30.03.2005

Tief vergraben, nicht dran rühren

Von Lakotta, Beate

Zehntausende Deutsche nahmen sich während der letzten Kriegswochen das Leben, vor allem beim Einmarsch der Roten Armee. In der DDR war der Terror der Befreier gegen die Zivilbevölkerung tabu.

Am Ortsrand, wo sich heute die Straße am Autoforum Demmin gabelt, rechts nach Buschmühl, links nach Altentreptow, entschied sich am Abend des 1. Mai 1945 das Schicksal von Dorothea Köpp. Neben ihr im Zug der Flüchtenden ging ihre Mutter mit den drei Geschwistern. Dorothea war vier, sie saß im Handwagen der Nachbarn. "Ich sehe noch den hellen Himmel vor mir", erinnert sich Frau Köpp am Wohnzimmertisch, "die dunklen Bäume darunter und die Russen, die daraus auftauchten."

Überall Chaos und Panik, dazu der laute Beschuss der Stadt: Die Mutter schob den Kinderwagen mit den beiden Kleinen nach links, Gerhard, 6, radelte hinterher. Die Nachbarn bogen mit Dorothea nach rechts. "Wäre ich mit meiner Mutter gegangen, wäre ich jetzt tot."

Schlimme Dinge sollen im Wald geschehen sein, als Sieger und Besiegte dort

aufeinander trafen. Doch welches Erlebnis ihre Mutter so weit brachte, unter einer großen Eiche ihre Geschwister zu vergiften, erfuhr die Tochter nie. "Sie war ja nicht die Einzige, die das gemacht hat. Viele haben ihre Kinder mit in den Tod genommen." "Arme Mutter!", soll ein Russe zu ihr gesagt haben, als er sah, wie sie Gerhard, Charlotte, und Hartmut, der noch ein Baby war, unter Blumen und Blättern begrub. Die Natur stand ja in Blüte, es war herrlich warm. Dann hängte sich Dorothea Köpps Mutter auf.

"Dreimal hat sie es versucht, aber Russen haben sie jedes Mal vom Baum geschnitten", sagt Frau Köpp. "Da hat sie sich auf den Weg gemacht, um mich zu suchen."

Währenddessen verwüstete die Rote Armee Demmin. Und die Tragödie begann: Über 1000 Menschen in dem vorpommerschen Städtchen töteten sich selbst samt ihren Familien. Es war der Tag, an dem die Nachricht vom Tod des "Führers" aus dem Volksempfänger schallte.

Im ganzen Reich redeten die Leute schon lange vom Schlussmachen. Beim Kaffee diskutierte man Methoden, tauschte Fleischmarken gegen Gift, das Apotheker in großen Mengen ausgaben. Etliche Nazi-Größen, Gestapo-Beamte und Tausende kleiner Mitläufer sahen sich in auswegloser Lage. Andere waren zermürbt von den Schrecken des Krieges. Viele Alte hatten nicht die Kraft für die Flucht. Schuldige und Unschuldige rissen ihre Familien mit im Rausch des Untergangs.

Der "Völkische Beobachter" schwadronierte von der "Lust, die persönliche Existenz in jedem Sinne des Wortes zu opfern", für die Sache, für Deutschland. In Berlin standen ganze Hausgemeinschaften auf den Dächern und erwogen zu springen.

Überall dort aber, wo die Rote Armee vorrückte, verlief eine beispiellose Selbstmordwelle entlang der Frontlinie. Mancher nahm sich schon aus Angst vor der Rache der Sieger das Leben. Der Terror, der dann wirklich über die Zivilbevölkerung hereinbrach, trieb in Schlesien, Pommern oder Mecklenburg Zehntausende in den Tod.

Willkürliche Erschießungen, die Vergewaltigungen, das Abfackeln der Städte - die Gräueltaten der Roten Armee waren in der DDR tabu, ebenso die Massenselbstmorde. Diejenigen, die alles mitangesehen oder gar einen gescheiterten Suizidversuch hinter sich hatten - Kinder, Alte, vergewaltigte Frauen - schämten sich und hielten still. Irgendwie musste das Leben im System der Befreier ja weitergehen. Heute mögen manche nichts mehr davon hören, lange genug haben sie um die Balance zwischen Erlittenem und Erlerntem gerungen.

