07.04.2005

Sombrero für den eiligen Vater

Johannes Paul II. war der pilgerfreudigste Papst seit dem Apostel Petrus. Seine mehr als 100 Reisen liefern Stoff für ebenso spannende wie skurrile Geschichten.
Fort Simpson liegt unter dichtem kanadischen Nebel und ist für den Piloten unauffindbar, Landung unmöglich. Der wichtigste Termin der ersten Kanadareise von Johannes Paul II. im September 1984 droht zu platzen. Der Papst will sich in dem kleinen Ort in den Northwest Territories mit Ureinwohnern treffen, er will ihnen Mut machen, ihre Besitzansprüche auf das Land, in dem sie leben, zu verteidigen. Als der Tank fast leer ist, steuert der Pilot einen in der Nähe gelegenen Goldgräber-Flugplatz an.
Auch der Papst ist nur ein Mensch. Als er auf dem düsteren Rollfeld aus dem Flugzeug klettert, sieht man ihm seinen Missmut deutlich an.
In verknitterten Kittelschürzen und in schmutzigen Monteuranzügen eilen Fabrikarbeiter aus allen Richtungen herbei. Sie haben von der plötzlichen Ankunft des hohen Gastes im Radio gehört.
Der Papst wird vor das triste graue Flughafengebäude geleitet, und sagt "I greet you, people of Yellow". Die zusammengelaufene Menge antwortet im Chor "knife". Der Papst wiederholt erstaunt seinen Gruß, und wieder echot die Menge "knife" - bis ihm jemand ins Ohr flüstert: "Heiliger Vater, wir sind in einem Ort gelandet, der ,Yellowknife'' heißt". Da muss der Papst lachen, und die gute Laune ist wiederhergestellt.
Aus dem Palaver mit den Ureinwohnern wird nichts. Doch er hat sie nicht vergessen. Drei Jahre später, im September 1987, auf dem Rückweg von seiner dritten USA-Reise, kehrt Johannes Paul II. in Fort Simpson ein. Dieser Papst ist beharrlich und zäh.
Insgesamt 104 Auslandsreisen hat Johannes Paul II. unternommen, so viele wie vor ihm höchstens der "Urpapst", der Apostel Petrus. Dem Polen auf dem Stuhl Petri trugen sie den Spottnamen "der eilige Vater" ein - und sie lieferten Stoff genug für ein ebenso spannendes wie skurriles Tagebuch.
Nicht nur daheim, auch auf Reisen lebte der Papst gefährlich - selbst bei der Muttergottes von Fátima. Zum 65. Jahrestag der von der Kirche anerkannten Marienerscheinung in dem portugiesischen Wallfahrtsort reist am 13. Mai 1982 auch der Marien-Fan Wojtyla an. Die Wallfahrtsstätte ist völlig überlaufen, Hunderttausende Pilger kampieren im Freien oder in ihren Autos.
Als der Papst am Abend vor der Muttergottesstatue niederkniet, um für seine Errettung beim Attentat genau ein Jahr zuvor auf dem Petersplatz zu danken, verwandelt sich der Platz vor dem Heiligtum in ein Meer von Lichtern. Kurz vor Mitternacht stürzt sich ein Mann mit einem Bajonett auf den Pontifex. Doch Sicherheitskräfte überwältigen den Attentäter, bevor er sein Opfer erreicht.
Als der Mann im zerrissenen Klerikergewand abgeführt wird, ruft er: "An der Krise in der Kirche sind der Papst, das Vatikanische Konzil und Kardinal Casaroli schuld." Agostino Casaroli war damals Wojtylas Kardinal-Staatssekretär.
Bei dem Attentäter handelt es sich um den offensichtlich geistesgestörten spanischen Priester Juan Fernández Krohn. Er gehört der von Rom abgespaltenen traditionalistischen Bewegung des französischen Alt-Erzbischofs Marcel Lefebvre an. Krohn erklärt später vor Gericht, er habe den Papst mit dem etwa 40 Zentimeter langen Bajonett eines Mauser-Gewehrs tatsächlich töten wollen und das Attentat sechs Monate lang vorbereitet.
Johannes Paul II. hat niemals Angst um sein Leben gezeigt. Er weigerte sich immer, eine kugelsichere Weste zu tragen. Zu den Generalaudienzen auf dem Petersplatz benutzte er weiterhin den nicht durch kugelsichere Scheiben gesicherten Fiat-Geländewagen "Campagnola", in dem er bei dem Attentat vom 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz gestanden hatte.
