21.02.2006

„Getrauert wurde nie“

Nach 1945 waren die Deutschen auch ein Volk von Traumatisierten. Doch die seelischen Verwundungen wurden verdrängt.
Als Kind bekam Monika Jetter oft zu hören, wie gut sie es habe: Ihr Vater, als Fallschirmjäger einer von Hitlers Elitekämpfern, war 1946 wieder nach Hause gekommen. Das Kind aber beneidete manchmal die Freundinnen, deren Väter gefallen waren.
Einmal hatte sie dem Vater zwei Schokoladentäfelchen stibitzt, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollte. Dafür züchtigte er sie, nicht mit einem Gürtel, sondern mit dem Siebenstriemer, einem Holzgriff mit sieben Lederriemen dran. "Den muss er ja extra gekauft haben", sagt Monika Jetter. "Mein Vater war ein Herrenmensch. Immer Haltung. Aber wenn er mich schlug, geriet er außer sich."
"Was ist nur aus dir geworden?", hatte die Mutter den Vater damals endlich angeschrien. "Was hat man dort mit dir gemacht, dass du dem Kind so etwas antun kannst?"
"Dort", damit meinte die Mutter den Krieg.
Vom Krieg erzählte der Vater dem Kind nachts, heimlich, wenn die Mutter Dienst als Krankenschwester tat. Vom Absprung über Kreta, bei dem viele Kameraden in Kakteen und Bäumen hängen geblieben waren und mit Bajonetten abgestochen wurden. Wie sie schrien nach ihrer Mutter, während sie verbluteten. Dann saß das Kind im Nachthemd da und zitterte vor Angst, und der Vater weinte.
Freiwillig war er 1939 in den Krieg gezogen, gedrillt in einer NS-Ordensburg. Es war ein Opfergang, der in der Katastrophe endete: Er und seine Kameraden hatten ihre Jugend gegeben, ihre Kraft, viele ihr Leben. "Und alles war umsonst", sagte der Vater immer. Sein Eisernes Kreuz, seine Verwundetenabzeichen bewiesen bloß noch, dass er bei einer schändlichen Sache mitgemacht hatte: Deutschland war jetzt Täterland.
Dabei hatten Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung die Deutschen auch zu einem Volk von Traumatisierten gemacht: Etwa 1,7 Millionen tote Zivilisten, 5,3 Millionen tote Soldaten, über 11 Millionen in Kriegsgefangenschaft. Millionen Vermisste, Hunderttausende Frauen und Mädchen vergewaltigt, Männer verkrüppelt, Städte in Trümmern, Familien zerrissen. Jedes vierte Kind wuchs ohne Vater auf.
Der Kasseler Psychoanalytiker Hartmut Radebold erinnert sich an das tiefe Schweigen, das in seiner Familie über dem Verlust des Vaters und der Gefangenschaft des Bruders lag: "Getrauert wurde nie", sagt der 70-Jährige, der sich heute mit Kriegskindheiten beschäftigt. "Deutschland hatte so viel Leid über andere Völker gebracht, dass es vermessen schien, das eigene Leid zu benennen." Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder - die Ideale der Nazi-Erziehung halfen nun dabei, die Zähne zusammenzubeißen, zu schweigen, runterzuschlucken. "Alle hatten anscheinend das Gleiche erlebt, dadurch wurde das Schreckliche zu einer Pseudonormalität", sagt Radebold.
In Radebolds Bücherregal stehen viele Studien, die sich mit den psychischen Verletzungen der Überlebenden des Holocaust und anderer Opfer des Nazi-Terrors beschäftigen. Die Traumata der Deutschen sind dagegen kaum dokumentiert: Mit dem Elan der Nachkriegszeit sollte der offenkundige Zivilisationsverlust vergessen gemacht werden.
Das größte Tabu blieben die seelischen Beschädigungen derer, die an der Front gekämpft hatten. Dabei waren in unzählige Familien Männer heimgekehrt, die wie in Eis gehüllt immer nur schwiegen oder als Gefangene ihrer Alpträume die Nächte durchschrien. Doch kaum einer gab zu, dass er die Bilder nicht loswurde von Menschen, die er getötet hatte, vom Elend des Schützengrabens. Wehe, einer hätte erzählt, dass er vor Angst in die Hosen gemacht habe.
Monika Jetter fand später heraus, dass die Wehrmacht in Kreta, wo der Vater abgesprungen war, auf Befehl Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet hatte. "Es ist schwer vorstellbar, dass er davon nichts mitbekommen hat", sagt sie. "Nachts holten ihn seine Erlebnisse ein. Er ist immer herumgewandert. Dann trank er viel und schrie herum." Die Mutter hatte den Nachttisch voller Medikamente. Sie gab ihm Valium gegen seine "Zustände".
Heute würde man sagen: "posttraumatische Belastungsstörung". Die Diagnose stammt aus der Zeit des Vietnam-Kriegs: Jeder zweite US-Soldat wurde dort, zumindest zeitweise, zum seelischen Wrack. Amerikanische Militärpsychiater erkannten psychische Symptome aber schon im Zweiten Weltkrieg als Krankheit an, in weit über einer Million Fällen.
In der deutschen Wehrmacht dagegen galt es schnell als Ausdruck charakterlicher Minderwertigkeit, wenn einer durchdrehte. Half Ruhe im Lazarett nichts, wurden traumatisierte Soldaten mit Elektroschocks traktiert oder in "Feldsonderabteilungen" zum Minenräumen eingesetzt.
