07.09.2006

Attas Truppe

Von Brinkbäumer, Klaus; Cziesche, Dominik; Mascolo, Georg; Meyer, Cordula; Ulrich, Andreas

Wie dachten die Todespiloten des 11. September? Wie funktionierte die Gruppe? Wer war der Drahtzieher? Resultate der Ermittlungen, Berichte von Aussteigern und zahlreiche Dokumente ermöglichen einen Blick ins Innenleben der Bande.

Es war nicht mehr viel Zeit zu verlieren, es wurde ernst. Es ging darum, wer dabei sein wollte und konnte, und es ging darum, wer zu schwach war und damit gefährlich. Es war Ende 1999.

Und ausgerechnet jetzt beschwerte sich der junge Deutsche Shahid, dieser Bekehrte, auf den Mohammed Atta immer so stolz gewesen war, dieser Muslim, darüber, dass sie immer dieselben Koranstellen durchnähmen. Außerdem, was wollten sie denn schon ausrichten gegen die übermächtigen USA? "Man kann etwas tun, es gibt Wege", sagte Atta, "die USA sind keine Allmacht."

Und überhaupt, sagte der damals 18jährige Deutsche dann, er sei jetzt schon in der zwölften Klasse und noch nie auf dem Kiez gewesen, und von Mädchen habe er noch immer keine Ahnung.

Mädchen?

Mädchen waren fast so schlimm wie Juden, Mädchen seien verboten, antwortete Atta, und ausgehen solle der junge Deutsche abends nicht mehr. Dafür, versprach Atta dem Zweifelnden, warteten im Paradies schließlich 70 Jungfrauen und 70 Häuser, und die 70 Jungfrauen würden ihm das Leben im Jenseits mit Honig versüßen.

"Ich mag keinen Honig", sagte der junge Deutsche.

Und das war eines dieser Signale, einer dieser Schlüsselmomente, die Mohammed Atta zur Auswahl dienten. Ich mag keinen Honig, das hieß für Atta, dass da einer nicht wirklich folgen wollte, nicht bis zum Letzten, nicht bis in den Tod.

Atta und seine Adjutanten Marwan al-Shehhi und Ramzi Binalshibh verlangten Klarheit: Muslim oder Ungläubiger, was sei der junge Deutsche denn nun? Aber in Wahrheit brauchten sie schon keine Antwort mehr; von nun an zogen sie sich zurück, von nun an gab es Geheimnisse und ein seltsames Schweigen, und wenn der Zweifler die Küche in der Marienstraße betrat, unterhielten die anderen sich von nun an auf Arabisch. Ende 1999 war Schluss für den jungen Deutschen, denn die Truppe testete die Tauglichkeit ihrer Soldaten, und wer nicht bestand, den verstieß sie.

Attas Armee zog in ihren Heiligen Krieg, und dafür brauchte der Kommandant Märtyrer und keine Memmen.

Der Wahn der Hamburger hat rund 3000 Menschen das Leben gekostet, darunter wahrscheinlich zehn Deutsche. Eine Frau starb im Krankenhaus; die Leichenteile von vier weiteren Opfern konnten nur mit Hilfe von DNA-Analysen identifiziert werden. Von fünf Deutschen fanden sich nicht einmal sterbliche Überreste: Ihre Familien bekamen für die Beisetzungen nur eine Urne mit Staub des World Trade Center.

In den folgenden Monaten sind über 600 deutsche Ermittler und Tausende Kollegen auf der ganzen Welt mit nichts anderem beschäftigt als mit der Aufklärung des größten und grausigsten Anschlags aller Zeiten.

Und so lässt sich genau rekonstruieren, wie es zum 11. September kommen konnte. Wie Atta seinen Terrortrupp führte. Wie die Mörder des 11. September dachten, planten, handelten.

Denn es gibt Zeugen, die Atta und seine Bande begleitet haben, lange Zeit und in nächster Nähe - und die ihr Schweigen brachen wie der junge Deutsche Shahid. Es gibt einen Film, der eine Rede Osama Bin Ladens zeigt und der auf Said Bahajis Festplatte gefunden wurde. "Wo auch immer ihr seid, der Tod wird euch einholen, auch wenn ihr in ragenden Türmen seid", droht Bin Laden da seinen Feinden.

Es gibt Briefe, E-Mails, Akten, und vor allem gibt es das Archiv der Islam AG, die Mohammed Atta an der Technischen Universität (TU) Hamburg-Harburg gegründet hatte, Berge von Zetteln und Tonbändern und Terror-Propaganda.

Das alles verrät eine Menge über die Mörder; und darum lässt sich heute begreifen, wie aus Hamburger Musterstudenten zunächst Radikale, dann Bin-Laden-Rekruten und am Ende Massenmörder wurden.

Einiges wussten die Fahnder bereits nach wenigen Tagen: Dass Atta und Marwan al-Shehhi die Piloten waren, die das World Trade Center zum Einsturz brachten, wurde ihnen schnell klar; dass Ziad Jarrah und sein Trupp jene Maschine gekapert hatten, die auf einer Wiese in Pennsylvania zerschellte, war gleichfalls schnell ermittelt. Und dass sich die Gruppe in Hamburg geformt und aufgeheizt hatte, ahnten sie nach ein paar Tagen.

Was dann begann, war die Suche nach dem Motiv, die Fahndung nach den Hintermännern, die Suche nach dem Drahtzieher des Massenmords.

Die These, der junge Ägypter Mohammed Atta und seine Kumpane seien gleichsam zur Ausbildung nach Deutschland geschickt worden, hatte sich bald erledigt. Nichts sprach mehr für die Schläfer-Theorie - den spektakulärsten Terroranschlag aller Zeiten haben ein paar Jungs begangen, die sich Stück für Stück in einen Hass gegen den Westen hineinsteigerten, als sie längst im Westen lebten.