Vor seiner Indien-Reise im Februar 1986 erhält der Katholiken-Chef mehrere Attentatsdrohungen. Als der Vatikan-Korrespondent der linksliberalen römischen Tageszeitung "Repubblica", Domenico del Rio, auf dem Flughafen in Neu-Delhi Kardinal Casaroli fragt: "Fürchtet der Papst sich denn nicht vor einem Anschlag?", antwortet dieser sibyllinisch mit einem italienischen Sprichwort: "Die Katze, die immer wieder zur Falle mit dem Speck geht, wird eines Tages mit ihren Pfötchen stecken bleiben."
Die Indienfahrt ist für den Papst aus anderen Gründen ein Schock. In Kalkutta wird er mit unvorstellbarem Elend konfrontiert, mit dem fürchterlichen Gestank der offenen Kloake Kalkuttas, mit den unterernährten halbnackten Menschen, die wie in einem Käfig in den Bussen kleben.
Als der Papst zu dem Sterbehospiz der "Missionarinnen der Nächstenliebe" von Mutter Teresa fährt, bleibt ihm nichts erspart. Die Ordensgründerin steigt mit strahlendem Lächeln auf das Papstmobil, legt ihm zur Begrüßung den Arm um die Hüfte und preist den Tag als "glücklichsten Tag ihres Lebens", als sie ihn in das Hospiz geleitet. "Vier Tote, zwei Neuzugänge, sechs Entlassene" steht auf einem schwarzen Schild am Eingang des Sterbehauses. Johannes Paul II. segnet die aufgebahrten Toten.
Den rund 120 Kranken macht der Papst das Kreuzzeichen auf die Stirn und küsst sie, auch die Leprakranken. Das Schweigen im Hospiz wird nur von einem Schrei unterbrochen: "Heiliger Vater, bitte kommen Sie noch einmal zu mir, ich bin so allein."
So erschüttert wie nach seinem Besuch im Sterbehaus von Mutter Teresa in Kalkutta habe er den Papst nur nach seinem Besuch in Auschwitz gesehen, kommentierte ein Mitglied des päpstlichen Gefolges die Szene.
Für den Papst und sein Gefolge endete die Reise im Chaos: Der Winter in Europa hatte Johannes Paul II. bei seiner Rückkehr aus Bombay einen nächtlichen "Irrflug" beschert. Bei 36 Grad Hitze war der Papst abgeflogen, in Italien empfingen ihn Eis und Schnee. Da die römischen Flughäfen Ciampino und Fiumicino wegen der ungewöhnlichen Wetterbedingungen gesperrt waren, musste das Papstflugzeug nach Neapel ausweichen. Von
dort kehrte der Heilige Vater im eilig bereitgestellten Sonderzug nach Rom zurück.
Die Bahnbeamten in Neapel hatten ihren Ohren nicht trauen wollen und sich an die Stirn getippt, als ihnen mitgeteilt wurde, im Zimmer des Stationsvorstehers warte der Papst auf die Weiterfahrt.
Die Journalisten, die den "eiligen Vater" auf allen seinen Reisen begleiteten, hatte Wojtyla durch seine Leutseligkeit schon vor seiner ersten Auslandsreise für sich gewonnen. Der Trip führte den frisch gekürten Stellvertreter Christi im Januar 1979, nur drei Monate nach seiner Wahl, in die Dominikanische Republik, nach Mexiko und auf die Bahamas. Das mexikanische Fernsehen Televisa setzte seine junge Korrespondentin in Rom, Valentina Alazraki, unter Druck: Sie möge bitte ein Papst-Interview zustande bringen, ansonsten könne sie ihren römischen Posten vergessen. "Aber einen Papst kann man nicht interviewen", antwortete Alazraki. "Interessiert mich nicht", sagte der TV-Chefredakteur. "Ich will ein Interview."
Er bekam es. Valentina Alazraki verbarg sich mit dem Kamerateam hinter den Pflanzen vor der vatikanischen Audienzhalle. Als der schwarze Mercedes mit dem Papst nach der Generalaudienz wegfahren wollte, sprang sie mit einem riesigen Sombrero in der Hand aus ihrem Versteck, schüttelte ihre lange rote Haarmähne und rief dem Papst zu: "Auf ein paar Worte für die Mexikaner."
