04.04.2006

Wo RONALDINHO ist, ist immer der Strand

VON DIRK KURBJUWEIT

Von KURBJUWEIT, DIRK

Die Kunst, der beste Spieler der Welt zu sein.

Es ist ein Freitag, 12.30 Uhr, als Ronaldinho beweisen will, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Werbung und Realität, dass er ein Zauberer ist, der die Grenzen zwischen Traum und Leben aufheben kann. Blauer Himmel, 18 Grad. Vier Bälle hat er sich bereitgelegt. Distanz zum Tor: gut 30 Meter.

"Ronaldinho, ich will ein Kind von dir", ruft ein Mädchen, das mit 200 anderen in der Fanecke steht. Er beachtet es nicht, geht ein paar Schritte zurück, träge, staksig. Er läuft an, zwei schnelle Schritte, Schuss mit rechts, der Ball segelt mit starkem Drall nach links, knallt gegen die Latte und springt zurück ins Feld. Ronaldinho lächelt. Drei Bälle liegen noch da.

Es gibt einen Werbespot von Nike, da trifft Ronaldinho viermal hintereinander die Latte. Es sieht echt aus. Es ist ein schönes Spiel mit der Magie des besten Fußballspielers unserer Zeit. Wenn einer viermal in Folge die Latte treffen kann, dann Ronaldinho. Aber auch er kann es nicht. Jeder, der ein bisschen von Fußball versteht, weiß das. Jeder weiß, dass in dem Werbespot mit Trick gearbeitet wurde.

Drei Bälle, Ronaldinho nimmt Anlauf. Dies sind nicht Dreharbeiten, dies ist Wirklichkeit, der Trainingsplatz vom FC Barcelona beim Camp Nou. Wieder segelt der Ball mit starkem Drall nach links, klatscht gegen die Latte und tropft in den Torraum.

Plötzlich ist es still. Die Mädchen rufen nicht mehr. Ronaldinhos Mannschaftskameraden Márquez und Edmílson, die sich in wunderbarer Genauigkeit quer über den Platz zugeflankt haben, hören auf. Alle gucken auf Ronaldinho. Er steht am Mittelkreis, guckt auf den Ball, guckt zur Latte.

Es ist ein Moment, in dem sich entscheidet, ob die Welt nicht doch anders ist, als man es sich vorstellen kann, ein Moment, in dem einer antritt, den Raum des Möglichen zu vergrößern. Alle, die dabei sind, spüren das. Edmílson, der direkt am Maschendrahtzaun steht, wagt nicht mehr zu atmen. Er steht starr, wie gefroren.

Ronaldinho läuft an, zwei schnelle Schritte, Schuss mit rechts, der Ball segelt mit starkem Drall nach links.

Drüber.

"Ronaldinho, ich liebe dich", ruft ein Mädchen. Edmílson holt sich einen Ball und schlägt ihn zu Márquez, über Ronaldinho hinweg. Die Welt dreht sich wieder.

Enttäuschung hängt über dem Platz, die Enttäuschung, die man an Grenzen spürt. Vielleicht ist auch ein bisschen Erleichterung dabei. Selbst für Ronaldinho gibt es Grenzen.

Er war Weltfußballer der Jahre 2004 und 2005, er war Weltmeister mit Brasilien 2002, Spanischer Meister mit dem FC Barcelona 2004/2005 und wird es wohl auch in dieser Saison. Aber das sagt zu wenig.

Ronaldo de Assis Moreira ist einer der ganz wenigen Spieler, die dem Fußball etwas Neues hinzufügen, die etwas Ungekanntes, Ungesehenes vollbringen; nicht vier Lattentreffer hintereinander, noch nicht, aber Dribblings, Pässe und Schüsse, die einen verzaubern können.

ZUM ERSTEN MAL fiel er der Welt auf im Sommer 1999, als er, 19-jährig, beim Confederations Cup sechs Tore schoss. Wenige Monate darauf gab es eine erste Begegnung mit ihm, in Porto Allegre, im Süden Brasiliens, wo er damals spielte. Zwölf Stunden Flug in der Hoffnung, jemanden zu treffen, der der Fußballspieler des 21. Jahrhunderts werden könnte.

