21.02.2006

Entwurzelte im Land der Täter

Von Andresen, Karen

Die Münchner Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander über ihre Kindheit in bayerischen Lagern für jüdische "Displaced Persons" aus Osteuropa

SPIEGEL: Frau Salamander, wenn Sie heute an Ihre Kindheit in den Lagern für jüdische DPs zurückdenken, was fällt Ihnen zuerst ein?

Salamander: Es sind nicht einzelne Bilder, an die ich mich dann erinnere, sondern das Gefühl großer Kälte und Verlorenheit. Die Erwachsenen im Lager waren gezeichnet von der Vergangenheit, und was in der Zukunft aus ihnen werden sollte, wussten sie nicht. Wir alle waren sozial Entwurzelte und Deplatzierte im Land der Täter. Nichts war selbstverständlich. Nicht die Sprache, nicht die Heimat. Diese Erfahrungen sind fürs Leben beherrschend.

SPIEGEL: Ihre Eltern, polnische Juden, entkamen den Verfolgungen der Nationalsozialisten.

Salamander: Meine Mutter konnte zusammen mit ihrer Schwester aus dem Warschauer Ghetto fliehen. Monatelang mussten sie sich auf dem Weg in die Sowjetunion in Sümpfen verstecken. Der Rest ihrer Familie wurde ermordet. Mein Vater, der aus Lemberg stammte, flüchtete vor den Nazis auch in die Sowjetunion ...

SPIEGEL: ... wo er wieder vor Verfolgung nicht sicher war.

Salamander: Er ist, kaum den Nazis entronnen, gleich in die Maschinerie der stalinistischen Gulags geraten. Weil er keine Papiere hatte, hielten ihn die Sowjets für einen Spion. Er wurde gefoltert und in Arbeitslager gesteckt. Davon hat er sich nie wieder richtig erholt. Lebenslang war er ein gebrochener Mensch.

SPIEGEL: Bayern sollte für Ihre Eltern eigentlich nur eine Zwischenstation sein.

Salamander: Wie alle in diesen DP-Lagern, wollten auch mein Vater und meine Mutter Deutschland hinter sich lassen. Die meisten jüdischen DPs waren ja ab 1948 schon weitergewandert. Zurück blieben die Kranken und die Schwachen - etwa 20 000 DPs aus Osteuropa, die irgendwann begannen, in Deutschland wieder jüdische Gemeinden aufzubauen. Zu diesen Menschen gehörten auch meine Eltern. Erst war es die Tuberkulose meiner Tante, die sie an der Ausreise hinderte. Als die Tante dann 1951 starb, war meine Mutter schwer krank. Sie starb 1953.

SPIEGEL: Wohin wollten Ihre Eltern?

Salamander: Israel war der große Wunschtraum. Dort glaubte man, vor Verfolgung sicher zu sein.

SPIEGEL: Aber die ersten Israel-Auswanderer tauchten schon bald enttäuscht wieder in den DP-Lagern auf, weil sie mit den Lebensbedingungen nicht zurechtkamen.

Salamander: Wir nannten diese Rückkehrer die "Palästinenser" - eine unglaubliche Ironie des Schicksals. Ihnen machte das Klima zu schaffen, und sie fanden keine Arbeit. Meine Eltern aber wollten auch deshalb unbedingt nach Israel, weil Verwandte meines Vaters gleich nach Kriegsende dorthin ausgewandert waren. Jahrelang stand im Lager neben unserem Haus eine Bretterkiste, etwa drei auf eineinhalb Meter groß. Darin sammelte mein Vater, ein Klempner, für den Neuanfang in Israel alles, was er an Werkzeug auftreiben konnte. Nach dem Tod meiner Mutter wurde diese Kiste nach Haifa verschifft. Zu meinem Onkel, auch ein Handwerker, der sich seine Existenz damit aufbaute.

SPIEGEL: Sie sind in einem DP-Lager im bayerischen Deggendorf geboren, waren aber die längste Zeit im Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen. Wie haben Sie dort gelebt?

Salamander: Wir wohnten in einer Arbeitersiedlung der nahe gelegenen IG-Farben-Munitionsfabrik. Die Baracken boten eigentlich nur 3000 Menschen Platz, zeitweilig lebten dort bis zu 4000 DPs. Es war eng und im Winter bitter kalt. Föhrenwald lag im wunderschönen Alpenvorland.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich ernährt?

Salamander: Das Essen wurde zugeteilt, ebenso Wohnungen, Kleider, Möbel und ein kleines Taschengeld. Zunächst versorgte uns die IRO, eine Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen. Am 1. Dezember 1951 übernahm die Regierung von Oberbayern die Verwaltung von Föhrenwald.

