04.04.2006

WM-Almanach

Alle Teams. Alle Nationen. Alle Spiele.

ANGOLA

POLITIK
Hoffen auf Versöhnung
Angola hat Zukunft - zumindest in den Augen internationaler Investoren. Mit über einer Million geförderter Barrel am Tag ist die frühere portugiesische Kolonie heute zweitgrößter Ölproduzent in Schwarzafrika. Die Gewinne kassierte bislang eine Clique um den seit 1979 amtierenden Präsidenten José Eduardo dos Santos. 70 Prozent der Angolaner leben in Armut. Ihre Zukunft hängt auch davon ab, ob die Spaltung durch den 27 Jahre währenden Bürgerkrieg überwunden werden kann. Die Zahl der Toten durch die 2002 beendeten Kämpfe wird auf mehr als eine Million geschätzt, inzwischen sitzen die früheren Kriegsparteien zusammen in der Regierung. Die hat außer der Ölförderung bislang wenig zustande gebracht: Das Land ist hochverschuldet und nicht wettbewerbsfähig. Immerhin: Im September soll zum ersten Mal seit 14 Jahren wieder gewählt werden.
FUSSBALL
Eine Million für den Sieg
Als Fabrice Alcebíade Maieco, genannt Akwá, im Qualifikationsspiel gegen Ruanda in der 79. Minute per Kopfball das 1:0 für Angola erzielte, kamen ihm die Tränen. Sein Tor war ein historischer Moment für das Land. Im sechsten Anlauf haben sich die "Schwarzen Antilopen" erstmals die Teilnahme an einer WM-Endrunde erspielt, und Akwá sagte nach dem Spiel, nun könne Angola zeigen, dass es für mehr stehe als Armut, Krieg und Erdöl. Die Mannschaft, die immerhin die Super Eagles aus Nigeria hinter sich gelassen hatte, wurde von der Regierung mit einer Million Euro belohnt. Wichtiger für die Spieler ist aber, dass die WM für viele Spieler eine Chance ist, sich für Vereine in Europa zu empfehlen. Dabei geht es der nationalen Liga in Angola gar nicht mal so schlecht. Dank des Öls und anderer Bodenschätze gilt sie als eine der potentesten in Afrika. Vergleichbar dem System der ehemaligen Sowjetunion, sind manche Clubs der Polizei, dem Militär oder der Ölgesellschaft zugeordnet.
SPIELKULTUR
Zurück zu den Wurzeln
Das Gerüst des angolanischen Teams bilden jene Spieler, die vor fünf Jahren den bisher einzigen Titel für Angola holten, als sie Afrikameister der U-20-Mannschaften wurden. Eine der zentralen Figuren in dieser eingespielten Mannschaft ist Stürmer Akwá, der in Katar spielt. Der 28-jährige Kapitän schoss das jeweils entscheidende Tor gegen Ruanda und Nigeria. Als technisch begabter Mittelfeldspieler gilt Gilberto vom ägyptischen Verein al-Ahli. Um die Mannschaft zu verstärken, suchte man in Portugal nach Spielern mit angolanischen Wurzeln. In das Land der ehemaligen Kolonialherren flohen rund vier Millionen Bürgerkriegsopfer. Einer von ihnen ist Mittelfeldspieler Figueiredo, ein Sohn portugiesischer Siedler, die Angola vor vielen Jahren verließen. Er kickt heute in der portugiesischen Liga. Auch wenn sich die Angolaner zuletzt stetig verbessert haben, brauchen sie noch Zeit, um konstant auf internationalem Niveau zu spielen. Gezeigt hat dies der Afrika-Cup im Januar, als man zwar technisch ansprechend spielte, aber nach der Vorrunde wieder nach Hause fuhr. Lediglich gegen Togo, einen weiteren Überraschungs-WM-Teilnehmer, gelang ein Sieg; gegen Kongo reichte es nur zu einem 0:0, und beim 1:3 gegen Kamerun blieb das Team weitgehend chancenlos.
STAR
Mantorras
Er ist einer der wenigen Spieler in den Reihen der Angolaner, der bislang internationale Klasse nachgewiesen hat. Seit 2001 steht der frühere afrikanische Nachwuchsspieler des Jahres bei Benfica Lissabon unter Vertrag. Wegen Operationen an den Bändern musste der wuchtige Angreifer beinahe die gesamte Spielzeit 2003/04 aussetzen, doch nach seiner Rückkehr steuerte er als Einwechselspieler immerhin noch acht Tore zum nationalen Titelgewinn für Benfica bei. Vor dem entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Ruanda erinnerte Mantorras, 24, seine Mitspieler eindringlich daran, dass ihnen nach einem Sieg das Tor nach Europa sehr weit offenstehen würde. Es scheint, als habe Mantorras Wort Gewicht.
TRAINER
Luis Oliveira Gonçalves
Er löste nach einem blamablen 1:3 gegen den Tschad zum Auftakt der WM-Qualifikation den Brasilianer Ismael Kurtz im Amt des Nationaltrainers ab. Gonçalves ist mit dem Fußball in Angola eng vertraut. Als Betreuer verschiedener Jugendmannschaften führte er unter anderem 2001 die U 20 zum Titel bei der Afrikameisterschaft. Aus dieser Zeit kennt er einen Großteil seiner Spieler, für manche ist der Trainer, der sehr viel Wert auf Teamgeist legt, eine Art Vater. Gonçalves, der Angola nicht mehr als Fußballentwicklungsland sieht, fordert von seinen Spielern Härte, Engagement und Entschlossenheit. In einigen Jahren will er in die Spitze des Verbands wechseln, um von dort den Fußball in Angola weiter aufzubauen.
ARGENTINIEN
POLITIK
Neuer Aufschwung?
Ende 2001 ging nichts mehr in Argentinien. Nach jahrzehntelanger Misswirtschaft stürzte das Land in die schwerste wirtschaftliche Krise seiner Geschichte. Schuldenzahlungen wurden eingestellt, Konten gesperrt, es kam zu gewaltsamen Protesten. Seit drei Jahren erlebt das südamerikanische Land nun einen neuen Aufschwung. Die Reformrezepte von Präsident Néstor Kirchner sind allerdings umstritten. Private Gläubiger erhielten nur ein verlustreiches Umschuldungsangebot, die Industrie wird mit einem künstlich niedrig gehaltenen Peso hochgepäppelt. Viele strukturelle Probleme des einstmals reichen Landes bleiben ungelöst. Fast 40 Prozent der Argentinier leben unter der Armutsgrenze, knapp die Hälfte der Beschäftigten kann nur von Schwarzarbeit leben. Auch die Energieversorgung des 38-Millionen-Einwohner-Staates ist nicht gesichert. So blicken die Argentinier eher pessimistisch in die Zukunft.
FUSSBALL
Furcht vor Hooligans
Wenn Spiele der Nationalelf im Fernsehen übertragen werden, sind die Straßen in Buenos Aires leer. Der Nationalsport ist das beherrschende, identitätsstiftende Thema der Gesellschaft. Von den 20 Clubs der ersten Profiliga kommen 12 aus der Provinz Buenos Aires. Doch jeder, der sich dem Fußball verbunden fühlt, muss ein Bekenntnis ablegen, Fan zu sein entweder von Boca Juniors oder von River Plate, den beiden großen Vereinen der Hauptstadt, deren Verhältnis von langer Rivalität geprägt ist. In den veralteten Stadien hat sich ein Hooliganismus etabliert, der zuweilen zur Aussetzung kompletter Spieltage führt. In manchen Fanblock trauen sich nicht mal bewehrte Polizisten hinein.
SPIELKULTUR
Kater nach dem Rausch
Auch wenn der letzte Titelgewinn der "Gauchos" in diesem Sommer bereits 20 Jahre zurückliegt, reisen sie wie immer als einer der Favoriten nach Deutschland. Argentinien löste das WM-Ticket im Juni 2005 als erstes Team der Südamerika-Gruppe mit einem rauschhaften 3:1 über den Erzrivalen Brasilien; die Torschützen hießen damals Juan Roman Riquelme und Hernán Crespo. Der Mittelfeldregisseur vom FC Villarreal und der kopfballstarke Stürmer vom FC Chelsea, der 7 von 29 Treffern in der Qualifikation erzielte, gelten unter Trainer José Pekerman als gesetzt. Ansonsten ist vieles im Unklaren. Die Mannschaft wirkte nach einer Serie von Niederlagen im Herbst reichlich verunsichert. Carlos Tevez und vor allem der bereits als zukünftiger Topstar gehandelte Lionel Messi, der in Barcelona an der Seite von Ronaldinho eine starke Saison spielt, drängen mit Macht ins Team. Und dahinter wartet schon wieder eine neue Generation großer Talente (siehe Seite 40). 52 Prozent der Argentinier glauben übrigens an ein schlechtes Abschneiden ihrer Mannschaft.
STAR
Juan Román Riquelme
Der älteste Sohn einer zehnköpfigen Familie gilt als legitimer Nachfolger von Diego Armando Maradona. Beim Abschiedsspiel der argentinischen Fußball-Legende 2001 erhielt Riquelme persönlich die höchste Weihe: Maradona ging nach 60 Minuten vom Feld, zog sein Trikot aus, und zum Vorschein kam ein T-Shirt mit der Nummer 10 und der Aufschrift "Román", dem Rufnamen des Mittelfeldstrategen. Riquelme blieb vergleichsweise lange der argentinischen Liga treu. Erst nachdem sein Bruder Cristian im April 2002 entführt wurde und gegen Zahlung eines Lösegeldes freikam, war er zum Wechsel nach Europa bereit. Der FC Barcelona investierte 10,5 Millionen Dollar Ablöse, doch der damalige Trainer Louis van Gaal mochte mit dem introvertierten Künstler nichts anfangen. Riquelme, 27, wurde an den FC Villarreal ausgeliehen - und seitdem hat sich der Club aus Valencia in der Champions League etabliert.
TRAINER
José Pekerman
Nach dem überraschenden Rücktritt von Marcelo Bielsa im Herbst 2004 übernahm der 56jährige José Pekerman das Amt des Nationaltrainers. Pekerman, der zuvor acht Jahre lang die argentinische U 20 betreute, genoss international einen ausgezeichneten Ruf als Nachwuchstrainer. Dreimal führte er die argentinischen Junioren zum WM-Titel, er formte Spieler wie Riquelme oder Figueroa, und anders als einige seiner Vorgänger, für die das manchmal übertrieben aggressive Spiel der Argentinier ein Markenzeichen war, legt Pekerman sehr großen Wert auf Fairness. Nachdem er anfangs angekündigt hatte, die Arbeit Bielsas fortzusetzen, begann Pekerman irgendwann doch damit, die Mannschaft umzubauen. Er holte Spieler wie Esteban Cambiasso, Aldo Duscher oder Mario Santana neu hinzu und erntet dafür nun Kritik, weil er die etablierte Hierarchie der Mannschaft durcheinanderbrachte und keine neue installierte.

AUSTRALIEN

POLITIK
Rassismus und Wachstum
So hatte die Welt Australien noch nicht gesehen: Ende des vergangenen Jahres prügelten weiße Jugendbanden in Sydney, Adelaide und Perth auf arabisch aussehende Menschen ein. Für die rassistischen Ausschreitungen wurde auch die rigide Einwanderungspolitik von Premier John Howard verantwortlich gemacht. Wirtschaftlich steht der bereits zum dritten Mal wiedergewählte Konservative besser da. Seit den neunziger Jahren gehört Australien zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften, auch heute sind die Aussichten gut - unter anderem wegen enger Beziehungen zu China. Howard strebt weitere Privatisierungen und eine Reform der Sozialsysteme an. Sorgen bereitet den Australiern ihre Umwelt. Wasser wird durch erhöhten Verbrauch und geringe Niederschläge immer knapper. Und das Ozonloch wird auch nicht kleiner.
FUSSBALL
Kantersiege gegen Tonga
Nach der Qualifikation für das Turnier in Deutschland ist der Fußball, häufig verspottet als merkwürdiges Rundballspiel für Weicheier, seit langem wieder einmal aus dem Schatten von Rugby und Cricket getreten. Der Sport hat Down under schwer zu kämpfen, um Anerkennung, um Sendezeit, um Geld. Erst im vergangenen Jahr wurde die einheimische Liga reformiert und wiederbelebt; nach Skandalen und Pleiten war der Spielbetrieb zuvor für mehr als ein Jahr unterbrochen worden. Die meisten Stars spielen im Ausland, und solange die "Socceroos" ihre Länderspiele vor allem gegen Freizeitkicker austragen und zweistellig gegen viertklassige Gegner wie Tonga oder Tahiti gewinnen, wird das Land fußballerisch stagnieren, auch wenn man mit 31 Toren im Spiel gegen Amerikanisch-Samoa den Weltrekord hält. Deshalb kam man auf die Idee, Australien aus dem Verband Ozeanien herauszulösen und sich der asiatischen Föderation anzuschließen. Bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 wird sich Australien nun mit den Mannschaften Asiens auseinander- setzen müssen.
SPIELKULTUR
Ehrgeiz und Pressing
Die Mannschaft spielt kompaktes Dauerpressing, es ist die Handschrift des neuen Trainers Guus Hiddink. Der Niederländer hat eine ehrgeizige Mannschaft beisammen, erfahrene Spieler, von denen die meisten ihr Geld in der englischen Premier League verdienen. So ist etwa Torhüter Mark Schwarzer, ein Sohn deutscher Auswanderer, beim FC Middlesbrough zu einem verlässlichen Rückhalt gereift. Und Mittelfeldregisseur Tim Cahill, der in der Qualifikation sieben Tore schoss, spielt bei Everton eine überaus gelungene Saison.
STAR
Harry Kewell
Was nur hätte aus Harry Kewell werden können, wenn er nicht immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen worden wäre. 27 Jahre ist der dreimalige Fußballer Ozeaniens mittlerweile alt, sein Debüt in der australischen Nationalelf liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Damals ging Kewell als 17-Jähriger nach England zu Leeds United, 2003 wechselte er für 8,5 Millionen Euro zum FC Liverpool, mit dem er im vergangenen Jahr die Champions League gewann. Dennoch war 2005 nicht Kewells Jahr. Mal zwickte den dribbelstarken Mittelfeldspieler die Leiste, mal spielten die Sprunggelenke nicht mit, und zu allem Überfluss plauderte seine Frau, eine bekannte Soap-Darstellerin, in der englischen Ausgabe von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" auch noch Intimitäten aus: Ihr Mann habe einen Pfirsich-Po, sei ein Fan der Backstreet Boys und benutze Gesichtspeelings. Besser wurde es erst in der zweiten Jahreshälfte, als er im Play-off-Spiel des Nationalteams gegen Uruguay eingewechselt wurde und nur vier Minuten später das 1:0 vorbereitete.
TRAINER
Guus Hiddink
Spätestens seitdem er 2002 Gastgeber Südkorea ins Halbfinale der WM geführt hat, gilt der Niederländer Guus Hiddink als einer, der das Talent hat, Fußballzwerge großzumachen. Nach diesem Erfolg, für den er mit einem Haus samt Insel belohnt wurde, wechselte der 59-Jährige zurück in die heimische Ehrendivision, wo er mit dem PSV Eindhoven Meister wurde und das Halbfinale der Champions League erreichte. Seit dem Sommer 2005 ist er nicht nur Trainer in Holland, sondern auch Coach des australischen Teams. Um seine neue Mannschaft kennenzulernen, sagte Hiddink erst mal ein geplantes Länderspiel ab und erklärte seinen Spielern während eines Trainingslagers, dass auch ein kleiner Wagen einen Ferrari schlagen kann. Das Turnier in Deutschland wird Hiddinks drittes in Folge sein, jedes Mal für ein anderes Land. Verbandschef Frank Lowy glaubt, dass sein Trainer ein taktisches Genie ist. Er habe aus Soccer-Spielern Fußballer gemacht.

BRASILIEN

POLITIK
Enttäuschte Hoffnungen
Ein ehemaliger Schuhputzer als Staatspräsident - Brasiliens Arme waren begeistert, als Luiz Inácio "Lula" da Silva Anfang 2003 sein Amt antrat. Doch bislang konnte "Lulas" Regierung wenig an den traditionell großen sozialen Unterschieden im größten Land Südamerikas ändern. Rund 20 Prozent der Brasilianer leben am Rande oder unterhalb des Existenzminimums, ihnen steht eine sehr wohlhabende und sehr einflussreiche Oberschicht gegenüber. Zur Enttäuschung seiner Anhänger verstrickte sich 2005 auch "Lulas" Arbeiterpartei in einen schweren Korruptionsskandal. Das moderate Wachstum der größten Volkswirtschaft Südamerikas setzte sich aber fort, die Staatsschulden wurden weiter verringert. Ihre vielfältigen Rohstoffe (Soja, Eisenerz, Holz, Zucker) exportieren die Brasilianer zunehmend nach Asien. Zugleich fürchten sie sich vor China, das immer mehr Fertigprodukte zu konkurrenzlosen Preisen auf den brasilianischen Markt wirft.
FUSSBALL
5000 Exportprodukte
Fünfmal, so oft wie niemand sonst, sind die Brasilianer Weltmeister geworden (1958/1962/ 1970/1994/2002). Als einziges Land haben sie nie bei einer Endrunde gefehlt. Fußball ist in Brasilien Teil des Lebensgefühls, er ist Ausdruck von Freude und Leichtigkeit, und für viele junge Männer ist er noch immer die beste Möglichkeit, der Armut in den Favelas zu entkommen. 5000 Brasilianer, die in den zahlreichen Fußballschulen des Landes ausgebildet wurden, spielen derzeit im Ausland, nicht nur in Europa, sondern auch in Ländern wie Malaysia, Vietnam oder Indonesien, wo sie zum Teil immer noch mehr verdienen als in der heimischen Profiliga. Umgekehrt kassieren die brasilianischen Vereine jedes Jahr rund 500 Millionen US-Dollar an Ablösesummen. Fußballer sind einer der wichtigsten Exportartikel des Landes.
SPIELKULTUR
Magisches Quartett
In der Qualifikation für die Weltmeisterschaft erzielten die Brasilianer 35 Treffer in 18 Spielen. Allein 25 gingen auf das Konto von Ronaldo, Ronaldinho (siehe Seite 72), Adriano und Kaká. Dieses magische Offensivquartett, ergänzt durch Real Madrids Sturmjuwel Robinho, ist wohl das Feinste, was der Weltfußball derzeit zu bieten hat, zumal Trainer Carlos Parreira wieder mehr die Freude am Spiel in den Vordergrund rückt. Hinter diesen vier sichern die beiden defensiven Mittelfeldkräfte Emerson (Juventus Turin) und Zé Roberto (Bayern München) ab. In der Abwehr, mit nur 17 Gegentoren die zweitbeste in der Qualifikation, sind überwiegend Bundesligaprofis aktiv: Neben Innenverteidiger Lucio vom FC Bayern streiten sich die Leverkusener Juan und Roque Junior um einen Platz in der Viererkette. Die Seleção reist als Favorit nach Deutschland, und wahrscheinlich kann sie sich nur selbst schlagen.
STAR
Ronaldo
Er war zweimal Weltmeister, dreimal Weltfußballer des Jahres und hat mehr als 200 Tore in drei verschiedenen Ligen Europas geschossen. Er ist 29 Jahre alt und verdient jeden Monat 1,6 Millionen Euro. Auf dem Gelände des berühmten Maracanã-Stadions in Rio ist der Abdruck seiner Füße im Beton verewigt, in einer Reihe mit Pelé, Zico und Romário. Ronaldo Luiz Nazário de Lima, kurz Ronaldo, der aus einem der ärmsten Stadtteile von Rio kommt, hat fast alles erreicht, was man im Fußball erreichen kann. Aber Ronaldo, den sie aufgrund seiner unnachahmlichen Tempodribblings und der fast unglaublichen Präzision beim Torschuss "o Fenômeno" tauften, hatte in seiner Karriere auch immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen. Knieprobleme zwangen zu längeren Pausen, kurzzeitig drohte sogar die Sportinvalidität. Bei seiner vierten WM will Ronaldo nun bester WM-Torschütze aller Zeiten werden. Mit zwölf Treffern liegt er in der Rangliste gemeinsam mit Pelé auf Platz drei; vor ihm sind nur noch Just Fontaine mit 13 Treffern und Gerd Müller, der 14-mal getroffen hat.
TRAINER
Carlos Alberto Parreira
Zum fünften Mal sitzt der 63-Jährige, der selbst nie Fußballprofi war, als verantwortlicher Trainer bei einer WM auf der Bank. Er debütierte 1982 mit dem Nationalteam Kuweits, 1990 trainierte er die Mannschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, 1998 das Team aus Saudi-Arabien. Dazwischen, 1994, führte er die Seleção nach einer Durststrecke von 24 Jahren wieder zum WM-Titel. Trotz dieses Erfolgs musste Parreira in der Heimat damals viel Kritik einstecken, weil er die Mannschaft um Bebeto und Romário einen eher defensiven Fußball hatte spielen lassen. Diesmal dürfte seine Hauptaufgabe darin liegen, die Stars bei Laune zu halten. Zur Vorbereitung auf die WM hat Parreira ein Buch mit Weisheiten des chinesischen Militärstrategen Sun Tzu gelesen. Es heißt: "Die Kunst des Krieges".