Es war eine Woche mit einem fröhlichen, unbekümmerten Jungen, der nur Fußball und Samba im Kopf hatte. Es regnete ständig, und Ronaldinho zeigte sein Haus, sein Leben und hatte Spaß daran, sich in seinem Bett mit nacktem Oberkörper fotografieren zu lassen. Neben dem Bett saß ein dicker Teddybär. Was der Junge im Training mit dem Ball zeigte, war von berauschender Schönheit.

Sechs Jahre später soll es einen zweiten Versuch geben, Ronaldinho zu treffen, nicht den Jungen, sondern den Superstar, nicht in Porto Allegre, sondern in Barcelona. Es wird wieder eine Woche mit Ronaldinho, aber eine ganz andere als damals.

Anreise am Sonntag, am Abend spielt Barcelona gegen Athletic Bilbao. Juanjo, ein Freund und Berater Ronaldinhos, hatte schon vor längerer Zeit telefonisch einen Termin für ein Interview zugesagt: "Kein Problem, kommen Sie einfach." Seit Donnerstag ist er allerdings nicht mehr zu erreichen. Er legt auf, sobald man sich meldet.

An Camp Nou, dem Stadion des FC Barcelona, fällt zuerst die Stille auf. Es gibt keine Gesänge vor dem Spiel, das Stadion ist fast voll, 80 000 Zuschauer, aber sie singen nicht.

Ronaldinho kommt als Letzter auf das Spielfeld, im Laufschritt, ein Sprung, große Umarmung für alle Mitspieler. Er stellt sich an die linke Außenlinie. Das Spiel läuft, und niemand singt.

Barcelona gewinnt das Spiel gegen den Vorletzten der Tabelle mühsam mit 2:1. Ronaldinho verwandelt einen Elfmeter und leitet das Siegtor mit einer Flanke ein. Es ist nicht sein bester Tag, aber er schafft Momente, die unvergesslich sind.

Er hat den Ball am rechten Fuß, bedrängt von zwei Gegnern. Er schiebt ihn vor, als wolle er mitten durch sie hindurch, dann zieht er den Fuß zurück, und als wäre Kleber am Schuh, kommt der Ball mit, entzieht sich auf wundersame Weise den Gegnern, die schon gierig danach gestochert haben. Ronaldinho zieht den Ball weit zurück und drückt ihn hinter dem linken Bein vorbei zu einem Mitspieler, der frei ist. Zurück bleibt Verwirrung.

Das Stadion schreit auf in diesen Momenten, die Stille zerplatzt, 80 000 springen von den Sitzen, Erlöste. Lachen, olé.

In diesem Spiel, das über 70 Minuten ziemlich fad ist, wird klar, warum Ronaldinho so herausragt. Fußball ist ein überreguliertes Spiel geworden, es ist gebunden in Ketten und Rauten, es ist immer ein bisschen wie Preußen gegen Österreich und Russland bei Kunersdorf, strenge Formationen, wenig Freiheit für die Kämpfer. Insofern ist Camp Nou ein ehrliches Stadion. Kein Gesang für die übliche Schlacht, Gefühlsexplosion bei den magischen Momenten.

RONALDINHO IST FREI, er kann links spielen, rechts, in der Mitte, die Ketten und Rauten gehen ihn nichts an. Der Auftrag, den er sich selbst gegeben hat, heißt Tempo. Sobald er den Ball hat, wird das Spiel von Barcelona ein reißender Strom.

Niemand hat so viel Spaß daran wie er selbst. Er lacht, er plaudert vergnügt mit dem Schiedsrichter, er feiert sein Tor mit einer Geste, die er den brasilianischen Surfergruß nennt. Er spreizt Daumen und kleinen Finger ab und dreht dabei das Handgelenk. Wo Ronaldinho ist, ist immer ein Strand.

