09.05.2006

Schöner als vom Ötzi

Pfahldörfer am Bodensee, Lastkähne aus der Römerzeit oder ein etwa 3000 Jahre alter Einbaum - Funde aus Flüssen und Seen geben Historikern wichtige Hinweise über das Leben in der Vorzeit. Trotzdem arbeiten Forschungstaucher in Binnengewässern oft ohne Geld und auf eigene Gefahr.
Helmut Schlichtherle führt ein Luxusleben. Er sitzt oben auf dem Fischersteig im ehemaligen Schulhaus Hemmenhofen, an der Westspitze des Bodensees - vor sich Uferlandschaft, hinter sich große Büros, lange Flure, endlose Regalwände, Zeichentische, Kühlräume, ein modernes Labor.
Schlichtherle ist Leiter der Außenstelle Hemmenhofen des Landesamts für Denkmalpflege und der Glückspilz unter Deutschlands Unterwasserarchäologen. Denn er hat Geld und Mitarbeiter. Beides nimmt ab - zugegeben -, aber so viel ist es immerhin, dass Forschungstaucher aus anderen Teilen der Republik neidisch werden.
Schlichtherles Arbeitgeber, das Land Baden-Württemberg, gönnt sich noch öffentliche Mittel für die Rettung historischer Schätze aus Uferschlamm und Feuchtgebieten. Das mag an den Schatzkammern Bodensee und Federsee liegen, die vor allem über die Vorfahren aus der Stein- und Bronzezeit jede Menge Geheimnisse bergen. Oder, was die Wissenschaftler hoffen, an der Einsicht, wie bedeutend die Hinterlassenschaften aus dem Wasser sind, will man die Siedlungsgeschichte eines Landes wirklich verstehen.
Also zeigt Schlichtherle stolz sein Reich aus Hunderten Pappkartons, Kisten, Hölzern und Kühlboxen. Überall in dem weitläufigen Haus lagert ein Stück Ur- und Frühgeschichte: Waffen, Werkzeug, Haushaltsgeräte, Gefäße oder weiß getupfte weibliche Brüste aus Lehm, die der steinzeitliche Künstler - weswegen auch immer - einst an die Wand einer Hütte klebte. Sie stammen aus den vielen Pfahlbaudörfern im Dreiländereck am Rheinfall, die - je nach Jahreszeit - halb im Wasser, halb am Ufer befestigt waren.
Das Team in Hemmenhofen bleibt trotz der geradezu unüberschaubaren und wissenschaftlich wertvollen Artefakte eher bescheiden. Nicht einmal um ein jahrtausendealtes Steinzeitmesser, top in Schuss, als hätte man gestern noch Wild damit ausgeweidet, wird Wirbel gemacht. Es ruht im Kühlraum bei konstant 60 Prozent Luftfeuchtigkeit und sei, sagt Schlichtherle, "viel schöner als das gleiche vom Ötzi", aber trotzdem nicht berühmt.
Wasser und Schlamm haben es vor Urzeiten luftdicht verschlossen, konserviert und bis in die Farbpigmente erhalten. Ein Gegenstand, wie man ihn in dieser Qualität bei Landgrabungen heute niemals mehr finden könnte.
Geheimnis der Pfahlbauten
Doch entlang des Nord- und Westufers am Bodensee geht es längst nicht mehr nur ums Finden, es geht ums Retten. Mehr als 70 Pfahldörfer haben die Jäger und Fischer der Stein- und Bronzezeit dort errichtet.
Sie begannen etwa 4000 vor Christus mit der ungewöhnlichen Wohnform und beendeten sie erst nach mehr als 3000 Jahren - vermutlich weil aufgrund des Klimawandels der Wasserspiegel enorm angestiegen war. Oder weil die Bewohner von feindlichen Kriegern vertrieben wurden.
Viele Fragen, viele Geheimnisse um die Menschen, die offenbar einen regen Austausch mit anderen "Seebewohnern" in Italien, Österreich, der Schweiz und Frankreich pflegten, werden niemals beantwortet werden. Auch die, warum man nirgendwo in der Nähe der Pfahlhütten Gräber oder menschliche Knochen fand. Gab es eine Baumbestattung? Oder wurden die Toten verbrannt?