Zunächst hatten sie noch fleißig studiert, ganz so, als wollten sie die Chance nutzen, Teil der für sie neuen, fremden Welt zu werden. Doch von Tag zu Tag wurden sie gefährlicher; sie wurden Feinde des Systems, in dem sie lebten und das sie benutzten. Sie haben sich nicht akklimatisiert in Deutschland, sie haben sich immunisiert.

Shehhi jonglierte besonders gekonnt zwischen seinen zwei Welten. Er lebte von einem Stipendium der Vereinigten Arabischen Emirate, 4000 Mark pro Monat und einmal jährlich 10 000 Mark; insgesamt waren es in fünf Jahren über 220 000 Mark, und dieses Geld war eine Art Fonds für die Todespiloten. Wenn Shehhi zur Botschaft nach Bonn musste, mietete er sich einen Mercedes. Und auch als er im August 1999 ein Konto bei der Dresdner Bank eröffnete, bediente er sich der Vorzüge des Kapitalismus: Mit Daueraufträgen und Abhebungen am Automaten ging er an die Grenzen seines Dispo-Kredits.

Aber er lief mit Turban herum und weigerte sich, Sachbearbeiterinnen die Hand zu geben. "Das verbietet meine Religion", sagte er.

Dass das alles in Hamburg geschah, war Zufall, sonst nichts. Es hätte auch anderswo in Deutschland und überall in Europa geschehen können. Es brauchte bloß einen Killer wie Mohammed Atta.

Der war der entscheidende Mann. Atta übernahm es, in der Hamburger Diaspora nach Gleichgesinnten zu suchen. Er formte die Gruppe. Er unterrichtete die anderen, er lebte vor, was er von den anderen verlangte, er war Vorbild und Führerfigur.

Und er beschloss, wer dazugehörte und wer draußen blieb. Eine Sekte waren die Mörder des 11. September, und Mohammed Atta war ihr Guru.

Mohammed Haydar Zammar, ein Deutsch-Syrer, der seit Ende 2001 in syrischer Haft sitzt, hatte Atta und seine Glaubensbrüder entdeckt und gefördert. Für Zammar war das nichts Ungewöhnliches, denn schon seit Jahren hatte er Rekruten den Weg in die Lager Bin Ladens gewiesen; "festes Schuhwerk und warme Kleidung nicht vergessen", riet er dem Nachwuchs.

Zammar, der selbst in Afghanistan und auf dem Balkan gekämpft haben soll, war ein Mann der ersten Qaida-Generation in Europa. Er begrüßte die jungen Wilden, die zweite Generation. Er stellte ihnen sein Netz zur Verfügung, er bereitete ihnen den Boden. Aber dann waren die Jungs groß, und Zammar wurde kaum noch benötigt, jedenfalls nicht als Kopf des Killertrupps. Atta brauchte keine Vaterfigur.

Anfang der neunziger Jahre beginnt das erste Kapitel der Geschichte des 11. September: Die jungen Männer kommen einer nach dem anderen nach Deutschland - gebildete, sogenannte wohlerzogene Typen, ins Ausland geschickt, um zu studieren. Sie finden zueinander, sie entdecken gemeinsame Wurzeln, sie beten, und ganz langsam werden sie radikal.

Atta, Binalshibh und Shehhi ziehen 1998 erstmals zusammen, in der Harburger Chaussee 115; wenig später mieten sie drei Zimmer, Küche, Bad in der Marienstraße 54. Am 9. Oktober 1999 heiratet Said Bahaji, und die Hamburger Islamisten-Prominenz erscheint vollzählig. Binalshibh spricht, und irgendjemand hält die Videokamera drauf; dieses Band ist einer der Schätze der Ermittler. Die Islamisten, ruft Binalshibh, müssten von den Juden befreit werden. Dann stimmen er und Shehhi Dschihad-Gesänge an.

Und im November des Jahres 1999 wollen die Jungs nicht mehr diskutieren, jetzt wollen sie kämpfen. Darum machen sie sich auf den Weg nach Afghanistan. Schnell erkennt die Qaida-Spitze, dass die jungen Männer besser ausgebildet und zielstrebiger sind als all die anderen Hitzköpfe, die sonst zur Terrorausbildung anreisten. Chalid Scheich Mohammed, der enge Vertraute Bin Ladens, ist davon überzeugt, mit ihnen den lange vorbereiteten Plot der Qaida-Spitze umsetzen zu können. Auch Osama Bin Laden interessiert sich für die Gäste und verspricht ihnen, sie könnten zu Märtyrern werden. Wie, das erfahren sie von Qaida-Militärchef Mohammed Atif. Sie seien auserkoren, eröffnet der ihnen, für eine "sehr geheime Mission" und müssten das Fliegen lernen.

Als Atta, Jarrah und Shehhi Anfang 2000 nach Hamburg zurückreisen, machen sie die Wilhelmstraße 30 in Hamburg-Harburg zum neuen Treffpunkt; nun wissen sie, dass ihr bisheriges Leben vorüber ist. Atta schreibt per E-Mail 31 Flugschulen in den USA an: "Wir sind eine kleine Gruppe junger Männer aus verschiedenen arabischen Ländern. Seit einiger Zeit leben wir zwecks Studium in Hamburg. Wir möchten gern mit der Ausbildung für Flugzeug-Berufspiloten beginnen." Und, vier Wochen später: "Es wäre auch hilfreich, etwas über die Dauer und die Flugzeugtypen, die beim Training eingesetzt werden, zu erfahren."

Nicht nur die drei Todespiloten Atta, Shehhi und Jarrah wollen an der Mission teilnehmen. Auch Zakariya Essabar und Ramzi Binalshibh versuchen es, aber sie kommen nicht durch, weil sie keine Visa erhalten.

Deshalb teilt sich die Gruppe. Drei reisen ab in die USA, die anderen bleiben an der Elbe. Dort verwischen sie Spuren und erzählen, dass Atta gerade promoviere, mal in Amerika, mal in Malaysia. Und von Hamburg aus schicken sie Geld für den Flugunterricht nach Amerika.