Ronaldinho rettet den Fußball vor seiner Eintönigkeit. Er pflanzt Blumen in die Ödnis, er besiegt die Hässlichkeit. Im Spiel gegen Bilbao reißt Deco einem Gegenspieler an den Haaren, Eto'o bespuckt Expósito, und Javier Clemente, der Trainer von Bilbao, kommentiert dies mit den Worten: Das täten nur solche, "die von den Bäumen kommen", Affen also. Ein rassistischer Angriff gegen den Afrikaner Eto'o. Ohne Ronaldinho wäre man manchmal verloren mit diesem Sport.

An diesem Abend, nach dem Spiel, kommt es zu einem Gespräch mit Cordula Reinhardt. Sie ist Deutsche und ist bei der spanischen Sportzeitung "Mundo Deportivo" zuständig für den FC Barcelona. Sie wird zum guten Engel dieser Recherche. Sie will helfen, einen Termin mit Ronaldinho zu besorgen, denn Juanjo legt immer noch auf.

Es gibt jetzt einen Plan. Der sieht so aus: Ronaldinho beim Training abfangen und ihm das Heft mit dem Artikel von 1999 zeigen, hoffen, dass er sich erinnert und zu einem Interview bereit ist.

Am Montag ist um elf Uhr morgens Training beim Camp Nou. Es regnet wie damals in Porto Allegre, es ist kühl. Nach und nach kommen die Spieler aus den Katakomben, Eto'o, Messi, Larsson, Puyol. Sie spielen sich warm, leuchten in ihren stechend gelben Sweatern durch die Düsternis eines Regentags. Wo ist Ronaldinho?

Es heißt, dass er am Tag nach dem Spiel manchmal nicht mittrainiert. Er ist nicht nur auf dem Spielfeld frei, er ist auch sonst nicht mehr ganz Teil seiner Welt, sondern schwebt in einer anderen Galaxie. Niemandem sonst würde Trainer Frank Rijkaard verzeihen, dass er zu spät zum Training kommt. Ronaldinho kommt fast jedes Mal zu spät.

Diesmal kommt er gar nicht. Er macht nur Gymnastik in den Katakomben. Der Plan ist gescheitert, aber sofort hat Claudio, ein brasilianischer Fotograf mit angeblich besten Verbindungen zu Ronaldinho, einen neuen.

Er winkt, er rast los, um das Stadion herum, ins Stadion hinein, drückt einem unterwegs einen Blackberry in die Hand, der seine Fotos von Ronaldinho zeigt, er verhandelt mit Wachmännern, führt durch Lounges im Stadion, der Palm zeigt automatisch Bild um Bild, Ronaldinho beim Schuss, Ronaldinho beim Dribbling, Claudio rast eine Treppe hinunter, öffnet eine Tür, Ronaldinho mit Anzug und Krawatte, hinter der Tür ist die Tiefgarage mit den Autos der Spieler, Cayennes, Hummers, Touaregs, Ronaldinho mit Maradona, Claudio stoppt bei einem Familienvan von Seat, in dem ein schläfriger Junge sitzt, Ronaldinho mit seinen Trophäen, der Junge ist Thiago, der Fahrer und Freund von Ronaldinho, und jetzt guckt er sich die Zeitschrift von '99 an und das Foto von Ronaldinho im Bett, und in seinem Gesicht regt sich nichts, er sagt nichts, nur Claudio redet ununterbrochen, Ronaldinho beim Schuss, beim Dribbling, im Anzug, und Claudio redet, und dann macht der Junge die Surferbewegung mit der Hand, und Claudio macht sie auch und geht und sagt nichts mehr. Es sieht so aus, als sei auch Plan 2 gescheitert.

Für 12.30 Uhr ist die übliche Pressekonferenz nach dem Training angesetzt, und angekündigt ist Ronaldinho. Eine weitere Gelegenheit für Plan 1. Fünfzig Journalisten warten. Sie schließen Wetten ab, was Ronaldinho sagen wird, gestanzte Sätze, die Fußballspieler immer sagen. Müssen uns auf unsere eigenen Stärken besinnen.