Im Traum sieht Karl Schlösser das brennende Demmin noch heute. An jenem 1. Mai war er elf: "Goebbels schürte im Radio pausenlos die Russenangst. Asiatische Untermenschen würden uns massakrieren. Und auf der anderen Seite hatten sie den Ehrenburg." - "Tötet, tötet! Kein Deutscher ist unschuldig", hatte Ilja Ehrenburg, Stalins Agitator des Hasses, gehetzt. "Brecht mit Gewalt den Rassenhochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie als rechtmäßige Beute", soll er die Sowjettruppen angefeuert haben.

"Und zum Teil", sagt Schlösser, "traf das ja dann auch ein." Der Uhrmacher wählt seine Worte mit Bedacht. Seine Familie war betroffen, auch die seiner Frau. Aber er will die Russen nicht verteufeln, auch jetzt nicht, da man über das Geschehene öffentlich sprechen darf.

"Schließlich haben zuerst die Deutschen mit ihrem Vernichtungskrieg Russland in Schutt und Asche gelegt", sagt Lilo Schlösser. "So ist das eben, wenn man einen Krieg anzettelt." Nicht überall hätten die Russen gewütet. Manche Rotarmisten zogen sogar Lebensmüde aus dem Wasser und verbanden zerschnittene Handgelenke. "Historisch gesehen", sagt sie, "haben uns die Russen vom Hitler-Faschismus befreit." Karl Schlössers Heimatstadt allerdings verwandelten sie in ein Gomorrha.

Am Morgen war die Wehrmacht aus der Stadt geflüchtet. Hinter sich hatte sie die Brücken über Peene und Tollense gesprengt. Demmin wurde zur Falle für die Zurückgebliebenen. Denn die Soldaten der 65. Armee der 2. Weißrussischen Front saßen ebenfalls fest. "Das waren junge Burschen aus den Tiefen der asiatischen Steppe", sagt Schlösser. "Die kannten keinen elektrischen Strom, kein Wasserklosett und keine Armbanduhr." Als Erstes erstürmten sie eine Schnapsbrennerei.

In der Stadt wehten weiße Betttücher. Ein paar Hitlerjungen feuerten gleichwohl auf die Sowjets. Studienrat Moldenhauer, ein Nazi-Mitläufer, erschoss seine Frau und seine drei Kinder, bevor er eine Panzerfaust auf die Russen abfeuerte und sich erhängte.

Plündernd und marodierend zogen Trupps volltrunkener Soldaten durch die Stadt und drangsalierten die Einwohner. Es kam zu Erschießungen, Massenvergewaltigungen. "Überall hörte man die ,Uhri, Uhri ... Frau, komm!''-Rufe", erinnert sich Karl Schlösser, "es war, als wären die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges wiedergekehrt."

Sein Bruder, er selbst, die Groß- und Urgroßeltern hör-

ten mit an, wie Rotarmisten nebenan über die Mutter herfielen. Erst kurz vorher hatte sie Nachricht bekommen, dass der Vater gefallen war. "Da wollte Mutter uns mit einer Rasierklinge alle umbringen. ,Wir kommen jetzt in den Himmel zu deinem Vater'', erzählte sie." Der Großvater nahm der Mutter die Rasierklinge ab, mit Gewalt.

In der Stadt brach Massenhysterie aus, Weltuntergangsstimmung. Bald trieben die Leichen derer im Wasser, die Schluss gemacht hatten aus Angst und Verzweiflung über das Grauen. Ganze Familien gingen zusammengebunden ins Wasser. Wie eine Bordüre säumten Babywäsche, Kleider, Pelze, Ausweise, Pässe und Geld das Tollenseufer. "Wochenlang fand man aufgedunsene Leichen in den Flüssen, und in den blühenden Apfelbäumen sehe ich noch heute die Toten hängen", sagt Karl Schlösser. Am Ende fehlte etwa jeder 20. Demminer. Genau gezählt hat es keiner mehr.

Schlössers Frau, damals vier, war mit Mutter, Bruder und Großmutter aus Frankfurt (Oder) zu Verwandten nach Dargun geflüchtet. "Mein Onkel, der einzige Mann, wurde erschossen, als er sich vor die Familie stellen wollte. Die Cousine aus Stettin wurde gleich von mehreren vergewaltigt, so brutal, dass sie daran gestorben ist. Die anderen Frauen hatten Angst, dass auf sie das Gleiche zukommen würde. Alle versuchten, sich umzubringen. Meine Mutter schnitt mir und meinem Bruder die Pulsadern auf, dann sich selbst. Eine Tante fand uns am nächsten Morgen im Blut liegen." Mutter und Bruder waren tot, das Kind Lilo lebte noch, auch die Großmutter.

