04.10.2005

BELLETRISTIK

DAS DOPPELTE GOTTCHEN

Von Höbel, Wolfgang

Der neue Roman des Nobelpreisträgers J. M. Coetzee erzählt erst mitleidlos von einer Amputation des Helden - und gleitet dann ins Räsonnieren ab.

Wie ungeheuer sanft dieser Erzähler vom Allerscheußlichsten berichtet, mit welcher klaren, kalten Lust am Schrecken! J. M. Coetzee, 1940 in Kapstadt geboren und 2003 mit dem Literaturnobelpreis geehrt, schildert in seinem neuen Buch, wie es ist, wenn einem wegen eines dämlichen Verkehrsunfalls ganz plötzlich ein Bein amputiert wird.

Der Held, ein Mann von 60 Jahren, liegt nach einem Sturz vom Fahrrad nahezu artikulationsunfähig im Krankenhaus, ein junger Arzt eröffnet ihm, dass sein Bein "ziemlich zugerichtet" sei und nun mal leider abgeschnitten werden müsse. "An diesem Punkt muss etwas mit seinem Gesicht vor sich gehen", protokolliert Coetzee stocknüchtern wie je, "weil der junge Mann etwas Überraschendes tut. Er berührt seine Wange, lässt die Hand dann dort ruhen, zärtlich seinen Altmännerschädel umfangend. Eine Frau könnte dergleichen tun, eine liebende Frau."

Paul Rayment, der Held des Romans, der auf deutsch "Zeitlupe" heißt und im gleichfalls gerade erst erschienenen Original "Slow Man", ist ein einsamer Mann, der eine liebende Frau schmerzlich vermisst. Paul Rayment lebt in Adelaide (wo auch Coetzee seit 2002 residiert). Auf der Magill Road im Zentrum der australischen Stadt wird Rayment von einem jungen Autolenker angefahren und schlimm verletzt. Den Sturz erlebt er quasi in Zeitlupe, "den Aufschlag seines Schädels hört er mehr, als dass er ihn fühlt - fern, dumpf, wie ein Schlag mit dem Holzhammer".

Coetzees "intellektuelle Ehrlichkeit", so befand die Stockholmer Nobel-Jury, als sie dem Autor ihren Preis zuerkannte, "zersetzt alle Grundlagen des Trostes und distanziert sich vom billigen Theater der Reue". Wie in den berühmten Coetzee-Romanen "Leben und Zeit des Michael K." (1983) oder "Schande" (1999) sieht sich auch in "Zeitlupe" ein einsamer Held mit offensichtlich sinnloser Grausamkeit konfrontiert - nur verfängt der finstere Zauber der Raymentschen Leidensstory leider nur bis ans Ende der ersten 100 Seiten des Buches.

Bis dahin verfolgt man gebannt, wie sich der Held um Würde bemüht und mit stolzem (wenngleich absurdem) Trotz das Tragen einer Beinprothese ablehnt, sich widerwillig von einer Pflegerin unterstützen lässt und diese gleich wieder feuert. Besser betreut fühlt er sich von der stämmigen, aus Kroatien stammenden Hilfskraft Marijana: Der verkrüppelte Mr. Rayment verliebt sich sehr geschwind und auf ein bisschen lächerliche Weise in die verheiratete Frau. Er sehnt sich nach Trost - und findet Gefallen am Theater der Reue über sein verfehltes Leben: "Welche Torheit, allein in der Welt dazustehen", grämt er sich beispielsweise über seine Kinderlosigkeit.

Dann aber bekommt es der Held plötzlich mit einer Art Geisterfrau zu tun. Eine vollkommen fremde Alte namens Elizabeth Costello dringt frech in seine Wohnung ein, verwickelt ihn in lange Diskurse übers Alter, die Einsamkeit und das Erlernen der Liebe, verkuppelt ihn aber auch für bezahlten Sex mit einer Blinden, die auf Hausbesuch kommt.

Na ja, ganz fremd ist Coetzee-Lesern Elizabeth Costello doch nicht. Sie ist angeblich Schriftstellerin und erstmals Ende der Neunziger in einem seiner Texte aufgetaucht, 2003 hat er ihr ein ganzes Buch namens "Elizabeth Costello. Acht Lehrstücke" gewidmet, in dem sie sich beispielsweise wütend für einen rigorosen Vegetarismus einsetzt und auch sonst reichlich kuriose Ansichten vertritt. Selbst viele eiserne Coetzee-Verehrer fanden dieses Buch seltsam, fehlt ihm doch jene metallene Nüchternheit und Klarheit, die den Autor sonst auszeichnet. Hatte der seit vielen Jahren als Universitätslehrer wirkende Schriftsteller, den seine Studenten in Kapstadt angeblich einst "Gott" nannten, sich da nicht einen bizarren Spleen geleistet?

In "Zeitlupe" jedenfalls wiederholt sich der Spuk in Romanform. Der auf den furiosen Auftakt folgende größte Teil des Buches ist weitgehend dem philosophasternden Versteckspiel des Helden mit der jammernden, dicken, scheinbar nahezu allwissenden und vor allem stets sehr geisterhaften Mrs. Costello gewidmet, die letztlich nichts anderes ist als eine Verdopplung des Dichtergotts.

Coetzees Kippfigurenspiel ist bedauerlicherweise absolut ziellos - und zunehmend sturzlangweilig. "Unsere Lügen sagen genauso viel über uns aus wie unsere Wahrheiten", behauptet Madame Costello einmal. Erklärt das den faulen Frieden, den der Held nach vielerlei Wirrungen mit seiner unangenehmen Belagerin macht? Wie nur ist der große Autor J. M. Coetzee auf diese Persönlichkeitsspaltung verfallen? Wird es je wieder ein Coetzee-Werk ohne Frau Costello geben? Ein Buch der unlösbaren Rätsel. WOLFGANG HÖBEL

J.M. Coetzee

Zeitlupe

Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 304 Seiten; 18,90 Euro


SPIEGEL SPECIAL 6/2005
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