Es gab in den Monaten nach dem Anschlag einige Leute, die Einblick in das Netz des Terrors gegeben haben. Leute sind das, die ein paar Monate oder auch ein paar Jahre lang mitgelaufen sind, die mit Atta gebetet und gekocht haben und die dann, kurz vor dem grausigen Finale, ausgestiegen sind oder abgestoßen wurden, weil sie von Atta als nur bedingt zuverlässig eingestuft wurden - so wie der junge Deutsche Shahid, der seine Identität nie preisgeben mochte, weil er sich Monate später noch fürchtete. Was die Fahnder nach den Anschlägen erarbeitet haben, ergibt eine befremdliche Geschichte.

Eine Geschichte des Wahns.

Eine Geschichte der Perfektion.

Eine Geschichte, die durch ihre Schlichtheit besticht.

Es ist eine Geschichte, die jene Fragen beantwortet, die in den ersten Wochen nach dem 11. September 2001 noch keiner beantworten konnte: Wie konnte es zu den Anschlägen kommen? Welche Menschen denken sich so etwas aus? Wie wurden die Todespiloten so, wie sie am Ende waren?

Wenn es überhaupt für die deutschen Behörden eine Chance gab, die Anschläge vom 11. September zu verhindern, dann war die Chance dieser Zammar. Er war eine Art Statthalter Bin Ladens in Hamburg, und als Atta und seine Glaubensbrüder sich in ihren Hass hineinsteigerten, drängte Zammar sie: Kämpft, Allah verlangt es von euch.

"Wer hat die Atombombe erfunden? Die Amerikaner", rief Zammar. Und: "Wer sind die größten Terroristen? Die sogenannte zivilisierte Welt." Zammar, 195 Zentimeter groß und knapp drei Zentner schwer, stand in den Moscheen am Rand und trank Tee, und wer etwas brauchte, bat ihn um ein paar Minuten Gehör. Zammar war glaubwürdig für die anderen, weil er den Heiligen Krieg bereits hinter sich hatte, von dem die Jungen noch träumten.

Schon vor 1997 hatte der Verfassungsschutz Zammar, der als Kind aus dem syrischen Aleppo nach Hamburg gekommen war, unter Beobachtung genommen; türkische Behörden hatten den Tipp gegeben. Zammar, den seine Genossen "Bruder Haydar" nannten, war aufgefallen, weil er mehr als 40-mal über Istanbul und Ankara in diverse Kriegsgebiete gereist war. Zwar war Bin Ladens Qaida für die deutschen Staatsschützer damals kein großes Thema, aber diesen Zammar wollten sie sich dann doch genauer anschauen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bewies Sinn für Ironie und taufte die Aktion gegen den 140-Kilogramm-Mann "Operation Zartheit".

Darum wurde bereits 1999 sein Telefon abgehört, und von Zeit zu Zeit drückten sich auch Observationsteams vor den Hamburger Moscheen herum. Doch nach einigen Monaten endete die Operation; die Telefonüberwachung hatte nicht viel gebracht. Zammar blieb verdächtig, aber die Verfassungsschützer hatten Wichtigeres zu tun. Die Republik erregte sich über Rechtsradikale. Wer war da schon Bin Laden? Und wer waren erst Zammar und Atta?

Als die Türme in New York in Schutt und Asche lagen und Hunderte BKA-Beamte, das FBI und die CIA in Hamburg nach Spuren suchten, kam auch die Akte "Zartheit" wieder auf den Tisch. Ordentlich abgeheftet, fand sich darin die Abschrift eines abgehörten Telefonats, das einstmals nichts, nun aber vieles belegte.

Es ist der 17. Februar 1999. Es sind noch neun Monate, bis die Hamburger, vermittelt durch Zammar, sich auf den Weg nach Afghanistan machen werden. Bei Zammar klingelt das Telefon, der Hörer wird abgenommen, und bei den Verfassungsschützern springt ein Bandgerät an.

Wo denn Zammar sei, will der Anrufer wissen. Der sei nicht da, erfährt er, aber wenn es eilig sei, könne man ihn unter einer anderen Nummer erreichen: Hamburg, 76 75 18 30. Er sitze dort zusammen mit Mohammed, Ramzi und Said.

76 75 18 30, das ist die Telefonnummer der Wohnung in der Marienstraße 54 in Harburg - der Terror-WG. Mohammed ist Atta, Ramzi ist Binalshibh, Said ist Bahaji. In der Marienstraße hocken sie zusammen, und vielleicht ist es ja wieder einer dieser Tage, an denen Zammar drängt: Tut was!

Manchmal fuhren sie zum Grillen an den Bramfelder See in Hamburg. Sie hatten einen Fußball und den Koran im Gepäck, außerdem Decken und Mineralwasser, Gebäck und Gemüse, niemals Schweinefleisch, natürlich nicht. Mohammed Atta war lausig am Ball, aber dennoch mit dabei, und das Spiel wurde nur durch die Gebete unterbrochen. Spaziergänger guckten verwundert zu und auch ein wenig amüsiert.

Als es begann, war Marek, auch er ein junger Deutscher, gerade 14 Jahre alt. Den Kopf hatte er voll mit Mädchen, einerseits. Aber da türmten sich auch all die Regeln des Korans, andererseits.

Denn Mareks Mutter Christine hatte Ende 1996 in einem Imbiss auf der Reeperbahn einen Jordanier kennengelernt. Für sie war es nur eine Nacht, zunächst. Aber sie hatte ihm erzählt, dass sie gern ins "Pflaumenbaum" in Fuhlsbüttel ging, und dort stand er eines Abends vor ihr.

Im März 1997 war Hochzeit. "Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah", sagte sie. Und von da an erlebte Christine diesen schleichenden Verlust ihrer Freiheit, den sie zuließ, weil es ja durchaus bequem sein kann, einen Mann zu haben, der alles regelt und alles bestimmt. Erst betete sie mit, und dann trug sie Kopftuch, und irgendwann wurde sie eine Gefangene in der eigenen Wohnung - und beschimpft und geschlagen.

