30.03.2005

Berauscht in die Schlacht

Drogen und Alkohol bei der Wehrmacht: Im Namen der Volksgesundheit predigten die Nazis Abstinenz, für den Endsieg aber war ihnen jedes Mittel recht.
Die Feldpost des jungen Soldaten an seine "lieben Eltern und Geschwister" in Köln, datiert vom 9. November 1939, kam aus dem besetzten Polen. "Der Dienst ist stramm, und Ihr müsst verstehen, wenn ich späterhin Euch nur alle zwei bis vier Tage schreibe. Heute schreibe ich hauptsächlich um Pervitin ... Euer Hein."
Pervitin war das Wundermittel der Wehrmacht, eine heute als Speed bekannte Aufputschdroge.
Am 20. Mai 1940 bat der 22-jährige Soldat seine Familie erneut: "Vielleicht könntet Ihr mir noch etwas Pervitin für meinen Vorrat besorgen?" Und am 19. Juli 1940 kam ein Brief aus Bromberg: "Schickt mir nach Möglichkeit bald noch etwas Pervitin." Der Absender der Schreiben wurde später weltberühmt: Es war Heinrich Böll, der 1972 als erster Deutscher nach dem Krieg den Nobelpreis für Literatur erhielt.
Abgefüllt mit Pervitin, zogen viele Wehrmachtsoldaten in die Schlachten, vor allem gegen Polen und Frankreich - voll Speed in den Blitzkrieg. Millionenfach wurden im ersten Halbjahr 1940 Methamphetaminpillen ausgeliefert. Sie sollten Piloten, Matrosen und Infanteristen zu übernatürlichen Leistungen befähigen. Großzügig gab die militärische Führung solche Aufputschmittel, aber auch Alkohol und Opiate aus - solange es dem Endsieg nützte. Unnachsichtig aber verfolgten die Nazis unerwünschte Nebenwirkungen wie Sucht und Sittenverfall.
Das neu entwickelte Methamphetaminpräparat Pervitin der Berliner Temmler-Werke entwickelte sich nach seiner Markteinführung 1938 zum Kassenschlager unter der deutschen Zivilbevölkerung. Nach einem Bericht in der "Klinischen Wochenschrift" wurde Oberfeldarzt Otto Ranke, Leiter des Instituts für allgemeine und Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin, auf das vermeintliche Wundermittel aufmerksam.
Amphetamine sind dem körpereigenen Adrenalin ähnlich. Der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt. Die Substanz steigert bei den meisten Menschen Selbstvertrauen, Konzentrationsfähigkeit und Risikobereitschaft, reduziert Schmerzempfinden, Hunger und Durst sowie das Schlafbedürfnis.
Vom 27. bis 29. September 1939 testete Ranke das Mittel an 90 Studenten und beförderte den Siegeszug des Pervitins in der Wehrmacht. Im Truppenversuch wurde die Pille beim Feldzug gegen Polen an Kraftfahrer ausgegeben und fortan, so der Kriminologe Wolf Kemper, "hemmungslos an Frontsoldaten verteilt".
Allein von April bis Juli 1940 wurden mehr als 35 Millionen Tabletten Pervitin und Isophan (ein leicht modifiziertes Produkt der Firma Knoll) an Heer und Luftwaffe ausgeliefert. Die Tabletten mit drei Milligramm Wirkstoff gingen teilweise unter der geheimen Bezeichnung OBM an die Sanitätsparks der Wehrmacht und von dort an die Truppe - in Eilfällen sogar auf telefonische Bestellung. "Wachhaltemittel" stand auf der Verpackung, die Gebrauchsanweisung empfahl - "Nur von Fall zu Fall!" - die Einnahme von ein bis zwei Tabletten, "um Schlaflosigkeit zu erhalten".
Schon damals gaben Ärzte zu bedenken, dass die Regenerationsphasen nach Einnahme der Rezeptur immer länger wurden und die Wirkung bei häufigem Gebrauch immer schwächer. Vereinzelt gab es gesundheitliche Probleme wie Schweißausbruch oder Kreislaufschwäche und auch einige Todesfälle.
Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, ein Anhänger der Askese-These Adolf Hitlers, bemühte sich, den Gebrauch der Pille einzuschränken. Damit war er in der Wehrmacht aber nur mäßig erfolgreich. Obwohl Pervitin am 1. Juli 1941 unter das Opiumgesetz fiel, wurden im selben Jahr noch zehn Millionen Tabletten an die Truppe geliefert.