Obwohl der Präfekt des Päpstlichen Hauses, der spätere französische Kardinal Jacques Martin, ungehalten den Kopf schüttelte und abwehrende Gesten machte, stieg der Papst wieder aus und stand der Reporterin Rede und Antwort. Alazraki bedankte sich: Sie schenkte dem Papst ihren Sombrero.
Alazraki und die spanische Radio-Journalistin Paloma Gómez Borrero waren die ersten weiblichen Journalisten, die gemeinsam mit rund 50 männlichen Kollegen aus aller Welt und etwa 30 Mitgliedern des päpstlichen Gefolges in der Papstmaschine mitfliegen durften.
Das Privileg, mit dem Papst im Flugzeug ein kurzes Interview zu führen, haben nur die Vatikan-Journalisten gehabt, die Johannes Paul II. noch als "Athleten Gottes" kennen. Da hing dann das Flugzeug, das der Vatikan bei der italienischen Fluggesellschaft Alitalia für die Überseereisen charterte, zur Verzweiflung der Stewardessen erst nach einer Seite hin über, wenn der Papst den Gang hinunterging und sich alle Journalisten auf der rechten Seite um ihn drängten. Es lag dann zur anderen Seite schief, wenn Johannes Paul II. den Korridor wieder hochging. Erst seit der misslungenen Hüftoperation des Papstes im Mai 1994 wurden die fliegenden Pressekonferenzen eingeschränkt.
Eine wichtige Rolle bei den Auslandsreisen des polnischen Papstes spielte bis Anfang der neunziger Jahre Radio Vatikan. Der Sender unterhielt während der Papst-Visiten Standleitungen nach Hause und übertrug alle großen Ereignisse live - zum Ärger mancher Diktatoren nebst Kommentar des Vatikan-Reporters.
Während eines Gottesdienstes in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua schalteten die linken Machthaber während der Papst-Predigt einfach die Lautsprecher ab, stattdessen ertönten sozialistische Parolen. Über Radio Vatikan waren die Worte des Pontifex trotzdem live in aller Welt zu hören.
Auch während der Polenreisen des früheren Erzbischofs von Krakau nutzte Wojtyla seinen Haussender als Lautsprecher. Daheim ließ sich der Papst keine Gelegenheit entgehen, die Regierungszensur seiner Ansprachen zu unterlaufen und in seiner Muttersprache zu improvisieren. Über Radio Vatikan bekamen es die meisten seiner Landsleute mit.
Besonders sein zweiter Besuch in Polen im Juni 1983 war von den politischen Ereignissen überschattet. General Wojciech Jaruzelski hatte Ende 1981 das Kriegsrecht verhängt, die Stimmung im Land war trübe.
Gebeugten Hauptes und ohne Lächeln geht der Papst nach seiner Ankunft in Warschau auf den Staatsratsvorsitzenden Henryk Jablonski zu, der ihn als "Botschafter des Friedens" willkommen heißt. Erstmals huscht ein Lächeln über sein Gesicht, als er wie schutzsuchend die versammelten polnischen Bischöfe umarmt. Die Menschenmenge, die den Weg in die Innenstadt säumt, zeigt - anders als beim ersten Besuch "ihres" Papstes im Juni 1979 - keine Begeisterung.
Als die Papst-Kolonne viel zu schnell naht und viel zu schnell wieder vorbei ist, strecken sich zum V-Zeichen gespreizte Finger und Fäuste, die Blumen, Kreuze oder Fähnchen halten, dem Papst entgegen. Die erste Messe findet in der Kathedrale mit nur wenigen hundert Gläubigen statt - das Papst-Fest auf dem Siegesplatz in Warschau im Juni 1979 ist weit weg.
Der Marienwallfahrtsort Tschenstochau ist bei der Ankunft Wojtylas von Panzern umstellt, weil die Machthaber im Schatten der Schwarzen Madonna eine Revolte befürchten. Eineinhalb Millionen Gläubige sind trotz strömenden Regens zur Muttergottes nach Tschenstochau gekommen. Viele verlassen den Ort nach der Begegnung mit dem Papst mit zum V-Zeichen hochgereckten Händen.
Beim Gottesdienst in der Grubenstadt Kattowitz hebt Johannes Paul II. plötzlich den Kopf vom mit der Regierung abgesprochenen Manuskript und ruft unter tosendem Beifall das Wort "Solidarnosc", "Solidarnosc", und wieder "Solidarnosc" in die Menge.