Schon bald hielt Mareks Mutter islamische Rituale ein, die sie nie wirklich begriff. Sie wusch sich fünfmal am Tag und betrat das Bad stets mit dem linken Fuß zuerst und murmelte ein arabisches Gebet dazu. Warum? Sie tat es einfach.

Es war Allahs Wille.

Christine konvertierte zusammen mit ihrer Tochter und den beiden jüngeren ihrer drei Söhne zum Islam. In den folgenden Jahren verwandelte sich ihre Wohnung in Hamburg-Steilshoop zu einer Art ständigen Vertretung für Hamburger Muslime. Und so kam es, dass ihr Sohn Marek, nun Muhammed gerufen, kurz darauf zum engen Kreis der radikalen Truppe gehörte.

Denn Atta, 1992 aus Kairo eingereist, Stadtplaner, Student an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, einer, der westliche Architektur hasste und alles, was der Westen in den Nahen Osten brachte, wurde Mareks Lehrer. Natürlich war Atta dabei, als Marek beschnitten wurde. Und wenn Marek ein Jahr nach dem Anschlag im ärmellosen T-Shirt in einem Café am Berliner Tor in Hamburg saß und bei Cola und vielen Zigaretten von damals erzählte, dann wirkte er noch immer ein bisschen ehrfürchtig.

"Der genoss unglaublichen Respekt", sagte Marek. "Der war ein Vorzeigemuslim", sagte seine Mutter, eine rothaarige Frau, die später wieder eine Halskette mit Kreuz trägt.

Atta nannte sich damals noch al-Amir, der Anführer.

Denn Atta schien ganz und gar für Allah zu leben; selbst bei den Busfahrten durch Harburg, bei denen er in der letzten Reihe saß, murmelte er Koranverse vor sich hin. Der junge Marek und sein Bruder Julian zogen sich Gewänder an, wie sie Strenggläubige tragen; ein Bart wuchs ihnen ja noch nicht. Und Atta war sehr stolz auf seine jungen Deutschen, zu denen noch ein dritter Konvertit gehörte. In Gruppen von 10, 15 Leuten trafen sich Attas Jünger in den Moscheen des Stadtteils St. Georg, und wenn Marek nicht funktionierte wie befohlen, griff die Kontrolle.

Einmal hatte er eine Freundin, natürlich heimlich, aber als die anderen spürten, dass er sich zurückzog, bohrten sie nach. Er habe wohl "Teufelsgedanken", schimpfte Atta. Und zu Hause tobte der Stiefvater. "Der hatte Sex, das riech ich doch", schrie er, als Marek mal später heimkam. Stundenlang redete der Alte auf ihn ein, so lange, bis Marek zum Telefonhörer griff und mit seiner Freundin Schluss machte.

Atta hingegen wurde selten laut; er zischte nur, scharf und schneidend. "Ungläubige waren für ihn das Böse schlechthin", erinnerte sich Marek.

Drei-, mitunter viermal pro Woche trafen sich Attas Leute zum Beten; am Samstag lernten sie in der Kuds-Moschee die korrekte Lektüre des Koran, und am Sonntagabend ab 18 Uhr stand Islam-Unterricht auf dem Stundenplan. Einer hielt ein Referat, Thema "Das Gebet" oder "Die Frau im Islam" oder "Fasten", und dann predigte Atta. Natürlich sei das alles wie bei einer Sekte gewesen, sagt einer, der früh dazugehörte: "Nach einer Weile hast du nur noch zu den Mitgliedern Kontakt, und du weißt nicht mehr, was du machen sollst, wenn du aussteigen willst."

Der Kreis zog sich zu.

Oft trafen sie sich auch zum Kochen bei Atta in der Marienstraße oder gleich nebenan bei Said Bahaji oder bei Mounir al-Motassadeq. Kochen konnte Atta ganz vorzüglich, am besten Reispfannen, in die sie gemeinsam ihr Dönerbrot dippten.

Essen, beten, diskutieren - Freunde eben, seltsame Freunde.

Im Anschluss an solche Mahle blieben die deutschen Jungs meist über Nacht in der WG. Atta hatte das schönste Zimmer, mit Schreibtisch, Bett, Aktenordnern und einem 386er Computer. Binalshibh und Shehhi hatten nur Matratzen, und ihre schmutzigen Klamotten warfen sie auf den Haufen in der Ecke. Die Terror-WG, sagte Marek später, "war eine Heimat für alle".

Und so saßen sie dann auf dem Fußboden und diskutierten die Verschwörung des Weltjudentums und die Konflikte in Bosnien, Afghanistan und im Kosovo.

Atta, so empfanden es Marek und die anderen Teilnehmer, war der Anführer. Sein Wort hatte Gewicht, und "seine Befehle", sagt ein anderer Teilnehmer, "wurden befolgt". Charismatisch war er, willensstark, gebildet und hochmoralisch, ein Denker eben, kein Gefühlsmensch. Westlich gekleidet war Atta, in grauen oder braunen Stoffhosen und einer blauen Cordjacke, über die Schulter einen schwarzen Lederrucksack gehängt; seine Hemden und Krawatten kaufte er bei C&A, und nur manchmal zog er den traditionellen Kaftan an, und hin und wieder trug er einen Ring mit einem religiösen Symbol.

Spanische Ermittler spekulieren sogar, dass der Terrorist Atta ein schwuler Terrorist gewesen sei. Seine Homosexualität habe ihn unter Druck gesetzt, weil er dem Bild, das sein Vater, ein Rechtsanwalt in Kairo, von ihm hatte, nicht entsprochen habe. So könne sein Wunsch entstanden sein, als Held des Islam zu sterben; so erkläre sich, dass er in seiner WG ausschließlich Männer und am liebsten sehr junge Männer empfing.

Jedenfalls war dieser Atta, schmächtig, unsportlich und beinahe kränklich, selten entspannt. Er schloss die Augen zu Schlitzen und presste die Lippen zusammen. Er weinte nicht, er lachte nicht.

Er war ein asketischer Terrorist.