Pervitin galt der Generalität als probates Mittel, wenn Soldaten extreme Strapazen abverlangt werden sollten. "Jeder Sanitätsoffizier muss sich darüber im Klaren sein, dass er im Pervitin ein sehr differenziertes und starkes Reizmittel in der Hand hat, das ihm jederzeit gestattet, bestimmte Personen seines Wirkungskreises bei der Durchführung übernormaler Leistungen tatkräftig und wirkungsvoll zu unterstützen", hieß es in einem Merkblatt für Marinesanitätsoffiziere.
Die Wirkung war verführerisch. Als im Januar 1942 an der Ostfront eine Gruppe von 500 deutschen Soldaten versuchte, aus einem Kessel der Roten Armee auszubrechen, herrschten minus 30 Grad Celsius. Gegen Mitternacht, sechs Stunden nach Beginn der Flucht durch teils hüfthohen Schnee, "wollten immer wieder Mannschaften ... liegen bleiben", schilderte ein Stabsarzt. Die Führung entschloss sich, Pervitin auszugeben. "Nach einer halben Stunde bestätigten die ersten Männer spontan ihr besseres Befinden. Sie marschierten wieder ordentlich, blieben in der Reihe, waren besseren Mutes und nahmen am Geschehen teil."
Es dauerte fast sechs Monate, bis der Bericht die Heeressanitätsinspektion erreichte. Als Reaktion wurden erneut Vorschriften über Risiken und Umgang mit Pervitin erlassen, die sich aber von den alten kaum unterschieden.
So lauteten die "Richtlinien zur Erkennung und Bekämpfung von Ermüdung" vom 18. Juni 1942 nach wie vor: "Einmal zwei Tabletten beseitigen das Schlafbedürfnis für drei bis acht Stunden, zweimal zwei Tabletten gewöhnlich für 24 Stunden."
Gegen Kriegsende arbeiteten die Nazis sogar an einer Wunderpille für die Soldaten. Am 16. März 1944 verlangte in Kiel Vizeadmiral Hellmuth Heye, nach dem Krieg CDU-Abgeordneter und Wehrbeauftragter des Bundestages, ein Mittel, "das den Soldaten einsatzfähig hält, der über die normale Zeit hinaus als Einzelkämpfer gefordert ist, und zugleich das Selbstwertgefühl hebt".
Der Kieler Pharmakologe Gerhard Orzechowski präsentierte wenig später die Pille D-IX, bestehend aus fünf Milligramm Kokain, drei Milligramm Pervitin und fünf Milligramm Eukodal (ein schmerzstillendes Morphinpräparat) - für dessen Besitz heute jeder Dealer ins Gefängnis müsste. Damals aber testeten Besatzungsmitglieder der Kleinst-U-Boote vom Typ "Seehund" und "Biber" die Droge.
Auch die Volksdroge Alkohol war in der Wehrmacht beliebt. "Nur ein Fanatiker", schrieb Generalstabsarzt Walter Kittel über den Alkohol, "wird dem Soldaten ein Genussmittel verweigern, das ihm nach den Schrecknissen der Schlacht Entspannung bringt und seine Lebensfreude steigern hilft, oder ihn tadeln, wenn er im Kreise der Kameraden einen frisch-fröhlichen Trunk tut." Offiziere verteilten zur Belohnung Alkohol an die Mannschaften, Schnäpse wurden regulär als Marketenderwaren an Soldaten verkauft. So blieb der Sold in der Armee.
"Solange der Suff in der Truppe nicht öffentlich wurde, krähte kein Hahn danach", meint der Freiburger Historiker Peter Steinkamp, der über den Drogenmissbrauch bei der Wehrmacht forscht.
Nach dem Sieg über Frankreich befahl Hitler jedoch im Juli 1940: "Ich erwarte, dass Wehrmachtsangehörige, welche sich infolge Alkoholmissbrauchs zu strafbaren Handlungen ... hinreißen lassen, unnachsichtig zur Verantwortung gezogen werden." In schweren Fällen stehe "ein schimpflicher Tod" bevor.