"Sie hatte auch diesen Schnitt", sagt Lilo Schlösser und hebt ihre Linke mit der Narbe am Gelenk. Die durchtrennten Sehnen wuchsen nicht mehr richtig zusammen, die Hand blieb verkrüppelt. An die besagte Nacht hat sie keine Erinnerung, glücklicherweise. Es gab Zeiten, in denen Lilo Schlösser gegen ihre tote Mutter rebellierte. "Heute bin ich so weit gekommen, darüber nicht richten zu wollen."

Lilo Schlösser wurde Lehrerin in ihrer Heimatstadt Dargun, wo jeder ihre Geschichte kannte. Als Einzige musste sie nicht mit auf den Russenfriedhof, wenn dort am 8. Mai Schulklassen Kränze niederlegten. "Aber ausgesprochen wurde das von den Kollegen nie." Auch Karl Schlössers Mutter verlor über das Geschehene kein einziges Wort mehr. "Tief vergraben, verdrängen, nicht mehr dran rühren - das war für die Frauen wohl die einzige Möglichkeit."

Wem hätten sie sich auch anvertrauen sollen? Im Archiv seiner Heimatstadt

Neubrandenburg hat Dieter Krüger schon zu DDR-Zeiten zwischen grauen Pappendeckeln den Bericht eines russischen Kreiskommandanten entdeckt. Darin heißt es, Deutsche, verkleidet in russischer Uniform, seien plündernd und vergewaltigend durch Mecklenburg-Strelitz gezogen.

Krüger zieht das vergilbte Schriftstück hervor: "Das war die russische Ausrede. Es gab kein noch so kleines Eingeständnis zu den Übergriffen. Das waren ja die Befreier." Für die in Moskau geschulten deutschen Kommunisten, die mit den sowjetischen Truppen nach Hause zurückkehrten und dort die Verwaltung übernahmen, hatte die Ideologie im Zweifelsfall über der Aufklärung zu stehen. Kein Makel durfte auf die ruhmreiche Rote Armee fallen. "Auch in der Alt-BRD hat sich später darum niemand gekümmert."

Krüger sieht das nicht ohne eine gewisse Bitternis. Auch seine Mutter wurde vergewaltigt. Er ist ebenfalls Überlebender eines gescheiterten Familiensuizids. Danach sah er in einem Gehöft eine tote Frau rücklings auf einem Tisch liegen, mit aufgeschlitztem Bauch. Sonst würde er die Gräueltaten der Sowjetarmee vielleicht noch heute für rechte Propaganda halten.

"Es gab eine russenfeindliche Stimmung in der Ostzone", sagt Krüger. "Aber dann hatten wir ja die Umerziehung." Er selbst wurde zunächst Offizier bei der NVA. "Als Soldat habe ich gelernt, keine Gefühle zu zeigen." Das Erlebte ließ ihn gleichwohl nicht los. Als er in den achtziger Jahren in den Museumsdienst wechselte, machte er sich daran, die Geschehnisse um das Kriegsende und die Tragödien der Freitoten zu rekonstruieren. "Meine Arbeit wurde eingezogen, ich erhielt Vortragsverbot und um ein Haar ein Verfahren wegen parteischädigenden Verhaltens."

Nach der Wende nahm er seine Forschungen wieder auf: "Demmin war vielleicht der Höhepunkt, aber auch in Neubrandenburg waren es mindestens 600 Freitote." Krüger hat die Opferzahlen aus Dokumenten und Zeitzeugenberichten notiert. Er trägt vor: "Burg Stargard: 120 Freitote, Neustrelitz: 681. Penzlin: 230. Tessin: 107 ..." Hinter jede Zahl setzt er einen roten Haken, es wird Zeit, dass diese Fakten in die Geschichtsbücher gelangen.