Denn er hasste. Ein "nationalsozialistisches Weltbild" attestieren ihm Teilnehmer der Koran-Runden. "Die Juden", das waren für ihn die reichen Strippenzieher der Medien, der Finanzwelt, der Politik, und natürlich steckten auch hinter dem Einsatz der Amerikaner am Golf die Juden, hinter den Kriegen auf dem Balkan, in Tschetschenien, überall. Wer waren die Täter in Ägypten, die die Architektur, die Kultur, letztlich den gesamten Islam ausrotten wollten? Klar, die Juden. Und "das Zentrum des Weltjudentums", so sah es Atta, war New York. Atta wünschte sich einen Gottesstaat vom Nil bis zum Euphrat, frei von Juden, und sein Befreiungskrieg musste in New York beginnen.

Dafür brauchte es die richtige Überzeugung und natürlich die Bereitschaft zu sterben. Am 11. April 1996 verfasste Atta sein Testament. Frauen, befiehlt er da, "sollen weder bei der Beerdigung zugegen sein noch irgendwann später sich an meinem Grab einfinden"; seine Genitalien seien nur mit Handschuhen zu waschen. Wollte Atta nur vorsorgen? Oder wusste er schon fünfeinhalb Jahre vor den Anschlägen, dass er in den Opfertod gehen würde?

Ende 1998 verschwanden Shehhi und Binalshibh, und die Ermittler sind sicher, dass sie sich im Ausland mit anderen Extremisten trafen. Atta legte sich Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoff, Rohr- und Brandbomben zu und Fachliteratur wie "The Terrorists Handbook" und "The Anarchists Cookbook".

Und natürlich brauchte es einen tiefen Glauben. Im Januar 1999 gründete Mohammed Atta seine ganz private Kaderschule, und er taufte sie auf einen Namen, der nicht weiter auffiel: Islam AG.

Die dunkelbraune Holzbaracke mit den weißen Fensterrahmen lag am Nordrand des Campus, Schwarzenbergstraße 91, hinter hohen Bäumen, als wollte man hier einen Schandfleck verstecken, neben all den modernen Gebäuden aus Glas und auberginefarbenem Klinker. In dieser Baracke kamen die Studenteninitiativen der TU Hamburg-Harburg unter; Raum Nummer 10, rechte Seite, war gleich neben den Amateurfunkern. "Islam AG/Gebetsraum" stand damals auf dem grauweißen Türschild, und an der Tür klebte ein Foto aus Mekka.

Dahinter lag ein 14 Quadratmeter großer Raum; neben der Tür stand ein alter grauer Computer; links an der Wand standen Bücherregale. Die arabischen Schriftzeichen waren auf den Buchdeckeln golden eingraviert, ganz rechts der "Holy Qur'an". Hier saßen die Attentäter und ihre Helfer, hier waren sie unter sich, hier reifte ihr Plan.

Am 13. September 2001, gerade war bekannt geworden, dass die Todespiloten an der TU Hamburg-Harburg studiert hatten, rief Hendrich Quitmann, Asta-Vorsitzender der TU, beim Verfassungsschutz an. "Ich glaube, wir haben da was für Sie", sagte er. Noch zweimal, so Quitmann, habe er anrufen müssen, ehe Polizeibeamte erschienen.

Die Ermittler nahmen ein paar Notizblätter und den Computer mit, und wenige Tage später holten sie noch ein wenig mehr ab, aber einen echten Schatz ließen sie liegen: Kisten mit mehr als 100 Tonkassetten, eine islamische Bibliothek mit Lexika, Hetzschriften und Informationen über deutsche Moscheen und allerlei Werbematerial, sogar Adressenlisten, ein Notizbuch und Testamentsvordrucke. Es war eine ungewöhnliche Nachlässigkeit bei diesen ansonsten so akribischen Ermittlungen: Jeder Schnipsel kann ja eine Bedeutung haben in diesem Verfahren, jede Telefonnummer, jede E-Mail - und hier lag das Zeug in Stapeln herum. Und blieb liegen. Wochen später packten die Leute vom Asta die Sachen in Umzugskartons, und dann sperrten sie Mohammed Attas Bücher und Bänder in eine Abstellkammer. "Die Beamten hatten gesagt: Macht damit, was ihr wollt", berichtete ein Asta-Mitglied.

Schon 1996 hatte Atta die Idee mit der AG gehabt. 1998 schrieb Bahaji an die "Präsidial Verwaltung" der TU und bat um einen Raum - "nach dem Vorbild unserer Evangelischen Kommilitonen"; eine Islam AG an dieser Uni sei doch "ein Signal für Toleranz". Die Verwaltung aber wollte nicht, und so konnte Atta die Islam AG erst auf der Asta-Sitzung vom 27. Januar 1999 gründen; sieben Monate später machte er sein Diplom.

Auf der Studentenvollversammlung der Erstsemester stellte Bahaji die AG vor, wie sich Kommilitonen erinnern. Einer der neuen Studenten fragte: "Was macht ihr denn da? Fundamentalismus?" "Natürlich", antwortete Bahaji lächelnd, "aber kommt doch mal vorbei, wir bauen hier nicht nur Bomben."

Ein Jahr nach dem 11. September liegen die Reste der Islam AG immer noch in der Abstellkammer, in sechs Kartons von Obi und Panasonic, neben Kisten mit Orangensaft von der letzten Asta-Party.

Golden imprägnierte Koran-Übersetzungen waren darunter, auf Türkisch, Deutsch, Französisch und Albanisch. Eine Broschüre über den Islam in Polen, ein abgegriffenes Buch der Bahnverbindungen in Deutschland und die letzte Fahrkarte, ein Guten-Abend-Ticket von Dortmund nach Hamburg, Abfahrt 20:24 Uhr, 59 Mark, gültig für den 5. September, sechs Tage vor den Anschlägen.