Nach dem Krieg erklärten deutsche Mediziner die seelischen Störungen der Frontkämpfer mit einem Syndrom namens "Dystrophie", das vom Hunger während der Kriegsgefangenschaft herrührte. Es brachte Wasserödeme, Leberleiden oder Hormonstörungen mit sich. Die Ärzte erklärten damit jedoch auch Depressionen, Konzentrationsschwäche, Wutausbrüche oder Verfolgungsängste.
Nicht der Krieg, sondern die Dystrophie, hieß es, "primitivierte" die Persönlichkeit der deutschen Kriegsgefangenen, die "abnormale und asoziale Züge" angenommen und "viel vom eigentlichen Menschsein verloren" hätten.
Der Arzt und Psychologe Helmut Paul, als ehemaliger Kriegsgefangener selbst betroffen von Hunger und Entwürdigung, untersuchte in den sechziger Jahren - weithin unbeachtet - etwa 2000 Kriegsteilnehmer mit und ohne Gefangenschaft: Er fand kaum Unterschiede. Als Paul seinen Probanden Zeichnungen vorlegte, die Gefangenschafts- und Vernichtungsszenarien zeigten, brachen manche mit Weinkrämpfen zusammen. Weitverbreitet waren Symptome wie Lärmempfindlichkeit, Isolation, Übererregbarkeit, Schlafstörungen, starkes Schwitzen, Impotenz und sozialer Abstieg. Beziehungen scheiterten; die Scheidungsrate lag ein paar Jahre nach dem Krieg mehr als doppelt so hoch wie davor.
Heinz Oppermann, heute Vizepräsident des Verbandes der Heimkehrer, erfuhr 1954 in der russischen Gefangenschaft, dass seine Frau ihn für tot erklären lassen hatte und wieder verheiratet war.
Er hatte die Rückzugsgefechte in Russland überlebt. Einmal nur, weil ein Kamerad vor ihm im Kugelhagel gelacht und getanzt hatte, sonst hätte es ihn erwischt. Später, im Lager, hielt ihm ein Russe beim Verhör eine entsicherte Pistole an die Schläfe, "das war das Schlimmste: Todesangst". Er kam nach Workuta, Eishölle am Polarkreis, ewige Dunkelheit bei minus 50 Grad, Arbeit im Bergwerk. Oppermann, 1,80 Meter groß, wog zeitweise nur noch 45 Kilogramm.
Die Nachricht von seiner Frau war ein Schlag. Andere, die solche Mitteilungen bekamen, verloren den Verstand. Als einer der Letzten kam Oppermann 1955 heim, nach 15 Jahren. Er war 35 und hatte nur das Abitur. Als er sich zum Jurastudium melden wollte, sagte ein Professor zu ihm: "Sie hatten Dystrophie, da hat doch Ihr Hirn gelitten!"
"Keiner hat uns damals psychologisch betreut", sagt Oppermann. "Aber das Trauma haben wir schnell abgelegt. Man
hat Verantwortung übernommen, das war die beste Medizin. Wir wollten möglichst schnell am normalen Leben teilhaben."
Doch die Heimkehr sei oft ein Schock gewesen, wenn die Frau vergewaltigt worden war oder das eigene Kind fragte: "Was will der fremde Mann hier?"
Auch Monika Jetters Vater kämpfte gegen solche Gefühle der Fremdheit, wenn er "den Frauenhaushalt auf Zack" brachte: "Kaum war er wieder da, ging es los mit dem Drill", sagt die Tochter. "Er hat unser Haus zum Kasernenhof gemacht."
War das Kind unfolgsam, musste es die Hände über dem Kopf falten wie zu einer spitzen Tüte, auf dem Esstisch auf- und abgehen und unter Tränen singen: "Hier tanzt ein Bi-Ba-Butzemann."
Hörte der Vater aus dem Bad kein Wasserrauschen, riss er die Toilettentür auf: "Ein deutsches Kind ist ein sauberes Kind! Hundertmal aufschreiben: Nach dem Stuhlgang, vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen!" Weil sie den Satz nur 97-mal notierte, hieß es: "Antreten zum Latrineputzen. Mit der Zahnbürste! Und singen musste ich dabei."
Monika Jetter hat ein offenes, faires Buch über ihren Vater geschrieben*. Als sie es im Frühjahr auf einem Kongress über Kriegskindheiten vorstellte, brachen bei vielen Zuhörern die eigenen Erinnerungen hervor, an die Verrohung und Brutalität, die wie ein Schwelbrand unter der bonbonfarbenen Oberfläche des Wirtschaftswunders verborgen lagen. Eine Frau berichtete unter Tränen, dass ihr Vater sie gezwungen habe, wie eine Ente vor ihm herumzuwatscheln, wenn sie zu weinen anfing. Später erfuhr sie, dass der Entengang in der Wehrmacht zur Demütigung in der Rekrutenausbildung eingesetzt wurde.
Die seelischen Wunden der Eltern beginnen viele erst heute zu ermessen. Wenn sie sich, wie bei dem Kongress, gegenseitig erzählen, wie sich ihre dementen 90-jährigen Mütter panisch gegen den Pfleger wehren, der sie ausziehen und waschen will. Oder wie die alten Väter, verschlossen wie Austern, kurz vor dem Tod auf einmal in ihren Träumen schreien: "Peng, peng, peng." Nicht wenige sterben im Schützengraben, jetzt noch.
"Es war wie ein Familientreffen", erinnert sich Monika Jetter. "Viele haben geweint, auch Männer."
"Denkt man an die fünfziger Jahre zurück", sagt sie dann, "sitzt man noch immer wie hinter einer großen Schutthalde." BEATE LAKOTTA
* Monika Jetter: "Mein Kriegsvater. Versuch einer Versöhnung". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 224 Seiten; 16,90 Euro.
Von Beate Lakotta

SPIEGEL SPECIAL 1/2006
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