30.03.2005

Das letzte Aufgebot

Für den Endsieg wurden 1944 auch die maroden Soldaten ins Feld geführt: Manche Sonderformation der Wehrmacht bestand nur aus Magenkranken, Schwerhörigen oder Kriegsneurotikern.
Im Gefechtsstand Boudewijnskerke auf der Insel Walcheren, einer Festungsanlage nördlich der Scheldemündung an der Zufahrt zum Hafen von Antwerpen, hatten sich Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften des Grenadier-Regiments 1018 in einer Gefechtspause versammelt. Im Namen des Führers heftete der Regimentskommandeur zehn seiner Soldaten das Eiserne Kreuz an die Brust - verliehen, wie es im Kriegstagebuch des Regiments heißt, "für besondere Tapferkeit während des Einsatzes im belgischen Raum".
Das Regiment, das im holländisch-belgischen Kriegsgebiet den Küsten- und Hinterlandschutz vor den in immer kürzeren Intervallen angreifenden britischen und kanadischen Truppen übernommen hatte, zählte zur gerade neuaufgestellten 70. Infanterie-Division - einem Truppenverband, der komplett aus der Etappe kam. Und der Hinweis auf die Heldenehrung im Gefechtsstand, vorgenommen am 25. September 1944, war der letzte positive Eintrag im Kriegstagebuch.
Nicht mal zwei Monate später war die Division mit ihren rund 20 000 Mann zerschlagen. Das Regiment, das inzwischen einer anderen Führungseinheit zugewiesen war, hatte längst innerlich kapituliert. Sein Kommandeur, Major Hillardt, meldete am 9. Oktober nach oben, seine Leute seien inzwischen "völlig abgestumpft" und "zurzeit nicht mehr in der Lage, Kampfaufträge durchzuführen".
Doch nicht die Bomberpulks, die Bordkanonen oder Granatwerfer der gut gerüsteten Angreifer sorgten für die Erosion der Truppe, auch nicht der mit strapaziösen Nachtmärschen verbundene nahezu tägliche Wechsel der Hauptkampflinie - die Demoralisierung der Krieger kam von innen heraus. Denn die Heeresleitung hatte nahezu ausschließlich Marode ins Feld geschickt.
Für den Einsatz an der Schelde waren binnen Wochen in zwölf Wehrkreisen die chronisch Kranken aus den seit 1943 eigens aufgestellten Diäteinheiten für Magenkranke, den sogenannten Weißbrot-Bataillonen, herangezogen worden. Abgesehen von den Kommandeuren und einigen Offizieren litten alle Soldaten an Magenkrankheiten. Jeder dritte plagte sich mit einer chronischen Magenschleimhautentzündung. Der Rest der Truppe laborierte an Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren (Ulcus). Hunderte von Kampfgefährten waren deshalb schon unters Messer irgendeines Truppenchirurgen geraten, meist ohne Erfolg.
Eine makabre deutsche Spezialität: Bis Anfang 1945 gebot das Oberkommando des Heeres über mindestens 45 solcher Magenbataillone, manche mit bis zu 3000 Mann. Mehr noch: Dem Endsieg zuliebe hatte man auch Schwerhörige und Patienten mit eiternden Mittelohrentzündungen nochmals "k. v." geschrieben, "kriegsverwendungsfähig", und sie zu elf Ohrenbataillonen zusammengefasst - auch das ein bis dahin in der Militärgeschichte einzigartiger Schritt.
"Wir bekommen", kommentierte die Fach-Zeitschrift HNO derlei Selektion, "einen Teilaspekt der damals alle Bereiche erfassenden Zerstörung der Wertnormen unseres Volkes vorgeführt." Das allerdings war 1982. Und was posthum nur Fassungslosigkeit erzeugte, klang vier Jahrzehnte vorher ganz anders - als kerniges Plädoyer für eine Art medizinisch indizierter Wehrgerechtigkeit.
"Es wäre doch für deutsche Männer eine Schande", so hatte der spätere Heeres-Sanitätsinspekteur Paul Walter, Erfinder der "Krankenbataillone", am 29. März 1944 vor Truppenärzten getönt, wenn bresthafte Soldaten zurückstünden "im schweren Ringen um Deutschlands Freiheit und Bestand". Schließlich litten sie nur an "Erkrankungen, die man zum großen Teil mit Energie und eisernem Willen selbst bekämpfen kann". Getreu dieser Parole machten Walter und die Militärärzte ihren Patienten Beine.
