Von Matussek, Matthias
Das Deutschenbild der Briten? Sagen wir es so: Die Deutschen sind für die Briten, was die Punchingbirne für den Boxer ist. Sie werden geliebt, weil sie britische Killerinstinkte wachhalten und die Briten an große moralische und militärische Siege erinnern.
Er ist regelrecht auf die Deutschen angewiesen, der Brite, ganz besonders in ihrer Eigenschaft als Nazi-Karikatur.
Wenn es noch eines Beweises dazu bedurfte, so war es dieser Bestechungsversuch auf allerhöchster Ebene vor nicht allzu langer Zeit, der peinlicher und vielsagender nicht verlaufen konnte.
Nachdem zum wiederholten Mal vergebens Klage geführt worden war über das primitive Deutschen-Bild der Briten (Nazis, humorlose Ingenieure), hatten restlos verzweifelte deutsche Politiker und Diplomaten eine Idee: Wie wäre es, sagten sie sich, wenn wir ein paar englische Geschichtslehrer auf Kosten des deutschen Staates in denselben einflögen und sie hofierten wie kleine Potentaten?
Schließlich werden die Weichen im Geschichtsunterricht gestellt. Wer dort gütig gestimmt ist, wer mehr weiß über Heines Gedichte, Claudia Schiffers güldenes Haar, Beethovens Symphonien, Humboldts Abenteuer, Willy Brandts Biografie und, nun gut: Dieter Bohlen - wird es an die Schüler weitergeben. So entsteht schon an der Basis das gute, differenzierte, demokratische, prickelnde Deutschland-Bild, das wir für angemessen halten.
Also wurden knapp zwei Dutzend Lehrer nach Berlin, Dresden und Bonn gebeten. Sie logierten in Fünf-Sterne-Hotels, besuchten die Oper, schlenderten im Reichstag umher, schüttelten die Hände der Repräsentanten der deutschen Nation, sozusagen als Repräsentanten der englischen.
Der Kotau als PR-Strategie: Rund 52 000 Euro kostete den Steuerzahler diese ganz persönliche PR-Rundum-Versorgung von ein paar Provinzlern, bei denen man offenbar auf den Multiplikatoreffekt setzte. Sicher, die Überzeugungsarbeit kam erst mal pro Nase ziemlich teuer, aber die Hofierten, so die Erwartung, würden nach ihrer Rückkehr in der englischen Presse von ihren Eindrücken schwärmen und so die Kosten auf ihre Art wieder einspielen.
Sie ließen, um es kurz zu machen, die Zuwendungen an sich abprallen wie ein schmutziges Angebot. Und sie sprachen nicht ohne lässigen Stolz über den Korb, den sie den "Krauts" gegeben hatten. Die englische Presse hatte das, was man in Großbritannien einen "field day" nennt. Ganz besonders der "Guardian" brüllte vor Lachen und war ganz und gar entzückt.
"Es war nicht gerade umwerfend", zitierte er einen der Lehrer, einen gewissen Peter Liddell. In der Oper sei die Frau neben ihm eingeschlafen. Normalerweise könne man sich ja so teure Hotels nicht leisten, deshalb sei man da mal mitgefahren, aber an der Unterrichtsgestaltung werde das nichts ändern, und die sehe nun mal Hitler-Hitler-Hitler vor.
"Die Kids finden die Nazi-Zeit interessant", sagte Mr. Liddell. "Eine Menge Sachen passieren da. Es gibt viel Gewalt. Vergessen Sie nicht, dass sie, mit 14, Geschichte auch ganz abwählen können." Da ist man schon froh, wenn man sie so weit unterhalten kann, dass sie es nicht tun. "Deutsche Nachkriegsgeschichte ist einfach verworrener und schwieriger zu unterrichten."
Aber wie wäre es denn mit Willy Brandt, dem großen Völkerverständiger und Brückenbauer zum Osten hin, dem guten Deutschen, dem Kanzler des Kniefalls und des Nobelpreises?
"Ein bisschen trocken das Ganze, nicht wahr?"
Einer seiner Kollege präzisiert noch einmal, zum Mitschreiben: "Die Nazis sind sexy. Das Böse fasziniert."
