09.05.2006

Spuk im Watt

Von Andresen, Karen

Um die mittelalterliche Siedlung Rungholt, die 1362 in der Nordsee versank, ranken sich allerlei geheimnisvolle Geschichten. Archäologen und Hobbyforscher suchen seit Jahrzehnten in der Nähe der Insel Pellworm nach Überresten.

In Nordfriesland grassiert die Leidenschaft seit Generationen. Professoren werden von ihr ebenso ergriffen wie Schäfer, Lehrer oder Juristen. Das ist das Rungholt-Fieber, sagen sie an der Küste, wenn wieder mal selbst betagte Herren mit ungezügeltem Entdeckerdrang zu Exkursionen ins Nordsee-Watt aufbrechen, auf der Suche nach Überbleibseln einer vor Jahrhunderten versunkenen Siedlung namens Rungholt.

Um 1882 befiel das sonderbare Virus auch den Dichter Detlev von Liliencron, damals für eineinhalb Jahre Hardesvogt auf der Nordseeinsel Pellworm. Den Poeten zog es jedoch nicht hinaus in den Schlick, um Scherben, Knochen oder morsches Holz zu bergen. Er tat stattdessen, was Dichter gemeinhin tun, wenn sie etwas mächtig umtreibt. Er schrieb ein Gedicht: "Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren. Noch schlagen die Wellen da wild und empört, wie damals, als sie die Marschen zerstört."

Sagen und Spukgeschichten hatte es über die verschwundene Siedlung auch vorher schon viele gegeben. Die Liliencron-Verse aber, von denen jeder mit einem kräftigen "Trutz, blanke Hans" endet, machten das am 16. Januar 1362 während der "Groten Mandränke" von den Fluten der Nordsee begrabene Rungholt endgültig zum Mythos.

Von einer Stadt berichtet der Dichter, die "reich" und "immer reicher" geworden ist. In der "Syrer und Mohren, mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren", auf Sänften durch die Straßen getragen werden. Und in der die Menschen, betrunken und lärmend, einem "protzigen Rungholter Wahn" verfallen.

Tausend und eine Nacht in den Marschenlanden? Sodom und Gomorrha an der Nordsee? Überbordender Phantasie und hingebungsvoller Sammelleidenschaft waren fortan keine Grenzen mehr gesetzt.

Wohl auch, weil das Meer nur wenige Zeugnisse wieder freigegeben hat, die Rückschlüsse auf das wirkliche Leben damals zulassen. Vieles bleibt für immer im Bereich der Spekulation.

Klar ist immerhin, dass es den geheimnisvollen Ort wirklich gegeben hat. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fand sich im Hamburger Staatsarchiv ein Testament, das die Existenz der Kirchengemeinde "Rungheholte" bestätigt.

Eine Stadt war die Siedlung im Verwaltungsbezirk Edomsharde allerdings wohl nie. Sie wurde, so glauben Experten, um 1200 an einem Wattstrom südöstlich von Pellworm gegründet. Die etwa 1000 Rungholter lebten von der Landwirtschaft und von dem, was ein kleiner Hafen abwarf.

Reichtum können sie dabei kaum erworben haben. Zwar ist an der Rungholter Reede wahrscheinlich Salz verschifft worden, ein im Mittelalter zur Konservierung von Nahrungsmitteln hochbegehrtes Gut. Doch von dem lukrativen Geschäft mit dem "weißen Gold" haben vor allem die mächtigen Salzhändler weiter oben im Norden, rund um die Halligen Hooge, Langeneß und Gröde, profitiert. Deren Wohlstand bezeugen noch heute Überreste prächtiger Sandsteinsarkophage. "Die Händler", sagt Hans Joachim Kühn vom Archäologisches Landesamt in Schleswig, "konnten sich bestatten lassen wie die Könige."

In Rungholt aber fanden sich nie Hinweise auf üppige Grabstellen oder sonstige Zeichen großen Vermögens. Auch das "weiße Gold", das sie anderswo aus Torf gewannen, wurde dort nicht hergestellt.

Dennoch scheint Rungholt wichtiger gewesen zu sein, als die anderen Siedlungen in der Edomsharde - vor allem wohl, weil der Ort mit seiner Reede als einziger in der Region die Möglichkeit bot, Waren und Menschen ein- und ausreisen zu lassen. Das Hinterland war viel zu unwegsam, um Handel und Wandel auf dem Landweg abzuwickeln.

Wie wichtig die Anbindung an andere Städte damals war, bezeugt eine Pergamentschrift vom 19. Juli 1361, in der Hamburger Kaufleuten bis zum 1. Mai des darauffolgenden Jahres unbeschränkte Handelsfreiheit und freies Geleit gewährt werden.