Doch die Verlockung des Likörs war offenbar mächtiger als die Drohung des "Führers". Knapp ein Jahr später stellte der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, "schwerste Verstöße" gegen Moral und Disziplin seiner Truppen durch "Alkoholmissbrauch" fest: Schlägereien, Unfälle, Misshandlungen Untergebener, Tätlichkeiten gegen Vorgesetzte sowie "Vergehen widernatürlicher Unzucht". Der General sah "die Disziplin innerhalb des Heeres" geschädigt.
Eine interne Statistik des Heeressanitätsinspekteurs führte von September 1939 bis April 1944 allein 705 nachgewiesene Alkoholtodesfälle beim Heer. Die Dunkelziffer dürfte viel höher gelegen haben, da Verkehrsunfälle, Unfälle mit Waffen und Suizide häufig auf Alkoholgenuss zurückgingen.
Sanitätsoffizieren wurde nahegelegt, Alkohol- und Rauschgiftabhängige in Heil- und Pflegeanstalten einzuweisen. Diese Unterbringung, so heißt es in einer Anordnung zum ärztlichen Dienst, habe "den Vorteil, dass sie unbegrenzt ausgedehnt werden kann". Süchtige wurden dort nach dem "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" begutachtet; ihnen drohten Zwangssterilisation und Euthanasie.
Es häuften sich Fälle, in denen Soldaten nach dem Genuss von Methylalkohol erblindeten oder sogar starben. Im Berliner Universitätsinstitut für gerichtliche Medizin stand der Methylalkohol von 1939 an als Todesursache unter den versehentlich eingenommenen Giften an erster Stelle.
Mit dem Todesurteil gegen einen 36 Jahre alten Obersturmmann in Norwegen im Herbst 1942 sollte ein Exempel statuiert werden. Der Kraftfahrer hatte einem Panzerabwehrzug eines Infanterieregiments fünf Liter Methylalkohol als angeblich 98-prozentigen Alkohol für die Herstellung von Likören verkauft. Mehrere Soldaten erkrankten, zwei von ihnen starben.
Das Urteil gegen den "Volksschädling" wurde durch Erschießen vollstreckt. "Die Strafe ist der Truppe und dem Gefolge bekannt zu geben und zum Gegenstand wiederholter und eindringlicher Belehrungen zu machen", hieß es dazu im Tagesbefehl vom 2. Oktober 1942.
Doch um dem Grauen des Krieges zu entfliehen, war den Soldaten offenbar jedes Mittel recht. Trotz Kenntnis der Gefahren breitete sich im Kriegsverlauf unter Verwundeten und dem Sanitätspersonal die Morphiumsucht aus. Die Zahl süchtiger Ärzte war 1945 um eine Vielfaches höher als zu Beginn.
Der Arzt Franz Wertheim, der am 10. Mai 1940 als Sanitätsoffizier in ein kleines Dorf nahe dem Westwall versetzt wurde, berichtete: "Um uns Abwechslung zu verschaffen, experimentierten wir Ärzte an uns selbst. Wir begannen am Morgen mit einem Wasserglas Kognak und zwei Morphium-Einspritzungen. Am Mittag fanden wir Kokain nützlich und den Abend beendeten wir zuweilen mit Hyoskin", einem als Arzneimittel verwendeten Alkaloid einiger Nachtschattengewächse. Wertheim: "So waren wir immer nicht ganz Herr unserer Sinne."
Um eine "Ausbreitung des Morphinismus, wie sie nach dem letzten Kriege auftrat", zu verhindern, verfasste im Februar 1941 Oberfeldarzt Professor Otto Wuth, Beratender Psychiater beim Heeressanitätsinspekteur, einen "Vorschlag zur Bekämpfung des Morphinismus". Danach sollten alle Verwundeten, die durch die Behandlung süchtig wurden, zentral erfasst und an die "Ärztekammer des Gaues" gemeldet werden.
Dort sollen sie entweder legal mit Morphium versorgt oder regelmäßig untersucht und auf Entziehungskuren geschickt werden. "Auf diese Weise werden die Morphiumsüchtigen erfasst und kontrolliert und die gesamte Gruppe davor bewahrt, kriminell zu werden", empfahl der Oberfeldarzt.
Die NS-Führung ging mit denen, die infolge des Krieges drogenabhängig wurden, nachsichtiger um als mit den Alkoholikern. Die Wehrmacht fürchtete Schadenersatzansprüche, weil sie die Drogen selbst ausgegeben hatte. ANDREAS ULRICH
Von Andreas Ulrich

SPIEGEL SPECIAL 2/2005
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