COSTA RICA

POLITIK
Bedrohtes Paradies
Das Vier-Millionen-Einwohner-Land ist der mittelamerikanische Musterschüler: friedlich, mit einer gutausgebildeten Bevölkerung und einer für die Region sehr niedrigen Armutsquote (zwei Prozent). Bereits 1949 schaffte es seine Armee ab. Früher kamen aus Costa Rica vor allem Kaffee und Bananen, seit einigen Jahren treiben Hightech-Firmen wie Chiphersteller Intel die Exportzahlen in die Höhe. Hauptdevisenbringer bleibt aber der Tourismus. Der mit knappem Vorsprung gewählte neue Präsident und Friedensnobelpreisträger Oscar Arias befürwortet das zentralamerikanische Freihandelsabkommen Cafta, das in der Bevölkerung allerdings sehr umstritten ist. Der Vertrag gilt vielen Bürgern als Sprengstoff für den zentralamerikanischen Wohlfahrtsstaat.
FUSSBALL
Strandschönheiten
Nachdem sich Costa Rica 1990 unter dem serbischen Trainer Bora Milutinovic überraschend für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Italien qualifizieren konnte und dort sogar die zweite Runde erreichte, hat es der Verband versäumt, professionellere Strukturen zu schaffen. Die beiden nächsten Turniere wurden wieder verpasst, und in der fußballbegeisterten Bevölkerung staute sich der Frust. Anfang des neuen Jahrtausends setzte dann ein Umdenken ein. Unter anderem wurde mit Hilfe von 400 000 Dollar, die die Fifa aus ihrem Goal-Projekt bereitstellte, die Infrastruktur verbessert. Auch wenn Costa Rica 2002 erneut die Qualifikation gelang, so betrachtet man das Eröffnungsspiel gegen Deutschland in diesem Jahr als wichtigste Partie in der Geschichte. Das kleine Land erhofft sich von der großen Aufmerksamkeit, die man in aller Welt erfährt, auch wirtschaftlich zu profitieren. Abgesehen davon ist der Fußball in dem Staat mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Einkommen Mittelamerikas vor allem ein großer Spaß. In so gut wie jedem Urwalddorf findet sich ein Fußballplatz, und an den Stränden werden regelmäßig Beachfußball-Wettbewerbe ausgetragen. So wundern sich in Costa Rica auch nicht viele, dass die meisten Nationalspieler nicht ins Ausland wechseln. Weil es so schön sei, sagt Alexandre Guimaraes, der Trainer, wollten die Spieler ihre Heimat nicht verlassen.
SPIELKULTUR
Ein Land im Fieber
Viele Spieler des fünfmaligen MittelamerikaMeisters waren schon vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea mit dabei. Die Mannschaft musste jedoch bereits nach der Vorrunde die Heimfahrt antreten, weil die Türkei - später immerhin Dritter des Turniers - ein etwas besseres Torverhältnis hatte. Die meisten Spieler des aktuellen Kaders stehen in der Heimat beim Meister Deportivo Saprissa unter Vertrag, das Team ist also gut eingespielt. Andererseits mangelt es der Elf an international erfahrenen Spielern. Denn nur Verteidiger Gilberto Martinez vom italienischen Serie-B-Club Brescia und Winston Parks vom russischen Verein FC Saturn Ramenskoje spielen noch in Europa. Ob diese beiden aber in der Lage sind, das traditionell eher behäbige Spiel Costa Ricas zu beschleunigen, scheint fraglich - zumal Parks keinen Stammplatz hat.
STAR
Paulo Wanchope
Der schnelle und kopfballstarke Stürmer ist der einzige Spieler Costa Ricas, der sich auf Dauer in einer europäischen Spitzenliga etablieren konnte. "La Cobra" trug in den vergangenen Jahren die Trikots der englischen Premier-League-Vereine Manchester City, West Ham United und Derby County. Er spielte anschließend in Spanien und Katar und ist mittlerweile in seine Heimat zurückgekehrt, zu den CS Herediano. In 67 Länderspielen traf Wanchope 43-mal, allein achtmal in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Deutschland. Nach dem Turnier will er seine internationale Laufbahn beenden, weil er den Jungen nicht im Weg sein will. Paulo Wanchope ist 29 Jahre alt.
TRAINER
Alexandre Guimaraes
In Costa Rica nennen sie Alexandre Guimaraes "Alexander den Großen", weil er als Einziger an allen drei WM-Teilnahmen des Landes beteiligt ist: 1990 in Italien noch als Spieler, damals schlug das Team überraschend Schottland und Schweden. Zwölf Jahre später führte er die Elf Costa Ricas als Trainer souverän nach Asien. Dass Guimaraes nun auch in Deutschland die Mannschaft aufstellen wird, war nicht geplant. Der Verband verpflichtete den Mann mit brasilianischen Wurzeln erst im April vergangenen Jahres, nachdem Costa Rica ziemlich holprig in die Qualifikation gestartet war. Guimaraes gilt als Theorie-Fanatiker, als einer, der versucht, die kreative Kraft der Mannschaft in ein taktisches Korsett zu fügen, was nicht allen Spielern gefällt. Aber "Guima" ist kein Dogmatiker, sondern Realist: "Freiheitsliebe gehört zum Wesen eines Costa-Ricaners."

DEUTSCHLAND

POLITIK
Dringende Reformen
Das deutsche Wort des Jahres 2005 war "Bundeskanzlerin". Angela Merkels Große Koalition aus CDU/CSU und SPD hatte einen ordentlichen Start, nach jahrelanger Flaute scheint sich die Wirtschaft wieder zu beleben. Noch bleiben die Wachstumszahlen aber bescheiden (2005: 0,9 Prozent). Trotz Reformen der Sozialsysteme und des Arbeitsmarktes durch die sogenannte Agenda 2010 sind 5 Millionen der rund 80 Millionen Deutschen arbeitslos. Als dringend reformbedürftig gelten auch das Bildungssystem und die föderale Struktur. Das Land, das sich ausdrücklich nicht am Irak-Krieg beteiligt hatte, wurde zu Jahresbeginn von den Entführungen mehrerer Deutscher im Irak erschüttert. Einen positiven Effekt auf Wirtschaft und Image des Landes erhofft die Regierung von der Fußball-Weltmeisterschaft. Sollte es mit dem Titelgewinn nicht klappen, könnte Deutschland zumindest wie im Vorjahr Exportweltmeister werden.
FUSSBALL
Das große Hoffen
Franz Beckenbauer, Trainer jener deutschen Elf, die 1990 den letzten von drei WM-Titeln holte, glaubte seinerzeit, dass man nach der Wiedervereinigung auf absehbare Zeit unschlagbar sein würde. Doch während sich der internationale Fußball in den neunziger Jahren rasant entwickelte, schneller und systematischer wurde, verpasste Deutschland den Anschluss. Man spielte weiter mit Libero statt Viererkette und versäumte es, den Nachwuchs nachhaltig in Sachen Taktik und Technik auszubilden. Geradezu kontraproduktiv wirkte sich der glückliche Gewinn der Europameisterschaft 1996 aus, als eine willensstarke Elf um Matthias Sammer und Jürgen Klinsmann das Finale durch "Golden Goal" gegen Tschechien gewann. Nötige Reformen wurden versäumt, fast folgerichtig ging es danach bergab: Viertelfinal-Aus bei der WM 1998 in Frankreich; Vorrunden-Aus bei der EM 2000 in den Niederlanden. Selbst das Erreichen des WM-Finales 2002, das 0:2 gegen Brasilien verloren ging, gilt im nachhinein als eher schmeichelhaftes, die strukturellen Mängel kaschierendes Resultat. Die deutsche Elf hat seit fast sechs Jahren keine Fußball-Großmacht mehr geschlagen. Und wenn nun im Sommer die Welt zu Gast bei Freunden ist, kommen die Besucher in ein Land, das nicht nur fußballerisch noch immer unter Krisensymptomen leidet.
SPIELKULTUR
Abwehrsorgen
Nach dem blamablen Ausscheiden gegen eine tschechische Reservemannschaft in der Vorrunde bei der EM in Portugal, hat Trainer Jürgen Klinsmann als Nachfolger von Rudi Völler mit dem Neuaufbau der deutschen Elf begonnen. Neben den erfahrenen Michael Ballack, Miroslav Klose oder Bernd Schneider prägen inzwischen vor allem junge Spieler das Gesicht der Mannschaft, darunter der Kölner Angreifer Lukas Podolski, der Münchner Bastian Schweinsteiger oder der Innenverteidiger Per Mertesacker von Hannover 96. Anders als in früheren Jahren versucht Klinsmann, einen moderneren, auf konsequentem Pressing basierenden Stil zu etablieren, der die Zuschauer unterhält. Das Spiel der deutschen Elf ist technischer geworden, es wird schneller kombiniert. Das Sorgenkind ist jedoch die Defensive. Da die Deutschen als Gastgeber des Turniers seit der EM keine Pflichtspiele bestreiten mussten, ist ihr wahres Leistungsvermögen nur schwer einzuschätzen.
STAR
Michael Ballack
Früher häufig als Schnösel kritisiert, ist der gebürtige Görlitzer nicht nur im Team des FC Bayern zu einer Führungsfigur gereift. Auch in der Nationalelf geht kaum mehr etwas ohne Ballack, der in 61 Länderspielen 29 Tore erzielte. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass die deutsche Elf 2002 bis ins Endspiel durchmarschierte; bevor er im Halbfinale gegen Südkorea das entscheidende 1:0 markierte, bekam er allerdings eine Gelbe Karte und war für das Finale gesperrt. Im selben Jahr holte Ballack mit Bayer Leverkusen in Meisterschaft, Pokal und Champions League drei Vize-Titel; nach seinem Wechsel an die Isar führte er den deutschen Rekordmeister zweimal zum Double.
TRAINER
Jürgen Klinsmann
Nach dem Ausscheiden bei der EM in Portugal hat eine Trainerfindungskommission des Deutschen Fußball-Bundes lange Zeit nach einem Nachfolger für Rudi Völler gefahndet. Die Wahl fiel schließlich auf Jürgen Klinsmann, 41 (siehe Seite 24). Der Trainerneuling brachte eine Menge frischen Wind, aber sorgte auch für viel Unruhe: Er lebt weiterhin in Kalifornien und stritt sich zuletzt öffentlich mit dem Verband um die Besetzung des Sportdirektor-Postens. Sportlich hat Klinsmann mit seiner "Philosophie" eine Aufbruchstimmung entfacht. Trotz einiger Rückschläge heißt sein Ziel weiterhin: Deutschland soll Weltmeister werden.

ECUADOR

POLITIK
Präsident auf Abruf
Wenn Ecuadorianer mit der Politik nicht einverstanden sind, gehen sie auf die Straße. Häufig gibt es anschließend einen neuen Staatschef - fünf Präsidenten hat das Land in den vergangenen sieben Jahren verschlissen. Der aktuelle Amtsinhaber Alfredo Palacio übernahm im April 2005 ein schweres Erbe. Ende der neunziger Jahre war das Land am Äquator infolge von Naturkatastrophen und eines Verfalls des Ölpreises in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt. Das Bankensystem kollabierte. Die Landeswährung Sucre verlor in den vergangenen 20 Jahren gegenüber dem US-Dollar 99,9 Prozent an Wert, bevor sie 2000 vollständig durch ihn ersetzt wurde. Fast die Hälfte der 13 Millionen Ecuadorianer lebt heute unter der Armutsgrenze, viele wanderten und wandern aus. Ihre Überweisungen sind nach dem Ölexport inzwischen die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Der traditionelle Bananen-Anbau auf den Plantagen bringt dagegen nur noch wenig Geld.
FUSSBALL
Ein Land, ein Ziel
Fußball wird immer wichtiger im wirtschaftlich gebeutelten Ecuador, vor allem, seit man nicht mehr nur als Punktelieferant auftritt. Mitte der neunziger Jahre begann der Kolumbianer Francisco Maturana als Trainer der Nationalelf professionellere Strukturen zu schaffen. Er schulte seine Spieler in taktischer Disziplin, und es dauerte nicht lange, bis sich die Arbeit in Erfolgen niederschlug: 2002 qualifizierte sich das Land erstmals für eine WM, Kroatien wurde in der Vorrunde geschlagen. Nach Einführung des Dollar erlebt auch die einheimische Profiliga eine zarte Blüte, Spitzenspieler wie Edison Méndez verdienen mittlerweile rund 10 000 Dollar im Monat. Als größter Erfolg aber wird angesehen, dass es Maturana und seinen Nachfolgern im Traineramt gelungen ist, das Team, in dem sich auch die sozialen und ethnischen Konflikte des Landes spiegelten, zu einen. "Ein Land, ein Ziel", sagt der jetzige Trainer Luis Suárez.
SPIELKULTUR
Voll auf der Höhe
Während der Qualifikation zur WM hat "La Tricolor" vor allem durch ihre Heimstärke beeindruckt. 23 von 28 erreichten Punkten fuhr die Mannschaft in der Höhenluft von Quito ein, Brasilien und Argentinien wurden geschlagen. Nicht so erfolgreich war das Team dagegen in der Ferne, wo nur ein einziges Spiel gewonnen werden konnte, in La Paz, auf 3600 Meter Höhe - was die Zweifel nährt, dass Ecuador in Deutschland auf Normalnull konkurrenzfähig sein wird. Die Spieler von Trainer Luis Suárez, der ein 4-4-2 spielen lässt, stehen fast ausschließlich in der Heimat unter Vertrag; eine der wenigen Ausnahmen ist der Mittelfeldspieler Luis Antonio Valencia, der beim spanischen Champions-League-Teilnehmer FC Villarreal spielt.
STAR
Agustín Delgado
Agustín "Tin" Delgado war 2001 der erste Fußballspieler seines Landes, der in eine der großen europäischen Ligen wechselte. Beim FC Southampton in der englischen Premier League hatte es der knapp 1,90 Meter große, kopfballstarke Stürmer allerdings nicht leicht - auch weil er durch einen erst viel später diagnostizierten Bandscheibenvorfall immer wieder pausieren musste. Delgado erzielte 2002 das erste WM-Tor für Ecuador, wo man ihn seitdem verehrt wie einen Helden. Er ging zurück in seine Heimat und spielt heute in der ersten Liga. In 67 Einsätzen im Nationalteam hat er 29 Tore geschossen. Er betreibt nebenbei eine Fußballschule in El Chota, seiner Heimatstadt in den Anden. Delgado ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und sagt, dass er etwas von dem zurückgeben wolle, was der Fußball ihm ermöglicht hat. Dieses WM-Turnier wird sein letztes sein - und die Belohnung für die Mühen und Entbehrungen, die er schon seit frühester Jugend auf sich nehmen musste.
TRAINER
Luis Fernando Suárez
Luis Suárez, wieder ein Kolumbianer im Amt des Nationaltrainers, übernahm die Geschäfte im Sommer 2004, nach einer katastrophalen Copa América, bei der die Mannschaft Argentinien 1:6 unterlag. Suárez gilt als akribischer Arbeiter und großer Motivator, der bisweilen zu außergewöhnlichen Maßnahmen greift. Zur Vorbereitung versammelt er seine Spieler regelmäßig in einer Militärschule nahe der Hauptstadt, wo es ziemlich ungemütlich zugehen soll. Als Vereinstrainer in Aucas entließ er nach einer Niederlagenserie fast den kompletten Kader und schaltete in Absprache mit dem Präsidenten Anzeigen in Fernsehen und Tageszeitungen: "Erstligamannschaft sucht Fußballer". 120 Spieler meldeten sich. Die meisten von ihnen waren nicht zu gebrauchen, trotzdem schaffte es das Team bis in die Play-offs der ecuadorianischen Meisterschaft.
ELFENBEINKÜSTE>
POLITIK
Geteiltes Land
Die Elfenbeinküste ist ein Land im Bürgerkrieg. Nachdem die Diskriminierung der aus dem Norden stammenden Ivorer und der Millionen von ausländischen Gastarbeitern immer mehr zugenommen hatte, haben sich vor dreieinhalb Jahren Teile des Militärs gegen die Regierung erhoben; seitdem ist die Côte d'Ivoire, wie das Land offiziell heißt, zweigeteilt, in einen von den Rebellen besetzten, muslimisch geprägten Norden und einen eher christlichen Süden, den die Truppen von Staatspräsident Laurent Gbagbo halten. Zwischen den Linien stehen 4000 französische Soldaten und 7000 Blauhelme der Uno. Die Umsetzung eines international vermittelten Friedensabkommens verläuft allenfalls schleppend, vor allem, weil es bisher nicht gelang, die Rebellen zu entwaffnen. In vielen Teilen des Landes kommt es immer wieder zu Ausschreitungen, es gibt Übergriffe auf Oppositionelle und Zivilisten, plündernde Mobs ziehen durch die Straßen. Das Bruttoinlandsprodukt des einst wohlhabenden Landes, das große Teile des weltweiten Kakaobedarfs deckt, schrumpfte in den vergangenen Jahren kontinuierlich.
FUSSBALL
Hoffnung auf Neuanfang
Nach der Qualifikation für die Weltmeisterschaft im November 2005 brach in der Elfenbeinküste das öffentliche Leben zusammen. Es herrschte der Ausnahmezustand, im Norden wie im Süden, die Tanzlokale von Abidjan hatten zwei Tage lang durchgehend geöffnet. Man taufte die großen Bierkrüge um in "Drogbas", nach dem Stürmerstar des Landes, und mitten im Trubel wandte sich Verbandspräsident Jacques Anouma an Staatspräsident Gbagbo. Die Spieler ließen mitteilen, dass die nationale Aussöhnung für sie eine Herzensangelegenheit sei. Der Sieg, sagte Anouma, könne ein Neuanfang sein für das Land. Didier Drogba ergänzte, diese Mannschaft sei ein Symbol für Toleranz. Sie sei so, wie dieses Land einmal war, so, wie es wieder werden soll, viele Volksgruppen und eine Einheit (siehe Seite 52).
SPIELKULTUR
Die Akademie
1999 Jahr gewann die Mannschaft des ASEC Abidjan unerwartet den afrikanischen Supercup - und zwar nur mit Talenten aus der Fußballschule des Vereins, einem Haufen junger Männer, manche gerade 17 Jahre alt. Der überraschende Sieg gegen den tunesischen Meister Espérance gilt heute als große Geburtsstunde der ivorischen Nationalelf. Im Kader standen damals Spieler wie Didier Zokora, den sie Beckenbauer nennen, weil er so ein feines Spielverständnis hat. Und natürlich Aruna Dindane, der gemeinsam mit Drogba das derzeit erfolgreichste Angriffsduo Afrikas bildet. Die "Elefanten" von der Elfenbeinküste sind ein eingespieltes Team, das seine Stärken in der Offensive hat. Nicht nur wegen ihrer orangefarbenen Trikots nennt man sie die Holländer des Schwarzen Kontinents. Obwohl inzwischen alle Spieler ihr Geld als Legionäre in Europa verdienen, teilen sie dasselbe Spielverständnis - dank der Fußballakademie in Abidjan. Und am 16. Juni müssen sie beweisen, ob es auch gegen die "richtigen" Niederländer reicht.
STAR
Didier Drogba
Didier Drogba war fünf Jahre alt, als ihn seine Eltern, Bankangestellte aus der Umgebung von Abidjan, nach Frankreich schickten, zu einem Onkel, der als Halbprofi in der Provinz mit dem Fußball etwas Geld verdiente. Auch Drogba, dessen Eltern ein paar Jahre später nachkamen, schlug sich zunächst in der Provinz durch: anfangs als Verteidiger, zweite und dritte Liga, und eigentlich wollte er schon mit dem Studium der Betriebswirtschaft beginnen, als ihm mit 25 in Guingamp endlich der Durchbruch gelang. Drogba, der gern Hip-Hop-Mützen trägt, ist inzwischen 28 Jahre alt, schoss 17 Tore in einer Saison, wechselte zu Olympique Marseille, schoss 18 Tore in der Meisterschaft, 11 in internationalen Wettbewerben und wurde für 37 Millionen Euro von Chelsea London gekauft. Uli Hoeneß, Manager von Bayern München, sagt über Drogba, dass er so einen Stürmer noch nie erlebt habe.
TRAINER
Henri Michel
Der Franzose Henri Michel, 58, übernahm die Mannschaft Anfang 2004 von seinem Landsmann Robert Nouzaret. Michel, der die meiste Zeit im Libanon lebt, brachte die Erfahrung von drei WM-Teilnahmen mit: 1986 führte er die Franzosen ins Halbfinale, 1994 schied er mit Kamerun in der Vorrunde aus, genauso vier Jahre später mit Marokko. Michel gilt als ruhiger und bescheidener Mann. Als seine Mannschaft nach der Qualifikation für das Turnier in Deutschland triumphal in der Heimat empfangen wurde, war er nicht dabei. Michel erklärte später, die Helden seien seine Spieler, sie hätten es verdient, sich von ihrem Volk feiern zu lassen. Er sei dabei nicht so wichtig.
ENGLAND>
POLITIK
Global Player
Von London aus wurde einst ein Viertel der Welt regiert, und noch immer treiben Banken, Versicherungen und Unternehmensberatungen in der britischen Hauptstadt die Globalisierung voran. Die neoliberale Wirtschaftspolitik seiner konservativen Vorgänger setzt Regierungschef Tony Blair seit mittlerweile neun Jahren fort. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder warf dem britischen Sozialdemokraten indirekt vor, Europa in eine Freihandelszone zurückverwandeln zu wollen. Die Zahlen scheinen Blair recht zu geben: Entgegen der Misere in anderen europäischen Ländern befindet sich Großbritannien seit 13 Jahren in wirtschaftlichem Aufschwung. Die Inflation ist moderat, die Arbeitslosigkeit erreichte 2005 den Tiefstand von 4,7 Prozent. Allerdings sind die sozialen Diskrepanzen groß, 12 von 60 Millionen Briten leben in Armut. Umstritten ist auch Blairs Sicherheitspolitik. Mit seinem Anti-Terror-Gesetz scheiterte er im November 2005 erstmals in einer Unterhaus-Abstimmung.
FUSSBALL
Geburt im Pub
Als sich im Oktober 1863 ein paar Vertreter englischer Fußballmannschaften in einem Londoner Pub trafen, um über die verschiedenen Spielregeln zu diskutieren, ahnte niemand, dass dies die Geburtsstunde des modernen Fußballs werden würde. Man einigte sich auf ein verbindliches Regelwerk und gründete eine Art Aufsichtsbehörde - die Football Association (FA) war der erste Fußballverband der Welt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besuchten bereits regelmäßig mehr als 10 000 Fans die Spiele, 100 Jahre später kassieren die Profivereine für die Fernsehrechte umgerechnet 580 Millionen Euro pro Saison. In den vergangenen Jahren erlebte die Premier League goldene Zeiten. Angelockt von riesigen Gehältern, zog es zahlreiche ausländische Top-Spieler auf die Insel, und weil diese die Bälle nicht nur hoch und weit schlugen, passte sich der englische Fußball dem europäischen an. Inzwischen flaut der Boom ein wenig ab: Horrende Eintrittspreise haben das Stammpublikum zum Teil vergrault.
SPIELKULTUR
Herzstück Mittelfeld
Die "Three Lions" gewannen ihre Qualifikationsgruppe ziemlich souverän. Bis auf eine historische 0:1-Niederlage in Belfast gegen Nordirland und ein Remis gegen Österreich hielt sich der Weltmeister von 1966 schadlos. Herzstück der spiel- wie traditionell zweikampfstarken Mannschaft von Trainer Sven-Göran Eriksson ist das exzellent besetzte Mittelfeld um Steven Gerrard (FC Liverpool), Frank Lampard (FC Chelsea) und David Beckham (Real Madrid). Nach der Niederlage gegen die Nordiren kehrte Eriksson im Mittelfeld zur Rautenformation zurück. Während man vorn auf die Durchschlagskraft des bulligen Wayne Rooney (siehe Seite 78) setzt, stehen hinten mit John Terry, Sol Campbell und Rio Ferdinand drei sehr solide Innenverteidiger zur Verfügung.
STAR
Frank Lampard
Er galt lange als ein Spieler, der aus seinen Möglichkeiten zu wenig macht. Lampard spielte bei West Ham United und wurde oft als lethargisch gescholten. Sein Onkel war in dem Club Trainer und sein Vater, der früher selbst im Nationalteam kickte, dessen Assistent. Dann wechselte Lampard 2001 für 18 Millionen Euro zum FC Chelsea. Unter José Mourinho verbesserte er sich zu einem der torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Welt. Fünfmal traf Lampard, der 2005 zum besten Spieler Englands gewählt wurde, in der Qualifikation. Auch wenn der bissige Zweikämpfer und präzise Passgeber bereits 1999 sein Debüt im Nationaldress gab, so wurde er doch erst 2003 Stammspieler. Inzwischen hat er Beckham sogar als Elfmeterschütze abgelöst.
TRAINER
Sven-Göran Eriksson
Als der Schwede vor fünf Jahren ins Amt des englischen Nationaltrainers gehoben wurde, ging ein Aufschrei durch das Land. "Wir haben unser Geburtsrecht an eine Nation von sieben Millionen Skifahrern und Hammerwerfern verkauft, die ihr halbes Leben in der Dunkelheit verbringt", lästerte die "Daily Mail". Die Kritik an Eriksson, 58, der zuvor Lazio Rom zum Titel in der Serie A geführt hatte, verstummte nie ganz. Angesichts des großen Potentials war es für viele eine Enttäuschung, dass man bei den letzten Turnieren immer schon im Viertelfinale ausschied. Eriksson, der sechs Millionen Euro im Jahr verdient, war nicht nur aufgrund seines turbulenten Privatlebens immer wieder ein willkommenes Opfer der englischen Boulevardpresse. Anfang Januar lockte ihn ein Undercover-Reporter in ein Luxushotel nach Dubai, wo Eriksson bei Champagner und Hummer ins Plaudern kam. Er lästerte über Nationalspieler, bezichtigte Kollegen der Korruption und las das alles wenig später in der Zeitung. Ergebnis: Eriksson wird nach der WM vorzeitig aus dem Amt scheiden.