Er kommt, es gibt ihn wirklich, auch an diesem Montag. Er sitzt auf dem Podium des Presseraums, der aussieht wie ein kleines Kino. Er trägt eine Mütze und eine schwere Silberkette. Er sagt die Sätze, die von den Journalisten vorhergesagt wurden. Er spricht reglos, tonlos, wie eine Maschine.

Er ist verschwunden, bevor er die Zeitschrift mit dem Foto gesehen hat. Er wollte nur weg, ganz schnell, nach Hause.

Er lebt in Castelldefels, einem Badeort südlich von Barcelona. Es gibt dort nichts Schönes außer dem Strand und den Palmen. Ronaldinhos Villa liegt auf einem Hügel. Es heißt, dass er oft am Strand seine Tricks übe. Man könnte sich mit der Zeitschrift in den Sand legen und warten, bis er kommt. Vielleicht kommt er auch nicht.

Auch Ronaldinho hat einen Hummer und einen Cayenne und das ganze andere Spielzeug der reich gewordenen Bengels. Er hat bei einer brasilianischen Fernsehshow ein Nummerngirl kennengelernt und ihm gleich ein Kind gemacht, Joao, ein Jahr alt, der bei seiner Mutter in Brasilien lebt. Es heißt, Ronaldinho lasse sich seine Hasenzähne nicht richten, weil sie ein Markenzeichen geworden sind, mit dem er sich besser vermarkten lässt. Es sieht so aus, als lebe er das große, miese Superstarleben.

BEIM STUNDENLANGEN WARTEN im Pressesaal des FC Barcelona werden tausend Geschichten über Ronaldinho erzählt. Es sind aber nur diese drei, die auf ein Superstarleben hindeuten. Ansonsten wird das Lied des guten Menschen gesungen, der ein großes Herz hat für die Fans, der eingebettet ist in seine Familie, gemanagt vom Bruder, betreut von der Schwester, beaufsichtigt von der Mutter, und der nichts anderes will als schönen Fußball spielen. Der auch nichts anderes macht. Ist er nicht auf dem Platz, sitzt er an der Playstation und spielt elektronischen Fußball. Als Spieler wählt er immer Ronaldinho, und er soll, natürlich, der beste Elektrokicker im Kader des FC Barcelona sein.

Ronaldinho selbst hat sein Leben in einen Satz gefasst, der zum Klassiker taugt: "Meine Freundin ist der Ball."

Am Mittwoch ist um 18 Uhr Training. Alle kommen sie aus den Katakomben, nur Ronaldinho nicht. Sie spielen zum Aufwärmen "Rondo": ein Kreis von Spielern, zwei Mann in der Mitte, die den Ball erhaschen müssen. Schnelles, direktes Passen.

Nach fünf Minuten kommt Ronaldinho, er rennt, er ist viel zu spät, er hat keine Zeit, auf eine Zeitschrift zu gucken.

Am Maschendrahtzaun steht eine ältere Frau, die nur auf ihn gewartet hat. Sie hebt die Kamera, sie ist glücklich, sie wird ein Foto von Ronaldinho nach Hause bringen. Er läuft auf den Platz, er sieht sie und jagt einen Ball stramm in den Maschendrahtzaun, genau an die Stelle, wo ihr Kopf ist. Ein Knall, sie schnellt zurück, tief erschrocken. "Ich wollte dich nur wecken", ruft er und grinst.

Er reiht sich ein in das Rondo der Südamerikaner von Barcelona, er zählt mit. Uno, dos, tres. Bei cinco gerät ihm ein Heber zu hoch und wird unerreichbar für Edmílson. "Spring doch, du Fettsack", ruft Ronaldinho. Er lacht, alle lachen. Seitdem er da ist, herrscht ein rüde-fröhlicher Schulhofton. Es wird gegackert und geschrien. Im Rondo der Europäer ist es totenstill.

Ansonsten fällt Ronaldinho im Training mit der Mannschaft nicht weiter auf. Die gymnastischen Übungen macht er nachlässig, und während die anderen schon laufen, schlappt er noch über den Platz, als hätte er Badelatschen an den Füßen, und im Trainingsspiel gelingt ihm nicht viel.