Unterm Strich kann es keine einfachere Lektion geben.
Erstens: Briten haben kein Interesse am neuen Deutschland.
Zweitens: Briten haben kein Interesse am alten Deutschland.
Drittens: Briten haben lediglich Interesse an der Nazi-Zeit.
Das führte jüngst Prinz Harry vor, als er auf einer Party der gehobenen Jeunesse dorée das Hakenkreuz spazieren führte, und das besagt auch jede Umfrage, insofern hätte man das alles billiger und ohne Bitte-bitte-habt-uns-lieb-Geschenkkörbe haben können.
Das Deutschlandbild auf der Insel ist von der Realität völlig losgekoppelt. Es hat überhaupt nichts mit den Deutschen zu tun, sondern lediglich mit den Briten. Es bedient dort wichtige narzisstische Funktionen in einem kollektiven Selbstgespräch, bei dem sich die Insulaner ungern unterbrechen lassen. Das sollten auch deutsche Offizielle endlich begreifen. Sie würden sich viele Frustrationen ersparen und so manches langweilige Büfett.
Die Deutschen sind Nazis und daher Freiwild. Deutsche Kinder werden mit "Nazi, Nazi"-Rufen von englischen Jugendlichen durch Londoner Parks gejagt, von denen ihrerseits über 80 Prozent noch nicht einmal wissen, was es mit dem Holocaust überhaupt auf sich hatte und es auch nicht wissen wollen. Deutsche sind Gegenstand der derbsten und bösartigsten Witze, doch setzen sie sich dagegen zur Wehr, gelten sie als "humorlos", also erst recht typisch deutsch. Ansonsten tragen Deutsche Birkenstock und fahren Audi. Punkt. Das reicht den Briten an Aufklärung.
Langgediente deutsche Journalisten in London wissen es längst, sie drapieren nur in Abständen die Schaufensterauslagen um und ersetzen das eine Negativklischee durch das andere, wie es dieser liebenswerte Toupet-Träger kürzlich auf BBC tat, der vehement mit der Vorstellung von den deutschen fleißigen Arbeitsbienen aufräumte und sie, seine Landsleute, nun ganz besonders faul findet, diese arbeitslose Mischpoke zwischen Rostock und Tegernsee.
"Engländer arbeiten doppelt so hart wie die Deutschen", wusste er. "Sie gehen sogar doppelt so schnell."
Nun, Engländer arbeiten 200 Minuten länger pro Woche, ohne die deutsche Produktivität zu erreichen. Über das Schritttempo liegen keine vergleichenden Untersuchungen vor.
Der entscheidende Satz des Korrespondenten in seiner Rolle als Oberkellner an britischen Tischen aber ist dieser hier: "Ich sehe Großbritannien als neues Empire."
Genau das ist der Sound, der auf der Insel ankommt. Nichts hört man im weltgeltungsneurotischen Großbritannien lieber, als dass es ein Empire sei, denn, so Paul Gilroy im "Guardian": "Wir haben den Verlust des Empire nie richtig verarbeitet."
Noch schwerer in den Knochen steckt den Briten, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Kolonien räumen und als kleines Eiland in der Nordsee auf das Niveau einer wirtschaftskriselnden Atommacht abwirtschafteten, bis weit in die achtziger Jahre hinein - während der große Kriegsverlierer Deutschland den Platz der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt besetzt hielt.
Das schmerzte, das hinterließ Spuren.
Für Entspannung sorgt derzeit durchaus, dass es Deutschland schlecht geht. Und dass es Großbritannien blendend geht - sieht man von verdreckten, lebensgefährlichen Krankenhäusern, aus den Schienen springenden Zügen, alkoholkranken Teenagern, verarmten Pensionären, absurder Pro-Kopf-Verschuldung und vielem anderen einmal ab.
So blendend im Übrigen, dass es die gleichen selbstgerechten Züge angenommen hat, die einst das Wirtschaftswunder-Deutschland der fünfziger Jahre ausgezeichnet hat.