Andere europäische Pfahlbaubewohner hatten durchaus ihren nachgewiesenen - wenn auch grausamen - Totenkult. So wurde, starb ein Bauer, auch sein Pferd mit bestattet, für den Ritt durchs Jenseits. Die feuchten Uferschichten erhielten ebenso manche Kinderleiche derart, dass ein finsteres Ritual deutlich wurde: Vielen Kindern wurde vermutlich das Genick abgeschlagen, als ihre Mutter starb - man legte die Kleinen, die dann wohl niemand mit versorgen konnte, zu ihr ins Grab.
Doch warum findet sich davon keine Spur am Bodensee? Immerhin stießen die Taucher des Denkmalamts - etwa vor dem berühmtesten Pfahldorf in Unteruhldingen - auf genügend Indizien für das friedliche, bäuerliche Leben unserer Vorfahren. Denn die Hausfrauen warfen den Müll einfach aus dem Fenster. Und der See hat etwa Pflanzenreste derart gut bewahrt, dass sie teilweise sogar noch grün sind. Getrocknetes Obst gab der Schlamm frei, Nüsse, Tierknochen, fast vollständig erhaltene Kleidungsstücke, Geschirr und sogar menschliche Exkremente, an denen sich heute noch der Speiseplan ansatzweise ablesen lässt.
Ein schier unglaubliches Unterfangen, solche Beweise im trüben Uferwasser zu finden, doch die Forschungstaucher am Bodensee sind seit vielen Jahrzehnten besonders gut geschult. Was ihnen Kummer bereitet: Die Reste der mühsam gezimmerten Dörfer, heute vor allem im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen zu besichtigen, sind in Gefahr. Durch den Wellenschlag und die stets wechselnde Wasserhöhe drohen sie zu brechen. Die Wissenschaftler am Bodensee bemühen sich deshalb, möglichst viele steinzeitliche Fragmente zu konservieren.
Bleibt auch für sie die Frage, warum die Menschen im 4. Jahrtausend vor Christus fast zeitgleich rund um die Alpen begannen, ihre Hütten in einen See zu stellen und mühsam Pfähle in den Grund zu rammen. Damit der Feind nur von einer Seite angreifen konnte, sagt ein Teil der Historiker. Weil es in dem dichtbewaldeten Landstrich langsam eng wurde und die Flächen eher für den Getreideanbau genutzt wurden, meinen andere. Wie auch immer, Fakt ist, dass die Dörfer sich recht schnell veränderten, meist nicht länger als 25 Jahre standen und auch die vielen dünnen Pfähle, auf denen Hütten und Stege ruhten, häufig ausgewechselt wurden.
Das nachzuweisen ist in Hemmenhofen mit kriminalistischer Puzzlearbeit gelungen, am Computer ließen sich sogar die jeweiligen "Stadtpläne" nachzeichnen. Denn das Alter der außerordentlich gut konservierten Pfähle lässt sich dendrochronologisch bis auf ein Vierteljahr genau bestimmen. Das ermöglichte den Archäologen, gleich alte Holzstützen einzuzeichnen und somit die Grundrisse von Häusern und Brücken einer bestimmten Siedlung herauszufiltern.
Bayerisches Villenviertel
Ähnlich arbeiten die ehrenamtlichen bayerischen Kollegen, die vom Freistaat derart knapp gehalten werden, dass sie mittlerweile sogar ihre Geräte selbst finanzieren müssen.
In Bayern leisten sich die Lage am Wasser seit je betuchte Händler. Dennoch überraschte 1982 der Fund eines Sporttauchers die Münchner Denkmalpfleger. Just vor dem heutigen Villenviertel Kempfenhausen am Starnberger See entdeckte der Mann uralte Keramikscherben. Luftbildaufnahmen des klaren Flachwassers ließen dort schließlich die Umrisse einer urzeitlichen Siedlung ahnen, erstaunlicherweise doch ein Stück weg vom Alpenrand und diesmal wie in einer Insellage mitten im Wasser. Die Stelzbauten von Kempfenhausen, erwiesen durch Pfahlanordnungen am Seegrund, dürften als besonderer ökonomischer Stützpunkt gedient haben, da dort auffällig viele wertvolle Metallfunde geborgen wurden.
Ausgerechnet der Starnberger See also, die sogenannte Badewanne der Münchner Schickeria, wo im Sommer Scharen von Bootsausflüglern und Schwimmer das Wasser bevölkern, wurde zum Dorado der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie. Denn nicht nur die Kempfenhausener Schätze locken die Forschungstaucher ins Wasser, vor allem die Roseninsel am Westufer vor Feldafing erzählt eine lange Geschichte von der Steinzeit bis hin zu den Kelten.