Nach anderthalb Stunden gehen die anderen, und er bleibt. Er versammelt Bälle um sich und trabt in der Mitte des Platzes herum, mehr Trägheit sah man nie, doch aus dieser Ruhe entspringt die Magie. Plötzlich tritt er an, schießt oder dribbelt, und die Mädchen kreischen.

"Ronaldinho, guapo", singen sie im Chor, "du Hübscher". Das kann man zuallerletzt über Ronaldinho sagen, aber wer versteht schon die Liebe der Frauen.

Er winkt ihnen zu, er dribbelt, und plötzlich meint man, einen neuen Sport zu sehen. Beim Dribbling legen sich die Spieler, die nicht Ronaldinho sind, den Ball vor und folgen. Sie kicken. Er dagegen übt eine Wischbewegung, er bleibt mit dem Fuß am Ball, lässt ihn dort kleben, wie auch immer. So hat er ständig Kontrolle und kann die Richtung unvermittelt ändern. Nie sah Fußball fremder, exotischer aus.

Er übt eine Extrastunde, dann wird es wieder Zeit für Plan 1. Er kommt hinter dem Maschendrahtzaun hervor und wird bestürmt mit Wünschen nach Autogrammen, nach Fotos, und er erfüllt sie alle. Das dauert, und man steht da mit der Zeitschrift und fragt sich, was das soll.

VOR SECHS JAHREN gab es ähnliche Gedanken beim Flug nach Porto Allegre, vielleicht in Stunde zehn, schlaflos und verkrümmt in der Economy. Da kam in einem kleinen Arroganzanfall die Frage auf, was das eigentlich soll? Wieso fliegt man als politischer Journalist, als Diplom-Volkswirt und Familienvater zwölf Stunden nach Porto Allegre, um sich einen Lümmel mit Hasenzähnen anzuschauen?

Die Frage hielt bis zum ersten Training. Ronaldinho kam aufs Feld, tippte den Ball mit rechts an, so dass er hinter seinem linken Bein vorbeirollte, er drehte sich und löffelte den Ball in die Luft. Er fing ihn mit dem Nacken auf und machte zehn Rumpfbeugen. Der Ball fiel nicht runter. Es gab keinen Zweifel mehr, dass sich diese Reise gelohnt hatte.

In Porto Allegre fuhr er einen weißen Fiat und lud ein zu einem Ausflug in seine Kindheit. Das Viertel, in dem er aufgewachsen ist, ist keine Favela, aber ein Viertel der Armen, Holzhütten an Sandwegen. Hier spielten er und sein älterer Bruder täglich mit dem Vater, und der Bruder wurde Profi und kaufte ein Haus mit Swimmingpool, in dem der Vater nach einer Party ertrank.

Der kleine Ronaldo war acht Jahre alt, und er hat immer weiter trainiert, als wäre der Vater noch da, mit kleinen Bällen, mit schweren Bällen, im Sand, im Schlamm nach dem Regen, und als er mit richtigen Bällen auf richtigen Plätzen spielte, war Fußball kinderleicht für ihn. Sein Jugendtrainer Claudio Roberto Pires Duarte sagte: "Wir mussten ihm nichts beibringen, er konnte schon alles."

Ende 1999 war er schon zwei Jahre Profi bei Gremio Porto Allegre, und er war unglaublich. Und er war ein netter Junge, der auf die Frage, wer in fünf Jahren der beste Fußballspieler der Welt sein werde, fröhlich sagte: "Ich."

Aber es gab schon Ärger, Ärger um Geld. Die europäischen Vereine hatten sich angesaugt wie Oktopusse, Anfang 2001 wurde er von Gremio gesperrt, weil es Ärger um Vertragsdinge gab, und eines der größten Talente aller Zeiten durfte ein halbes Jahr nicht Fußball spielen.