SPIEGEL: Gab es für Ihren Vater Arbeit außerhalb des Lagers?

Salamander: Vor dem Krieg baute mein Vater in Polen Öfen, Rohre und Dachrinnen für Großgrundbesitzer. Im Lager arbeitete er im Lebensmitteldepot und verdiente sich so zusätzliche Rationen. Wir waren in Föhrenwald in gewisser Weise eine autarke Gemeinschaft, die ähnlich einem Schtetl ...

SPIEGEL: ... einer kleinen jüdischen Ortschaft im Osteuropa der Vorkriegszeit ...

Salamander: ... organisiert war. Das Leben spielte sich im Rhythmus der jüdischen Feiertage ab. Nach draußen hatten wir kaum Kontakte, das war quasi feindliche Umwelt. Man aß koscher, ging regelmäßig in die Synagoge, und die Jungen besuchten die Talmud-Thora-Schule. Die Lagerbewohner haben die Verwaltung größtenteils selbst in die Hand genommen. Sie stellten Lehrer ein, Krankenschwestern, Frisöre. Sie eröffneten ein Kino und gaben eigene Zeitungen heraus.

SPIEGEL: In welcher Sprache?

Salamander: In Jiddisch. Aber weder waren Druckmaschinen vorhanden, noch jüdische Drucker. Deshalb wurden die Zeitungen anfangs in deutschen Druckereien von Leuten gefertigt, die vor noch gar nicht langer Zeit an Hetzblättern gegen Juden gearbeitet hatten.

SPIEGEL: Wie war der Umgang mit der deutschen Lagerverwaltung?

Salamander: Kompliziert. Wir standen gegenseitig unter Vorbehalt. Zum Beispiel merkte man, dass die umliegende nichtjüdische Welt mit Neid auf uns schaute, weil sie unterstellte, dass wir von den Amerikanern besser behandelt würden als sie. Wir wiederum litten darunter, dass wir ständig Bittsteller waren, Fordernde im Wartestand. Das sitzt tief. Als meine Mutter sich nach meiner Geburt nicht erholte und schwer erkrankte, mussten wir bei der Regierung von Oberbayern um jedes Medikament betteln. Diese Briefe lesen sich heute noch peinigend.

SPIEGEL: Weil Ihre Bitten dauernd abgeschlagen wurden?

Salamander: Man kann auch höflich absagen, aber der Ton war unerbittlich. Gleichzeitig merkten wir natürlich, dass es mit dem beginnenden Wirtschaftswunder für die Menschen außerhalb des Lagers aufwärts ging. Wir fühlten uns im Stich gelassen. Immer wieder kam es zu Reibereien mit der deutschen Obrigkeit. Dramatisch wurde es, als einmal die Polizei in Föhrenwald auftauchte.

SPIEGEL: Deutsche Polizisten in Uniform?

Salamander: Sogar mit Schäferhunden. Ein paar Leuten im Lager wurde Schwarzhandel mit Kaffee und Zigaretten vorgeworfen - es war ja die Zeit, als ganz Deutschland vom Schwarzhandel lebte. Unter den Bewohnern, die alle den Nazis gerade noch entkommen waren, gab es einen Aufruhr. Sie sperrten die Einfahrt zum Lager. Einer riss sich das Hemd auf und legte sich auf die Straße. Nur über meine Leiche, hat er geschrien. Die Polizisten wurden nicht reingelassen. Später kamen sie wieder und nahmen in einer Nacht- und Nebelaktion einen oder zwei DPs fest. Einer ist kurzfristig ins Gefängnis gewandert.

SPIEGEL: Bei aller Distanz zur nichtjüdischen Umwelt - Sie hatten eine ganz besondere Verbindung nach draußen. Zu Ihnen kam ein deutscher Musiklehrer.

Salamander: Das war überhaupt der größte Luxus. Den hat sich mein Vater geleistet, ich glaube für zwei Mark im Monat. Der Lehrer kam einmal in der Woche mit dem Fahrrad ins Lager und gab mir Unterricht. Ich war das einzige Kind dort, das Geige spielte.

SPIEGEL: Wie kam es dazu?

Salamander: Mein Vater spielte Balalaika und hat damit im Krieg gute Erfahrungen gemacht. Das klingt kitschig, aber er muss so ihm eigentlich nicht freundlich gesinnte Menschen erweicht haben. Deshalb sollte ich unbedingt Geige lernen. Mein Vater glaubte, die Musik könne Wunden heilen.