Der Doktor ließ die Lazarette durchkämmen, ordnete neue, verschärfte Musterungen an und träumte davon, seinem Führer ganze Divisionen wehrhafter Krüppel ins Feld führen zu dürfen. Nach dem Zusammenbruch, den der kriegerische Generalarzt unverletzt überlebte, mochte er sich an die Krankenbataillone nicht mehr öffentlich erinnern.
Erst der spätere Volkswirt und Fabrikant Rolf Valentin, im Krieg Truppenarzt in einem Magenbataillon, war der Erste, der das verdrängte Kapitel Militärmedizin aufarbeitete. In seiner 1981 erschienenen Monografie "Die Krankenbataillone. Sonderformationen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg" berichtete der heute 87-jährige Valentin akribisch über das letzte Aufgebot der Siechen.
Nach vorn, in den Kampf, wurden zu Valentins Überraschung nicht nur Magen- und Ohrenpatienten geführt. In eigens gebildeten "Schleusenlazaretten" siebten die Militärärzte der Wehrmacht Kranke aller Art aus, darunter auch Herz- und Nierenkranke. Die Luftwaffe entschloss sich am 30. Juni 1944 sogar zur Bildung der "S-Flakbatterie 1000 (0)", ausschließlich für "Soldaten mit psychogenen Störungen".
Die Batterie wurde im zerbombten Dortmund stationiert und nahm vor allem "Zitterer, Schüttler und Stotterer" auf. "Bettnässer", so verfügte damals das Oberkommando der Luftwaffe, "können nur ausnahmsweise nach besonderer Meldung" und mit "selbstgeschriebenem Lebenslauf" akzeptiert werden.
Zur großen Wut der Endsiegstrategen unter den Militärärzten vermehrten sich im letzten Kriegsjahr rapide die Fälle jener Soldaten, denen die Furcht vor einem sinnlosen Tod so in die Glieder fuhr, dass sie Arme und Beine beim besten Willen nicht mehr stillhalten konnten. Jede Waffe fiel den Schüttlern aus der Hand. In manchen Wehrmachtsteilen wanderten diese Kranken erst in den Bunker und dann vors Kriegsgericht. Viele fanden, zum Simulanten gestempelt, im Strafbataillon den Tod.
Dass die einzig angemessene Therapie für "abnorme Reaktionen seelischnervös abartiger Kriegsteilnehmer" soldatische Härte sei, galt unter Wehrmachtspsychiatern als ausgemacht.
Für "willensschwache, ängstliche und empfindsame" Soldaten, für "Haltlose, Geltungssüchtige, Stimmungslabile und Menschen mit Mangel an Einordnungsvermögen oder mit abnormen Interessenrichtungen" kam nach Meinung der einschlägigen Fachärzte, die die Wehrmacht berieten, eine medizinische "Behandlung nicht in Frage".
Stattdessen empfahlen die Ärzte den Offizieren, mit ihren Kriegsneurotikern vor allem "Mut- und Härteübungen" zu veranstalten. Der Nervenarzt Professor Carl Schneider, der unmittelbar nach Kriegsende Selbstmord beging, regte 1944 öffentlich an, einen eventuell "mangelnden Gesundungswillen" der Kriegsneurotiker "unter Strafe zu stellen".
Schneider wusste auch, wie: "Die beiden gangbarsten Wege sind die sofortige Versetzung in eine Feldsonderabteilung oder die Unterbringung zur Besserung in einem Konzentrationslager auf unbe-
stimmte Dauer bis zur Erzielung des Erziehungserfolges."
Angesichts solch ärztlicher Therapievorschläge wirkt die Aufstellung von Flakbatterien für "Soldaten, die durch Gemütserregungen seelisch-nervöse Störungen erlitten haben", fast als humane Alternative. Nennenswerte Abschusszahlen brachten die nervösen Flak-Artilleristen nicht zustande: Auch Dortmund sank in Schutt und Asche.