Auch wenn dort die Archäologen um den Vorsitzenden Tobias Pflederer vornehmlich in der kalten Jahreszeit tauchen, um den Touristen zu entgehen, der Aufwand lohnte sich. Die Hobby-Forscher entdeckten den bislang ältesten Einbaum Bayerns, ein immerhin 13 Meter langes Gefährt, entstanden ca. 900 v. Chr., in der sogenannten Urnenfelderzeit. Seit diesem Fund versuchen die Taucher mit Unterwasserstaubsauger, Strahlrohr und Speziallampen die Kulturschichten vor dem Inselufer freizulegen und mit Schnurgerüsten auf dem Seeboden das historische Gelände zu kartieren.
Lastschiffe und Hitlers Nachttopf
Während sich die Hobby-Archäologen bei Starnberg also um historische Details bemühen, wurde weiter östlich am Chiemsee ein echter Schatz gehoben. Ein Sporttaucher fand vor dem Ufer des Urlaubsorts Seebruck einen goldenen Kessel, 18-karätig und stolze zehn Kilo schwer. Seither ranken sich wilde Gerüchte um den Fund, die einen glaubten an ein keltisches Kultobjekt, die Archäologen der Staatssammlung in München an ein Relikt aus der Nazi-Zeit, wofür immerhin die Verarbeitung des Edelmetalls sprach. Und die Tatsache, dass bei Kriegsende zahlreiche Nazi-Größen ihre Hakenkreuz-geschmückten Pretiosen im Chiemsee versenkt hatten.
Nazi-Symbole waren zwar auf dem Goldkessel nicht zu finden, doch es hielt sich hartnäckig im Ort die Version, das Gefäß müsse Hitler bei seinen Reisen durch das Voralpenland als Nachttopf gedient haben. Wie auch immer, der Fund im geschätzten Materialwert von rund 100 000 Euro wurde unter behördlicher Aufsicht inzwischen an einen privaten Sammler verkauft, der Taucher soll sich mit Bayerns Finanzministerium diskret auf seine Entlohnung geeinigt haben.
Mindestens ebenso sensationell, aber besser in die Geschichte einzuordnen sind für Bayern die Schiffsfunde von Oberstimm. 1986 wurden vor dem Kastell Oberstimm an der Donau, nahe Ingolstadt, bei archäologischen Grabungen im feuchten Erdreich zwei römische Schiffe entdeckt. Es sollte acht Jahre dauern, bis sie unter großem technischem Aufwand geborgen waren. Im Labor stellten die Forscher fest, dass die Hölzer, aus denen die mehr als 15 Meter langen Ruderschiffe gezimmert waren, etwa 100 Jahre n. Chr. geschlagen wurden. Es dürfte sich bei der Entdeckung also um einen Teil der sogenannten Limes-Flotte handeln, Flussschiffe, die zur Verteidigung des entstehenden römischen Grenzwalls patrouillierten und gelegentlich als Lastkähne eingesetzt wurden.
Dass heute ein solches Schiff, bis aufs Kleinste nachgebaut, als Touristenattraktion wieder auf der Donau schippert, ist auch dem renommierten Mainzer Forscher Olaf Höckmann zu verdanken.
Denn der hatte in Mainz bereits zuvor fünf spektakuläre Wracks gerettet. Auf die war ein aufmerksamer Baggerfahrer bei den Bauarbeiten zum großen Hilton-Hotelkomplex am Rhein 1982 gestoßen. Höckmann begann im Auftrag der Landesbehörden eine umfangreiche Forschung über die seltene antike Hinterlassenschaft. Denn obwohl der Rhein viele tausend Jahre befahren wurde, gaben der Fluss und seine angrenzenden Feuchtgebiete nur sehr wenige versunkene oder gestrandete Schiffe wieder her.
Höckmann gilt als Vater des Mainzer Museums für Antike Schifffahrt und rekonstruierte die beiden Wracks detailgenau. Nach seinen Plänen bauten nun Regensburger Studenten ein Schiff vom Typ "navis lusoria" und erfuhren so, wie sich diese schwimmenden Laster rudern und steuern ließen und wie viel Ware oder Gepäck geladen werden konnte.
Goldgräber am Rhein
Während aber die Regensburger Nachwuchsforscher lediglich ein kleines Entgelt für ihre Fahrten sammeln, geht es bei Tauchern am Rhein seit je um das ganz große Geld. Der Schatz der Nibelungen ist das Ziel von Abenteurern und Goldgräbern, und keine der vielen Legenden um diesen Millionenraub ist abwegig genug, als dass nicht etliche Glückritter an sie geglaubt hätten.
