Bachelor-Studiengang "Abfallwirtschaft und Altlasten" über "Mehrsprachige Kommunikation" bis "Molekulare Zellbiologie" wählen, jedes Semester kommen neue Möglichkeiten hinzu.
Teils werden dabei - wie in Münster - die klassischen Fächer einfach nur anders organisiert. Viele Hochschulen jedoch schaffen ganz neue Angebote wie etwa die Universität Bayreuth mit ihrem Bachelor-Studiengang Philosophy and Economics, in dem sich die Studenten ebenso mit "Absatzwirtschaft" befassen wie mit "Grundproblemen der angewandten Ethik".
Noch entscheiden sich wenige Abiturienten für die teils experimentell anmutenden Fachkreationen: Im Wintersemester 2003/04 waren 5,3 Prozent der Studenten in Bachelor- oder Master-Programmen eingeschrieben. Und nur wenige Universitäten, etwa in Bochum, Erfurt und Bielefeld, haben ihr Fächerangebot bereits flächendeckend auf die gestuften Abschlüsse ausgerichtet.
Doch nun erreicht der Reformzug auch die zögerlichen Hochschulen. Bis zum Jahr 2010, so der Beschluss der Kultusministerkonferenz, sollen die trendigen Titel das alte Diplom abgelöst haben. Die ersten Bundesländer, Baden-Württemberg etwa und Nordrhein-Westfalen, haben Bachelor und Master bereits in ihren neuen Hochschulgesetzen verankert.
Selbst das Staatsexamen der Lehrer und der Juristen soll auf lange Sicht dran glauben: Schon laufen Modellstudiengänge, in denen auch angehende Pädagogen zunächst einen Bachelor, später einen Master of Education erwerben - mit ungewissem Berufsziel, denn unterrichten dürfen nur die Master-Pädagogen. Lehrerverbände fürchten die Einführung von Hilfslehrerabschlüssen für die Hausaufgabenbetreuung. Die Staatsprüfung angehender Ärzte bleibt einstweilen wie sie ist.
Durch das Turbo-Studium soll vor allem eines erreicht werden: Die Bachelor können früher in den Job starten als heutige Hochschulabgänger. Die neu geschaffene Studienstufe soll die Studenten für die Arbeitswelt qualifizieren und damit weit mehr sein als das bisherige Vordiplom. Der Bachelor-Absolvent, so der Traum der ministerialen Reformer, hat nach drei Jahren nicht nur reichlich Fachwissen angesammelt, sondern auch gelernt, seine Arbeit zu präsentieren oder ein Team zu leiten.
Und noch ein Dauerproblem der Hochschulen soll die Wunderwaffe Bachelor lösen: Derzeit brechen rund 30 Prozent der Studierenden ihre akademische Ausbildung ab, die meisten erst nach vielen Jahren. Durch das gestraffte Lehrangebot, hoffen viele Bildungspolitiker, werden mehr Hochschüler zum Abschluss gedrängt.
"Für den Bachelor müssen die Universitäten aber ein völlig neues Curriculum entwerfen", fordert Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Erstmals seit Jahrzehnten, so Meyer-Guckel, seien die Lehrenden gezwungen, die Studieninhalte zu überarbeiten.
Doch nicht alle Unis nutzen die Chance zum Neustart. Vor eineinhalb Jahren wollte der Stifterverband besonders innovative Bachelor-Angebote mit jährlich 100 000 Euro Fördergeld beglücken. 91 Bewerber sandten ihre Anträge nach Essen - doch wirklich Neues, befand die Stifter-Jury damals, war den wenigsten eingefallen.
In der Umsetzung sieht auch die Kasseler Soziologin Stefanie Schwarz-Hahn die größten Probleme. 2003 hatte sie das Bachelor- und Master-Angebot an Deutschlands Hochschulen untersucht. "Der Anspruch einer Gesamtreform ist nur für einen Teil der Studiengänge erfüllt", so die Hochschulforscherin. "Da sind viele Schnellschüsse dabei, deren Niveau weit unter den alten Diplomstudiengängen liegt."
Eine der Auszeichnungen des Stifterverbands ging schlussendlich an die reformierten Biowissenschaften in Münster, denn, lobt Juror Meyer-Guckel, "dort wurde das, was sich in der Industrie getan hat, im Studium nachvollzogen".
So luden Pflanzenforscher Moerschbacher und seine Kollegen Vertreter der Industrie in die Hochschule und fragten, was Biologen denn eigentlich so können sollten. "Die sagten uns, eure Absolventen sind fachlich sehr gut", berichtet Moerschbacher, "aber wenn sie den Inhalt ihrer Diplomarbeit in fünf Minuten zusammenfassen sollen, müssen die meisten passen."
Außer den Blöcken Genetik und Ökologie gibt es daher im zweiten Studienjahr des Bio-Bachelor das "Sozialkompetenz-Modul". Die Viertsemester müssen beispielsweise Repetitorien für jüngere Kommilitonen betreuen. Vorher lernen sie am Psychologiefachbereich, wie man anderen etwas beibringt.