Auch mit der Kampfkraft der Magenkranken war es nicht weit her. Weil schon das erste Bataillon, 1943 im nordmährischen Freudenthal (jetzt Bruntal) formiert, auf Generalarzt Walter einen "weichen, wehleidigen und Mitleid erheischenden Eindruck" machte, hatte es besonders energische Frontoffiziere mit gesunden Mägen verpasst bekommen. Die versuchten vor allem durch Übungsmärsche, Geländedienst und die bewährten Mutproben "die innere Haltung der Leute zu stärken, das Selbstvertrauen zu heben und Draufgängertum einzuimpfen".
Die begehrte Raucherkarte wurde allen Soldaten-Patienten entzogen, der Verzehr von Senf und jeder Ausflug in Speiselokale wurden verboten.
Von "Sonnabend nach dem Dienst bis Montag zum Dienst" herrschte für das ganze Bataillon Bettruhe. Mann für Mann wurde geröntgt, und, als Höhepunkt ärztlicher Bemühungen, gastroskopiert. Dabei wurde ein relativ starres Untersuchungsinstrument, das Gastroskop, durch Schlund und Speiseröhre bis in den Magen vorgeschoben. Schon die Aussicht auf diese Prozedur, wusste der Chefarzt des "Sonderlazaretts für Magen- und Darmkranke" in Freudenthal, sei ein "gutes psychisches Beeinflussungsmittel" für die Kranken. Diese, selbstredend auch Simulanten und Drückeberger vor der großdeutschen Wehrmacht darunter, würden ihre Beschwerden "rasch auf das wirkliche Maß" reduzieren.
Nach solcher Behandlung herrschte, wie der erste überlieferte Erfahrungsbericht des Bataillonskommandeurs vom "Gren.Btl. (bo) 1201" erwähnt, bei den meisten magenkranken Unteroffizieren und Mannschaften "große Freude darüber, dass sie wieder ins Feld rücken konnten". Als Beweis dafür, dass es sich überwiegend um Simulanten handelte, taugte diese Beobachtung aber nicht: Wo immer sie in Kämpfe verwickelt wurden, schlugen den Kranken Angst und Ekel sofort auf den Magen. Viele erbrachen sich und spuckten Blut. Innerhalb von Stunden waren die Lazarette überfüllt.
Weitsichtige Militärärzte hatten deshalb ihre Generäle, darunter Hans Speidel, den späteren Mitbegründer der Bundeswehr, davor gewarnt, die Krankenbataillone ins infanteristische Gefecht zu führen. Die nur bedingt Kampffähigen sollten stattdessen im besetzten feindlichen Hinterland Sicherungs- und Wachaufgaben wahrnehmen.
Spätestens als es galt, ihr letztes Aufgebot an die bröckelnde Westfront zu werfen, konnten die Generalstäbler dennoch nicht widerstehen. Vom Juli bis zum 8. November 1944 überließen sie der 70. Infanterie-Division die alleinige Verteidigung der holländischen Inselgruppe Walcheren und von Nord- und Südbeveland. Im Zangengriff des Gegners wurden deren Truppen-Kontingente jedoch schnell aufgerieben. Der Einsatz der "unglückseligen Magendivision", hieß es nun plötzlich bei der Heeres-Sanitätsinspektion, sei ein "krasser Missgriff" gewesen.
Ihre Erkenntnisse verdankten die Sanitätsoberen Lageberichten wie jenen des Regimentskommandeurs Major Hillardt, der plastisch die Stationen bis hin zur völligen Demoralisierung seiner aus "90 bis 95 Prozent" Magenkranken bestehenden Einheiten schilderte. Die Kranken, durch "Erbrechen, Ohnmacht, Anfälle verschiedener Art" gequält, hätten gar "vielfach die Gefolgschaft verweigert und die Offiziere im Stich" gelassen: "Bei Feindangriff schießen nur wenige, viele laufen weg, auch bei geringen feindlichen Kräften, lassen Waffen und Gerät liegen. Es fehlt Härte, Kampf- und Einsatzwille."
Fatalismus statt Endsieg: Am Ende seien, so Hillardt, seine geschwächten Soldaten derart "gleichgültig" geworden, dass selbst die Androhung des Erschießens nicht mehr gefruchtet habe. Ebenso wenig, so der Major, "machte es einen Eindruck, als Überläufer von ihren Offizieren erschossen worden sind".
WOLFGANG BAYER, HANS HALTER
* Im Juni 1944 in Cherbourg in der Normandie.
Von Wolfgang Bayer und Hans Halter

SPIEGEL SPECIAL 2/2005
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