Wahr ist wohl nur, dass es sich bei dem Schatz, den der trickreiche Hagen von Tronje der Sage nach vor mehr als 1500 Jahren im Rhein versenkt haben soll, nicht um eine gewöhnliche Klunkerkiste handelt. Glaubt man den Dichtern, so müssen zwölf Leiterwagen vier Tage lang hin- und hergefahren sein, um bei Kriemhild das Gold heimtückisch abzuzweigen. Wer also die richtige Stelle trifft, hat ausgesorgt.
Auch wenn der Nibelungenschatz ein Mythos bleiben sollte, gibt es noch Überraschungen am Rhein, vor allem in Seen, die der Fluss zurückließ, als er im Laufe der Jahrtausende immer wieder sein Bett veränderte. Eine geradezu spektakuläre Entdeckung gelang einem Sporttaucher erst 2003 bei einer simplen Fischzählung im Ratjens Weiher bei Wörth, einem einfachen Baggersee.
Er stieß auf ein unberührtes Schiffswrack aus dem 13. Jahrhundert, eindeutig ein Flussschiff vom Rhein, das aus dem Steilufer herausragte. Hätte es die Fischzählung nicht gegeben, die Forscher um den Archäologen Rüdiger Schulz aus Speyer hätten das seltene Stück nie gesehen. Denn in dem Baggersee herrscht ansonsten absolutes Tauchverbot, weil die Kieswände am Ufer ins Rutschen kommen und Taucher verschütten könnten.
Nun aber machten sich Schulz und der Forschungstaucher Martin Mainberger an die Analyse. Um das zu finanzieren, veranstaltete Mainberger einen Tauchlehrgang für angehende Kollegen, die das versunkene Schiff untersuchen durften.
Ursprünglich dürfte es fast 20 Meter lang gewesen sein und diente mit seiner relativ niedrigen Bordwand als Frachter. Das Holz dazu, so ergaben Messungen, wurde 1264 am Moselabschnitt im Saarland geschlagen. Die einzige Strecke, die das für diese Zeit typische Flachbodenboot sicher bewältigt hat, ist deshalb laut Schulz "die Mosel runter und den Rhein aufwärts". Wein, Getreide, Felle oder Baumaterial dürfte der Kahn dabei transportiert haben.
Das Besondere an solchen Funden ist für Historiker, dass sie nun Details erfahren - etwa über Bauweise, Technik und das verwendete Material -, über die es keine alten Schriftquellen gibt. Einzig einige Kunst-Zeichnungen zeigten den Forschern bisher, wie ein Lastschiff im 13. Jahrhundert ausgesehen haben mag. Bei dem Wrack von Wörth aber fand sich als Kalfaterung ein Moos, das genauen Aufschluss darüber gibt, wo das Schiff gebaut wurde.
Mainberger arbeitet eng mit dem Unterwasserarchäologen Dietrich Hakelberg von der Uni Freiburg zusammen. Und dem gelang es 1991, das bislang erste Wrack eines mittelalterlichen Holzschiffs am Bodensee zu bergen - er hatte dort im Flachwasser vor Immenstaad nach Resten eines Pfahlbaudorfs gesucht.
Das Wrack von Immenstaad wurde schnell zum Studienobjekt für die Freunde antiker Schiffe. Es ließ sich berechnen, dass vermutlich bis zu 60 Tonnen Ladung damit transportiert werden konnten. Die Besonderheit gegenüber den Rheinschiffen: Dieses war mit Leinwerk kalfatert, mit dem Abfall der Textilproduktion also. Was sich am Bodensee, wo Leinen hergestellt wurde, sicherlich angeboten hat.
Hakelberg ist heute sicher, dass die Binnenschifffahrt zu jener Zeit das gesamte Wirtschaftssystem in Mitteleuropa in Gang hielt. Und auch in der Stein- oder Bronzezeit dürfte das Wasser ein unverzichtbarer Verkehrsweg gewesen sein. Umso merkwürdiger, dass bei den Pfahlbaudörfern im Südwesten nie ein Einbaum gefunden wurde. Hakelberg vermutet, dass die Bewohner lieber mit dünnen Rindenbooten zum Fischfang ausfuhren und ihre Fahrzeuge, waren sie verbraucht, ins Feuer warfen.