FRANKREICH

POLITIK
Veraltete Gesten
Im Herbst 2005 war Frankreich ein Land im Ausnahmezustand. Wochenlang steckten jugendliche Einwandererkinder jede Nacht Autos in Brand und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Neben einer gescheiterten Integrationspolitik wurden auch soziale Spannungen für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht. Fast jeder zehnte Franzose ist ohne Beschäftigung, die Jugendarbeitslosigkeit liegt mit 23 Prozent weit über dem internationalen Durchschnitt. Frankreichs Wirtschaft wächst nur langsam, gehemmt von einer der höchsten Steuerquoten Europas. Nach dem Nein der Franzosen zur EU-Verfassung im Mai 2005 musste Premierminister Jean-Pierre Raffarin gehen. Sein Nachfolger Dominique de Villepin kämpft bereits jetzt mit Innenminister Nicolas Sarkozy um die Präsidentschaft im Jahr 2007. Der amtierende Präsident Jacques Chirac flüchtete sich angesichts dieser Probleme in alte Großmachtgesten: Er droht Staaten, die auf terroristische Mittel gegen Frankreich zurückgreifen, mit einem nuklearen Vergeltungsschlag.
FUSSBALL
Multikulti-Traum
Die Franzosen waren Gründungsmitglied der Fifa, Robert Guérin, der erste Fifa-Präsident, war ein Franzose, Frankreich richtete 1938 eine der ersten Weltmeisterschaften aus. Es wundert also nicht, dass dieses Land in einen kollektiven Freudentaumel fiel, als es nach einer Ewigkeit zum ersten Mal den Titel holte. 1998 war das, und zwei Jahre später wurde Frankreich noch Europameister. Das Land erkannte sich in seiner Mannschaft wieder, in Zinedine Zidane und Youri Djorkaeff, in Patrick Vieira und Lilian Thuram. Die Spieler, deren Wurzeln vielfach in ehemaligen Kolonien liegen, spielten so, wie man sich gern sah: Es war ein friedliches Zusammenwirken verschiedener Ethnien. Die französische Gesellschaft war aller Welt ein Vorbild dafür, wie man seine Menschen integriert. Im November 2005, als in den Pariser Vorstädten Immigrantenkinder über Wochen auf die Barrikaden gingen, zerbrach auch dieser Traum.
SPIELKULTUR
In die Jahre gekommen
Frankreich hatte einige Mühe, sich in der Qualifikationsgruppe mit Israel, Irland und der Schweiz zu behaupten. Am Ende reichten fünf Siege, fünf Unentschieden und gerade mal 14 erzielte Tore; so selten wie "les Bleus" traf kein anderer WM-Teilnehmer in der Qualifikation. Eigentlich überraschend, denn Trainer Raymond Domenech steht mit Thierry Henry, David Trezeguet, Sylvain Wiltord, Djibril Cissé und Nicolas Anelka ein beneidenswertes Aufgebot an Topstürmern zur Verfügung. Hinzu kommt, dass während der Qualifikation erfahrene Spieler wie Lilian Thuram, Claude Makelele und Zinedine Zidane, mit dessen Form das Spiel der Franzosen steht oder fällt, vom Rücktritt zurückgetreten sind. Vielleicht liegt darin das Problem der Mannschaft: Im Kern ist es dieselbe Truppe, die vor acht Jahren Weltmeister geworden ist. Aber die Helden sind langsamer geworden und harmonieren nicht mehr so wie damals. Die Chance zum Neuanfang wurde verpasst.
STAR
Zinedine Zidane
Viele glauben, dass es nie einen kompletteren Fußballer gegeben hat als ihn. Zidane, 33, war das Herz der Mannschaft, die 1998 im eigenen Land Weltmeister wurde. Am Ende jenes Jahres wurde der Mittelfeldspieler mit der Aura eines Mönchs zum Weltfußballer gewählt, 2000 und 2003 erhielt er diese Auszeichnung erneut. Zidane, der algerischer Abstimmung ist und das Fußballspielen in den Straßen Marseilles lernte, wurde zweimal italienischer Meister mit Juventus Turin. 2001 wechselte er für 71,6 Millionen Euro, die größte für einen Transfer jemals aufgebotene Summe, zu Real Madrid. Als Zidane wegen eines Muskelfaserrisses während der WM-Vorrunde in Japan und Südkorea pausieren musste, schieden die Franzosen kläglich aus. Nach der EM 2004 trat der mit zunehmendem Alter verletzungsanfälligere Zidane aus der Nationalmannschaft zurück. Ein Jahr später, als es für Frankreich in der Qualifikation nicht sonderlich gut lief, feierte er sein Comeback.
TRAINER
Raymond Domenech
Er übernahm die Equipe Tricolore im Juli 2004, nachdem sie in Portugal im Viertelfinale gegen den späteren Europameister Griechenland ausgeschieden war. Obwohl Domenech, der zuvor elf Jahre lang die U 21 betreute, seit dem Amtsantritt in 17 Spielen keinmal verloren hat, steht er in der Kritik. Stars wie Zidane werfen ihm vor, die Spieler außerhalb des Platzes zu sehr zu reglementieren. Auf dem Platz dagegen hat es der 54-Jährige bislang nicht geschafft, aus einer Reihe von begnadeten Individualisten eine funktionierende Einheit zu formen. Der Vorwurf lautet: zu wenig System, zu viel Improvisation. Domenech, ein Liebhaber des Improvisationstheaters, schweigt dazu.

GHANA

POLITIK
Demokratisches Wachsen
Ghana gilt in Afrika als fortschrittliches Land. Die demokratischen Verhältnisse sind stabil, und das Wirtschaftswachstum lag in den vergangenen Jahren durchschnittlich bei fünf Prozent. Präsident John Kufuor, der bei den Wahlen Ende 2004 im Amt bestätigt wurde, hält an seinem Reformkurs fest: Die Staatsschulden werden sukzessive abgebaut, staatliche Unternehmen privatisiert und ausländische Investoren angelockt. Dabei profitiert das rohstoffreiche Land (Gold, Kakao) auch von den Krisen in den Nachbarstaaten. Unternehmen aus Togo und von der Elfenbeinküste siedeln über, der Transitverkehr in Länder wie Burkina Faso wird immer häufiger über den Hafen von Tema bei Accra abgewickelt. Erfolge erzielte man auch bei der Bekämpfung der Armut. Obwohl die Bevölkerung rapide wächst, ist man zuversichtlich, die Armutsrate in den nächsten zehn Jahren zu halbieren, heute lebt jeder dritte Ghanaer in Armut. Bleibt nur die Sorge, nicht in die Krisen und Bürgerkriege der Nachbarstaaten hineingezogen zu werden.
FUSSBALL
Ein Land im Fieber
Ghana ist, wie die meisten afrikanischen Länder, ein Fußballland. Egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, ob Männer oder Frauen, sie alle spielen Fußball, und sie spielen überall, auf Straßen, Feldern und im Staub zwischen Kühen und Ziegen und treten dabei gegen alles, was irgendwie als Ball taugt. Die meisten von ihnen träumen davon, irgendwann einmal vor 50 000 Zuschauern zu spielen, für die Accra Hearts of Oak oder für Kumasi Asante Kotoko, die beiden großen Clubs des Landes. 250 Euro verdient man dort als Spieler monatlich, so viel wie ein Pflücker auf den Kakaoplantagen im Jahr bekommt. Seit der Qualifikation für die Weltmeisterschaft boomt auch der Profifußball: Die Vereine finden Sponsoren, Trainingszentren werden gebaut. Und seit die Siebenkämpferin Margaret Simpson im vergangenen Jahr bei der Leichtathletik-WM in Helsinki Bronze holte, die erste Medaille überhaupt für Ghanas Leichtathleten, muss sich das Nationalteam gewaltig anstrengen, um nicht als Versager dazustehen. Das Turnier in Deutschland ist die erste Weltmeisterschaft, an der Ghana teilnimmt. Beim Afrika-Cup in Ägypten schied das Team allerdings schon in der Vorrunde aus. Ghana ist sicherlich nicht die stärkste Mannschaft des afrikanischen Kontinents.
SPIELKULTUR
Internationales Kollektiv
Seitdem die Generation der alten Helden um Anthony Yeboah und Abedi Pelé abgetreten ist, funktioniert das ghanaische Team vor allem als kompaktes Kollektiv. Angeführt von dem überragenden Michael Essien, der beim FC Chelsea spielt und als einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt gilt, kassierten die "Black Stars" in ihren zehn Qualifikationsspielen nur vier Gegentore. Überhaupt das Mittelfeld: Neben Essien spielen dort die dribbelstarken Stephen Appiah (Fenerbahçe Istanbul) und Sulley Ali Muntari (Udinese Calcio) - auch Ghanas Stars spielen heute fast alle im Ausland.
STAR
Michael Essien
Roman Abramowitsch, Besitzer von Chelsea London, hat 38 Millionen Euro für Essiens Wechsel von Olympique Lyon nach England gezahlt. Das mag für den Oligarchen aus Russland ein Taschengeld sein, den jungen Mann aus Ghanas Hauptstadt Accra aber machte dieser Transfer zum teuersten Spieler Afrikas. Essien ist zweikampfstark, dynamisch und vielseitig einsetzbar. Wegen seiner offensiven Spielweise wird er gern mit Michael Ballack verglichen. In der Champions League schoss er in der vergangenen Saison allein fünf Treffer. In Ägypten beim Afrika-Cup fehlte er - er meldete eine Knöchelverletzung, was ihm in der Heimat aber nicht alle glaubten.
TRAINER
Ratomir Dujkovic
Der Serbe Dujkovic ist 59 Jahre alt und seit 2004 Trainer der Nationalelf. Früher spielte er als Torwart bei Roter Stern Belgrad, wo er als Assistent des Coaches auch seine Laufbahn als Trainer begann. Später trainierte er die Nationalteams von Venezuela, Burma und Ruanda. Gleich zu Anfang seines Engagements in Ghana hat er den früheren Bayern-Verteidiger Sammy Kuffour, ehemals Kapitän der Nationalmannschaft und einer der populärsten Spieler des Landes, aus dem Kader gestrichen, weil der einem Trainingslager fernblieb. Für diese Maßnahme wurde der Trainer heftig kritisiert, aber seine Vorstellungen von Disziplin und Teamgeist zeigten schnell Erfolge: Als Dujkovic die Elf übernahm, folgten in der Qualifikation zur WM nach einem Unentschieden nur noch Siege, am Ende lag Ghana in der Gruppe mit fünf Punkten vorn. Zuletzt ließ er das Team überraschend defensiv spielen - vielleicht auch ein Grund für die Schlappe in Ägypten.

IRAN

POLITIK
Wieder isoliert
Nach behutsamen Reformversuchen Ende der neunziger Jahre leitet mit Mahmud Ahmadinedschad seit August 2005 wieder ein Hardliner die Regierung. Mit seinen Drohungen gegen Israel und Forderungen nach einem eigenen Atomprogramm hat er das Land einmal mehr in die Isolation getrieben. Dabei kann sich Iran weitere Wirtschaftsembargos eigentlich nicht leisten: Sogar Benzin muss das ölreiche Land jährlich für 4,5 Milliarden Dollar importieren, weil es an Raffinerien mangelt. Die Wirtschaft wird durch einen aufgeblähten Staatssektor gelähmt, trotz eines guten Bildungssystems ist mindestens jeder achte Iraner arbeitslos. Seinen Rückstand bekämpft Iran auch mit deutscher Hilfe, die Importe (Maschinen, Industrieanlagen) haben sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Vor der allgegenwärtigen Zensur flüchten viele Iraner, vor allem die junge Generation, ins Internet: 3,5 Millionen Anschlüsse gibt es bereits.
FUSSBALL
Demokratisierung?
Als der FC Bayern im Januar zu einem Saisonvorbereitungsspiel gegen den Teheraner Club Persepolis antrat, nutzte die iranische Regierung die Übertragung im Fernsehen zur Propaganda. "Die friedliche Nutzung der Atomenergie ist ein natürliches Recht aller Völker", flimmerte es über den Bildschirm, und nach der Partie wurden wieder Rufe laut, Iran von der WM in Deutschland auszuschließen. Die Fifa lehnt das kategorisch ab, der Sport könne und dürfe der Politik nicht vorgreifen. Man solle vielmehr die verbindende Kraft des Sports nutzen. Es gab auch positive Stimmen zum Spiel der Bayern: Iranische Regimekritiker glauben, dass der Sport einen Beitrag zur Demokratisierung des Landes leiste. Der Abend aber zeigte auch, wie groß die Sportbegeisterung im Lande ist. Täglich erscheinen mehrere Zeitungen, die sich nur dem Fußball und anderen Sportarten widmen.
SPIELKULTUR
Mit Bundesliga-Erfahrung
Die derzeitige Nationalmannschaft gilt als beste in der Fußballgeschichte Irans. Nach der verpassten Qualifikation zur WM 2002 formte der neue Trainer Branko Ivankovic um den Altstar Ali Daei, der einst für Bielefeld und die Bayern stürmte und auch in dieser Qualifikationsrunde mit neun Toren bester Schütze war, eine junge, talentierte Mannschaft, deren Offensivabteilung man ebenfalls aus der Bundesliga kennt: Mehdi Mahdavikia vom Hamburger SV, Vahid Hashemian von Hannover 96 und Ali Karimi, den Diego Maradona Irans, vom FC Bayern. Trotzdem erzielt das defensiv ausgerichtete Team seine Treffer meistens nur nach Standardsituationen. Die Hoffnung ist dennoch gr0ß, dass dem bislang einzigen gewonnenen Spiel bei einer Weltmeisterschaft - einem 2:1 über Erzfeind USA 1998 - in Deutschland weitere folgen werden.
STAR
Ali Karimi
Obwohl ihm schon früh der Sprung zu einem europäischen Top-Club zugetraut wurde, sah es lange Zeit so aus, als würde Asiens Fußballer des Jahres 2004 sein Talent auf ewig in der Wüstenliga Dubais verschwenden. Erst im vergangenen Jahr, als kaum mehr jemand damit rechnete, wechselte Karimi im Alter von 26 Jahren zum FC Bayern. Dort war man anfangs durchaus skeptisch, ob sich der dribbelstarke Techniker durchsetzen kann, aber Karimi, der ein Wunschspieler von Felix Magath war, zeigte, dass er nicht nur Pirouetten drehen, sondern auch kämpfen kann und torgefährlich ist.
TRAINER
Branko Ivankovic
Trainer Irans zu sein ist einer der heikelsten Jobs der Fußballbranche - alles hat "im Namen Allahs" zu geschehen, und so mancher Religionswächter mag nicht einsehen, warum "Ungläubige" die Mannschaft führen dürfen. "Wann wollt ihr endlich begreifen, dass es besser ist, einen Trainer zu haben, der Muslim ist, statt irgendwelche Alkoholiker aus Jugoslawien zu holen", donnerte ein Ajatollah unmittelbar vor der WM-Teilnahme 1998 von der Kanzel der Teheraner Ark-Moschee. Damals hieß der Coach Tomislav Ivic, ein in der Szene angesehener Kroate. Diesmal obliegt Branko Ivankovic die Verantwortung, einem Professor für Sportwissenschaften, der herumgekommen ist in der Welt, unter anderem trainierte er vor ein paar Jahren den damaligen Zweitligisten Hannover 96. Vor vier Jahren führte er die iranische U-23-Auswahl zum Turniersieg bei den Asien-Spielen und integrierte in der Folgezeit einige der Nachwuchsspieler in die erste Mannschaft, etwa den Stürmer Arasch Borhani, 22, oder den talentierten Spielmacher Dschavad Nekunam, 25. Ivankovic ist bei den Spielern sehr beliebt. Als er nach einigen schwachen Spielen Ende des vergangenen Jahres in die Kritik geriet, stellten sich die Spieler vor ihren Vorgesetzten. Man müsse Geduld haben, der Trainer probiere eben eine Menge aus, und dabei könne auch mal was schiefgehen.