Es sah so aus, als würde ihn das Hässliche des Fußballs zerstören, bevor er der Fußballwelt Schönheit schenken konnte. Dann ging er zu Paris Saint-Germain, und es gab Ärger mit dem Trainer, der ihn nicht von der Leine lassen wollte, und die Welt feierte Zidane, Beckham und Ronaldo, und Ronaldinho war so halb verschwunden.

Bei der Weltmeisterschaft 2002 tauchte er auf, hatte im Viertelfinale gegen England ein paar magische Momente, und man freute sich riesig, und dann sah er die rote Karte, und das war verdammt traurig.

2003 ging er nach Barcelona, wo es warm ist und wo Trainer Rijkaard erkannte, dass ein Zauberer keine Fesseln verträgt, und Ronaldinho wurde zum größten Spektakel der Fußballwelt.

Sechs Jahre lang war er irgendwie immer dabei in meinem Leben, in den Gesprächen mit Freunden, in den Tagträumen, die bei Ronaldinho beginnen und bei einem selbst aufhören, weil der Jungstraum vom großen Fußballerleben ewig nachhallt.

Und manchmal sitzt man in der Bundespressekonferenz, und Angela Merkel oder Franz Müntefering redet mal wieder so vollkommen reizlos daher, dass einen fast der Schlaf übermannt, und dann fliegt plötzlich dieser Ball heran, Ronaldinho vor die Füße, und er wischt den Ball zwischen zwei Bremern hindurch, und alles ist gut. Ronaldinho kann einen retten. Und deshalb ist es nicht so schlimm, ihm diese Zeitschrift hinterherzutragen. Für Angela Merkel würde man es nicht tun.

JETZT HAT ER IM CAMP NOU alle Autogramme geschrieben, in alle Fotohandys gelächelt, alle Kinder geherzt, gleich ist er in den Katakomben verschwunden. Er kommt - und hier, bitte, die Zeitschrift mit dem Artikel von damals. Er bleibt stehen, schaut auf das Foto, das ihn im Bett zeigt, und er erinnert sich und lacht.

"Okay", sagt er, "ich habe viel zu tun, aber ich mache das Interview. Sprecht einen Termin mit dem Pressesprecher ab."

Dann geht er. Der Termin ist Freitag nach dem Training, 13 Uhr.

Zum Glück ist Barcelona eine Stadt, die einem das Warten leicht macht: die Schönheit der Gassen, der Strand, der große Fisch von Frank Gehry. Ronaldinho ist immer dabei. Es gibt keinen Souvenirshop, der nicht sein Trikot aushängt, das Blaugrana, das Blaugranatapfelrote, oder, häufiger noch, das stechend gelbe Auswärtstrikot. Sein Name auf dem Rücken, Nummer 10. Barcelona besucht zu haben heißt derzeit, Ronaldinho nahe gewesen zu sein. Er ist zur Sehenswürdigkeit geworden. So wie Japaner, Engländer und Deutsche zur Kathedrale von Gaudí pilgern, pilgern sie zum Camp Nou, um eine Karte zu ergattern. Meist kriegen sie keine.

Am Freitag um 14 Uhr gibt es immer noch kein Signal vom Pressesprecher. Warten im Pressesaal, warten bis 15 Uhr, dann kommt der Pressesprecher, und sein Gesicht verrät, dass es ein Problem gibt. Er bittet in den VIP-Bereich.

Dann steht Ronaldinho da, mit einer braunen Hose und einem schwarzen, langen T-Shirt und einer Wollmütze, er sieht aus wie ein Edelrapper und guckt wie ein kleiner Junge. Er sei so kaputt und so müde und könne kein Interview mehr geben, aber morgen, da wolle er sich viel Zeit nehmen, und es werde auch ganz bestimmt klappen, Hand drauf, und bitte, er sei soo müde. Seine Augen betteln.

Was soll man da sagen?

Der Termin wird auf 12 Uhr gelegt.

Am Samstag um 13.30 Uhr ist Ronaldinho immer noch nicht aufgetaucht. Durch den Pressesaal ziehen Touristen, die eine Tour durch Camp Nou gebucht haben. Sie flüstern vor Ehrfurcht, als wären sie in einer Kirche. Irgendwie ist es gerade ein Trost, dass es Leute gibt, die der Fußball zu noch größerem Irrsinn verleitet.

