21.02.2006

„Wie ein Störenfried“

Die Publizistin Inge Deutschkron über ihre Erfahrungen als Jüdin und Holocaust-Überlebende im Nachkriegsdeutschland
SPIEGEL: Frau Deutschkron, Sie gingen 1946 zu Ihrem Vater nach England, kehrten aber 1955 in die Bundesrepublik zurück. Warum?
Deutschkron: Ich wollte helfen, ein neues demokratisches Deutschland mit aufzubauen. Das war ich nach meinem Empfinden auch den Menschen schuldig, die in Berlin ihr Leben riskiert hatten, um meine Mutter und mich vor der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu retten.
SPIEGEL: Sie kamen nach Bonn, die damalige Hauptstadt der Bundesrepublik. Wie wurden Sie dort empfangen?
Deutschkron: Eigentlich wäre ich gern nach Berlin gegangen, aber meine Eltern waren wegen des Kalten Krieges dagegen. Also zog ich nach Bonn, und dort begann für mich eine schreckliche Zeit. Ich hatte erwartet, dass man eine von den Nazis verfolgte Jüdin, die mit ihrer Rückkehr doch auch Vertrauen in einen Neubeginn bekundete, mit Freude empfangen würde. Das Gegenteil war der Fall.
SPIEGEL: Inwiefern?
Deutschkron: Das erste unangenehme Erlebnis hatte ich schon gleich zu Beginn im Passamt. Die Beamtin bestand darauf, auch Sara in meinen neuen Pass zu schreiben, weil der Name samt Hakenkreuz 1938 in meine Geburtsurkunde aufgenommen worden war. Als ich sie auf das Datum aufmerksam machte und darauf hinwies, dass mir Sara von den Nazis aufgezwungen worden war, herrschte sie mich an: "Das geht mich nichts an."
SPIEGEL: Und der Name stand dann in Ihrem ersten bundesdeutschen Pass?
Deutschkron: So weit ging sie schließlich doch nicht. Wahrscheinlich hat sie vorher jemand zurückgepfiffen.
SPIEGEL: Hat sie sich entschuldigt?
Deutschkron: Keineswegs. Als ich den Pass abgeholt habe, sprach niemand mit mir ein Wort. Im Nachhinein muss ich sagen, das war typisch für diese Zeit. Dieses Schweigen, diese Gefühlskälte. Der Geist des Nationalsozialismus lebte überall fort, und die meisten Deutschen fanden nichts dabei.
SPIEGEL: Fragten Menschen nach Ihrem Schicksal im "Dritten Reich"?
Deutschkron: Das interessierte niemanden. Man wollte möglichst schnell zur Tagesordnung übergehen. Da war ich als Überlebende des Nazi-Terrors so etwas wie ein Störenfried. Immer wieder wurde ich aufgefordert: "Nun vergessen Sie das doch. Das ist doch schon so lange her. Man muss doch auch vergeben können." Die Deutschen fühlten sich ja selbst als Opfer.
SPIEGEL: Und rechneten die eigenen Leiden gegen die der Holocaust-Opfer auf?
Deutschkron: Sehr oft. Mal waren es tatsächliche Leiden, mal vorgegebene. Zu mir sagte ein Beamter im Wirtschaftsministerium: "Ich habe von Ihrer Lebensgeschichte gehört, das ist ja ganz furchtbar, aber wissen Sie, wir waren ja auch ständig in Gefahr und standen mit einem Bein im KZ." Ich wusste, dass der Mann während des "Dritten Reichs" in einer NS-Devisenstelle die Vermögen von Juden aufgelistet hat. Er selbst hatte es in meinem Beisein erzählt. Solche Sachen sind mir dauernd passiert. Oft habe ich mich gefragt: Was machst du bloß hier?
SPIEGEL: Was hielt Sie dennoch in der Bundesrepublik?
Deutschkron: Ich konnte ja während der Nazi-Zeit nichts Richtiges lernen. In Bonn arbeitete ich als Journalistin, zunächst frei, dann ab 1959 als Deutschlandkorrespondentin der israelischen Abendzeitung "Maariv". So verdiente ich nicht nur Geld, das gab mir auch Halt. Wo sollte ich sonst hin? In England galt ich nach dem Krieg als "feindliche Ausländerin", nach Israel hatte ich zunächst keinerlei Verbindungen.
SPIEGEL: Als Berichterstatterin kamen Sie nicht umhin, sich ständig mit Nazi-Altlasten zu befassen. Aber wie erging es Ihnen privat?
Deutschkron: Auch da habe ich Bedrückendes erlebt. Einmal nahm ich eine Frau in meinem Wagen mit, die aus meinem Haus gekommen war und auf der Straße mit ihrem Schirm gegen den Schneesturm ankämpfte. Sie schwärmte, wie wunderbar sie wohne. Nur eine Dame auf ihrem Stockwerk sei ihr sehr unangenehm. Erstaunt sei sie darüber allerdings nicht, denn ihre Flurnachbarin sei eine rassisch Verfolgte.
SPIEGEL: Haben Sie sie daraufhin an die Luft gesetzt?