Die Hanseaten konnten das ihnen zugestandene Vorrecht allerdings nicht mehr vollständig ausschöpfen. Sechs Monate nach Abfassung des Dokuments begrub die Nordsee Rungholt und andere Kirchengemeinden in der Umgebung unter sich.

Die ahnungslosen Rungholter hatten ihre Häuser auf Erdschichten erbaut, die sich in einem tiefen eiszeitlichen Urstromtal angesammelt hatten. Dieser Untergrund aber sackte nach und nach ab und bahnte so der vordringenden Nordsee einen Weg. Trotz hoher Warften und emsigen Deichbaus hatten die Menschen gegen die tosende See am Ende keine Chance. Der Boden, auf dem sie lebten, versank am 16. Januar 1362 endgültig im Meer.

In Sagen und Chroniken blieb das Drama lebendig. Rungholt, so erzählten sich die Leute an der Küste, existiere auf dem Meeresgrund unversehrt weiter. Manchmal könne man sogar noch seine Kirchenglocken läuten hören. Auch auferstehen könne das versunkene Dorf wieder, alle sieben Jahre am Johannistag, wenn es ein Sonntagskind erlöse.

Und warum mussten die Menschen ertrinken? Auch darüber machten wilde Spekulationen die Runde. Das sei, flüsterte man sich zu, Gottes Strafe für schreckliche Sünden.

Im Jahr 1666 schrieb der Chronist Anton Heimreich die Geschichte von der nordfriesischen Sintflut auf, wie sie seit langem in verschiedenen Ausschmückungen kursierte.

"Unter allen diesen ertrunckenen örtern", beginnt sein Text, "ist insonderheit benahmet der flecke Rungholt, von dessen verwüstung und untergang, wie auch künfftigem wolstande der gemeine mann beydes in vorigen und auch noch jetzigen zeiten viel wunderdinges erzehlet."

Eines Tages, so Heimreichs Rungholt-Sage weiter, sei ein Prediger gerufen worden, um einem Kranken das Abendmahl zu reichen. Als der fromme Mann eintraf, fand er im Bett nur eine betrunken gemachte Sau vor - man hatte ihn gotteslästerlich verhöhnen wollen. Entsetzt versuchte er davonzueilen, kam aber nicht weit. "Gottlose Buben" stoppten ihn mit Gewalt, nahmen sein Oblatenbüchse und gossen sie "voll biers".

Der Kirchenmann habe nunmehr seinen Herrgott um Strafe für die Sünder angerufen, und "alsobald" habe sich "ein ungestümer wind und hohes wasser erhaben", dem außer dem Prediger nur noch zwei oder vielleicht auch vier Jungfrauen lebend entkommen seien.

Als Heimreich seine Geschichte niederschrieb, hatte die Nordsee die einstige Edomsharde bereits mit einer so dicken Sedimentschicht bedeckt, dass Wattwanderer nur noch wenige Spuren früheren Lebens finden konnten. An einigen Stellen waren die Ablagerungen auf dem Meeresgrund sogar schon so hoch angewachsen, dass wiederum neues Land entstanden war.

Aber auch diesmal blieb der Boden den Menschen nicht dauerhaft erhalten. Die See holte sich irgendwann wieder zurück, was sie vorher über Jahrhunderte hergegeben hatte. Die Hallig Südfall zum Beispiel verlor innerhalb von 130 Jahren rund zwei Drittel ihrer Fläche.

Es war am Pfingstmontag des Jahres 1921, ein strahlender Frühlingstag, als der Nordstrander Landwirt Andreas Busch am nordwestlichen Ufer der von der Nordsee bedrängten Hallig einen sensationellen Fund machte. Mit Pferd und Wagen war der Landmann hinaus ins Watt gefahren, und zunächst schien der schöne Mai-Ausflug gar kein erfreuliches Ende zu nehmen. Bis zum Bauch versanken die Tiere im Schlick, nur mit Mühe konnte Busch das Gespann wieder flottmachen.

Was er dann aber endeckte, sollte sein Leben verändern und die Rungholt-Forschung dazu. Vor ihm ragten Pfähle einer Entwässerungsschleuse 70 Zentimeter hoch aus dem Watt. Etwas weiter weg konnte er guterhaltene Warftensockel und ehemalige Ackerflächen erkennen - das Meer hatte die bisher unter der Hallig Südfall begrabenen Reste einer mittelalterlichen Siedlung freigespült - Rungholt, wie Busch bald fest überzeugt war.