Karol Wojtyla erhält von den Bergbauarbeitern eine aus Kohlestückchen angefertigte Plastik. Sie zeigt Kumpel, die ein Kreuz auf dem Rücken tragen. Es ist ein Kreuz, das der Papst zu deuten weiß: Nur allzu viele Bergarbeiter haben in dem Kohlerevier wegen ihrer Zugehörigkeit zur "Solidarnosc" ihre Arbeit verloren.
Bodenküsse waren das Markenzeichen des reiselustigen Stellvertreters Christi. Doch nur den Boden seiner polnischen Heimat hat der Papst jedes Mal geküsst, wenn er ihn betreten hat.
Einige Bodenküsse fielen aus dem Rahmen. Als Johannes Paul II. bei seiner 37. Auslandsreise, die ihn im Mai 1988 nach Uruguay, Bolivien, Peru und Paraguay führte, in Paraguay landete, regnete es so stark, dass sich auf dem Boden des Flughafens eine knöcheltiefe Wasserschicht gebildet hatte. Doch auf das gewohnte Ritual wollte Karol Wojtyla nicht verzichten. Nachdem er über eine Gangway direkt ins Flughafengebäude geleitet worden war, kniete er sich plötzlich vor einem riesigen Porträt des Diktators Alfredo Stroessner hin und küsste den Betonestrich.
Bei seinem Besuch in Osttimor im Oktober 1989 drückte der Stellvertreter Christi seine Lippen am Fuß der Gangway auf ein bereitgelegtes Kissen - und umging so eine Absprache mit der indonesischen Regierung in Jakarta. Die hatte die direkte Bodenberührung untersagt, weil sie fürchtete, das könnte als Unterstützung für die Autonomiebestrebungen Osttimors genutzt werden.
Die für ihn persönlich wichtigste Reise seiner Regierungszeit unternahm Johannes Paul II. im heiligen Jahr 2000 nach Israel. Als der langjährige Rom-Korrespondent der Zeitung "Jedioth Ahronot", Jossi Bar, im Flugzeug zu Vatikan-Sprecher Joaquín Navarro-Valls sagte: "Ich bin so schrecklich aufgeregt, weil der Papst nach Israel kommt", antwortete Navarro-Valls: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie aufgeregt erst der Papst ist."
Bar erinnert sich an eine "fast surreale Atmosphäre" während der Papst-Visite. Er ist überzeugt, dass die beiden Religionen einander niemals in ihrer Geschichte so nahe gewesen sind wie in den Tagen im März des Jahres 2000. Johannes Paul II. habe durch seine Persönlichkeit bewirkt, dass sich ganz Israel plötzlich für die katholische Religion interessierte. "Man spürte, dass der Papst zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist, dass er auf den Spuren seiner Ahnen gegangen ist." Mit seiner auf einem Zettel notierten Entschuldigungsbitte, die er in einen Spalt der Klagemauer steckte, mit der von Herzen kommenden Freundschaft, mit der er jüdische Schulkameraden an der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem umarmte, löste er unter der Bevölkerung eine heftige Anteilnahme aus.
Bar ist sogar überzeugt: "Der Besuch in Israel hat dem Papst auch eine ungeheure körperliche Kraft verliehen. Ich bin ganz in der Nähe von ihm die Treppen hochgestiegen, und er erklomm die Stufen mit seinem Stock mit einem unglaublichen Elan."
Surreal mutete die Papst-Begleiter auch manches bei der Kubareise des Papstes im Januar 1998 an. Am Flughafen von Havanna hielt Fidel Castro eine Begrüßungsansprache, in der er sich selbst als Verteidiger der Menschenrechte lobte. "Es war wie im Science-Fiction-Film", sagt Valentina Alazraki, als Fidel Castro, der die katholische Kirche immer verfolgt hat, dann bei der großen Messe in Havanna in der ersten Reihe saß.
Auch andere Szenen waren filmreif. Die Straßen Havannas waren so "sauber" wie sonst nie. Die Prostituierten waren in großen Bussen aus der Stadt transportiert worden - was freilich nicht viel brachte: Die entrüsteten Damen schmuggelten sich in die Metropole zurück, um als gute Katholikinnen den Papst zu begrüßen.
CRISTA KRAMER VON REISSWITZ
* Im Sterbehospiz von Mutter Teresa in Kalkutta.
Von Crista Kramer von Reisswitz

SPIEGEL SPECIAL 3/2005
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