In Vietzen und Rechlin liefen die Menschen in Scharen zur Müritz, um sich zu ertränken. Hunderte von Freitoten in Teterow, Güstrow, Rostock, Bad Doberan. In Malchin sollen über 500 Freitote im Massengrab liegen. Meist nur Schätzungen gibt es für die deutschen Ostgebiete, Schönlanke: 500. Stolp: 1000. Lauenburg: 600. Grünberg in Niederschlesien: 500. In Berlin, wo Regierungsstellen Zyankalikapseln lagerten, nahmen sich allein im April und Mai über 4000 Menschen das Leben.

Erschüttert hat Krüger ein Fall in Sukow: Unter der Kanzel der Kirche erschoss dort ein Mann seine Familie und dann sich selbst. Ein anderer aus Malchin stand 1959 vor Gericht, weil er damals beim Anrücken der Roten Armee seine Frau und seine beiden Jungen mit der Pistole seines Nachbarn getötet hatte. Er ahnte nicht, dass nur drei Schuss in der Waffe waren und überlebte. Zur Tatzeit sei er unzurechnungsfähig gewesen, entschied das Gericht und sprach ihn frei.

Dieter Krüger ging dem Fall nach: "Der Mann hat sich nach dem Prozess das Leben genommen", sagt er. "All das ist noch lange nicht aufgearbeitet. Manche sind bis heute nicht mit ihren Erlebnissen fertig geworden." Hartmut Boek ist so einer. Krüger hat ihn bei seinen Recherchen kennen gelernt.

Ein Russe bedrängte Hartmut Boeks Mutter. Da vergiftete sie sich und den Siebenjährigen mit Veronal und Rum und schnitt sich die Pulsadern auf. Boeks Bruder hängte sich am Gardinenkasten auf, doch der brach herunter. Auch Hartmut Boek überlebte. Seine Mutter lag noch fünf Tage mit verbundenen Handgelenken im Bett, bevor sie starb. Sein Großvater sprang am Heiligabend 1945 aus dem Fenster. "Ich seh ihn noch auf dem Feldsteinhaufen liegen."

"Trauma bleibt Trauma", sagt Hartmut Boek. "Mein ganzes Leben ist gezeichnet davon." Immer blieb er allein, immer Außenseiter. 1972, beim Anblick seines toten Vaters, stürzte er in die erste Krise. Er begann, das Erlebte zu malen: die Mutter und der Russe mit dem Gewehr, er ganz klein daneben, von der Welt abgeschnitten in einer Art Blase. Wie ein Einsiedler verkroch er sich im Naturschutzgebiet, schrieb Mundartstücke und Lyrik, lebte mit Literatur und Musik, Hesse und Tolstoi, Bach und Tschaikowsky.

Von seinen Klassenkameraden hatten damals einige mit verbundenen Handgelenken in der Klasse gesessen. "Manche waren mit 30 invalide, weil sie damit nicht fertig wurden." Das Perfide war: Was sie durchlitten hatten, war offiziell gar nicht geschehen. Boek empfand das immer als zusätzliche Verletzung: "Für alle gab es Gedenken: KZ-Häftlinge, jüdische Opfer, die gefallenen Russen. Aber um die andere Seite kümmerte sich kein Mensch."

Auch in Demmin waren die sozialistischen Stadtoberen auf Stillschweigen bedacht. Ein Dokument der Ereignisse hat im Sicherheitsschrank der Friedhofsverwaltung die Zeit überdauert, ein altes schwarzes Wareneingangsbuch. Darin sind auf mürben Seiten die Toten vom 30. April bis 1. Juli 1945 aufgelistet. Unter der Rubrik "Warenposten" die Namen: Zahnarzt Ende mit Frau und Kindern, Hotelbesitzer Krug, Familie Dammann mit 13 Personen, Tierarzt Kuhlmann mit Frau, aber auch "Junge, unbekannt" oder "Frau, unbekannt" - Flüchtlinge ohne Namen. Dahinter Datum und Todesursache: "Kopfschuss", "erhängt", "vergiftet von den Eltern", "ertränkt" oder einfach: "Selbstmord." Niemand übertrug später mehr die Daten in das offizielle Friedhofsbuch.

Die Erde des Massengrabs, in dem über 900 Menschen ruhen, ist weich und nachgiebig wie Moos. Unten in der Wiese arbeitet der Maulwurf, oben rechen Friedhofsangestellte das feuchte Laub vom Rasen. Seit ein paar Monaten steht am Rand des Feldes ein Stein mit einer Messingplatte: "Freitote, am Sinn des Lebens irre geworden", ist darauf zu lesen, "im Gedenken an die Opfer der Demminer Tragödie vom Mai 1945."