ITALIEN

POLITIK
Selten einig
Auf den Gewinner der italienischen Parlamentswahlen im April 2006 warten viele Herausforderungen. Zwar konnte das Mitte-Rechts-Bündnis von Silvio Berlusconi die Arbeitslosigkeit auf unter acht Prozent senken, die versprochenen Strukturreformen blieben aber unverwirklicht. Italiens Verwaltung gilt als schwerfällig, die Justiz verschleppt Zivilgerichtsverfahren um bis zu 15 Jahre. Die Wirtschaft stagniert zurzeit, die Verschuldung ist die zweithöchste innerhalb der EU. Von den knapp 60 Millionen Italienern leben 7,5 Millionen unter der Armutsgrenze. Nach wie vor besteht ein Wohlstandsgefälle zwischen dem industrialisierten Norden und dem landwirtschaftlich geprägten Süden. Nur selten ist das Land so vereint wie in Zeiten der Entführung mehrerer Italiener im Irak.
FUSSBALL
Sanfte Öffnung
Ihren ersten Weltmeistertitel gewannen die Italiener 1934 im eigenen Land; vier Jahre später verteidigten sie ihren Titel. Die darauffolgende Durststrecke währte fast ein halbes Jahrhundert und endete, dank eines überragenden Paolo Rossi, 1982 in Spanien. Zuletzt aber gab es immer wieder Enttäuschungen, 2002 scheiterte man nach dubiosen Schiedsrichterentscheidungen bereits im Achtelfinale an Gastgeber Südkorea, bei der EM in Portugal schied die Mannschaft unter Giovanni Trapattoni in der Vorrunde aus. In Italien, dieser großen Fußballnation, sind die Erwartungen an die Spieler traditionell groß. Die eigene Liga galt lange als die beste und teuerste der Welt, vor ein paar Jahren verdienten selbst Reservetorhüter bei Juve, Milan oder Inter eine halbe Million Euro. Aber diese Zeiten sind vorbei. Eintönige Meisterschaften, marode Stadien und Fan-Krawalle schrecken Zuschauer ab. Und weil viele Vereine nach den Pleiten und Finanzskandalen der vergangenen Jahre mehr auf ihre Bilanzen achten, ist inzwischen mancher Star ins Ausland abgewandert. 42 italienische Profis spielen mittlerweile in der Fremde, Antonio Cassano etwa ging zu Real Madrid, Christian Vieri wechselte nach Monaco. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen.
SPIELKULTUR
Ende der Experimente
Mit dem neuen Trainer Marcello Lippi änderte sich einiges zu Beginn der Qualifikation im September 2004. Auf der Suche nach einer neuen, auch künftig konkurrenzfähigen Squadra Azzurra, testete Lippi 55 Spieler, allein 24 davon waren Debütanten. Die Experimente dienten auch als Erklärung für die oft mäßigen Leistungen in der Qualifikation. Zum Ende hin hat Lippi jedoch eine gutgemischte Formation aus Routiniers und Neulingen gefunden, die in einem Testspiel die Niederlande 3:1 besiegte und Deutschland 4:1 abfertigte. In der Abwehr gelten die erfahrenen Innenverteidiger Cannavaro und Nesta als gesetzt. Im Mittelfeld ist offen, ob der torgefährliche Regisseur Francesco Totti seinen Wadenbeinbruch bis zur WM auskuriert hat (siehe Seite 36). Fällt der Römer aus, wäre ein anderer wieder erste Wahl: Alessandro del Piero von Juventus Turin. Im Sturm scheint der ebenso kopfballstarke wie treffsichere Florentiner Luca Toni eine Bank.
STAR
Gianluigi Buffon
Fußball sei nicht alles im Leben, hat Gianluigi Buffon, 28, stets betont - und konsequent gehandelt. Nebenbei wollte er Jura studieren, und weil er wegen des Fußballs mit 17 die Schule abgebrochen hatte, musste er sich sein Abiturzeugnis zur Einschreibung eben kurzerhand selbst ausstellen. Zu 3200 Euro Geldstrafe wurde Buffon 2001 wegen Urkundenfälschung verurteilt. Zumindest finanziell dürfte ihn das wenig geschmerzt haben. Im selben Jahr zahlte Juventus für das Ausnahmetalent die mit Abstand höchste Ablösesumme, die je für einen Torwart ausgegeben wurde: 52 Millionen Euro. Geschätztes Jahressalär: fünf Millionen Euro. Sein Debüt in der Serie A hatte "Gigi" mit 17 bestritten, das in der Nationalelf mit 19. Mit Juve gewann Buffon dreimal den Scudetto und erreichte das Finale der Champions League, für 2003 und 2004 wurde er zum Welttorhüter gekürt. Nur mit der an weiteren Stars wie Totti und del Piero so reichen Squadra Azzurra wartet der extrem reaktionsschnelle Schlussmann noch auf große Erfolge.
TRAINER
Marcello Lippi
Anders als sein Vorgänger, der unterhaltsame Giovanni Trapattoni, gilt der Mann aus der Toskana, dem eine Ähnlichkeit mit Paul Newman nachgesagt wird, als Stoiker, der zum Lachen in den Keller steigt. Lippi, der früher bei Sampdoria Genua einen eleganten Libero gab, wurde als Trainer fünfmal Meister mit Juventus Turin, einmal führte er das Team zum Champions-League-Triumph. Im Club der Agnellis schätzte man das distinguierte Auftreten des Trainers, andernorts wird es ihm schnell als Arroganz ausgelegt. Lippis größter Verdienst: Italien hat sich von Catenaccio verabschiedet.

JAPAN

POLITIK
Wirksame Reformen
Japan ist zurück. Nach 15 Jahren wirtschaftlicher Schwierigkeiten stehen die Zeichen im einstigen Wirtschaftswunderland wieder auf Prosperität. Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 2,8 Prozent, und auch für 2006 sind die Aussichten gut. Die unter Premierminister Junichiro Koizumi eingeleiteten Reformen gelten als so tiefgreifend, dass der Aufschwung, auch angefacht von der Nachfrage der großen Handelspartner USA und China, fortbestehen könnte. Koizumi errang bei vorgezogenen Wahlen im September 2005 einen spektakulären Sieg, die Koalition verfügt über eine sichere Zweidrittelmehrheit. Mit seinen jährlichen Besuchen des Yasukuni-Schreins in Tokio, in dem auch Kriegsverbrechern gedacht wird, gefährdet der Premier allerdings die immer bedeutender werdenden Beziehungen zu China. Im September wird Koizumi den japanischen Regeln entsprechend aus seinem Amt ausscheiden, weil dann seine Zeit als Chef der Regierungspartei LDP endet. Als wahrscheinlicher Nachfolger gilt Shinzo Abe.
FUSSBALL
Nummer zwei
Seit der Weltmeisterschaft im eigenen Land interessieren sich in Japan immer mehr Menschen für Fußball. Als sich die Nationalmannschaft im vergangenen Juni gegen Nordkorea zum dritten Mal in Folge für eine Endrunde qualifizierte, lag die Einschaltquote im Fernsehen zeitweise bei 53,7 Prozent. Und mit immerhin rund 19 000 Zuschauern pro Spiel in der japanischen Meisterschaft ist Soccer hinter Baseball inzwischen längst zweitpopulärste Sportart des Landes. Ein Grund für diesen Boom ist auch, dass bekannte internationale Profis nach Fernost wechseln, um dort ihre Karriere mit hochdotierten Verträgen ausklingen zu lassen. Gleichzeitig ist das Interesse der Japaner an den europäischen Ligen stark gewachsen. Man informiert sich über das Internet, kauft eines der vielen neuen Fußballmagazine oder sieht die Live-Übertragungen von Spielen aus Europa im Fernsehen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich unter Japans wohlhabender Mittelschicht derzeit Kurz-Trips nach Europa, die unter dem Motto "drei Tage, zwei Spiele" angeboten werden.
SPIELKULTUR
Junge gegen "Europäer"
Die Mannschaft ist gespalten. Auf der einen Seite fordern die europäischen Legionäre, allesamt etablierte Stars, mit Hinweis auf ihre Verdienste einen Stammplatz, und auf der anderen Seite drängen jene Spieler aus der J-League in den Kader, die ohne die "Europäer" erneut Asienmeister wurden. Kapitän Tsuneyasu Miyamoto, der beim World Cup 2002 wegen einer gebrochenen Nase als Maskenmann für Aufsehen sorgte, gilt im Team als ausgleichende Kraft. Ohne Zweifel besitzen die Japaner eine der stärksten Mittelfeldreihen Asiens. Shunsuke Nakamura, Hidetoshi Nakata und Takashi Fukunishi spielen einen ruhigen, sicheren Kombinationsfußball, dem allerdings die Effizienz fehlt. Abgesehen vom mangelnden Killerinstinkt im Angriff leiden die Japaner in der Abwehr an ihrer zumeist geringen Körpergröße: Innenverteidiger Miyamoto etwa misst nur 1,76 Meter.
STAR
Shunsuke Nakamura
Zum ersten Mal in den Vordergrund gespielt hat sich der 27-Jährige bei den Asien-Meisterschaften vor zwei Jahren. Er führt inzwischen anstelle des schillernden Hidetoshi Nakata, der 1998 mit seinem Wechsel zum AC Perugia zu Hause eine Fußballeuphorie entfachte, im Mittelfeld Regie. Trotz seiner physischen Nachteile gelang es Nakamura nach seinem Wechsel im vergangenen Sommer von Reggina Calcio zu Celtic Glasgow schnell, sich der schottischen Gangart anzupassen. Er glänzt auf der Insel durch seine Übersicht, durch öffnende Pässe und präzise Freistöße. Nachdem er vor vier Jahren für das Turnier im eigenen Land nicht berücksichtigt worden war, brennt Shunsuke Nakamura nun auf sein Debüt bei einer Weltmeisterschaft.
TRAINER
Zico
Artur Antunes Coimbra, kurz Zico genannt, hat die Geschäfte vor vier Jahren vom Franzosen Philippe Troussier übernommen. Zico begann mit einer Reihe enttäuschender Spiele. Die Gemüter beruhigten sich erst wieder nach dem Gewinn der Asienmeisterschaften 2004, als man im Endspiel Gastgeber China mit 3:1 besiegte. Zico, der als Spielmacher der brasilianischen Seleção in 88 Spielen 66 Tore schoss, ist selbst nie Weltmeister geworden. Seine Spielerkarriere beendete er in Japan bei den Kashima Antlers. Zico, ein zurückhaltender Mann mit blonden Haaren, Goldkettchen und großer Armbanduhr, wird in der Vorrunde auf die Mannschaft seiner Heimat treffen. In seiner Biografie, betitelt mit "Er wurde Gott genannt", wird er wie folgt zitiert: "Bitte überschätzt mich nicht. Ich bin nur ein Mann, der den Fußball liebt."

KROATIEN

POLITIK
Auf dem Weg
Das Ziel ist klar: Bis 2010 will Kroatien Mitglied der Europäischen Union werden. Einiges ist auf dem Weg dorthin schon geschafft. Die Wirtschaft wächst mit etwa vier Prozent, die parlamentarische Demokratie gilt seit der Verfassungsreform im November 2000 als stabil. Wie von der EU gefordert, kooperiert die kroatische Justiz inzwischen uneingeschränkt mit dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Noch immer krankt das Land aber an Korruption und einem in Teilen unzulänglichen Justizwesen. Auch die negative Handelsbilanz und ein hohes Haushaltsdefizit bereiten der Regierung von Premierminister Ivo Sanader Sorgen. Hoffnungen weckt die wiederaufblühende Tourismusbranche, sie macht bereits mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts aus.
FUSSBALL
Chronisch finanzschwach
Den dritten Platz bei der WM 1998 feierten die Kroaten so ausgelassen wie andere Länder einen Titel. Der Erfolg der goldenen Generation um Zvonimir Boban, Robert Prosinecki und Davor Suker, der mit sechs Treffern sogar Torschützenkönig wurde, hatte für das vom Bürgerkrieg geschundene Land eine Bedeutung wie für die Deutschen der WM-Sieg 1954. Er wurde Teil der nationalen Identität. Kurz nachdem Kroatien, das ein Land mit großer Fußballtradition ist, unabhängig wurde, nahm die heimische Fußballliga ihren Spielbetrieb auf. Mit Hajduk Split und Dinamo Zagreb sind zwei Spitzenteams der ehemaligen jugoslawischen Liga dabei, die seither bis auf eine Ausnahme die Meisterschaft unter sich ausmachen. Abgesehen von diesem Mangel an Abwechslung leidet die Liga unter ihrer bescheidenen Qualität. Die meisten Stars spielen im Ausland, und aus den chronisch finanzschwachen Vereinen kommen wenig gute Spieler nach. Deshalb wird es Kroatien vermutlich schwer haben, auf Dauer an die Erfolge von Suker und Co. anzuknüpfen.
SPIELKULTUR
Team der Legionäre
Mit sieben Siegen und drei Unentschieden haben sich die Kroaten in ihrer Qualifikationsgruppe behauptet. Entscheidend für die dritte WM-Teilnahme in Folge waren vor allem der Auswärtssieg in Bulgarien und die beiden 1:0-Erfolge gegen Schweden. Torschütze in beiden Spielen war Mittelfeldspieler Darijo Srna. Der war neben Stürmer Dado Prso von den Glasgow Rangers mit fünf Toren erfolgreichster Goalgetter der kroatischen Mannschaft, die insgesamt auf 21 Treffer kam. Im Team von Trainer Zlatko Kranjcar ist der einzige Spieler, der noch in der Heimat spielt, dessen Sohn Niko, ein torgefährlicher Mittelfeldmann von Hajduk Split, der trotz seiner erst 21 Jahre für die kreativen Elemente sorgen soll. Mit Kapitän Niko Kovac, Innenverteidiger Josip Simunic (beide Hertha BSC Berlin) und Angreifer Ivan Klasnic (Werder Bremen) ist die Bundesliga im Kader vertreten, dessen Stärke in der Offensive liegt.
STAR
Dado Prso
Der 1,90 Meter große, kopfballstarke Stürmer ist ein Spätstarter. Er tingelte, nachdem er als 18-Jähriger von Kroatien nach Frankreich gezogen war, erst mal durch die Provinz. Er spielte für Rouen, in Ajaccio auf Korsika und landete schließlich beim AS Monaco. Dort feierte der Mann mit dem Pferdeschwanz seinen Durchbruch, als er in der Champions League 2003 beim 8:3 gegen den spanischen Verein La Coruña viermal traf. Zwei Wochen später schoss Prso, der erst im Alter von 28 Jahren in der Nationalelf debütierte, sein Land so gut wie im Alleingang zur EM in Portugal: In den beiden Relegationsspielen erzielte der Nachfolger von Davor Suker im Sturm der Kroaten die beiden einzigen Treffer für sein Land. 2004 wechselte Prso, der zuletzt zweimal zu Kroatiens Fußballer des Jahres gewählt wurde, nach Schottland zu den Glasgow Rangers. In 56 Spielen traf er dort 25-mal. Nach der WM will Prso aus gesundheitlichen Gründen seine kurze, aber sehr erfolgreiche Länderspielkarriere beenden.
TRAINER
Zlatko Kranjcar
Der 49-Jährige übernahm den Posten des Nationaltrainers von Otto Baric, der nach einer insgesamt enttäuschenden Europameisterschaft 2004 zurücktrat. Kranjcar, der früher für das jugoslawische Nationalteam spielte, ist bekannt als Anhänger des offensiven Fußballs. Eine seiner ersten Maßnahmen im Amt des Nationaltrainers war die Nominierung seines talentierten Sohns Niko. Viele warfen Zlatko Kranjcar deshalb Vetternwirtschaft vor, aber überzeugende Leistungen des Jungen, der inzwischen als das größte Talent des kroatischen Fußballs gehandelt wird, ließen die Kritiker schnell verstummen. Bevor Kranjcar Nationalcoach wurde, trainierte er Dinamo Zagreb, mit dem er zweimal den Meistertitel holte, und NK Zagreb, das mit ihm auch eine Meisterschaft gewann.
MEXIKO>
POLITIK
Stabiler Wandel
Im Jahr 2000 war es soweit: Die Wahl des Konservativen Vicente Fox zum mexikanischen Präsidenten beendete die jahrzehntelange Herrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution. Dem früheren Coca-Cola-Manager Fox gelang eine beachtliche Stabilisierung: Das Haushaltsdefizit wurde reduziert, die Inflation auf rund drei Prozent gesenkt. Der Kongress verabschiedete für 2006 sogar einen ausgeglichenen Haushalt. Vom Nachfolger des nach der Wahl im Juli scheidenden Präsidenten werden aber umfassendere Wirtschaftsreformen gefordert. Das Wachstum hat sich auf etwa drei Prozent verlangsamt, gebremst auch durch die Verwüstungen der Hurrikane "Wilma" und "Stan". Obwohl die Weltbank Mexikos Bemühungen zur Armutsreduzierung lobt, leben in der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas immer noch knapp 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb des Existenzminimums von zwei Dollar pro Tag. Viele von ihnen fasziniert das Beispiel der Zapatisten. Die indianische Rebellenorganisation kontrolliert im südlichen Bundesstaat Chiapas mehrere "autonome Provinzen". Ihr Anführer, der stets maskierte "Subcomandante Marcos", ging Anfang des Jahres auf eine Reise durch ganz Mexiko.
FUSSBALL
Immer auf Sendung
Mit seinen ständigen Live-Übertragungen und der Dauerpräsenz der wichtigsten Clubsymbole ist der nationale Fußball Lebensinhalt und Wirtschaftsfaktor (siehe Seite 58). Das Fernsehen inszeniert bunte Shows mit Gewinnspielen und Werbeslogans. Nur im Umfeld des Fußballs ist es möglich, dass TV-Promis während ihrer Moderation etwa bestimmte Rasierklingen anpreisen. Über die Industrieregion von Monterrey gibt es Studien, die belegen: Vom sportlichen Erfolg der ansässigen Erstligisten profitiert auch die Wirtschaft. Gespielt wird im Land quasi immer - selbst in der Pause zwischen den jährlich zwei Meisterschaftsrunden plus Play-offs gibt es noch Qualifikationsturniere für internationale Wettbewerbe.
SPIELKULTUR
Dauerbrenner
Nicht erst seit dem überzeugenden 1:0 gegen Brasilien beim letztjährigen Confed-Cup ist klar, dass die Mexikaner in der Weltspitze angekommen sind. Das Team aus Mittelamerika, mit zwölf Teilnahmen ein Dauerbrenner bei den WM-Endrunden, hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert, vor allem in der Offensive. Sage und schreibe 67 Tore erzielte "El Tri" in 18 Qualifikationsspielen, so viele wie keine andere Mannschaft. Trainer Ricardo La Volpe, der meist auf ein flexibles 3-5-2 setzt, hat erfahrene Leute wie Rafael Márquez und Oswaldo Sánchez mit jungen Talenten wie dem offensiven Mittelfeldspieler Jaime Lozano zu einer harmonischen Einheit gemischt.
STAR
Oswaldo Sánchez
In einem taktisch anspruchsvoll geschulten Ensemble, das durch mannschaftliche Geschlossenheit besticht, ragt der Torwart heraus. Sánchez, 32, der Rückhalt des populären Clubs Chivas aus Guadalajara, macht nicht nur durch verblüffende Reflexe auf sich aufmerksam. Er gilt auch als routinierter Organisator der Abwehr. Seine Unaufdringlichkeit steht für den neuen Geist im Team: Die Zeit der Egomanen ist vorbei. Der Starstürmer Cuauhtémoc Blanco etwa, für viele Fans der beste Fußballer des Landes, gilt nicht als Trainer La Volpes Lieblingsspieler. Dem Konditionstrainer der Selección soll er einmal gedroht haben, er werde für seine Entlassung sorgen, wenn der ihn weiter mit anstrengenden Übungen nerve. Auch Torjäger Jared Borgetti, beim Confederations Cup als Held verehrt und dann zu den Bolton Wanderers gewechselt, muss um seinen Platz im Team bangen: In England kam er bislang selten zum Einsatz.
TRAINER
Ricardo La Volpe
Er ist streitsüchtig, ein schlechter Verlierer und für viele der beste Nationaltrainer, den das Land je hatte. Der Argentinier, seit 2002 im Amt, gilt als glühender Verfechter des Offensivfußballs, und auch neben dem Platz verhält sich der Mann, den der deutsche Boulevard aufgrund seines Nikotinkonsums "El Fluppe" taufte, kaum zurückhaltend. Einmal behauptet er, bei den US-Amerikanern könne locker seine Großmutter mitspielen, ein anderes Mal erklärt er eine Niederlage damit, dass das Spiel von der Fifa verschoben worden sei. Dabei greift La Volpe gelegentlich selbst zu eher unkonventionellen Mitteln: Als er zur Auslosung der Vorrunde nach Leipzig reiste, hatte er einen Kompass und diverse Rosenkränze im Gepäck. Mit Hilfe des Kompasses dirigierte er sich an einen Ort im Saal, der laut der Feng-Shui-Lehre mit positiven Energien aufgeladen war. Dann betete La Volpe. Es half: Mexiko trifft auf Iran, Angola und Portugal. Laut La Volpe "keine Todesgruppe".