Bis dahin wusste niemand, wo genau der Ort, der so lange schon die Gemüter bewegte, gelegen hat. Zwar gab es allerlei Schätzungen. Auf Karten war Rungholt mal nördlich von Südfall, dann wieder eher südlich der Hallig eingezeichnet.

Für Busch wurden ausgedehnte Erkundungsfahrten ins Watt fortan über Jahrzehnte zur Passion. Wann immer es möglich war, ging er bei Ebbe hinaus, suchte, kartierte und fotografierte. 1963 zeichnete die Christian-Albrechts-Universität in Kiel den Autodidakten für seine Verdienste um die Rungholt-Forschung aus.

Bis heute gelten die Erkenntnisse des Hobbyforschers als bahnbrechend. Auch im zuständigen Landesamt in Schleswig. Selbst wenn es nie endgültig bewiesen werden könne, sagt Experte Kühn, sei Buschs Fundstelle nordwestlich von Südfall doch "der Punkt, der die größte Wahrscheinlichkeit hat", wirklich Rungholt gewesen zu sein.

Tatsächlich wäre die Forschung ohne die Arbeit des Nordstrander Landwirts ärmer. Denn was Busch damals, als sich noch kein ausgebildeter Archäologe für die versunkene Hafensiedlung interessierte, der Nachwelt dokumentiert hat, ist inzwischen nicht mehr zu sehen. Die Fluten der Nordsee haben sich Rungholt längst ein zweites Mal geholt - diesmal wohl für immer.

So könnte die Geschichte hier enden, wäre da nicht der Ethnologe Hans Peter Duerr. Der mittlerweile emeritierte Professor, der einige Jahre an der Bremer Universität lehrte, bezweifelt Buschs Fahndungserfolge und will Rungholt ganz woanders, nämlich nördlich der Hallig Südfall, geortet haben.

Alles begann damit, dass Duerr im Sommer 1992 mit Frau und Kindern Urlaub auf Nordstrand machte und in seinem Ferienhaus eine Karte entdeckte, die der Husumer Kartograf Johannes Mejer 1652 verfertigt und "Abriss Uon Rvngholte Und Seinen Kirchspielen. Anno 1240" genannt hatte. Duerr erinnerte sich an an Liliencrons berühmtes Gedicht und beschloss, nun seinerseits die geheimnisvolle Ortschaft "zu suchen und zu finden, und zwar dort, wo die Barockkartografen sie lokalisiert hatten".

Die Zweifel der Fachleute an der Zuverlässigkeit der alten Karten erschienen ihm nicht plausibel. Die Menschen, so seine Argumentation, hätten auch noch 300 Jahre nach der "Groten Mandränke" gewusst, wo der Ort zu finden war, weil "dessen Lage mit Bestimmtheit von Generation zu Generation weitergegeben wurde".

Der These sollten alsbald Taten folgen. Im Juni 1994 stach der Professor zusammen mit einigen Studenten der Bremer Universität von Husum aus in See. Dort, wo nach der Mejer-Karte Rungholt liegen sollte, ließen sie sich trocken fallen und bargen, was der Schlick hergab.

Im 60 Kilometer entfernten Archäologischen Landesamt war man über das jäh entflammte Rungholt-Fieber des Ethnologen befremdet. Vergebens versuchte die Behörde, die Bremer Aktivisten zu stoppen. Schließlich erließ die Landesregierung in Kiel eine gesetzliche Regelung, um Anfälle von Sammelleidenschaft im Watt künftig besser bekämpfen zu können.

Duerr allerdings war nicht mehr zu stoppen. Im vergangenen Jahr fasste er das Ergebnis seiner elfjährigen Bemühungen in einem Buch mit mächtigem Anmerkungsapparat zusammen*. Er habe, verkündet der Professor darin stolz, nicht nur Rungholt entdeckt, sondern sogar Hinweise darauf gefunden, dass es - entgegen allen Expertenmeinungen - an gleicher Stelle schon in der Bronzezeit eine Siedlung gegeben habe - mit Handelsbeziehungen bis nach Kreta.

Auch wenn Duerr seinen Ruf bei der Zunft der Archäologen damit wohl endgültig ruiniert haben könnte, alle vom Rungholt-Virus Befallenen werden ihm dankbar sein - sie sind wieder um eine Legende reicher. KAREN ANDRESEN

* Hans Peter Duerr: "Rungholt - Die Suche nach einer versunkenen Stadt". Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig; 764 Seiten; 28 Euro.

SPIEGEL SPECIAL 3/2006
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