SPIEGEL: Sie sind einmal sogar öffentlich aufgetreten.

Salamander: Durch diesen Musiklehrer bin ich eingeladen worden, zu Weihnachten in der großen Gemeindehalle von Wolfratshausen Händels Adagio vor einem deutschen Publikum zu spielen. Ich stand da ganz allein auf der Bühne im Scheinwerferlicht. Mir läuft heute ein Schauer den Rücken runter, wenn ich daran denke. Aber mein Vater war mächtig stolz.

SPIEGEL: Wie alt waren Sie?

Salamander: Ich muss noch nicht einmal sechs gewesen sein.

SPIEGEL: Haben die Zuhörer gewusst, dass Sie aus dem DP-Lager kamen?

Salamander: Das wussten sie sicher, aber mit mir hat damals niemand von ihnen gesprochen.

SPIEGEL: Ihr Vater, Ihr Bruder und Sie sind im Herbst 1956 nach München gezogen.

Salamander: Meine Familie gehörte zu den letzten, die Föhrenwald verlassen haben. Das Lager war an die Diözese München-Freising verkauft worden. Das Erzbistum wollte dort Vertriebene unterbringen. Wir wurden in Großstädte umgesiedelt.

SPIEGEL: Ohne sagen zu können, wohin Sie wollten?

Salamander: Nein, man fragte: Frankfurt? Köln? München? Und in welchen Stadtteil? Wir hatten keine Ahnung. Mein Vater nahm einen Stadtplan von München und entschied sich für eine Wohnung, die nahe am Bahnhof lag.

SPIEGEL: In der bayerischen Landeshauptstadt kamen Sie dann in die Schule, ohne Deutsch zu können.

Salamander: Eingeschult wurde ich schon in Föhrenwald, ich war ja sieben Jahre alt. Aber im Lager und zu Hause haben wir nur Jiddisch gesprochen. Also saß ich in der Münchner Schule und schwieg. Ein ganzes Jahr lang. Gott sei Dank hatte ich eine weise und mitfühlende Lehrerin. Sie hat mich nur im Rechnen aufgerufen, denn die Zahlen im Deutschen und im Jiddischen gleichen sich. Ansonsten ließ sie mich in Ruhe. Ein Glück für mich. In der Pause trafen mein Bruder und ich uns immer im hintersten Winkel des Schulhofes unter einem großen Baum und weinten 15 Minuten lang.

SPIEGEL: Wann begannen Sie, sich einzuleben?

Salamander: Das hat sehr lange gedauert. Wir konnten die Sprache nicht, wir waren vorher noch nie in einer Großstadt gewesen, und das Haus, in dem wir mit 17 anderen Familien aus dem Lager wohnten, hieß in der Umgebung sehr schnell "das Judenhaus". Dennoch glaube ich heute, dass mein Weg in die bundesrepublikanische Gesellschaft schon begann, lange bevor wir nach München gezogen sind. Nämlich an jenem Weihnachtstag in Wolfratshausen, an dem ich als kleines Mädchen mit meiner Geige in der Gemeindehalle auftrat. INTERVIEW: KAREN ANDRESEN

LAGER FÜR DISPLACED PERSONS (DPs) gab es nach Kriegsende in allen westlichen Besatzungszonen, vor allem im amerikanischen Sektor. Als DPs bezeichneten die Alliierten Menschen, die in Folge des Krieges aus ihren Ländern geflohen, verschleppt oder vertrieben worden waren. Deutsche Heimatvertriebene zählten nicht dazu. Von den anfänglich sechseinhalb bis sieben Millionen DPs verließ die Mehrheit Deutschland bis September 1945. Rund eine Million blieb - ehemalige Zwangsarbeiter, die nicht in ihre Länder zurückwollten, Osteuropäer, die während des Krieges mit den Nazis sympathisiert und oft auch in der SS gedient hatten, sowie rund 150 000 Juden, vor allem aus Osteuropa. Bis Anfang der fünfziger Jahre hatte auch die Mehrheit dieser Menschen die Lager verlassen. Das letzte jüdische DP-Lager wurde im Februar 1957 im oberbayerischen Föhrenwald geschlossen.

RACHEL SALAMANDER, Jahrgang 1949, verbrachte die ersten sieben Jahre ihrer Kindheit in verschiedenen DP-Lagern. Die promovierte Germanistin ist Herausgeberin der "Literarischen Welt" und Leiterin der "Literaturhandlung" in München sowie vier weiterer Fachbuchhandlungen für Literatur zum Judentum. 1999 wurde sie mit dem Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München ausgezeichnet.


SPIEGEL SPECIAL 1/2006
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