Trübe Seen in Brandenburg und ein totgesagter Forscher
Wer in Archiven über spektakuläre Tauchgänge und Funde in Deutschlands Binnengewässern wühlt, stößt am häufigsten auf die Aktivitäten am Bodenseeufer. Dagegen scheint etwa das Gebiet der neuen Bundesländer wie eine Art Entwicklungsland in dieser Disziplin.
Und doch gab es in der ehemaligen DDR einen der Pioniere deutscher Unterwasserarchäologie. Gerhard Kapitän arbeitete Anfang der fünfziger Jahre für die Akademie der Wissenschaften im Osten und begann dort mit Tauchgängen für die Forschung. Kapitän entwickelte sich zu einer Koryphäe. Und durfte zwecks wissenschaftlichem Austausch sogar in den Westen reisen.
Bis die Geschichte kurios wurde: Als Kapitän 1961 in Italien weilte, so erzählt man sich bei der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie, sei in Berlin die Mauer hochgezogen worden. Der Wissenschaftler fürchtete, sein Heimatland künftig nie mehr verlassen zu können, und blieb deshalb gleich, wo er war. Für sein Regime aber soll der Fall so peinlich gewesen sein, dass man ihn lieber gleich sterben ließ. Er sei bei einem Tauchgang ertrunken, habe die DDR-Führung fortan verbreiten lassen. Doch Kapitän war rege wie eh und je, was vor allem seine osteuropäischen Gesprächspartner künftig verwirrt haben soll. Er forschte hauptsächlich in Italien und lebt noch heute, weit über 80 Jahre alt, im warmen Sizilien.
Dabei gäbe es in seiner Heimat viel zu tun. Mehr als 3000 Seen umfasst allein Brandenburg, zu viel für die rund 25 Mitglieder des Vereins für Unterwasserarchäologie Berlin-Brandenburg (VfUBB). Die konzentrieren sich unter der Leitung ihres Vorsitzenden Veit Stürmer auf die Suche nach slawischen Brückenanlagen.
Diese Brücken oder verlängerten Stege bauten die Slawen, als sie etwa 1000 Jahre n. Chr. vor allem die Inseln in den Seen Ostdeutschlands besiedelten - das wohl aus Sicherheitsgründen. Nach Tauchgängen vor allem am Oberuckersee, vor der Insel Remus im Rheinsberger See (Neuruppin) oder im Haussee Barsdorf bei Fürstenberg sind sich die Archäologen des VfUBB noch immer nicht sicher: Waren die Brücken, deren Pfähle mittlerweile gefunden, vermessen und kartiert wurden, tatsächlich durchgängige Verbindungen zum Ufer, oder waren sie unterbrochen, um Angreifern den Zugang zur Insel zu erschweren? Das hätte bedeutet, Mann und Maus während der Transporte an Land zwischendurch auf Boote umzuladen.
Sicher ist für die Berliner nur eines: Sie müssen für jede Grabung ins Wasser. Denn anders als in Süddeutschland stieg der Pegel der Seen dort durchschnittlich um zwei Meter an: Was früher mal nah am Ufer stand, ist versunken.
Tauchen ist jedoch in Brandenburg kein Vergnügen. In den Seen ist das Wasser durch den jahrzehntelangen Eintrag von Düngemitteln extrem verschlammt und trüb. Manchmal sehen die Forscher die Hand vor Augen nicht und tasten sich nur mehr an Fundstücke heran.
Tauchlampen bringen bei der Trübnis so viel wie Fernlicht im Nebel. Also versuchen die VfUBBler, die Funde an der Wasseroberfläche zu markieren. Dazu nutzen die Archäologen ein Infrarot-Tachymeter, das mit GPS korrespondiert. Die so fixierten Punkte werden mit Bojen sichtbar gemacht. Nach und nach entsteht dann der Umriss der mittelalterlichen Bauten.
Ein langwieriges Verfahren, zumal die Gefolgschaft von Stürmer meist nur am Wochenende in die Fluten steigen kann. Denn ihren Lebensunterhalt müssen die Taucher anderswo verdienen. Bis zu dem Tag zumindest, an dem sie den ultimativen Schatz entdecken. Vielleicht hält sie ja diese minimale Chance sogar noch mehr bei der Stange als die reine Lehre. CONNY NEUMANN
* Dresdner Schulwandbild von Franz Jung-Ilsenheim (um 1935).
* Adolf Hitler bei einem Empfang in der Reichskanzlei.
Von Conny Neumann

SPIEGEL SPECIAL 3/2006
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