Das üben in Münster jetzt auch die Professoren. Jedem Biologiedozenten werden zu Studienbeginn fünf bis sieben Erstsemester zugewiesen, die er zum Tutorium empfangen muss. "So bekommen wir früh den persönlichen Kontakt zu den Professoren", sagt Marina Hutzler, Studentin der Biowissenschaften. Ihr Kommilitone Nils Kockmann lernte etwa von seinem Tutor, wie man einen wissenschaftlichen Vortrag hält.
Längst nicht alle Studenten und Hochschullehrer sind beglückt von der Umstellung. Für viele Kritiker des Uni-Umbaus beginnt mit der Internationalisierung der endgültige Ausverkauf des Humboldtschen Bildungsideals.
"Studier nicht hier", überschrieben Studenten der Universität Oldenburg ein Flugblatt, das sie Ende Juni vergangenen Jahres auf dem Campus an Abiturienten verteilten. Als erste Hochschule in Niedersachsen rüstete die Carl-von-Ossietzky-Universität sämtliche Diplom- und Magister-Studiengänge sowie das Lehramt für Erstsemester auf die neuen Abschlüsse um.
"Hals über Kopf" sei die Neuerung eingeführt worden, kritisiert Asta-Sprecher Stefan Kühnapfel, Informatikstudent im 14. Semester, "das Studium können wir niemandem empfehlen". Noch sei gar nicht klar, so der Asta-Mann, ob es zu jedem Bachelor-Studiengang später wirklich den passenden Master geben werde. Und auch die internationale Anerkennung der Abschlüsse sei alles andere als gewährleistet.
Das beklagt auch Rolf Hoffmann von der Fulbright-Kommission, die Austauschprogramme mit den USA organisiert: "Bei den amerikanischen Hochschulen herrscht große Verunsicherung, was ein deutscher Bachelor wirklich wert ist."
Selbst innerhalb Europas gibt es Hürden. So überraschten britische Hochschulen vor einiger Zeit mit ihrer Ankündigung, den deutschen Bachelor nicht in jedem Fall anerkennen zu wollen. Im Inselreich ist der Abschluss nicht, wie in Deutschland geplant, die erste Eintrittskarte in den Beruf: Die Briten zogen unlängst noch eine Schwelle unterhalb des Bachelor in ihr Bildungssystem - frühester Abschluss ist dort nun der "Foundation Degree".
In Deutschland dagegen soll für die meisten Hochschüler direkt nach dem Bachelor Schluss sein: "Wenn alle einen Master machen, verliert der Bachelor an Wert", warnt Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats: "Die meisten Studenten wollen eine Berufsqualifizierung, und die sollen sie mit dem Bachelor auch nach sechs Semestern bekommen."
Für viele Bachelor-Aspiranten sind die kurzen Studienzeiten tatsächlich von großer Bedeutung: "Ich wollte früh in den Beruf einsteigen", sagt Britta Schmitz, die vor drei Jahren an der Düsseldorfer Universität ihren Bachelor in Sozialwissenschaften gemacht hat. Gleich nach dem Abschluss kam sie als Pressesprecherin beim Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik unter. "Ich fühle mich mit dem Abschluss auch in meinem wissenschaftlichen Umfeld wohl", resümiert Schmitz zufrieden, "außerdem habe ich immer noch die Chance, den Master zu machen."
Die Vision von der Hochschule als Anbieter arbeitgeberfreundlicher Kurzausbildungen lässt Forscher wie den Freiburger Kultursoziologen Wolfgang Eßbach erschaudern. "Uns droht die Entwissenschaftlichung der Universität", prophezeit der Professor. Statt im Hauptseminar zu debattieren, lästert Eßbach, hätten sich seine Studenten wohl künftig im Soft-skill-Kurs Fragen wie "Wie bediene ich einen Beamer?" oder "Welche Krawatte trage ich zum Vorstellungsgespräch?" zu stellen.
Zu einer "Abfertigungsmaschine" werde die Hochschule verkommen, kritisiert auch der Politikwissenschaftler Peter Grottian von der Freien Universität Berlin. "Selbstbestimmtes Lernen durch Referate und Hausarbeiten ist out", so der Politologe, "es lebe die Klausur und das Credit-Point-System."
Der Bachelor als Totengräber der Wissenschaft? "Wir fürchten, dass sich der Bachelor zu einer Art Bauchladenstudium entwickelt, bei dem alle als Berufsvorbereitung irgendwas über die Fachgrenzen hinweg studieren", klagt Bruno Zimmermann, Programmleiter bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Dabei sei doch gerade die Wissenschaft "unsere wichtigste Ressource".
Auch der Jurist Bernhard Kempen bangt um sein Fach: "Ich möchte doch keine juristischen Dünnbrettbohrer auf die Menschheit loslassen, die dann mit dem Recht herumpfuschen", so der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, "wo sollen denn die Jura-Bachelor arbeiten?" Nach der Reform, fürchtet Kempen, gäbe es keine Universitäten mehr, sondern nur noch höhere Lehranstalten.
Doch alle professoralen Proteste werden wohl vergeblich sein. "Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten", kontert Wissenschaftsratsvertreter Heyden, "vernünftige Hochschulen richten sich jetzt schon drauf ein und warten nicht, bis ihre Landesgesetze sie zwingen."
PER HINRICHS, JULIA KOCH
SPIEGEL SPECIAL 1/2005
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