Deutschkron: Nein, auf so etwas zu reagieren kostete mich viel Kraft. Ich war wie gelähmt.
SPIEGEL: Hatten Sie Freunde, mit denen Sie über Ihre unangenehmen Erfahrungen sprechen konnten?
Deutschkron: Ein Ehepaar, die Historikerin Susanne Miller und ihr Mann, hat mir all die Jahre hindurch beigestanden. Ansonsten habe ich auch in meiner engsten Umgebung zu spüren bekommen, wie wenig Ausgrenzung und Verfolgung die meisten Deutschen berührte. Ein Lebensgefährte, mit dem ich sieben Jahre zusammengewohnt hatte, eröffnete mir eines Tages, ich könne nicht mehr mit ihm zu seinen Eltern kommen, seine Mutter sage jetzt plötzlich immer so antisemitische Sachen. Er gehe dort deshalb ab sofort lieber allein hin.
SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?
Deutschkron: Ich habe furchtbar geweint. Natürlich habe ich erwartet, dass der Mann, mit dem ich lebe, gegen so etwas vehement angeht. Später erfuhr ich, dass die Geschichte ohnehin nur eine besonders schreckliche Ausrede war. Er wollte so Zeit für eine neue Freundin herausschinden.
SPIEGEL: Und hat sich nicht geniert, dafür ausgerechnet Antisemitismus vorzuschieben?
Deutschkron: Überhaupt nicht. Ähnliches ist mir später noch einmal passiert. Mit einem hohen Beamten aus dem Wirtschaftsministerium, der um einiges älter war als ich. Er hatte den Schlüssel zu meiner Wohnung, und immer, wenn ich verreist war, kümmerte er sich um sie. Eines Tages lag der Schlüssel auf meinem Tisch. Daneben ein Brief, in dem er schrieb, er sei früher in der NSDAP gewesen, deshalb ginge das mit uns nicht. Wenn er gesagt hätte, mein Charakter oder meine Berliner Schnauze passten ihm nicht - in Ordnung. Aber auf diese Art eine Jüdin loswerden zu wollen, pfui Teufel.
SPIEGEL: Sie kommen aus einem sozialdemokratischen Elternhaus und sind in Bonn wieder in die SPD eingetreten. Ist das Klima in der SPD anders gewesen?
Deutschkron: In London habe ich für die Sozialistische Internationale gearbeitet und dort schon viele deutsche Sozialdemokraten kennengelernt. Die haben mich damals ermutigt, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Als ich dann in Bonn vor ihrer Tür stand, gaben sie mir allerdings eher das Gefühl, ständig vor mir auf der Flucht zu sein. Dauernd hatten sie angeblich Termine oder waren nicht da.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das? Die SPD hatte doch viele ehemalige Emigranten in ihren Reihen.
Deutschkron: Vielleicht gerade deshalb. Denken Sie an Willy Brandt, wie der beschimpft, verunglimpft wurde, auch von Konrad Adenauer. Ich hatte mir nach dem Krieg vorgestellt, die Deutschen würden alle Emigranten bitten, zurückzukehren und beim Aufbau der Demokratie zu helfen. Das war eine Illusion. Die Sozialdemokraten hatten schneller als ich begriffen, dass es im Nachkriegsdeutschland viele Nazis und Antisemiten gab. Die SPD war windelweich, wenn es um deren Zurückweisung ging - die waren auch Wähler.
SPIEGEL: Sie haben die Bundesrepublik 1972 enttäuscht verlassen und sind nach Israel gezogen. Jetzt leben Sie seit drei Jahren wieder in Berlin. Was hat Sie ermutigt zurückzukehren?
Deutschkron: Nach den Aufführungen von "Ab heute heißt du Sara" im Berliner Grips-Theater fragten mich immer wieder Lehrer, ob ich nicht kommen und in ihren Klassen erzählen könnte. Zunächst bin ich zwischen Tel Aviv und Berlin gependelt, bis mir das zu anstrengend wurde. Ich habe mit meinen Veranstaltungen große Erfolge bei meinen jungen Zuhörern. Die hören sehr genau zu. Das macht mir Freude. Auf diese jungen Leute setze ich.
INTERVIEW: KAREN ANDRESEN
INGE DEUTSCHKRON, Jahrgang 1922, überlebte die Nazi-Zeit gemeinsam mit ihrer Mutter in verschiedenen Verstecken in Berlin. Ihr Vater konnte gerade noch nach England emigrieren. Der Rest der Familie wurde ermordet. Die Geschichte ihrer Rettung hat Deutschkron in dem Buch "Ich trug den gelben Stern" geschildert. Unter dem Titel "Ab heute heißt du Sara" gibt es ihre Erinnerungen auch als Theaterstück.
* Mit Außenminister Willy Brandt (r.) 1968 auf einem Presseball in Bonn.
Von Karen Andresen

SPIEGEL SPECIAL 1/2006
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