Es gab hier "Romantische Flugbilder aus Deutschland" und einen Bildband über Barcelona. Touristisches Interesse? Oder terroristisches? Es gab zwei Gebetsteppiche und Unterlagen von Airbus: "5. 2. Airborne Auxiliary Power APU ATA 49". Gehörten die Jarrah, dem Flugzeugbauer? Es gab Unterlagen darüber, dass Atta schon 1996 ein professionelles Kassettenkopiergerät kaufen wollte, für 5000 Mark.

Vor allem aber gab es religiöse Bücher, und die ermöglichten Innenansichten auf die Schulung und die Fanatisierung dieser seltsamen Truppe, auf eine Welt voller Paranoia, auf eine schräge Mischung aus Verfolgungs- und Größenwahn, manchmal politisch, manchmal naiv. Aus Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan, Südafrika, Ägypten und von den Philippinen stammte Mohammed Attas Propagandastoff.

Einige dieser Schriften tragen Stempel der saudischen Botschaft in Deutschland, das Buch "Freimaurerei" zum Beispiel, in dem "wissenschaftlich" belegt wird, dass in die Dollar-Note "Buchstaben des Wortes Zion" eingraviert seien, was auf die "Einrichtung einer diktatorischen Herrschaft, einer Weltregierung nach dem Beispiel der Vereinten Nationen" abziele; die "zionistische" Freimaurerei wolle "Würde, Ehre, Aufrichtigkeit und Moral" ausrotten, und "generell trachtet sie nach der Zerstörung aller formellen Religionen, speziell des Islam".

Solche Werke konnten die Mitglieder der Islam AG und andere Interessierte ausleihen; am 20. April 2000 trug sich Mohammed Atta zum letzten Mal in die Liste ein. Viele der Bücher scheinen Binalshibh gehört zu haben, denn sie tragen seine Unterschrift oder eine an ihn gerichtete Widmung: Dem "ehrgeizigen jungen Mann" sei viel Erfolg zu wünschen, und es sei schön, dass Binalshibh mit den "Guten der muslimischen Jugend in der Diaspora" befreundet sei.

Und die Kassetten stammen aus Saudi-Arabien; es sind Freitagspredigten, Hetzgesänge und Berichte über Fatwas, und die Koranverse werden von Maschinengewehrsalven untermalt. Thema ist immer wieder der Kampf um Palästina. "Jeder freie Muslim gehört zum Dschihad", wütet der Prediger, "die Benutzung der Waffe ist die plausible Logik", denn "ich habe nichts anderes gefunden als das Fließen des Blutes als eine Garantie für den Frieden".

Ein anderes Band, ein anderer Text: Lob den Mudschahidin! "Gott töte die Juden und ihre Unterstützer, Gott reinige Jerusalem von ihnen, Gott lass ihre Frauen Witwen und ihre Kinder Waisen werden und mach sie zur Beute der Muslime", hetzt der Imam in seiner Freitagspredigt. Schlachtgesänge sind das, Aufputschmittel.

Mit dem Thema "Dschihad" haben sich die Mitglieder der Islam AG besonders eifrig beschäftigt. Ein Gelehrter namens Mohammed Nassir al-Din al-Albani beschwört die Pflicht zum Heiligen Krieg, zu einem Krieg, der unter Anleitung eines Sultans zu kämpfen sei, also strategisch, weil der Kampf Einzelner keine Früchte trage. Dieser Kampf der guten, der einzig wahren Menschen gegen die "Nachkommen der Affen und Schweine".

Studenten aus den Arbeitsgemeinschaften und Initiativen, die sich damals in den Nachbarzimmern trafen, der Arbeitskreis der ausländischen Studierenden etwa, beschreiben die Mitglieder der Islam AG als ziemlich schweigsam. Man traf sie lediglich, wenn sie in Flipflops über den Flur liefen und sich vor dem Gebet im Waschbecken die Füße reinigten. Ein harter Kern von etwa 5 Studenten habe sich längere Zeit im Gebetsraum aufgehalten, und insgesamt seien rund 20 Studenten Mitglieder der AG gewesen.

Für das korrekte Überleben im Alltag der Großstadt hielt Attas AG Kopiervorlagen bereit. Mit klaren Regeln und drastischen Anordnungen. Wer nicht oder nur unregelmäßig bete, war "ein Abgefallener vom Glauben und muss getötet werden". Noch einmal, ausdrücklich: Dies sei eine Fatwa. Wer das Gebet vernachlässige, den strafe Gott, 15-mal insgesamt, 6-mal zu Lebzeiten, 3-mal während des quälenden Todes, 3-mal im Grabe und 3-mal beim Jüngsten Gericht.

Das Fernsehen, natürlich von den Juden gemacht, gilt hier als "eine Tafel des Teufels", die den Menschen "in die Verdorbenheit" führen soll, und zwar durch "schamlose Lieder, verwerfliche Fernsehserien, abartige Filme".

Wie kam einer wie Said Bahaji damit zurecht, ein Deutsch-Marokkaner zwischen den Kulturen, aufgewachsen im Emsland, einer, der die Formel 1 liebte und die Rennen nicht sehen durfte, weil das Fernsehen ja ein Werkzeug des Satans war? Es war ganz einfach: Entweder man war für Atta oder gegen ihn. Bahaji war für ihn.

Genauso gefährlich war Musik. "Der Teufel und seine Soldaten von Juden und Christen" hätten "Unmengen von Sängern und Sängerinnen zur Verfügung gestellt", die mit Geld und Wein ausgestattet gegen den Islam Propaganda machten.

Und dann enthält diese Mappe die Anordnung, sich nicht an den "Feierlichkeiten der Ungläubigen" zu beteiligen. Muslime dürften zu solchen Festen keine Geschenke machen und nicht zusammen mit Ungläubigen essen, schon gar nicht zu Weihnachten oder Silvester: "Der Muslim muss an diesem Tag nichts Besonderes unternehmen, sondern ihn als einen normalen Tag wie alle anderen Tage betrachten, als ob die Christen nicht gefeiert hätten."

Es sind die Regeln einer Parallelwelt, mitten in Deutschland, und für die überwiegende Anzahl der Muslime haben sie keine Bedeutung. Es sind bizarre Regeln, manchmal unfassbar dumm.