Für den Stein hat Heinz-Gerhard Quadt gesorgt, ihm ist die Rolle des Stadtchronisten zugewachsen. Wenn er Stadtführungen macht, führt er die Touristen auch auf den Friedhof. Nach dem Krieg war der weitgestreckte Hügel des Massengrabs bald meterhoch zugewuchert. Von der Stele mit der eingemeißelten Zahl "1945" war nicht mehr viel zu sehen. "Das war auch so erwünscht", sagt Quadt. Zeitweise wuchsen sogar Rüben auf dem Totenacker.

Das an die 20 Meter hohe Denkmal, das die neuen Machthaber unten in der Stadtmitte für die sowjetischen Kriegstoten der Gegend errichtet hatten, war nachts mit elektrischem Licht angestrahlt, während die Kinder im Ort ihre Hausaufgaben noch bei Kerzenlicht verrichteten. "Es ist schlimm um ein Volk bestellt, das die fremden Helden ehren muss, aber der eigenen Toten nicht gedenken darf", sagt Quadt.

Neulich war er im Kino, im Film "Der Untergang". Die Szene, in der Magda Goebbels ihren Kindern das Gift einflößt, hat ihn furchtbar aufgewühlt: "Eigentlich lässt sich das nicht vergleichen, aber auch meine Mutter rannte mit uns nach der Vergewaltigung zur Tollense." Quadt war damals 15. Er wollte nicht sterben. "Ich konnte meine Mutter davon abhalten. Das hat uns allen das Leben gerettet." Er fragt: "Was wäre den Goebbels-Kindern denn schon Schlimmes geschehen?"

Dorothea Köpp, das Kind vom Handwagen, verdankte ihr Leben einem glücklichen Zufall. Sie trug die blaue Zipfelmütze ihres Bruders auf und seine schöne Strickjacke mit den Hirschhornknöpfen. Mit der Mutter zusammen betrachtete sie die Fotoalben mit Bildern der Geschwister. Erst mit zwölf Jahren erfuhr sie, wie ihre Geschwister gestorben waren. "Deine Mutter hat sie umgebracht", sagte eine Klassenkameradin.

Es war die Propaganda, hatte die Mutter erklärt, sie habe Plakate gesehen, auf denen Russen Kindern mit dem Beil den Schädel spalteten. Nach dem Gespräch bekam sie einen Nervenzusammenbruch. "Danach haben wir nie wieder davon gesprochen." Nein, es habe keiner mit Fingern auf die Mutter gezeigt deswegen, im Ort nicht und auch nicht in der Familie. "Es hatten doch alle das Gleiche erlebt. Alle wussten doch, was passiert war."

Auch ihrer Mutter müsse wohl etwas Gravierendes im Wald widerfahren sein, vermutet Dorothea Köpp. Die Mutter habe aber niemanden beschuldigt. Und auch sie selbst werde sich jetzt nicht dazu drängen lassen, die Russen anzuklagen.

Im Gegenteil: Voller Schuld habe sie sich gefühlt, als sie - mittlerweile Doktorin der Naturwissenschaften - Wolgograd besuchte, wo alte Frauen sie als Faschistin beschimpften.

Sie sehe die Sache so: "Russen haben meiner Mutter das Leben gerettet." Später versteckten zwei einquartierte Sowjetsoldaten, Wiktor und Andrej, die Mutter, die sich davor fürchtete, verschleppt zu werden wie so viele andere.

Oft weinten die beiden Russen vor Heimweh. Das Kind mochte die Männer, die ihm über den Kopf strichen, ihm Russisch beibrachten und sagten, sein Haar sei wie "Sachar", wie Zucker so weiß. "Wen sollte ich beschuldigen? Mir hatte ja niemand was getan", sagt Dorothea Köpp. "Ich war ja noch da."

Frau Köpps Mutter wurde 76 Jahre alt. Sie wurde neben dem Grab ihrer Kinder beerdigt. BEATE LAKOTTA

* Stadtkämmerer Kurt Lisso mit Frau und Tochter. * Oben mit Bruder (l.) und Mutter (um 1940).

SPIEGEL SPECIAL 2/2005
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