Ja, das ist die Komik der Spiegelungen und Projektionen des deutsch-britischen Verhältnisses: Mit ihren täglichen Auto- und Immobilienshows im Fernsehen, diesen ganzen Schöner-Kochen-, Schöner-Wohnen-, Schöner-Kaufen-Sendungen imitieren die Briten, nach langen Entbehrungsjahren, den früher zur Karikatur vermotzten geistlosen deutschen Mercedes-Fahrer und Bier-Brummschädel der Wiederaufbaujahre. Und die Schlacht um die Handtücher an der Algarve haben lärmende Briten längst für sich entschieden, wie der "Daily Mirror" stolz verkündete: Der deutsche Michel ist übermichelt.
Doch ganz geheuer ist sich die Insel in ihrem ordinären Konsumenten-Boom nicht. Sie braucht ständige moralische Selbstbestätigung. Wo wiederum die Deutschen und ihr Image ins Spiel kommen. Je verkratzter und kümmerlicher die Deutschen-Karikatur ist, von der sich die Briten abheben, desto besser für die eigene innere Psycho-Ökonomie.
Es ist eine ziemlich labile Ökonomie. Einerseits war der Sieg über die Nazis ein letzter großer Triumph, war "Britain's finest hour", und kann daher nicht oft genug im Fernsehen wiederholt werden - please, mention the war! Andererseits war er der Anfang vom Ende des Empire.
Der Deutsche kommt also in einer Doppelrolle daher, als Verlierer und Spielverderber gleichzeitig, ein fahler Tanzpartner, mit dem sich die britische Nation in diesem Psychodrama immer und immer wieder im Kreise dreht. Und von dem sie nicht lassen kann, mitsamt aller verstohlenen Faszination für Hitler und deutsche Nazis.
Womit wir dann endlich beim berühmten englischen Humor gelandet wären - mittlerweile lachen Deutsche wesentlich intelligenter und lustiger über sich selbst.
Auf der Insel schlägt der Deutsche als Nazi vielleicht noch in der alten Stechschritt-Parodie von John Cleese Funken, doch beim neuen Deutschland geht britischer Humor völlig in die Knie.
Nazi-Fritz hat auch nach dem fünften Pint Lager-Beer noch eine Art Gestalt, da vielleicht erst recht, aber zu Jürgen, dem deutschen Kriegsverweigerer, fällt dem englischen Humor gar nichts mehr ein.
Bis auf die Nummer, die Komiker Harry Enfield kreierte, mit seinem blonden "Jurgen the German", der nichtsahnenden britischen Passanten in den Weg latscht und sagt: "Es ist mir ein großes Bedürfnis, mich für das Verhalten meiner Nation während des Zweiten Weltkriegs zu entschuldigen."
Das allerdings ist wunderbar.
Das Blöde daran ist, dass es ein Schlussstrich-Gag ist, und damit ist die Nazi-Sache abgemolken und der deutsche Michel vom Radarschirm gerutscht. Er hat sich vor den Tretern von der Insel in die Büsche geschlagen, wo er jetzt nur hoffen kann, dass er nicht wieder aufgestöbert wird, etwa von der englischen Kulturministerin, die im vorletzten Jahr die Liebe der Deutschen zur klassischen Musik rühmte und die fehlende Leidenschaft bei ihren Landsleuten beklagte, über Kultur zu streiten - und das alles, ohne den Krieg zu erwähnen! Eine Todsünde, die sofort bestraft wurde.
Die "Daily Mail" holte es nach. Und schoss zurück. "A load of old Sauerkraut!", befand sie und erinnerte in einem wahren Feuerwerk feinen britischen Humors daran, dass Deutsche Lederhosen tragen und sich an den Hintern greifen und daher schwul und wahnsinnig sind wie König Ludwig.
Sodann, köstlich, köstlich, essen sie "Leberknödel", und der einzige deutsche Filmregisseur heißt, zum Schießen!, Leni Riefenstahl, womit wir, uff, wieder beim Krieg wären, und den haben schließlich wir Briten gewonnen.
Haken wir die Sache ab.
Fazit: Wer als Deutscher eine Weile in England gelebt hat, sehnt sich nach französischer Eleganz, italienischer Lebensfreude, amerikanischer Lässigkeit, brasilianischer Schönheit und - deutscher Freundlichkeit.
Wie, der britische Nachbar findet das beleidigend? l
SPIEGEL SPECIAL 4/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.