NIEDERLANDE>

POLITIK
Zu viele Fragen
Die Niederländer haben in den vergangenen Jahren vieles in Frage gestellt: ihr umfassendes Sozialsystem, das durch immer höhere Kosten belastet wird, ihre Wirtschaft, die nach einem Aufschwung in den neunziger Jahren zuletzt stagnierte. Auch die niederländische Integrationspolitik wurde heftig diskutiert, nachdem ein fanatischer Muslim Ende 2004 den islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh auf offener Straße ermordet hatte. Wirtschaftlich soll es für das 16-Millionen-Einwohner-Land nun wieder bergauf gehen. Unter der seit 2002 regierenden Mitte-rechts-Koalition von Premierminister Jan Peter Balkenende wurden einschneidende Arbeitsmarktreformen beschlossen, seit Anfang des Jahres gibt es die auch in Deutschland diskutierte Bürgerversicherung. Die Exporte steigen, nicht zuletzt dank der großen Erdgasvorkommen des kleinen Landes. Offen bleibt, wie die Niederlande ihre vielen Einwanderer integrieren können: "Wir brauchen ein besseres Zusammenleben in unserem Land", forderte Königin Beatrix.
FUSSBALL
In Schönheit sterben
Die größten Erfolge feierten die Niederländer in den siebziger Jahren, als sie gleich zweimal in Folge ein WM-Finale erreichten. Beide Male aber scheiterte man am Gastgeber, 1974 in München unterlagen die Oranjes der bundesdeutschen Mannschaft, 1978 den Argentiniern mit einem überragenden Mario Kempes. Der einzige große Titel bleibt bis heute der Erfolg bei der EM 1988 in Deutschland. Die hoffnungsvolle Nachfolgegeneration um Edgar Davids, Dennis Bergkamp und Patrick Kluivert konnte die stets hohen Erwartungen nie einlösen. 2002 verpasste sie sogar die Teilnahme am Turnier in Japan und Südkorea. Die niederländischen Fußballästheten sterben in Schönheit, aber in einem Land, das den Trainer dazu verpflichtet, offensiv spielen zu lassen, wird das durchaus einkalkuliert. Nach dem verlorenen WM-Finale von 1974 erklärte der damalige Kopf der Elf, Johan Cruyff: Vielleicht wichtiger, als dass man gewinne, sei es, dass die Mannschaft in Erinnerung bleibt.
SPIELKULTUR
Neue Gesichter
In der Qualifikation wurden bis auf zwei Unentschieden gegen Mazedonien alle Spiele gewonnen, wobei vor allem die unerfahrene Defensive um die beiden Innenverteidiger Khalid Boulahrouz (Hamburger SV) und Barry Opdam (AZ Alkmaar) überzeugte: Gerade mal drei Gegentore ließ man zu. Nach dem Ausscheiden bei der EM in Portugal vor zwei Jahren bekam die Mannschaft ein neues Gesicht. Trainer Marco van Basten setzte auf die Jugend. Er holte die Außenstürmer Arjen Robben, 22 (FC Chelsea), und Ryan Babel, einen 19-Jährigen aus der Ajax-Schule. Dazu kommen Andy van der Meyde vom FC Everton oder Rafael van der Vaart, der beim HSV eine überragende Saison spielt und dessen vorrangige Aufgabe es ist, Ruud van Nistelrooy zu bedienen. Der Goalgetter von Manchester United bildet gemeinsam mit Kapitän Phillip Cocu und dem erfahrenen Torwart Edwin van der Sar das Gerüst einer ebenso spielstarken wie kompakten Mannschaft.
STAR
Ruud van Nistelrooy
Er war Torschützenkönig in Holland und in England, er hat in fünf Spielzeiten bei Manchester United bislang annähernd 100 Ligatore erzielt und liegt mit 47 Europapokaltreffern hinter Raúl und Alfredo Di Stéfano auf Platz drei der ewigen Bestenliste. In der Nationalelf traf er 25-mal in 49 Spielen, aber bis auf eine Meisterschaft mit Manchester United hat Rutgerus Martinus van Nistelrooy, dem man auf der Insel den Spitznamen "Van the Man" verpasste, noch keinen bedeutenden Titel gewonnen. Der 1,88 Meter große Stürmer ist kopfballstark und schussgewaltig. 2001 wechselte er für 19 Millionen Pfund vom PSV Eindhoven nach England. In seiner Jugend, heißt es, fuhr van Nistelrooy regelmäßig von Heerenveen nach Amsterdam, um dort sein Vorbild Dennis Bergkamp aus der Nähe zu studieren.
TRAINER
Marco van Basten
Marco van Basten übernahm den Posten als Bondscoach nach der Euro 2004 vom umstrittenen Dick Advocaat. Van Basten, der zu seiner Zeit beim AC Milan als weltbester Stürmer galt, ehe er wegen einer Sprunggelenksverletzung im Alter von 30 Jahren seine Karriere beendete, ist wie Jürgen Klinsmann ein Novize. Und auch er schreckt nicht vor unpopulären Entscheidungen zurück. Ihm liegt viel an Teambuilding, er glaubt, dass echte Profis ihre Eitelkeiten zurückstellen sollen, und hat deswegen auch Exzentriker wie Patrick Kluivert aus dem Kader gestrichen. In seinen ersten 16 Spielen blieb er ungeschlagen. Er bevorzugt offensive Spieler, wie sein großes Vorbild Rinus Michels, wenngleich van Basten in Italien auch gelernt hat, dass Offensive nichts wert ist ohne taktische Disziplin.

PARAGUAY

POLITIK
Kampf der Korruption
Wie viele lateinamerikanische Staaten war Paraguay jahrzehntelang eine Militärdiktatur. Nach der Absetzung von General Alfredo Stroessner 1989 entwickelten sich demokratische Strukturen. Indes kämpft auch die heutige Regierung von Präsident Nicanor Duarte Frutos gegen die Korruption. Sie war besonders in Duartes eigener Partei Colorado verbreitet. Inzwischen hat die Regierung in vielen Bereichen Reformbereitschaft bewiesen, so wurden sechs der neun obersten Richter im Zuge einer Justizreform ausgetauscht. Die sechs Millionen Paraguayer können angesichts eines Wirtschaftswachstums von etwa drei Prozent Hoffnung schöpfen. Fast ein Drittel von ihnen lebt unterhalb der Armutsgrenze. Zum laut der Verfassung multikulturellen Paraguay gehören auch die Nachfahren deutscher Mennoniten. Dass Duarte mehrere der streng bibeltreuen Christen in seine Regierung berief, wird als besonderes Signal gegen die Korruption gewertet.
FUSSBALL
Quell der Befriedigung
Nachdem die "Albirroja", wie Paraguays Nationalelf genannt wird, in der Qualifikation einige empfindliche Niederlagen einstecken musste (unter anderem ein 1:4 gegen Peru), wurde die heimische Presse langsam ungeduldig. Nach zuletzt zwei WM-Teilnahmen sieht man sich in Paraguay, das immerhin zweimal Südamerika-Meister wurde und 1930 an der ersten WM-Endrunde teilnahm, eigentlich auf dem Weg zurück zu alter Größe. Und in der Tat erlebt der paraguayische Fußball, der laut Trainer Aníbal Ruíz für viele Menschen im Land die einzige Quelle der Befriedigung darstellt, in den vergangenen Jahren einen kaum zu übersehenden Aufschwung. Aus der heimischen División Profesional, in der die beiden Hauptstadtclubs Olimpia und Cerro Porteño aus Asunción mit neun weiteren Vereinen um die Meisterschaft konkurrieren, schaffen immer mehr junge Spieler den Sprung nach Europa. Beim olympischen Fußballturnier in Athen gewann der paraguayische U-23-Nachwuchs die Silbermedaille.
SPIELKULTUR
Drang und Leidenschaft
Von der Mannschaft, die 1998 im Achtelfinale erst durch ein Golden Goal an Gastgeber Frankreich scheiterte und vier Jahre später, erneut im Achtelfinale, durch ein Tor von Oliver Neuville kurz vor Schluss unglücklich gegen die deutsche Elf ausschied, sind nicht viele Spieler übriggeblieben. Trainer Ruíz hat nach dem Rücktritt der alten Helden um Torwartlegende José Luis Chilavert damit begonnen, einen Umbruch einzuleiten. Weiterhin dabei sind Carlos Gamarra, der als Kapitän die Abwehr dirigiert, Regisseur Roberto Acuña von La Coruña und Stürmer José Cardozo, der mit 24 Toren in 79 Länderspielen den Landesrekord hält. Aber es drängen immer mehr junge Spieler nach. Zu nennen wären vor allem Cardozo-Konkurrent Nelson Valdez, 22, von Werder Bremen, Julio Dos Santos, 22, der seit der Winterpause beim FC Bayern unter Vertrag ist, oder der erst 18jährige Sechser José Montiel, den unlängst Udinese Calcio verpflichtete. Die Albirroja ist trotz des Umbruchs ihrer Spielweise treu geblieben. Man setzt auf Leidenschaft und Kampf und im Zweifel auch auf einen fünften Verteidiger. Was der Mannschaft fehlt, ist Konstanz: In der Qualifikation standen acht Siegen immerhin sechs Niederlagen gegenüber.
STAR
Roque Santa Cruz
Roque Santa Cruz war ein Frühstarter. Mit 15 debütierte der vielseitige Stürmer, den viele damals für einen Wunderknaben hielten, für seinen Club Olimpia in Paraguays erster Liga, kaum zwei Jahre später trug er erstmals den Dress der Albirroja. 1999, im Alter von 17 Jahren, folgte der Wechsel zu den Münchner Bayern in die Bundesliga, wo er mit vier Toren in seinen ersten elf Spielen einen Traumstart hinlegte. Verletzungen warfen den Frauenschwarm immer wieder zurück, und als er im Oktober des vergangenen Jahres seine vielleicht beste Zeit bei den Münchner Bayern erlebte, riss ihm in einem Ligaspiel ein Kreuzband. Santa Cruz, der 2004 einen Gastauftritt in einem Musikvideo der Sportfreunde Stiller hatte ("Ich, Roque"), hofft nun, bis zur WM wieder fit zu sein.
TRAINER
Aníbal "El Maño" Ruíz
Der Uruguayer, den sie El Maño nennen, ist nur einer von drei Trainern in Südamerika, die während der gesamten Qualifikationsphase im Amt waren. Ruíz, ein leiser älterer Herr mit Knautschgesicht, der regelmäßig mit seinen im Ausland tätigen Spielern telefoniert, debütierte vor vier Jahren in einem Freundschaftsspiel gegen die Brasilianer; man gewann mit 1:0 und nahm den Schwung mit in die Qualifikation. Der Sieg gegen den Weltmeister erleichterte es Ruíz, 64, der schon in vielen südamerikanischen Ländern gearbeitet hat, den notwendigen Umbruch in der Mannschaft einzuleiten.

POLEN

POLITIK
Neue Republik?
Der Eintritt in die Europäische Union war für Polen im Mai 2004 nicht nur politisch ein wichtiger Schritt. Mit den gefallenen Handelsschranken legte die größte Volkswirtschaft der neuen EU-Länder im Beitrittsjahr mehr als fünf Prozent zu. Nun hat sich das Wachstum verlangsamt. Bei der Parlamentswahl im September 2005 wurde überraschend die konservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" der Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kazcy'nski zur stärksten Kraft. Um ihre Anhänger, meist Verlierer des Transformationsprozesses, warben sie auch mit europafeindlichen Slogans und versprachen eine bessere "Vierte Republik". Das größte Problem Polens bleibt die Arbeitslosigkeit von rund 18 Prozent. Außenpolitisch tritt das Land mit wachsendem Selbstvertrauen auf. Im Irak übernahm es auf Bitten der USA Verantwortung für eine eigene militärische Zone.
FUSSBALL
Leere Ränge
Als die Polen 1986 im Achtelfinale der WM in Mexiko rausgeflogen waren, erwies sich Zbigniew Boniek, der größte internationale Star des polnischen Fußballs, fast als Prophet: "Vielen wird die Wahrheit nicht gefallen, aber in den nächsten 20 Jahren werden wir nicht mehr dabei sein." Die große Zeit der polnische Mannschaft war abgelaufen. Boniek, Grzegorz Lato und Wlodzimierz Smolarek, das war eine große Fußballergeneration Polens, das 1974 und 1982 bei den Titelkämpfen Dritter geworden war. Immerhin konnten sich die Polen schon vier Jahr früher, nämlich 2002, wieder für ein WM-Turnier qualifizieren, aber nach Auftaktniederlagen gegen Südkorea und Portugal reiste man alsbald wieder ab. Die Erwartungen an die aktuelle Mannschaft sind gedämpft, und auch die heimische Profiliga erlebt schwere Zeiten. Immer mehr talentierte Spieler wandern ab, weil sie woanders mehr verdienen. Zur sportlichen Zweitklassigkeit der "Ekstraklasa" kamen zuletzt Manipulationsskandale. Polens Hooliganszene gilt als eine der größten und gewaltbereitesten in Europa, und sie fällt besonders auf, weil sich in den Stadien von Warschau und Krakau oft weniger als 4000 Zuschauer auf den Rängen verlieren.
SPIELKULTUR
Viele Tore
Nach acht Siegen und zwei Niederlagen qualifizierten sich die "weißen Adler" als zweitbester Gruppenzweiter direkt für die WM. Die Elf ist gespickt mit Legionären, die in ihren Vereinen aber oft auf der Bank sitzen und froh sind, wenn sie zum Nationalteam berufen werden. Die Stärken der Elf liegen in der Offensive. Die beiden Stürmer Maciej Zurawski von Celtic Glasgow und Tomasz Frankowski von den Wolverhampton Wanderers erzielten 14 der 27 Qualifikationstore; bedient haben sie oft die Flügelspieler Kamil Kosowski und Jacek Krzynowek (Bayer Leverkusen). Zuletzt machte der Dortmunder Ebi Smolarek, Sohn des Ex-Nationalstürmers Wlodzimierz Smolarek und in der Bundesliga eine der Entdeckungen der Saison, dem Kollegen Frankowski im Angriff mächtig Konkurrenz. Hinter den Spitzen wirbelt der kluge Passgeber Miroslaw Szymkowiak; Schwachpunkt ist die Verteidigung. Bei den Polen fallen regelmäßig viele Tore - vorn wie hinten.
STAR
Maciej Zurawski
Im vergangenen Jahr wechselte der Stürmer für drei Millionen Euro vom Verein Wisla Krakau, mit dem er viermal Polnischer Meister wurde, zu Celtic Glasgow. In der schottischen Liga fand sich der 29-Jährige, der schon bei der WM 2002 im polnischen Aufgebot stand, schnell zurecht. Das körperliche Spiel kommt dem Mittelstürmer sehr entgegen. Maciej Zurawski erzielte während der Qualifikation sieben Tore, außerdem glänzte er als Vorlagengeber. Auch außerhalb des Platzes wird der ruhige Mann ohne Allüren sehr respektiert.
TRAINER
Pawel Janas
Er war einer der Verteidiger in jener legendären Elf, die 1982 WM-Dritter wurde. Im Dezember 2002 übernahm er das Team von seinem früheren Mannschaftskameraden Zbigniew Boniek, der nach fünf Spielen als Trainer keine Lust mehr hatte auf den Job. Janas, der als etwas verschrobener Schweiger gilt, hatte in den neunziger Jahren das Team von Legia Warschau in die Champions League geführt, war dann aber mit der polnischen Olympiamannschaft an der Qualifikation für die Spiele in Sydney gescheitert und aus der Öffentlichkeit verschwunden. Erst später wurde bekannt, dass er an Lymphknotenkrebs erkrankt war. Zu Beginn seiner Amtszeit testete Janas mehr als 30 Spieler, scheute auch unpopuläre Maßnahmen nicht: Weil Jerzy Dudek seinen Stammplatz im Tor des FC Liverpool verlor, erhielt Artur Boruc von Celtic Glasgow den Vorzug. Außerdem holte er den damaligen Leverkusener Bankdrücker Radoslaw Kaluzny zurück ins Team und setzte den treffsicheren Tomasz Frankowski auf die Bank. Für Pawel Janas gilt: Allein die Mannschaft ist der Star.

PORTUGAL

POLITIK
Neue Hoffnung
Seine Landsleute sollten bitte mehr Schulden machen und mehr konsumieren, so etwas fordert Portugals Finanzminister immer wieder. Der ungewöhnliche Appell zeigt das Ausmaß der Wirtschaftskrise, die Portugal seit Jahren lähmt. Nach dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1986 ging es für das Land lange bergauf. Doch seit 2001 ist die Wirtschaft kaum noch gewachsen, zugleich klafft im Haushalt das höchste Defizit aller Euro-Nationen. Die Partnerländer haben deswegen Portugal bis 2013 erneut Finanzhilfen in Höhe von gut 22 Milliarden Euro versprochen. Auch hoffen die Portugiesen auf den im Januar gewählten konservativen Präsidenten Aníbal Cavaco Silva, der das Land von 1985 bis 1995 als Premierminister durch die Zeiten des Aufschwungs geführt hatte. Aktueller Premierminister ist der Sozialist José Sócrates, der im Parlament mit absoluter Mehrheit regiert. Trotz ihrer politischen Differenzen sollen die beiden gemeinsam Reformen anstoßen.
FUSSBALL
Verlorene Generation
Der 30. Juni 1991 war ein lauer Sommerabend und Portugal seit 15 Jahren eine Demokratie, als Rui Costa im Estádio da Luz zu Lissabon vor 120 000 Zuschauern zum finalen Strafstoß anlief. Draußen saß ein ganzes Land vorm Fernseher. Rui Costa traf, und Portugal bezwang Brasilien 4:2 nach Elfmeterschießen. Man war jetzt U-20-Weltmeister, es war die Geburt einer goldenen Generation, die Hoffnung darauf machte, der einst stolzen Kolonialmacht etwas von ihrem alten Glanz zurückzugeben. Aber die Mannschaft um Rui Costa, Luis Figo und Fernando Couto löste das Versprechen niemals ein. 2000 erreichte man zwar das Halbfinale der EM in Belgien und den Niederlanden, doch mehr war nicht, und als man bei der WM 2002 in Japan und Südkorea nach einer desaströsen Vorrunde die Segel strich, war aus der goldenen eine verlorene Generation geworden. Das Team, das vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft im eigenen Land im Endspiel an den Griechen scheiterte, hatte längst ein anderes Gesicht. Die Schmach von 2002 wettzumachen, das ist der historische Auftrag der aktuellen Mannschaft, und in Portugal ist nicht nur Volksheld Eusebio sehr zuversichtlich, dass dies auch gelingen wird.
SPIELKULTUR
Sauberes High-Speed
Abgesehen von zwei seltsamen Partien gegen Liechtenstein, gegen die man einmal unentschieden spielte und einmal nur knapp gewann, glänzten die Portugiesen in der Qualifikation. Nach Tschechien schoss kein Team in Europa so viele Tore, 35 waren es am Ende, allein 7 gegen die Russen. Die Mannschaft von Luiz Felipe Scolari spielt einen technisch sauberen, athletischen Hochgeschwindigkeitsfußball. Einzige echte Spitze im Team ist Pauleta. Der 32-Jährige von Paris Saint-Germain traf elfmal in der Qualifikation und war damit nicht nur bester Torschütze Europas, Pauleta übertraf auch den Landesrekord von Eusebio, der 41 Tore für sein Land erzielte. Luis Figo, Gesicht der alten Generation, ist nach seinem Rücktritt vom Rücktritt auch wieder dabei, nachdem der Trainer befand, man könne auf die Erfahrung des von Real Madrid zu Inter Mailand abgeschobenen Stars nicht verzichten. Im Mittelpunkt stehen aber längst andere.
STAR
Deco
Anderson Luiz de Souza, genannt Deco, ist im Dream-Team des FC Barcelona längst zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt gereift. Geboren in Brasilien, verließ Deco mit 15 sein Elternhaus, um sein Glück als Fußballprofi zu versuchen. Mit 18 ging er nach Portugal, nach Jahren in der zweiten Liga gelang dem eleganten Spieler beim FC Porto der Durchbruch, als das Team unter José Mourinho überraschend 2004 die Champions League gewann. 2003 nahm er die portugiesische Staatsbürgerschaft an; vor seinem Debüt im März 2003 beschimpfte ihn die Presse. Man gewann das Spiel mit 2:1, es war der erste Sieg über die Brasilianer seit 1966 - und im gleichen Maße, wie sich der bescheidene Deco, 28, immer mehr etablierte, verstummten seine Kritiker. Wenn er heute zaubert, dann ist in den Zeitungen von "Art of Deco" die Rede.
TRAINER
Luiz Felipe Scolari
Er war vor wenigen Monaten mit Brasilien Weltmeister geworden, als er im Januar 2003 antrat, Portugal auf die EM im eigenen Land vorzubereiten. Scolari, 57, der als Spieler ein technisch eher unbegabter Verteidiger war, führte sein neues Team bis ins Finale, wo es an den Griechen scheiterte. Trotz dieser Enttäuschung durfte der als Sturkopf geltende und von den Medien häufig kritisierte "General Felipão" seinen Job fortsetzen und hat nun die Chance, als erster Trainer mit zwei verschiedenen Teams in Folge Weltmeister zu werden. Scolari glaubt, dass der Titel möglich ist.

