04.10.2005

HELD IM ZWIELICHT

Eine neue Biografie Oskar Schindlers betont die dunklen Seiten seines Charakters - und macht den Wandel zum Menschenfreund noch spektakulärer.
Dieser preisgekrönte Film war ein Hit, weltweit. 75 Millionen Menschen sahen ihn im Kino, und als "Schindlers Liste" an einem Karfreitag im deutschen Fernsehen lief, schauten über 6,7 Millionen zu - der Hollywoodklassiker "Ben Hur" schaffte nicht einmal die Hälfte.
Steven Spielbergs Epos (1993) über den dunkelsten Abschnitt in Deutschlands Geschichte ist vor allem die Beschreibung eines wundersamen Helden im Höllenland - Oskar Schindler: Industrieller aus Mähren, Parteigänger der Nazis, Hallodri, Saufkumpan eines mörderischen KZ-Kommandanten.
Und der Retter der Juden, die sich später Schindler-Juden nannten.
Eindrucksvoll ist Spielberg eine Schlüsselszene gelungen: Ein kleiner Raum, durch das vergitterte Fenster fällt diffuses Licht, an der Schreibmaschine sitzt Schindlers jüdischer Buchhalter Itzhak Stern, der Chef raucht (wie immer), trinkt (wie immer), nennt Namen, überlegt, diktiert, Stern schreibt. "Wie vie-
le?", fragt Schindler immer wieder und fordert: "Mehr, mehr."
Stern, ungläubig: "Sie kaufen doch nicht?!" Und dann, als er verstanden hat, sagt Stern: "Die Liste ist das Leben, und rundherum um ihre Räder ist das Verderben."
Die Liste bedeutete das Überleben - für fast 1100 Jugendliche, Frauen, Männer. Und jetzt, 12 Jahre nach Spielberg und der Rezeption der vermeintlichen Wahrheit durch Millionen, eine historische Enthüllung: Die berühmte Szene, Mittelpunkt des Films, der aus Schindler für das internationale Publikum erst eine Figur der Zeitgeschichte machte, sei "reine Fiktion" - Schindlers Liste habe es nie gegeben.
So schreibt es der amerikanische Holocaust-Forscher David M. Crowe, 61. In seiner Schindler-Biografie behauptet der Historiker sogar, eigentlicher Urheber der entscheidenden Papiere sei ein jüdischer Kapo gewesen, ein korrupter, geld- und edelsteingieriger Mensch, der "Plätze auf der Liste verkauft" habe.
Mit den sicher erheblichen Korrekturen auch anderer Sachverhalte versucht Crowe, gegen Spielbergs Filmtatbestand anzuschreiben und einen "Mythos" zu knacken - um sich so einem höchst zwiespältigen Menschen zu nähern, der ein pralles, wildes Leben führte, bis er sich entschloss, das Leben anderer zu retten, ohne Rücksicht auf sich selbst.
Sieben Jahre lang recherchierte Crowe, und er holt weit aus. Da ist der junge Schindler, der mit 16 sein Zeugnis fälscht. Der mit 18 seine Prüfungen als Maschinist, Heizer und Chauffeur besteht und der mit knapp zwanzig heiratet - und dennoch nicht ablassen will vom "exzessiven Trinken" und den Frauen.
Anfang der dreißiger Jahre war Schindler arbeitslos, die Mitgift des Schwiegervaters längst draufgegangen "für ein Luxusauto und andere Dinge". Als seine Frau ihn zur Rede stellte, habe er gesagt: "Emilie, du bist zu streng, geradezu asketisch. Ich dagegen bin von Natur aus ein Epikuräer."
In jener Zeit, notiert Moralist Crowe, habe Schindlers "genusssüchtige Natur seine besseren Seiten besiegt", die Folge: Polizeiarreste und kurze Haftstrafen. Crowes Kritik am Charakter des Protagonisten legt sich auch dann nicht, als er auf die nüchterne Seite des unsteten Lebens zu sprechen kommt - Schindlers (längst bekannte) Tätigkeit als V-Mann für die reichsdeutsche Abwehr am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.
Solch gute Verbindungen ins NS-Regime hinein halfen ihm, Ende 1939 eine bankrotte jüdische Emaillewarenfabrik in Krakau zunächst zu pachten, die durchaus kriegswichtige Dinge herstellte - Töpfe nämlich, eine Mangelware. Schindler dachte zuerst ans große Geld, als er jüdische Arbeiter einstellte. Die waren billiger als polnische, aber auch die besseren. Auf dem Schwarzmarkt setzte er Millionen um.
Dann der Wandel. Schindler stellt immer mehr Juden ein - ganz gezielt, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Er schmiert SS-Chargen und schafft es im Herbst 1944, sein Unternehmen von Krakau ins mährische Brünnlitz zu verlagern - und nimmt fast 1100 Juden mit.
Crowe hat versucht, die Gründe dafür aufzuzeigen, warum ein potentieller Kriegsgewinnler zum Menschenfreund aufstieg. Eine schlüssige Erklärung kann er nicht liefern; sie erst hätte aus dem voluminösen Psychogramm eine richtige Biografie gemacht.
Aber, so attestiert dem Autor der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, die Figur Schindler erscheine nun "menschlicher und damit auch außergewöhnlicher" - sie bleibt freilich so rätselhaft wie im Film. GEORG BÖNISCH
David M. Crowe
Oskar Schindler -
Die Biographie
Aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leineweber.
Verlag Eichborn Berlin, Berlin; 856 Seiten; 34,90 Euro
* Liam Neeson als Schindler, Ben Kingsley als Stern.
Von Georg Bönisch

SPIEGEL SPECIAL 6/2005
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