Verboten: Augenbrauen zupfen. Grund: "Der Prophet verfluchte sowohl die Frau, die es vornimmt, wie die, die es vornehmen lässt." Verboten: Perücken. Grund: Siehe oben. Erlaubt: Haarefärben. Grund: "Juden und Christen färben ihr Haar nicht."

So zerfiel Attas Welt in "Halal" (erlaubt) und "Haram" (verboten). Haram waren beispielsweise die Herstellung, Veröffentlichung oder auch nur das Betrachten aufreizender Filmplakate. Und Lebensversicherungen waren meistens Haram und das Wort "Israel" natürlich immer - es hatte "Palästina" zu heißen.

Selbstbefriedigung war sowieso Haram. Meistens. Es gab jedoch auch Ausnahmen, für Männer, die es nicht mehr aushielten. Bei der Furcht, ohne Selbstbefriedigung Ehebruch zu begehen, war Onanieren durchaus Halal. Besser allerdings war es, erst einmal eine Weile zu fasten.

Ein Lesezeichen hat einer von Attas Soldaten an jener Stelle zurückgelassen, an der erlaubt wird, dass der Mann seine Zukünftige schon vor der Ehe sieht. Welche Art Sex gestattet war, steht hier auch: Es spielt keine Rolle, "ob der Ehemann auf seiner Frau oder auf ihrem Rücken ist, so lange es sich um Vaginalverkehr handelt".

In diesem Raum 10 lagen auch Listen mit Lebensmittelzusatzstoffen aus, damit jeder nachschlagen konnte, ob Kekse Gelatine enthalten oder Emulgatoren oder sonst irgendwas, was vom Schwein stammen könnte. Das Schwein, so steht es in einem der frommen Bücher, sei "von Natur aus faul" und fröne "dem Sex über die Maßen". Es ist zu befürchten, dass sich solches Fehlverhalten direkt auf den Konsumenten überträgt. "Folgst du dem Rat von Gott oder wartest du, bis du krank wirst?", fragt der Autor. Schweinefleisch übertrage Tuberkulose und enthalte ungesundes Fett, verursache Pickel, und die Chinesen, die viel Schwein konsumierten, hätten deshalb eine schlechtere Volksgesundheit.

Auf losen Zetteln sind handschriftlich Islamische Zentren von München über Riad bis Leicester vermerkt, dazu Treffen der Muslimischen Jugend, die auch Reisen nach Islamabad in Pakistan angeboten hat.

Und dann haben die Fahnder da noch ein dickes, weiß eingebundenes arabisches Buch mit Goldschrift auf dem Einband übersehen. Auf der ersten Seite wurde mit Bleistift der Name "Ziad" eingetragen, wie in einem Schulbuch. Der Titel: "Die weltweite Verschwörung". Verfasser ist jener als Märtyrer verehrte Abdullah Azzam, der 1989 in Pakistan Opfer eines Attentats wurde. Das Werk enthält Predigten, Lektionen und Vorträge zum Dschihad. Im Index wird auf Azzam-Zentren im pakistanischen Peschawar, in Malaysia und in Australien verwiesen. Azzam führt aus, der Dschihad müsse "um jeden Preis fortgesetzt werden".

Zwar gebe es den Militärdienst in jedem arabischen Staat, aber wichtiger sei die "Armee Gottes", in der jeder dienen soll. Dem Befehl Gottes müsse man eher folgen als dem eines Führers in einem Land.

"Der Dschihad hat Vorrang vor allen religiösen Handlungen, auch vor dem Gebet", schreibt Azzam. Und damit das klar ist: "Der Dschihad bedeutet die Tötung." Was lernte Jarrah, der bis zuletzt schwankte, ob er nicht doch auf den westlichen Weg abbiegen sollte, hier?

Er lernte dies: Mit einem "Zeugnis nach einem vierjährigen Studium kannst du eine Stelle mit 2000 Dirham bekommen. Hier gibt es ein Zeugnis, mit dem du das Paradies, das so groß wie Himmel und Erde ist, betreten kannst. Dort dienst du 20 Jahre und kannst ein bisschen Geld sparen und irgendeine Frau heiraten. Hier wirst du mit 72 Jungfrauen verheiratet werden. Dort kriegst du zwei Zimmer, hier bekommst du Paläste."

Die insgesamt drei Bücher Azzams waren wohl die wichtigsten Leitfäden der Islam AG. Denn hier steht: "Osama Bin Laden hat gesagt: Jedem Araber, der zum Dschihad kommen will, werde ich sein Ticket und seine Reise mit seiner Familie finanzieren." Es geht um den "jüdischen Polypen", und es geht um deutsche und französische Ärzte, die in Afghanistan den Frauen die Gebärmutter herausschneiden würden, "damit sie keine Kinder mehr kriegen können".

Was diese Propaganda bewirkte, liegt auf der Hand. Die Gruppe brauchte keinen Führungsoffizier, keine Drogen, keine Gehirnwäsche. Sie befeuerte sich selbst. Und alles, was der verqueren Wahrnehmung der Todespiloten entgegenstand, die Wirklichkeit also, wurde so zu einer Finte des Feindes. Gab es nicht auch nette Menschen im Westen? Ein Trick, alles ein Trick! Nach dieser Art Logik gab es gegen die Kälte des übermächtigen Westens irgendwann nur noch ein Mittel - und wer das eigene Überleben nicht mehr wichtig findet, der kann sogar den Westen treffen.

Die Gruppe schottete sich ab.

Shehhi sagte sich los von allem Luxus und trug Bart und afghanische Gewänder. Essabar verkaufte Fernseher und Videorecorder. Said Bahajis Schwester bat einen seiner Lehrer, mäßigend auf ihren Bruder einzuwirken, der sei so radikal geworden. Und auch Jarrah, der den Alkohol liebte und das Feiern, hatte nun entschieden, dass es eine Ehre sei, für Allah zu sterben. Er aß ab sofort mit den Fingern, und auch er ließ sich einen Bart wachsen.