SAUDI-ARABIEN

POLITIK
Boom und Scharia
Die saudische Herrscherfamilie um König Abdullah Ibn Abd al-Asis gebietet über ein boomendes Land. Der größte Erdölexporteur der Welt profitiert von der wachsenden Nachfrage, die Einnahmen haben sich seit 1998 nahezu verfünffacht. Um die Abhängigkeit vom Öl zu verringern, werden seit einigen Jahren auch private Unternehmer gestärkt. Sorgen bereitet das Bevölkerungswachstum, die Zahl der Saudi-Araber könnte sich in den kommenden 30 Jahren verdoppeln. Die Hälfte der Erwerbstätigen sind Ausländer, saudi-arabische Frauen haben sehr eingeschränkte Rechte, sie dürfen weder Auto fahren noch zum Fußball ins Stadion. Politisch bleibt Saudi-Arabien ein rückständiges Land, statt Menschenrechten gilt das islamische Recht der Scharia. Von den 19 Attentätern des 11. September stammten 15 aus Saudi-Arabien. Mehrere Anschläge, zuletzt in der Hauptstadt Riad im Jahr 2003, verdeutlichten, dass auch das Land selbst von militanten Extremisten bedroht ist.
FUSSBALL
Hobby der Scheichs
Bis 1951 war Fußball Einheimischen im Entstehungsland des Islam streng verboten. Auch wenn die Saudi-Araber acht Jahre später einen Verband gründeten, stand der Fußball im Wüstenstaat lange Zeit im Schatten von Kamelrennen und Falknerei. Ende der achtziger Jahre beschloss König Fahd eine Fußballoffensive für sein Land. Er ließ das prunkvolle Nationalstadion in Riad bauen und hob 1992 den König-Fahd-Pokal aus der Taufe, der inzwischen von der Fifa übernommen und in den Confederations Cup umgewandelt wurde. Während unter dem argentinischen Trainer Jorge Solari 1994 die erste Qualifikation für eine WM-Endrunde gelang - in den USA erreichte man zur Überraschung der internationalen Fachwelt das Achtelfinale -, investierten immer mehr Scheichs in den Fußball, der ihnen zum schönen Hobby geworden ist. Da sie fürstliche Gehälter zahlen, lohnt es sich für ihre Spieler kaum, ins Ausland zu wechseln. Für die Saudi-Araber, die dreimal Asienmeister wurden, ist dies die vierte Teilnahme an einer Weltmeisterschaft in Folge. Noch gut in Erinnerung ist das 0:8 gegen die Deutschen bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren. Miroslav Klose traf damals dreimal per Kopf.
SPIELKULTUR
Wüsten-Brasilianer
Mit je acht Spielern stellen die beiden großen saudi-arabischen Vereine, al-Hilal und al-Ittihad, das Gerüst der Truppe, die sich aufgrund ihrer leichtfüßigen, offensiven Spielweise den Ruf "Brasilianer des Orients" erworben hat - wohl auch, weil brasilianische Trainer wie Mário Zagallo oder Carlos Alberto Parreira, die früher auf der Halbinsel tätig waren, ihre Spuren hinterlassen haben. So liegen die Stärken des dreimaligen Asienmeisters auch dieses Jahr im Angriff. Ein junger Mann namens Jassir al-Kahtani spielt dort, er ist jüngst für acht Millionen Euro zu al-Hilal gewechselt und gehört damit zu den teuersten Spielern des Landes. Zentrale Figur in der Defensive ist Ha-mad al-Muntaschari, ein Techniker, der im vergangenen Jahr zu Asiens Fußballer des Jahres gewählt wurde. Große Defizite hat die Mannschaft Saudi-Arabiens immer noch in der Abwehr.
STAR
Sami al-Dschabir
Das Turnier in Deutschland wird seine vierte Weltmeisterschaft sein, so viele haben auch Maradona und Pelé gespielt, kein Wunder, dass die Saudi-Araber ihn als ihr Fußballidol verehren. Eigentlich hatte der filigrane Techniker seine internationale Karriere beendet, aber nach dem frühen Ausscheiden beim Golf-Cup im Dezember 2004 holte ihn der damalige Nationaltrainer Gabriel Calderón zurück. Dschabir, der für al-Hilal Riad stürmt, hatte mit drei Toren großen Anteil an der Qualifikation. Mehr als 150 Länderspiele hat Dschabir inzwischen absolviert. Im Jahr 2000 versuchte er sich als erster Profi aus Saudi-Arabien in der englischen zweiten Liga. Sein Gastspiel bei den Wolverhampton Wanderers scheiterte aber an der rauhen Spielweise auf der Insel - und am rauhen Klima.
TRAINER
Marcos Paquetá
Marcos Paquetá ist wohl der einzige Fußballtrainer, dem es gelungen ist, binnen vier Monaten zweimal Weltmeister zu werden. So geschehen 2003, als Paquetá erst die brasilianische U 17 und später die U-20-Auswahl zum Titel führte. Ins Amt des saudi-arabischen Nationaltrainers gehoben wurde der Brasilianer, der zuletzt mit dem Hauptstadtclub al-Hilal Meister und Pokalsieger wurde, im vergangenen Dezember. Sein Vorgänger hatte das Team zwar für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifiziert, musste aber nach dem enttäuschenden vierten Platz bei den West-Asien-Meisterschaften gehen. Er habe, so erklärte es der Verband, keinen effizienten Plan zur Vorbereitung auf die WM präsentieren können.

SCHWEDEN

POLITIK
Umbau im Volksheim
Schweden hat es geschafft. Nach einer schweren Krise zu Beginn der neunziger Jahre baute das Land seinen Wohlfahrtsstaat um und förderte Unternehmen mit Steuererleichterungen. Seit einigen Jahren wächst die Wirtschaft wieder solide, für 2006 wird eine Steigerung von 3,1 Prozent prognostiziert. Mit Blick auf die Wahlen im Herbst verabschiedete die Minderheitsregierung des Sozialdemokraten Göran Persson sogar einen Haushalt ohne Einsparungen. Doch auch schwedische Unternehmen verlagern zunehmend ihre Produktion ins Ausland oder werden gleich selbst aufgekauft, wie kürzlich die größte Versicherung des Landes, Skandia. Die Zahl der Arbeitslosen (im Jahresdurchschnitt sechs Prozent) steigt vor allem dank neuer Jobs im Öffentlichen Dienst nicht weiter - der Staat, das "Volksheim", sorgt immer noch umfassend für seine Bürger. Weitere Reformen der Sozialsysteme scheinen unausweichlich, zumal Schweden mittlerweile die prozentual älteste Bevölkerung der Welt hat.
FUSSBALL
Basis Massensport
Die Schweden, die sich zum zweiten Mal in Folge und zum elften Mal insgesamt für eine WM-Endrunde qualifizieren konnten, haben in der Vergangenheit immer wieder beachtliche Erfolge erzielt. Als Höhepunkt in ihrer Fußballgeschichte gilt das Endspiel 1958 im eigenen Land, das man gegen Brasilien verlor. Auch wenn die schwedische Allsvenskan, in der 14 Vereine zwischen April und November um die Meisterschaft konkurrieren, international allenfalls zweitklassig ist, bringt sie doch immer wieder talentierte Fußballer hervor. Ein Grund dafür mag sein, dass Sport in Schweden eine Art Volksbewegung ist. Jeder Zweite der gut acht Millionen Schweden ist Mitglied in einem Sportverein, und da man sich als egalitäre Gesellschaft versteht, sind die Mitgliedsbeiträge überall erschwinglich. So kommt es, dass die Schweden in vielen Sportarten schon Weltmeister geworden sind, im Langlauf wie im Eishockey, im Handball oder Tischtennis.
SPIELKULTUR
Ende des Kollektivs
Abgesehen von zwei knappen Niederlagen gegen die Kroaten, haben die Schweden alle ihre Spiele in der Qualifikation gewonnen, wobei sie im Schnitt dreimal pro Begegnung ins Tor trafen. Das ist insofern überraschend, als dass das Spiel der Schweden traditionell geprägt war von der Defensive, man stand hinten kompakt und operierte mit langen, hohen Bällen. Auch wenn die Abwehr um Kapitän Olof Mellberg nach wie vor sehr sicher steht - in der Qualifikation kassierte man lediglich vier Gegentore -, spielt die Mannschaft heute einen schnellen, kreativen Offensivfußball. Sie kombiniert und hat vorn mit dem routinierten Publikumsliebling Henrik Larsson (FC Barcelona), der inzwischen drittbester schwedischer Torschütze aller Zeiten ist, sowie dem begnadeten Zlatan Ibrahimovic (Juventus Turin) zwei kaltschnäuzige Stürmer, die zusammen 13 Tore in der Qualifikation erzielten. Sosehr die Schweden früher auf das Kollektiv gesetzt haben, heute sind es vor allem ihre Superstars, die die Spiele entscheiden.
STAR
Zlatan Ibrahimovic
Auf den Bolzplätzen im Malmöer Stadtteil Rosengård, wo 80 Prozent der Einwohner Immigranten sind und jeder Zweite ohne Arbeit ist, trägt heute fast jedes Kind das schwarzweiß gestreifte Juve-Trikot mit der Nummer 9 - das Trikot von Zlatan Ibrahimovic aus Rosengård, eines Sohns bosnischer Einwanderer. 2001 wechselte Ibrahimovic von Malmö zu Ajax Amsterdam, wurde dort niederländischer Meister und im Spätsommer 2004 von Juventus Turin abgeworben. Nur auf dem Platz gilt er als arrogant und wenig diszipliniert, sein Tor mit der Hacke in der EM-Vorrunde 2004 gegen Italien hat ihn aber schlagartig dem internationalen Publikum nahegebracht. Nach seinem Wechsel in die Serie A schoss der aufgrund seiner Größe manchmal etwas schlaksig wirkende Ibrahimovic, 24, nicht nur Juventus mit 16 Treffern zur Meisterschaft, er eroberte mit seiner Übersicht und seinen Dribblings auch die Herzen der Tifosi.
TRAINER
Lars Lagerbäck
Der dienstälteste Trainer dieser WM ist seit acht Jahren im Job. Die ersten sechs davon betreute er die Nationalelf zusammen mit Tommy Söderberg, der eher die Rolle des Psychologen innehatte. Lagerbäck, der als Spieler und Trainer nie über die unteren Klassen hinauskam und seine Aufnahme zur Sporthochschule, Fachbereich Fußball, seinerzeit erst im dritten Anlauf schaffte, ist eigentlich ein Freund des Systemfußballs, in dem das Kollektiv wichtiger ist als der einzelne Spieler. Inzwischen gibt es aber wieder Stars im schwedischen Fußball. Und so will er heute nur noch einen Rahmen schaffen, in dem Spieler wie Larsson und Ibrahimovic ihren Spieltrieb ausleben dürfen.

SCHWEIZ

POLITIK
Wenig Innovation
Ihr vielleicht bekanntestes Klischee erfüllt die Schweiz noch immer: Der Franken gehört zu den stabilsten Währungen der Welt, das kleine Land lockt weiterhin viele ausländische Investoren und Fachkräfte an. Trotzdem erlebten die Schweizer in den vergangenen Jahren eine Wirtschaftsflaute, erst gegen Ende 2005 zeichnete sich ein Aufschwung ab. Zu den Problemen des Sieben-Millionen-Einwohner-Landes gehören eine geringe Produktivität und steigende Sozialausgaben. Zudem stieg die Steuer- und Abgabenquote seit 1990 um vier Prozentpunkte - mehr als in fast allen anderen Industriestaaten. Experten mahnen an, dass das für seine Qualitätsprodukte bekannte Land verstärkt Innovationen fördern und seine öffentlichen Ausgaben kontrollieren müsse. Doch mit Veränderungen tun sich die traditionsbewussten Schweizer schwer: Zwar entschieden sie sich in einem ihrer zahlreichen Volksentscheide 2002 endlich für eine Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen, der EU steht man aber immer noch skeptisch gegenüber.
FUSSBALL
Eine neue Weltmacht?
Die große Euphorie nach den zwei aufregenden Relegationsspielen gegen die Türkei war auch ein Zeichen dafür, dass sich in den vergangenen Jahren viel getan hat im Schweizer Fußball. Mit dem FC Basel und dem FC Thun haben zwei Vereinsmannschaften in der Champions League Aufsehen erregt, und da die Schweizer Jugendnationalmannschaften bei den großen Turnieren zuletzt mehrfach die Runde der letzten vier erreichten - die U 17 wurde vor vier Jahren sogar Europameister -, werden die Talente aus der Alpenrepublik im Augenblick heiß gehandelt. Rund 30 Nachwuchsspieler unter 19 Jahren stehen derzeit bei ausländischen Vereinen unter Vertrag. So wundert es kaum, dass man sich in der Schweiz große Hoffnungen macht. 2008 trägt man gemeinsam mit den Österreichern die nächste Europameisterschaft aus, für einige der jungen Spieler steht diese WM also bereits im Zeichen einer Generalprobe.
SPIELKULTUR
Gepflegte Offensive
Für die Schweizer "Nati" ist dies nach einer längeren Durststrecke die achte Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft. Zuletzt war man 1994 in den USA dabei, als die Protagonisten noch Stéphane Chapuisat und Ciriaco Sforza hießen. Die alte Garde ist inzwischen abgetreten, und Trainer Jakob "Köbi" Kuhn hat um den erfahrenen Torwart Pascal Zuberbühler und Kapitän Johan Vogel eine junge, hungrige Mannschaft aufgebaut, die über Potential verfügt und ihren gepflegten Offensivfußball in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert hat. Antreiber Raphael Wicky gilt im Mittelfeld des HSV inzwischen als feste Größe, der gerade 21-jährige Philippe Senderos hat sich als Verteidiger bei Arsenal London etabliert, und Tranquillo Barnetta, 20, belebt inzwischen das Leverkusener Spiel. Mit Ludovic Magnin (VfB Stuttgart), Philipp Degen (Borussia Dortmund), Ricardo Cabanas und Marco Streller (beide 1. FC Köln) sowie dem Frankfurter Christoph Spycher stehen noch einige weitere Bundesligaspieler in den Reihen der Schweizer.
STAR
Alexander Frei
Nach Engagements beim FC Basel, in Thun, Luzern und Genf wechselte Alexander Frei 2003 nach Frankreich zu Stade Rennes. Aber er hatte Probleme, sich in der Bretagne durchzusetzen. Er hockte anfangs häufig auf der Bank oder auf der Tribüne und musste in den Nachwuchsteams ran. In den beiden vergangenen Spielzeiten aber erzielte Frei zusammen 39 Treffer, was ihm die Torjägerkrone in der Ligue 1 und lukrative Angebote anderer Clubs einbrachte, die er bislang aber alle ausschlug. International auf sich aufmerksam machte der Elfmeter- und Freistoßspezialist bei der EM 2004, als er den Engländer Steven Gerrard anspuckte und dies später leugnete. Erst Tage danach tauchten Fernsehbilder auf, die die Attacke eindeutig belegten. Frei wurde daraufhin von der Uefa für 15 Tage gesperrt, was den Ausschluss vom Turnier bedeutete.
TRAINER
Jakob Kuhn
Seit Jakob "Köbi" Kuhn die Nationalelf 2001 übernommen hat, geht es mit dem Schweizer Fußball aufwärts. Kuhn, der die Mannschaft zur Europameisterschaft in Portugal führte und von den Spielern für seine ruhige Art geschätzt wird, legt Wert auf eine klare Ordnung auf dem Platz. Zudem wird ihm ein Auge für Talente nachgesagt. Der Trainer, der als Spieler mehr als 60-mal für die Schweiz auflief und sechsmal mit dem FC Zürich Meister wurde, gilt als Nationalheld. Nach den Play-offs gegen die Türkei hat man im Zürcher Stadtteil Wiedikon, gleich vor seiner Haustür, einen Platz nach ihm benannt. Unabhängig vom Abschneiden in Deutschland wurde Kuhns Vertrag vorzeitig bis 2008 verlängert - dann wird in der Schweiz und in Österreich die EM ausgetragen.

SERBIEN UND MONTENEGRO

POLITIK
Auflösungserscheinungen
Die Hoffnungen auf einen Neuanfang starben im Kugelhagel: Im März 2003 wurde in Belgrad Serbiens westlich orientierter Premierminister Zoran Djindjic erschossen. Der aktuelle Regierungschef, der Nationalkonservative Vojislav Kostunica, steht vor vielen Problemen. So ist er auf die Unterstützung der Partei von Ex-Präsident Slobodan Milosevic angewiesen, der im März im Verlauf seines Prozesses vor dem Uno-Kriegsverbrecher-Tribunal starb. Die von der Uno kontrollierte Teilrepublik Kosovo strebt ebenso nach Unabhängigkeit wie Montenegro, mit dem Serbien zurzeit einen losen Staatenverbund bildet. Und noch immer leidet das frühere Zentrum Jugoslawiens unter den Folgen von Sanktionen und Luftschlägen, mit denen Uno und Nato in den neunziger Jahren auf serbische Aggressionen reagiert hatten. Immerhin konnte das einst hochindustrialisierte Serbien 2005 Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro ins Land holen. Konzerne lockt nicht nur der in fast allen Bereichen ungesättigte Markt: Wer mehr als zehn Millionen Euro in Serbien investiert und mehr als 100 Arbeitsplätze schafft, muss zehn Jahre lang keine Steuern zahlen.
FUSSBALL
Ilija for President
Der Fußball hat in diesem Land, das als Staatenbund Serbien-Montenegro erst seit drei Jahren existiert, eine lange Tradition. Jugoslawien nahm an acht WM-Endrunden teil, bei der ersten, 1930, schaffte man es bis ins Halbfinale, 1962 gelang dasselbe. Aber das beste Team in der Geschichte Jugoslawiens fand sich Anfang der neunziger Jahre, Spieler wie Savicevic, Mihajlovic, Pancev und Prosinecki gehörten dazu. Die waren schon als Junioren 1987 Weltmeister in Chile geworden, 1991 gewannen sie den Landesmeistercup mit Roter Stern Belgrad. Sie waren ein Versprechen für die Zukunft, doch dann kam der Krieg, und als man 1992 von der EM in Schweden ausgeschlossen wurde, war diese Generation verloren. Das Land zerbrach, aus einer Nationalelf wurden fünf: Mazedonien, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und eben Serbien und Montenegro. Heute ist das vom Krieg geschundene Land noch immer auf der Suche nach seinem Platz in Europa. Die WM-Teilnahme kann ein kleiner Schritt sein auf dem Weg zurück in die Normalität. Nach dem Sieg im letzten Qualifikationsspiel, ausgerechnet gegen Bosnien-Herzegowina, feierten 50 000 Menschen auf den Straßen Belgrads, und sie skandierten: "Ilija for President". Ilija Petkovic, so heißt der Trainer.
SPIELKULTUR
Lauernde Defensive
Herzstück dieser Mannschaft, die den Mangel an individueller Klasse mit Leidenschaft und Teamgeist kompensiert, ist die Defensive um Kapitän Mladen Krstajic (Schalke 04). In zehn Spielen kassierte sie nur ein Gegentor. Die "Blauen" spielen ähnlich wie Europameister Griechenland vor zwei Jahren, abwartend und bissig, dichtgestaffelt darauf lauernd, dass der Gegner irgendwann verzweifelt. Und falls doch einmal ein Ball durchkommt, steht da noch Dragoslav Jevric im Tor, ein Mann mit sehr guten Reflexen. In der Offensive baut Serbien-Montenegro vor allem auf Mateja Kezman von Atlético Madrid, der fünf Treffer in der Qualifikation erzielte. Die anderen Stürmer, darunter der erfahrene Savo Milosevic, trafen einzig gegen San Marino.
STAR
Dejan Stankovic
Er debütierte im Alter von 16 Jahren bei Roter Stern Belgrad und galt als Jahrhunderttalent. Auch wenn sich das als etwas übertrieben herausstellte, spielt der inzwischen 27-jährige Stankovic seit zwei Jahren einen unauffälligen Part im Mittelfeld von Inter Mailand. Vor seinem Wechsel hatte der Allrounder mit Lazio Rom das italienische Double gewonnen. Stankovic ist robust, athletisch und geschickt im Tackling. Fast alle Angriffe im Nationalteam laufen über Stankovic, der auf dem Platz als verlängerter Arm des Trainers gilt.
TRAINER
Ilija Petkovic
Vor ein paar Jahren hat er schon einmal für ein paar Monate das Nationalteam trainiert. Im Sommer 2003 kam er zurück, nachdem die Mannschaft sich in der EM-Qualifikation mit 1:2 gegen Aserbaidschan blamiert hatte. Petkovic stellte das System um; anstelle eines 3-5-2 lässt er nun ein 4-4-2 spielen und hat damit kein Pflichtspiel verloren. Der 60-jährige, in Kroatien geborene Trainer war bei der WM 1974 in Deutschland als Verteidiger mit dabei, 13 Jahre später führte er als Trainer die jugoslawische U 20 in Chile zum WM-Titel. Petkovic, der auch Vereine in der Schweiz, in Japan und Griechenland trainierte, fordert von seinen Spielern harte Arbeit, strenge Disziplin und Konzentration bis zum Ende, damit ihnen nicht passiert, was vielen jugoslawischen Teams schon so oft passiert ist: dass sie ein Spiel durch Nachlässigkeiten oder Selbstzufriedenheit noch aus der Hand gegeben haben.