Der Pressesprecher kommt, bittet in eine Lounge, braune Ledersessel, ein fleckiger Teppich. Nichts passiert. Durch ein Fenster ist das Spielfeld zu sehen, Tauben, eine Katze, das Rauschen der Klimaanlage.

Um 14.00 Uhr kommt die Meldung, Ronaldinho sei noch bei der Massage.

Um 14.25 Uhr kommt die Meldung, Ronaldinho sei noch im Jacuzzi.

Um 15.05 Uhr kommt Ronaldinho.

Er wirkt schmaler, kleiner als auf dem Fußballplatz. Er hat sein langes Haar unter eine Wollmütze gewunden. Sie ist schwarz und zeigt in der Mitte die Rastafarben Rot-Grün-Gelb. Er trägt ein weißes T-Shirt mit einem stilisierten Michael Jordan und eine schwarze Hose. Von seinem Hals baumelt eine schwere Kette, an der ein großes R mit einer 10 hängt. Seine Uhr glitzert. Er sieht wieder aus wie ein Edelrapper, aber er riecht wie ein Baby, das gerade aus der Badewanne gekommen ist.

Er entschuldigt sich dafür, dass es so schwierig war, einen Termin zu kriegen. Er setzt sich auf eines der braunen Ledersofas, und das Gespräch, auf das man eine Woche gewartet hat, kann beginnen.

Ronaldinho hat einen großen Willen zu lachen. Er sucht aus jeder Frage den Aspekt heraus, der ihn fröhlich macht. Dann lacht er und strahlt. Es ist eine ansteckende Fröhlichkeit, man fühlt sich bald wohl mit ihm. Er spricht mit heller Stimme, und rasch stellt sich der Eindruck ein, dass er sich fast nicht verändert hat in den sechs Jahren seit Porto Allegre. Vielleicht ist er dazu verurteilt, ewig ein lachender, unbekümmerter Junge zu sein, aber das ist nicht das schlechteste Urteil.

Das Gespräch dauert eine halbe Stunde. Er sagt einen Satz, den jeder gern sagen würde: "Ich lebe meinen Traum." Er kriegt einen Lachanfall, als er daran erinnert wird, dass er in Porto Allegre gesagt hat, in fünf Jahren sei er der beste Spieler der Welt. "Das soll ich gesagt haben, kann ich mich nicht dran erinnern." Auf die Frage, wie oft er den Ball hintereinander an die Latte knallen kann, sagt er: "Kommt auf den Tag an, ich schaffe es zweimal, dreimal, viermal." Er grinst schelmisch. "Am Tag, als wir den Werbespot gedreht haben, habe ich es viermal geschafft." Jetzt biegt er sich vor Lachen.

Ein Gespräch mit einem Fußballspieler wie Ronaldinho hat seine Grenzen. All das, was man sich ausdenkt, was man empfindet über die Schönheit, die Magie, die Bedeutung, das spiegelt sich nicht in solchen Gesprächen, das spielt sich nur im eigenen Kopf ab, in der eigenen Seele. Ronaldinho sagt: "Ich arbeite viel."

Auf die Frage, ob es ihm um Schönheit gehe oder um Siege, sagt er: "Im Fußball geht es immer um den Sieg." Als bemerke er eine leichte Enttäuschung, fügt er hinzu: "Wenn nebenbei Schönheit entsteht, ist es natürlich am besten."

In der Lounge läuft stumm ein Fernseher, und als dort Ausschnitte aus einem Hallenfußballspiel gezeigt werden, verschwindet Ronaldinho aus dem Gespräch. Er ist einfach weg, er starrt auf den Fernseher, hört keine Frage mehr. Sein Körper macht kleine Bewegungen, als spielte er mit, als jagte er dem Ball nach, und eigentlich sagt das mehr über Ronaldinho als jedes Wort.


SPIEGEL SPECIAL 2/2006
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