Am Ende schreibt Azzam: "Wir sind bereit, Amerika zu bekämpfen, genauso wie wir Russland bekämpft haben. Wir werden eins der beiden Ziele erreichen, entweder den Märtyrertod oder den Sieg."

Dann folgt die Adresse: "P. O. Box 1395 Peschawar, Pakistan". Es ist möglich, dass Ziad Jarrah das Buch auf seiner Pakistan-Reise gekauft hat.

Der junge Deutsche Shahid traf Mitte August 2001 zum letzten Mal auf einen Offizier der Armee Attas. Ramzi Binalshibh lief ihm über den Weg, zwei Wochen bevor Binalshibh über Spanien untertauchte, vier Wochen vor den Anschlägen in den USA. Binalshibh hatte zugenommen und war westlich gekleidet, das weiße Hemd in einer grauen Stoffhose. Hektisch fuchtelte er mit zwei Mobiltelefonen herum, und sie gingen essen. Als er später merkte, dass er ein Handy im Imbiss "Hähnchenland Lades" am Steindamm liegen lassen hatte, rannte Binalshibh schwitzend zurück.

Ramzi Binalshibh war der zweite Mann hinter Atta, ein lustiger, lebensgieriger Mann, aber immer dann seltsam ernst, wenn der Chef in der Nähe war. Binalshibh, der aus dem Jemen kommt und sich viermal vergebens um ein US-Visum bemüht hatte ("Please send me the visa to this address: c/o Ahmed Al Shibh, P. O. Box 10784, Sana'a, Yemen quickly as you can"), konnte keiner der Piloten werden und wurde deshalb von der Qaida-Spitze auserwählt, Organisator und Kassenwart des Terrors zu sein. Am 25. September 2000 etwa zahlte er in Hamburg 9629 Mark ein, "von Privat zu Privat", und am nächsten Tag holte sich Shehhi in Sarasota, Florida, 4118,13 Dollar ab.

Gemeinsam mit Mohammed Haydar Zammar rekrutierte Binalshibh noch nach der Abreise der anderen neue Kämpfer für die afghanischen Camps; die letzten beiden gingen am 10. September 2001 auf die Reise an den Hindukusch.

Binalshibh, der inzwischen festgenommen und von den Amerikanern an einem unbekannten Ort weggesperrt worden ist, war beliebter als Atta, menschlicher, so empfanden es die anderen in der Gruppe; er war der ideale Mann, um Nachwuchs zu gewinnen, und darum hielt er Kontakte nach Berlin, München, Bonn und Frankfurt am Main und Vorträge in den Hamburger Moscheen.

Binalshibh war der Reisekader der Truppe; er war der Einzige, der illegal nach Deutschland gekommen war, und er blieb, weil er täuschend echt aussehende, allerdings gefälschte Immatrikulationsbescheinigungen der Hamburger Universität beim Ausländeramt vorlegen konnte.

Der dritte Mann war Marwan al-Shehhi, in Ras al-Cheima in den Verei-nigten Arabischen Emiraten geboren, Attas Diener und Hofnarr. Kurz vor Weihnachten 1999 kündigte Shehhi seinen E-Plus-Vertrag: "Grund für meine Kündigung ist, dass ich die Bundesrepublik verlassen werde. Ich bitte um Ihr Verständnis."

Im Frühjahr 2000, zurück aus Afghanistan und kurz vor der Abreise in die USA, machte er im Gespräch mit einer Bibliothekarin eine düstere Andeutung: "Es wird Tausende Tote geben, ihr werdet noch an mich denken." Auch das World Trade Center soll er erwähnt haben. Und er ließ dafür sorgen, dass die Hamburger Wohnungen besenrein übergeben wurden, dass keine Spuren blieben; sogar die Glühbirnen im Bad waren herausgedreht. Das alles übernahm sein Kumpel Motassadeq, vielleicht die Nummer vier der Truppe.

Und Said Bahaji, die Nummer fünf, war der Verwalter. Bahaji, ein Deutsch-Marokkaner, kannte sich aus in diesem Deutschland, das Atta immer fremd blieb. Bahaji kündigte Handy-Verträge für die anderen, wickelte die Mietverträge ab. Auf seiner Festplatte richtete er Dateien für die anderen ein: Atta erhielt den Ordner "EigeneDateien/Brüder/Amir/".

Und wenn Atta nicht da war, übernahm Bahaji auch die Erziehung der anderen. Auf keinen Fall dürften sie Cola trinken oder Marlboro-Zigaretten rauchen, mahnte er. Und einmal sagte er, es sei seine Pflicht, Ungläubige zum Glauben zu bewegen, notfalls mit Gewalt, notfalls durch Mord. Kein Sohn Gottes dürfe einen anderen Sohn Gottes umbringen, sagte einer der Zweifler in Attas Armee. Wer kein Muslim sei, sei auch kein Sohn Gottes, antwortete Bahaji.

Dass der junge Marek nicht auch Teil des Terrornetzes wurde, verdankt er seiner Mutter. Als es mehr und mehr Schläge setzte, als sie längst abhängig war von Opiaten, als sie floh und irgendwann mit ihren Kindern am Flughafen Fuhlsbüttel stand, um irgendwohin abzuhauen, begriff sie, dass sie auf einem Irrweg war. Und da trennte sie sich von ihrem Mann. Die Pfleger der Hamburger Uniklinik, die ihren Drogenentzug fünf Wochen lang überwachten, ließen den schreienden Ehemann nicht mehr zu ihr.

Es war zu Ende, und von einem Tag auf den anderen zog Mareks Mutter ihre zwei Söhne aus Attas Kreisen heraus.

Als die Familie nach dem 11. September 2001 vor dem Fernseher saß und die Fotos der Täter sah, sagte Marek nicht viel. Er sagte: "Glück gehabt".

KLAUS BRINKBÄUMER, DOMINIK CZIESCHE,

GEORG MASCOLO, CORDULA MEYER, ANDREAS ULRICH


SPIEGEL SPECIAL 6/2006
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