SPANIEN

POLITIK
Immer liberaler
Nach Anschlägen auf vier Züge in Madrid behauptete Spaniens konservativer Premier José María Aznar im März 2004, es handele sich um eine Tat der baskischen Terrororganisation Eta - als man schon längst ahnen konnte, dass al-Qaida die 191 Opfer auf dem Gewissen hatte. Drei Tage später wählten die Spanier die konservative Regierung ab. Unter dem Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero setzt sich das stetige Wachstum der spanischen Wirtschaft fort (2005: 3,5 Prozent), getrieben vor allem vom anhaltenden privaten Konsum. Allerdings bleibt die Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Spaniern hoch. Gesprächsstoff bietet weiterhin der föderale Umbau des Landes, den die konservative Opposition verweigert. Unter Zapatero hat sich die spanische Gesellschaft weiter liberalisiert. So führte der Premier gegen den Widerstand der katholischen Kirche die sogenannte Homo-Ehe ein und verkörpert als Enkel eines hingerichteten republikanischen Offiziers den endgültigen Bruch mit der Franco-Diktatur.
FUSSBALL
Lästige Pflicht
Zum achten Mal in Folge sind die Spanier nun bei einer WM-Endrunde dabei und wie immer werden ihnen gute Chancen eingeräumt - obwohl bisher immer spätestens im Viertelfinale Schluss war. Der Triumph bei der Europameisterschaft 1964 bleibt der einzige Erfolg bei einem wichtigen Turnier. Wie groß die Sehnsucht nach einem Titel ist, zeigt die Prämie, die der Verband nun ausgeschrieben hat. Für den Titel wird jeder spanische Spieler 570 000 Euro bekommen, einen höheren Betrag hat noch kein anderes Land ausgelobt. Während Vereine wie Real Madrid und der FC Barcelona seit Jahrzehnten zu den besten Mannschaften der Welt gehören, hinkt das Nationalteam regelmäßig hinterher, die Auftritte im Dress des Landes sind für die Spieler eher eine lästige Pflicht. Immerhin: Seitdem spanische Profikicker vermehrt im Ausland tätig sind - unter anderem wurden Luis García und Xabi Alonso unter dem spanischen Trainer Rafael Benítez mit dem FC Liverpool Champions-League-Sieger - schmort der spanische Fußball nicht mehr ganz so sehr im eigenen Saft.
SPIELKULTUR
Systemfragen
Schwer abzuschätzen, was die Spanier wirklich leisten können. Nachdem sie sich in ihrer Qualifikationsgruppe hinter Serbien und Montenegro mühsam den zweiten Platz erkämpft hatten, deklassierten sie im ersten Play-off-Spiel die Slowaken mit 5:1. Die Schwankungen erklären sich vor allem damit, dass Trainer Luis Aragonés das rechte Spielsystem noch nicht gefunden hat. Manchmal lässt er, wie gegen die Slowaken, mit drei Spitzen stürmen; dann favorisiert er wieder eine etwas defensivere Variante mit zwei Angreifern. Das führt zu Verunsicherung in einer Mannschaft, der auf dem Platz ein wirklicher Anführer fehlt. Die Stärke der "Selección" ist ihre Kreativität im Spielaufbau. Xabi Alonso und Albelda lassen den Ball sicher durch die eigenen Reihen laufen und erspielen sich vorn eine Menge Möglichkeiten, die von den Stürmern jedoch allzu oft ausgelassen werden.
STAR
Raúl
Ein Mann der Superlative: rund 180 Tore in der Primera División. 51 Treffer in der Champions League, so viele wie kein anderer. Viermal Meister mit Real Madrid. Dreimal Champions-League-Sieger. Er war der jüngste Spieler, der jemals bei den Königlichen debütierte: Raúl ist eine der ganz großen Figuren im spanischen Fußball. Am liebsten spielt der Stürmer, dessen Technik, Spielintelligenz und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor gerühmt werden, als hängende Spitze. Obwohl Raúl mit 28 Jahren im besten Fußballalter ist, wirkt er auf dem Platz bisweilen wie ein Veteran. Raúl verdient sechs Millionen Euro pro Saison, 92-mal ist er für sein Land aufgelaufen und hat dabei 42 Tore erzielt, auch das ist ein Rekord.
TRAINER
Luis Aragonés
Den Job übernahm er 2004, kurz nach der EM in Portugal. Er senkte das Durchschnittsalter der Mannschaft auf 24 Jahre. Aragonés, der vorher spanische Clubs vor dem Abstieg rettete, legt Wert darauf, dass die eigene Mannschaft das Spiel durch Ballbesitz kontrolliert. Bisher hat Spanien unter seiner Führung kein Spiel verloren, dennoch glaubt die heimische Presse, dass man sich nicht wegen, sondern trotz Aragonés für Deutschland qualifiziert hat. In die Schusslinie geriet der Coach auch, weil er seinem Stürmer José Antonio Reyes, der bei Arsenal London unter Vertrag ist, während eines Trainingslehrgangs riet, er solle "dem Scheißneger" beweisen, dass er besser sei - gemeint war Thierry Henry, Reyes Konkurrent bei Arsenal. Fernsehmikrofone hörten mit, Spanien empörte sich, Aragonés' Rücktritt wurde gefordert. Seine Entschuldigung: Er habe den Spieler nur motivieren wollen.

SÜDKOREA

POLITIK
Die Aufsteiger
Vor 40 Jahren stand Südkorea noch auf einer Stufe mit afrikanischen Entwicklungsländern, heute ist es mit global agierenden Auto- und Elektronikkonzernen die zehntgrößte Industrienation der Welt. Von der Asienkrise hat sich die Wirtschaft erholt, 2005 wuchs sie um 3,7 Prozent. Das Land fürchtet aber die Billiglohn-Konkurrenz durch China, das ihr größter Handelspartner ist. Die jahrzehntelange Militärdiktatur ist einer stabilen Demokratie gewichen, seit 2003 regiert mit Roh Moo Hyun ein ehemaliger Anwalt und Bürgerrechtler. Von seinem Vorgänger Kim Dae Jung übernahm er die Annäherungspolitik gegenüber Nordkorea. Der Verhandlungston aber hat sich abgekühlt, seit Nordkorea Anfang 2005 erklärte, Atomwaffen zu besitzen. Nun könnte die Wirtschaft vermitteln: Neuerdings produzieren im verarmten Nordkorea auch südkoreanische Firmen.
FUSSBALL
Große Erwartungen
Vor vier Jahren spielten sich die Koreaner bei der WM im eigenen Land in einen Rausch und erreichten sensationell das Halbfinale. Während sie bei ihren vier früheren WM-Teilnahmen kein einziges Spiel hatten gewinnen können, schlugen die Roten Teufel im fünften Versuch nacheinander Polen, Portugal, Italien und Spanien. Das ganze Land war wie elektrisiert, im Stadion wurde jeder Einwurf wie ein Tor bejubelt. Endstation waren erst die Deutschen, denen Südkorea im Halbfinale mit 0:1 unterlag. Nach dem Turnier erschien es kurze Zeit so, als ob der Fußball Baseball ablösen könnte als Sportart Nummer eins. Die Spieler, von denen die meisten in der heimischen K-League spielten, waren Helden, zu den Spielen in der Liga kamen plötzlich 40 000 Zuschauer, aber schon nach ein paar Monaten geriet der Sport in Misskredit: Tätlichkeiten auf dem Feld, eine übertrieben harte Spielweise und skandalöse Schiedsrichterentscheidungen ließen das Interesse schwinden. Auch eingeflogene Schiedsrichter aus Deutschland konnten nicht verhindern, dass sich inzwischen kaum mehr als 3000 Fans in den modernen Stadien verlieren. Dennoch hat der Erfolg 2002 Erwartungen für die WM geschürt.
SPIELKULTUR
Jagende Dauerläufer
Die Koreaner spielten eine holprige Qualifikation. Gegen die Malediven und gegen den Libanon erlaubte man sich jeweils ein Remis, gegen Saudi-Arabien verlor man gleich beide Partien. Am Ende berechtigte ein zweiter Platz hinter Saudi-Arabien und vor Usbekistan zur Teilnahme am Turnier in Deutschland. Auch wenn die entscheidenden Positionen von den- selben Spielern besetzt werden wie vor vier Jahren, fehlt es dem Team an Harmonie. Noch immer jagen die koreanischen Dauerläufer ihre Gegner über den gesamten Platz, aber ihr Spiel ist anfälliger geworden, nicht mehr so kompakt. Der Sturm ist traditionell schwach, Rückstände kann das Team nur selten aufholen. Vorn ist Lee Dong Gook, der früher mal bei Werder Bremen auf der Bank saß und in der Qualifikation mit fünf Treffern bester Schütze war, weitgehend auf sich allein gestellt. Dass ein Cha Du Ri oder ein Ahn Jung Hwan sehr viele Chancen brauchen, um das Tor zu treffen, weiß man aus Frankfurt und aus Duisburg. Im Mittelfeld versuchen der dynamische Park Ji Sung von Manchester United sowie der linke Läufer Lee Young Pyo von Tottenham Hotspur die Fäden in der Hand zu halten.
STAR
Park Ji Sung
Er gilt als bester Spieler seines Landes. Ein paar Monate nach der WM lotste Guus Hiddink, der mittlerweile als Vereinstrainer in Eindhoven arbeitete, seinen technisch versierten Musterschüler aus der japanischen J-League nach Holland. Park fand sich schnell in Eindhoven zurecht, er etablierte sich in einem starken Team, das mit ihm zweimal Landesmeister wurde und im Champions-League-Halbfinale knapp am AC Mailand scheiterte. Zu Beginn dieser Saison wechselte Park für sechs Millionen Euro in die Premier League zu Manchester United. Auch dort macht der 25-Jährige seine Sache mehr als ordentlich.
TRAINER
Dick Advocaat
Mit Humberto Coelho und Jo Bonfrère haben bereits zwei Trainer vergebens versucht, aus dem langen Schatten von Guus Hiddink herauszutreten. Nun ist die Reihe an Dick Advocaat, der das Traineramt im vergangenen Oktober übernahm, zu einem Zeitpunkt, als die Teilnahme am Turnier in Deutschland schon feststand. Advocaat ist der dritte Niederländer, der das Team betreut, und es ist abzusehen, dass es der als einsilbig und mürrisch geltende ehemalige Bondscoach nicht leicht haben wird. Südkoreas Presse ist nicht zimperlich. Advocaat, "der kleine General", pflegt einen autoritären Führungsstil, aber in seinen ersten Spielen gab es Siege gegen Kroatien und Finnland.

TOGO

POLITIK
Despoten und Putschisten
Die Hoffnung auf Demokratie in dem verarmten westafrikanischen Land hat sich auch nach dem Ende der fast 40 Jahre währenden Militärdiktatur von Präsident Gnassingbé Eyadéma nicht erfüllt. Im Gegenteil. Nachdem Eyadéma im Februar 2005 gestorben war, installierte das Militär in einem Verfassungsputsch umgehend dessen Sohn, Faure Gnassingbé, der in Paris und Washington Wirtschaftswissenschaften studiert hatte. Zunächst war er in der Heimat zum Minister für die korruptionsanfälligen Ressorts Bergbau, öffentliche Bauten und Telekommunikation ernannt worden. Unlängst ließ er sich durch eine gefälschte Wahl im Präsidentenamt bestätigen - ganz so, kommentierte die "Süddeutsche Zeitung", als wäre die Demokratie nur eine lästige Formalität. In der Folge rief die unterdrückte Opposition in der ehemaligen deutschen Kolonie (1884 bis 1919) zum Widerstand auf. Bei den Auseinandersetzungen starben Hunderte, Tausende wurden in die Flucht getrieben. Rund 20 000 Togolesen sind in die beiden Nachbarländer Ghana und Benin geflohen.
FUSSBALL
Vorbild für Frieden
1960, im selben Jahr, in dem Togo seine Unabhängigkeit erlangte, wurde der nationale Fußballverband gegründet. Heute wird er geführt von Rock Gnassingbé, einem Bruder des gegenwärtigen Staatspräsidenten Faure Gnassingbé. Es wundert deshalb nur wenig, dass immer wieder Gerüchte laut werden, die von Korruption und Misswirtschaft künden. Jean-Paul Abalo, Kapitän der Nationalelf, hat einmal gesagt, das größte Problem des togolesischen Fußballs sei der togolesische Verband. Trotzdem ist der Sport im Land ungemein populär. Rund 150 Vereine sind registriert, und an den Wochenenden kommen Zehntausende Zuschauer zu den Spielen. Vor dem entscheidenden Qualifikationsmatch im Kongo waren im ganzen Land Fernsehgeräte ausverkauft. Weil Togo das Spiel gewann und deshalb nun zum ersten Mal an einer Weltmeisterschaft teilnimmt, wurde der darauffolgende Montag vom Präsidenten spontan zum nationalen Feiertag erkoren. Das Land mit seinen vielen Ethnien ist stolz auf seine Fußballnationalmannschaft, die ein Vorbild geben soll für ein friedliches Zusammenleben.
SPIELKULTUR
Angst vor Blamage
Die Spieler aus Togo werden "les éperviers" genannt, die Sperber. Sie sind ein junges Team. Die meisten stehen in Europa unter Vertrag, zumeist allerdings bei unterklassigen Vereinen, wie etwa Kapitän Jean-Paul Abalo, der mit 30 Jahren der Älteste aus der Stammformation ist und noch vor kurzem bei Dünkirchen in der vierten französischen Liga kickte. Ein anderer, Sherif Touré, spielt in der siebthöchsten deutschen Klasse, in der Bezirksliga beim ostfriesischen Club Concordia Ihrhove. Für die meisten geht es bei der WM vor allem darum, sich für ein neues Engagement zu empfehlen. Die Angst vor einer Blamage scheint so groß, dass sich der Verband kurzfristig noch um einige französische Talente bemüht hat, deren Wurzeln nachweislich nach Togo reichen - allerdings erfolglos.
STAR
Emmanuel Adebayor
Er hat Togo zur WM geschossen, er hat Anfang des Jahres einen Vertrag bei Arsenal London unterschrieben, er gilt als neuer Wunderstürmer Afrikas: Der junge Mann aus Lomé war 15, als ihn Späher des französischen Clubs FC Metz bei einem Jugendturnier entdeckten. Dort war es ihm anfangs zu kalt, und das Heimweh plagte ihn, zwei Jahre brauchte er zur Akklimatisierung, bis er schließlich als 19-Jähriger den FC Metz mit 13 Toren in die erste Liga schoss. Danach wechselte er zu AS Monaco, erkämpfte sich einen Stammplatz an der Seite von Fernando Morientes und Dado Prso. Elf Treffer gelangen ihm in der WM-Qualifikation, Bestmarke auf dem afrikanischen Kontinent.
TRAINER
Otto Pfister
Der gebürtige Kölner übernahm das Traineramt im Februar vom Nigerianer Stephen Keshi, nachdem Togo bei der Afrika-Meisterschaft in Ägypten nach drei deprimierenden Niederlagen in der Vorrunde ausgeschieden war. Pfister, 68, ist ein Weltenbummler, der auf dem Schwarzen Kontinent großes Ansehen genießt. Afrikas Trainer des Jahres 1992 war unter anderem Nationalcoach in Ruanda und Burkina Faso, im Senegal und in der Elfenbeinküste; Saudi-Arabien führte er erfolgreich durch die Qualifikation für die WM 1998 in Frankreich. Otto Pfister gilt als Anhänger strammer deutscher Tugenden: Bei der U-17-WM 1991, die er mit der Junioren-Auswahl Ghanas gewann, verbot er den Spielern das Telefonieren, Fernsehen, Radiohören. Sogar Kaffee und Tee waren tabu. Für die Togolesen scheinen harte Zeiten anzubrechen. Pfister meint, das Einzige, was der Elf zum Erfolg verhelfen könne, sei "strikte Organisation".

TRINIDAD UND TOBAGO

POLITIK
Wertvolle Reserven
31 Senatoren, 36 Abgeordnete, ein Premierminister, ein Präsident - die politische Klasse von Trinidad und Tobago ist übersichtlich. Seitdem die ehemalige britische Kolonie 1962 unabhängig wurde, bestimmen zwei Parteien die Politik. Sie repräsentieren die beiden größten ethnischen Gruppen: Afrikaner und Inder. Wirtschaftlich kann Premierminister Patrick Manning entspannt in die Zukunft schauen: Nachdem bislang der Tourismus an unverbauten Stränden und in einem ausgedehnten Regenwald rund 70 Prozent des Bruttosozialprodukts ausmachte, wird die Doppelinsel nun wegen ihrer Gasreserven für Investoren immer interessanter. Schon heute ist Trinidad und Tobago mit einem fast 80-prozentigen Anteil der größte Erdgaslieferant der USA. Einen Teil der Gewinne will Manning den Armen zukommen lassen - rund zwölf Prozent der Bewohner leben von weniger als einem Dollar am Tag. Mit Blick auf die Märkte in Lateinamerika soll auf der vielsprachigen Insel (unter anderem Hindi, französisches Kreol, Chinesisch) bis 2020 Spanisch als erste Fremdsprache neben der Amtssprache Englisch eingeführt werden.
FUSSBALL
Strandkick
Zehnmal hat es Trinidad und Tobago versucht, im elften Anlauf hat es geklappt. Die erste Teilnahme an einer WM-Endrunde ist der größte Erfolg in der Fußballgeschichte des mit 1,1 Millionen Einwohnern kleinsten Landes, das je bei einer WM dabei war. Nachdem die Soca Warriors in der Relegation mit 1:0 im Wüstenstaat Bahrein gewonnen hatten, wurde auf den beiden südkaribischen Schwesterinseln zu den traditionellen Soca-Rhythmen, einer Mischung aus Calypso und indischer Musik, mehrere Nächte lang getanzt. Fußball ist in diesem Land der Strandkicker vor allem eins: ein großer Spaß. In der heimischen Professional Football League konkurrieren gerade einmal sieben Mannschaften um die Meisterschaft. Cyd Gray und Aurtis Whitley gehören zu den wenigen Nationalspielern, die noch in Trinidad und Tobago aktiv sind. Die beiden stehen bei CL Financial San Juan Jabloteh unter Vertrag, sie verdienen rund 1000 Euro im Monat und spielen in der Regel vor nicht mehr als 500 Zuschauern.
SPIELKULTUR
Am Ball bleiben
Die Soca Warriors sind weitgehend ein Team der Nobodys. Als wichtigster Mann in der Mannschaft von Leo Beenhakker gilt Angreifer Stern John, der wie die meisten in Großbritannien spielt. John, bei Coventry City in der zweiten englischen Liga unter Vertrag, ist gleichermaßen Ideengeber und Vollstrecker; unter anderem traf er im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Mexiko im Doppelpack. Ein weiterer interessanter Rückkehrer ins Team ist der 37-jährige Russell Latapy, der früher unter anderem beim FC Porto spielte und heute dem schottischen Verein FC Falkirk als Spielertrainer dient. Lapaty erklärte vor einiger Zeit, man habe sich während der Vorbereitung unter Leo Beenhakker vor allem mit Grundsätzlichem befasst. So sei es wichtig, in Ballbesitz zu bleiben und den Ball nicht leichtfertig zu verspielen. Trinidad und Tobago ist vermutlich der größte Außenseiter bei dieser WM-Endrunde.
STAR
Dwight Yorke
Obwohl er seine Karriere im Nationalteam eigentlich längst beendet hatte, ist Dwight Yorke während der Qualifikation noch einmal zurückgekehrt ins Team. Die Offensivkraft, die 1999 mit Manchester United in einem denkwürdigen Finale gegen Bayern München die Champions League gewann, spielt inzwischen in Australien beim Titelträger FC Sydney. Der Trainer dort heißt Pierre Littbarski. Yorke, 34, gilt als bester karibischer Fußballer aller Zeiten, auf Tobago haben sie sogar ein Stadion nach ihm benannt. Yorke war es, der während der Qualifikation seinen alten Kumpel Russell Latapy am Telefon zu einem Comeback überredete. Für beide Oldies ist die WM in Deutschland eine späte Krönung ihrer Karriere.
TRAINER
Leo Beenhakker
Nach einem miserablen Start in die dritte Phase der Qualifikation mit nur einem Punkt aus drei Spielen, wurde Bertille St. Clair als Nationaltrainer von Trinidad und Tobago entlassen. Seinem Nachfolger, dem Niederländer Leo Beenhakker, 63, gelang es schnell, die Wende einzuleiten - schon bei Beenhakkers Debüt siegte man mit 2:0 gegen Panama. Der ehemalige Trainer von Real Madrid predigt eine offensive Spielweise. Doch trotz des historischen Erfolgs steht Beenhakker in der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, die einheimischen Talente nicht zu berücksichtigen und stattdessen die Mannschaft durch eingebürgerte Spieler, vornehmlich aus Großbritannien, zu verstärken. So haben in den vergangenen Monaten Tony Warner, Torwart vom FC Fulham, und Mittelfeldspieler Christopher Birchall von Port Vale in ihren Stammbäumen karibische Vorfahren entdeckt.

TSCHECHIEN

POLITIK
Die Optimisten
Fast drei Viertel aller Tschechen antworteten mit Ja auf die Frage, ob sich 2005 die Dinge für sie zum Besseren gewendet hätten. Gründe für Optimismus gibt es viele: Das Wachstum lag bei knapp fünf Prozent, die Löhne steigen, die Inflation ist unter Kontrolle und Tschechien hat von allen neuen EU-Mitgliedern die meisten ausländischen Investitionen angezogen. Nach einem Korruptionsskandal um den früheren Ministerpräsidenten Gross regiert seit April 2005 der Sozialdemokrat Jirí Paroubek. Er gilt als durchsetzungsstark, allerdings reicht seine knappe Mehrheit im Parlament bislang nicht dazu aus, geplante Reformen im Gesundheitssystem und bei den Renten zu verwirklichen. 16 Jahre nachdem sich Tschechien in der "samtenen Revolution" zunächst vom Kommunismus und später von der Slowakei trennte, kommt das Land den Staaten Westeuropas politisch wie ökonomisch immer näher.
FUSSBALL
Hilfe für den Aufbruch
Die Tschechen haben eine große Fußballtradition. Gemeinsam mit den Slowaken erreichten sie 1934 und 1962 das Finale der WM, 1976 wurden sie Europameister. Nach der Trennung von der Slowakei vor 13 Jahren feiert der aktuelle Zweite der Fifa-Weltrangliste in diesem Sommer sein WM-Debüt. Für die vielleicht beste Generation tschechischer Fußballer ist dies die letzte Chance, einen großen Titel zu gewinnen. Nachdem Pavel Nedved, Karel Poborský und Vladimír Smicer, alle inzwischen jenseits der dreißig, das EM-Finale 1996 durch ein Golden Goal von Oliver Bierhoff verloren hatten, scheiterten sie 2004 in Portugal trotz berauschenden Offensivfußballs im Halbfinale an den Griechen. Neben dem Eishockey ist Fußball in Tschechien die mit Abstand populärste Sportart und unterstützt die Aufbruchstimmung im Land. Auch in den abgelegensten Dörfern wird der Nachwuchs gefördert, es entstehen Trainingszentren für junge Talente, es gibt Fußballkindergärten und Sportklassen in den Schulen, die eng mit den Vereinen zusammenarbeiten. Erste Früchte erntete man 2002, als die tschechische U 21 Europameister wurde. Die Nachfolger von Nedved, Smicer und Poborský stehen schon bereit.
SPIELKULTUR
Stolpernde Offensive
Nach dem Rücktritt ihres Regisseurs Pavel Nedved lief es für die Tschechen in der Qualifikation nicht eben rund. Man verlor zweimal gegen die Niederländer und einmal gegen Rumänien, am Ende musste man als Zweitplatzierter in die Play-offs, wo man, wieder mit Nedved, gegen starke Norweger jeweils knapp mit 1:0 gewann. Auch wenn die Tschechen mit 37 Toren so oft trafen wie kein anderes Team in Europa, ist das erfrischende Offensivspiel, mit dem sie während der EM in Portugal noch so begeisterten, zuletzt etwas ins Stolpern geraten. Die beiden baumlangen Stürmer Jan Koller und Vratislav Lokvenc sind mit Kreuzbandrissen seit Herbst außer Gefecht, und noch ist nicht ganz klar, ob sie rechtzeitig wieder fit werden. Gut möglich, dass Milan Baros von Aston Villa in Deutschland die einzige Spitze in einem 4-5-1-System sein wird.
STAR
Pavel Nedved
Als er im Halbfinale der EM in Portugal gegen die Griechen in der 39. Minute mit verdrehtem Knie das Feld verlassen musste, sah es so aus, als habe die Karriere des besten tschechischen Spielers der vergangenen Jahre ein trauriges Ende gefunden. Nedved hatte angekündigt, dass nach dem Turnier Schluss sein sollte als Nationalspieler. Doch wie Zidane in Frankreich und Figo in Portugal kehrte er, die WM vor Augen, zurück in sein Nationalteam. Nedved spielt seit zehn Jahren in der italienischen Serie A. Mit Lazio Rom gewann der lauf- und zweikampfstarke Mittelfeldspieler in der Saison 1999/2000 das Double; im Jahr darauf ging er für 41 Millionen Euro zu Juventus Turin, wo er auf der Spielmacherposition rasch den zu Real Madrid abgewanderten Zidane ersetzen konnte und zweimal die italienische Meisterschaft gewann.
TRAINER
Karel Brückner
Am 13. November 2005 feierte er in Prag seinen 66. Geburtstag, drei Tage bevor sein Team sich im Play-off für das WM-Turnier qualifizierte. Er sprach danach von seinem größten Erfolg. Als er die Mannschaft 2002 nach der verpassten Qualifikation für die WM in Japan und Südkorea übernahm, glaubten viele, der "Alte" würde die heutige Star-Generation nicht verstehen. Tatsächlich genießt der Taktiker und Psychologe höchstes Ansehen in der Mannschaft. Der Mann mit dem weißen Haarschopf betrachtet seine Spieler als Enkel und legt Wert auf eine familiäre Atmosphäre, die dazu beiträgt, dass Leute wie Marek Heinz oder Tomás Rosický, die verunsichert aus ihren Vereinen anreisen, im Kreis der Nationalelf wieder aufblühen. Pavel Nedved sagt: Brückner weiß, was die Spieler brauchen.

TUNESIEN

POLITIK
Modell mit Mängeln
Als im November 2005 in Tunis der Uno-Weltgipfel für Informationsfreiheit stattfand, zeigte sich, wie es um diese Freiheit in Tunesien bestellt ist. Delegierte und Journalisten wurden verfolgt oder erst gar nicht ins Land gelassen, missliebige Internet-Seiten blockiert. Dabei hatte man in den neunziger Jahren schon hoffnungsfroh von einem "tunesischen Modell" gesprochen, als sich das Land in Folge einer Aufschwungsphase zu modernisieren begann. Staatschef Ben Ali schuf damals einen in den Mahgreb-Staaten einmaligen Sozialpakt, eine politische Liberalisierung blieb allerdings aus. Einen schweren wirtschaftlichen Einbruch für die wichtige Tourismus-Branche löste dann 2002 der Anschlag auf eine Synagoge der Insel Djerba aus, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen. Problematisch ist auch die Arbeitslosigkeit von 13 Prozent, unter der trotz eines guten Bildungssystems vor allem die tunesische Jugend leidet. Das Wirtschaftswachstum hat indes wieder rund fünf Prozent erreicht.
FUSSBALL
Vorbild Frankreich
Tunesien war die erste afrikanische Mannschaft, die bei einer Weltmeisterschaft überhaupt ein Spiel gewinnen konnte. 3:1 siegte man gegen Mexiko, 1978 war das, und für die Adler von Karthago blieb es bis zum heutigen Tag der einzige Erfolg. Dabei hat sich der tunesische Fußball in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert. Nach 1998 und 2002 nimmt man nun zum dritten Mal in Folge an einer Endrunde teil. Begonnen hat der Aufschwung der beliebtesten Sportart des Landes Mitte der Neunziger, als die heimische Liga professionalisiert wurde. 14 Vereine konkurrieren heute um die Meisterschaft. Die großen Clubs wie Rekordmeister Espérance, Club Africain oder Étoile du Sahel haben nach französischem Vorbild viel Geld in Fußballinternate investiert. Überhaupt spielen die Franzosen eine große Rolle. Viele Trainer stammen aus Frankreich oder waren dort in der Lehre. Und mit dem aktuellen Nationaltrainer Roger Lemerre hat ein Franzose die Tunesier zum bislang größten Erfolg geführt: 2004 triumphierte man beim Afrika-Cup im eigenen Land.
SPIELKULTUR
Modern und europäisch
Erst im letzten Spiel der Qualifikation wurde die Teilnahme an der WM perfekt gemacht, als man gegen Marokko zweimal einen Rückstand ausglich und am Ende einen Punkt vor dem Erzrivalen lag. Von den afrikanischen Teams gilt das tunesische als dasjenige, das den mit Abstand europäischsten Fußball spielt. Die Mannschaft ist gut organisiert, laufstark und ballsicher. Mit vielen kurzen Pässen wird der Ball durchs Mittelfeld nach vorn getrieben, wo die Hoffnungen vor allem auf dem eingebürgerten Brasilianer Santos liegen. Der schnelle und schussstarke Stürmer vom FC Toulouse erzielte sechs Treffer in der Qualifikation und vier beim diesjährigen Afrika-Cup, wo man im Viertelfinale nach Elfmeterschießen an Nigeria scheiterte. Insgesamt ist die Elf nach zwei WM-Teilnahmen und durch die im Ausland tätigen Spieler reifer geworden. Verteidiger Radhi Jaidi spielt bei den Bolton Wanderers, Kapitän Hatem Trabelsi bei Ajax Amsterdam.
STAR
Radhi Jaidi
Als Radhi Jaidi vor zwei Jahren ablösefrei von Espérance zu den Bolton Wanderers wechselte, glaubten viele, dass es der erste Tunesier in der englischen Premier League schwer haben würde. Aber der kopfballstarke Innenverteidiger belehrte seine Kritiker eines Besseren und eroberte sich schnell einen Stammplatz im Team. Der trotz seiner 1,90 Meter auch technisch starke Tunesier, der in elf Jahren bei Espérance mehrmals Meister geworden ist, spielte 2005 eine überragende Saison und half mit fünf Treffern dabei mit, dass die Wanderers am Ende auf einem der UEFA-Cup-Plätze standen. Für sein Land war Jaidi bislang 79-mal im Einsatz.
TRAINER
Roger Lemerre
Für Roger Lemerre, der die tunesische Elf Ende 2002 übernahm, bietet die WM in Deutschland die Chance zur Rehabilitation. Nachdem der Trainer mit den Franzosen im Jahr 2000 noch Europameister geworden war, schied er mit der Équipe Tricolore in Japan und Südkorea ohne ein erzieltes Tor nach der Vorrunde aus. Nicht nur deshalb war man anfangs skeptisch in Tunesien. Lemerre, der sich schwer tut mit den Medien, holte die jungen Talente ins Team, die schon in der Olympiaauswahl von Athen glänzten, und integrierte mit Yahia, Namouchi und Benachour drei Spieler, die in ihrer Jugend noch für Frankreich aufgelaufen sind. Als die neue Mannschaft dann 2004 im eigenen Land beim Afrika-Cup triumphierte, war Lemerre der erste Trainer, dem es gelang, zwei verschiedene Kontinental-Meisterschaften zu gewinnen. Und seitdem ist der Stoiker, der sein Team mit harter Hand führt, auch in Tunesien anerkannt.

UKRAINE

POLITIK
Orange ohne Fortune
Alles sollte besser werden, damals im Frühjahr 2005, moderner, demokratischer, westlicher. Wiktor Juschtschenko, der in den Wintermonaten zuvor als Präsidentschaftskandidat die Revolution angeführt hatte, erklärte nach seiner Vereidigung, die Integration seines Landes in euro-atlantische Strukturen habe fortan höchste Priorität. Vom Aufbruch ist nicht mehr viel zu spüren. Die Ministerpräsidentin wurde ausgewechselt, die Moskautreuen sind längst nicht vertrieben von der Macht. Und das Land, sechstgrößter Waffenexporteur der Welt, tritt auf der Stelle. Die Wirtschaft wächst nur noch um rund drei Prozent, noch immer herrschen Korruption und Schwarzarbeit, noch immer fließen sieben Prozent des Haushalts in Projekte, mit denen das Land die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl in den Griff kriegen will. Der Durchschnittslohn eines Ukrainers liegt bei knapp 82 Euro, jeder siebte besitzt ein Handy und jeder fünfzigste nutzt das Internet.
FUSSBALL
Volkssport im Aufbau
Vor einigen Monaten hat die ukrainische Regierung beschlossen, in den Schulen eine zusätzliche dritte Sportstunde einzuführen, die allein dem Fußball vorbehalten ist. Fußball ist in der Ukraine Volkssport, die erstmalige WM-Qualifikation war ein Schub für das Selbstbewusstsein der Nation. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatten sich viele Nationalspieler, obgleich sie Ukrainer waren, entschieden, das russische Trikot zu tragen. Im ukrainischen Verband mangelte es damals an Strukturen und der Liga an Sponsoren. Ein Verein wie Dynamo Kiew dominierte zwar nach Belieben die heimische Konkurrenz (elf Meistertitel in zwölf Jahren), doch international gelang es nicht, an frühere Erfolge anzuknüpfen. Es entstehen neue Stadien, Millionäre investieren, und mit Schachtjor Donezk, Meister 2002 und 2005, gibt es inzwischen eine zweite Mannschaft mit internationalem Potential, was aber auch heißt, dass in den beiden großen Vereinen mittlerweile fast nur noch Spieler aus dem Ausland tätig sind.
SPIELKULTUR
Doppelte Viererkette
Auch in der Ukraine geht man davon aus, dass Fußballspiele in der Abwehr gewonnen werden. Gerade sieben Tore hat das Team in der Qualifikation kassiert. Während vor dem Torhüter Alexander Schowkowski zwei Viererketten die Räume eng machen, sollen es vorne Andrej Schewtschenko (AC Mailand) und Andrej Woronin (Bayer Leverkusen) richten. Die beiden sind die einzigen Legionäre in einem Team, das sich vor allem aus jungen, talentierten Spielern der eigenen Liga zusammensetzt. Der wohl wichtigste von ihnen ist Ruslan Rotan. Der 24-jährige Mittelfeldspieler von Dynamo Kiew spielt seit zwei Jahren im Nationalteam und besiegelte mit seinem Tor gegen Georgien die Teilnahme an der WM.
STAR
Andrej Schewtschenko
Alles in diesem Team dreht sich um den Stürmer vom AC Mailand, der bereits zweimal Torschützenkönig in der Serie A war und 2004 zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde. "Sheva", wie ihn seine italienischen Fans nennen, ist antrittsschnell und technisch versiert. Im privaten Leben ist er mit dem amerikanischen Model Kristen Pazik verheiratet. Andrej Schewtschenko gilt als großer Schweiger mit Hang zur Poesie. In seiner Heimatstadt Kiew betreibt der Sohn eines Offiziers eine Armani-Boutique. Nur einmal hat Schewtschenko sein Schweigen gebrochen. Mit einer Erklärung stellte er sich während der Revolution auf die Seite des zu dieser Zeit noch amtierenden Ministerpräsidenten. Es hagelte Proteste der Fans, die ihn aufforderten, sich zu schämen. Schewtschenko reagierte prompt und versicherte, er habe doch nur den Sportsmann gemeint. Nun berät er den neuen Präsidenten.
TRAINER
Oleg Blochin
Der wohl beste ukrainische Fußballer aller Zeiten war zweimal Europapokal-Sieger mit Dynamo Kiew und 1975 Europas Fußballer des Jahres, der Schlagersänger Dmitrij Gordon hat ihm sogar eine eigene Hymne komponiert. Nach dem Ende seiner Profikarriere hatte Oleg Blochin (siehe Seite 46) ein paar Jahre lang mit mäßigem Erfolg griechische Vereinsmannschaften trainiert, bevor er als Abgeordneter ins ukrainische Parlament wechselte, erst für die Kommunisten, dann für die Vereinigten Sozialdemokraten, die den umstrittenen alten Präsidenten unterstützten. 2003 wurde er auch noch Nationaltrainer. Nach der Revolution erklärte Blochin in einer Rede im Parlament seinen Rücktritt als Nationaltrainer, weil die neuen Machthaber forderten, dass man nicht gleichzeitig dieses Amt bekleiden und Abgeordneter sein soll. Ein Berufungsgericht entschied aber schließlich, dass Blochin weiter Trainer bleiben darf.

USA

POLITIK
Wachsende Gegensätze
Die Vereinigten Staaten bleiben politisch und wirtschaftlich der mächtigste Staat der Welt. Präsident George W. Bush hält am Führungsanspruch seines Landes fest, hat allerdings durch den umstrittenen Krieg gegen den Irak auch bei der eigenen Bevölkerung an Zustimmung verloren. Der US-Wirtschaft geht es mit einer anhaltenden Konjunktur und niedriger Arbeitslosigkeit gut. Experten warnen aber vor dem rasant gestiegenen Haushalts- und Handelsdefizit, der immensen Verschuldung der Verbraucher, steigenden Energiepreisen und einem Platzen der Immobilienblase. Einige amerikanische Ökonomen fürchten sogar, dass China die USA bis 2040 als Wirtschaftsmacht überholt haben könnte. Amerikas Gesellschaft ist von einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich geprägt. Nach dem Hurrikan "Katrina" im vergangenen Jahr saßen überwiegend schwarze Amerikaner tagelang im überfluteten New Orleans fest, die Hilfsmaßnahmen waren schlecht koordiniert - Amerika zeigte sich ungewohnt machtlos.
FUSSBALL
Aus dem Schatten
Amerikaner interessieren sich für American Football, Baseball, Basketball und Eishockey. Soccer ist allenfalls was für Frauen oder Kinder. Aber das Klischee stimmt nicht mehr: Die Mitte der neunziger Jahre gegründete Profi-Liga hat sich etwas aus dem Schatten der populären Konkurrenz gelöst. Viele Vereine treten mittlerweile nicht mehr in den stimmungslosen Footballarenen an, wo sich das Publikum auf riesigen Tribünen verliert, sondern haben eigene, kleine Fußballstadien gebaut. Adidas rüstet die Liga für die nächsten Jahre mit Sportartikeln im Wert von 150 Millionen Dollar aus, und Stars wie Landon Donovan spielen heute lieber in der Heimat, als bei Vereinen in Europa auf der Bank zu sitzen. Topverdiener der Liga ist der 16 Jahre alte Freddy Adu (siehe Seite 82). Der Aufschwung des amerikanischen Fußballs spiegelt sich auch in den Leistungen der Nationalelf wider: Die US-Boys stehen auf der Fifa-Weltrangliste mittlerweile auf Platz 6 - 3 Plätze vor England, 13 Plätze vor Deutschland.
SPIELKULTUR
Abtritt der Alten
Für einige der US-Boys wird diese WM wohl die letzte sein. Ein halbes Dutzend stand schon 2002 im Kader, als man erst in der Runde der letzten acht an den Deutschen scheiterte, darunter so erfahrene Leute wie der ehemalige Leverkusener Frankie Hejduk, 31, und Claudio Reyna, 32, der nach Aufenthalten in Leverkusen und Wolfsburg mittlerweile bei Manchester City spielt. Kapitän Reyna als defensiver Abräumer und Superstar Landon Donovan als Spielgestalter sind die zentralen Figuren im Team. Vorn sollen es die Jungen richten, der 23-jährige DaMarcus Beasley vom PSV Eindhoven, und Edward Johnson, ein 21-jähriges Sturmtalent vom FC Dallas, der schon in der Qualifikation siebenmal traf. Den Weg zum WM-Turnier bewältigte die Mannschaft überraschend souverän. Das Selbstwusstsein ist groß, aber ob das allein reicht, um in der Vorrunde Italien und Tschechien zu schlagen? Gegen keins der Teams hat die US-Elf bisher gewonnen.
STAR
Landon Donovan
Der Mann war auf dem Cover großer Sportmagazine. Er ist mit einer Fernsehschauspielerin liiert. Und für viele in seinem Land ist er ein Heilsbringer des Fußballs. Aber in Leverkusen, zu Beginn seiner Karriere, kam Amerikas Beckham in zwei unglücklichen Jahren nicht ein einziges Mal zum Einsatz. Bei seinem zweiten Versuch, sich beim Werksclub durchzusetzen, spielte er siebenmal in der Bundesliga. Doch den Karrieredurchbruch schaffte der extrovertierte US-Boy erst in seiner Heimat. In der vergangenen Saison schoss der offensive Mittelfeldspieler die Los Angeles Galaxy fast im Alleingang zum Meistertitel. In der WM-Qualifikation erzielte er sieben Tore und bereitete acht Treffer vor.
TRAINER
Bruce Arena
Im amerikanischen Soccer gilt er als starker Mann. Erst unter seiner Führung haben sich die USA von einer unterschätzten Fußballnation zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelt. Bruce Arena, ein gebürtiger New Yorker mit italienischen Vorfahren, hatte die Mannschaft 1998 nach dem Vorrunden-Aus in Frankreich übernommen. Er testete mehr als 70 Spieler, und bei der Weltmeisterschaft 2002 kamen die US-Boys nach Siegen über Portugal und Mexiko bis ins Viertelfinale, so weit wie keine andere amerikanische Mannschaft seit 1930. Arena hat 18 Jahre lang das College-Team der University of Virginia trainiert, ehe er mit Washington zweimal den Meistertitel in der Major Soccer League errang. Er ist bei seinen Spielern wegen seiner geradlinigen Art sehr beliebt und hat in den vergangenen Jahren eine überraschend kompakte und spielstarke Truppe geformt.

SPIEGEL SPECIAL 2/2006
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