26.09.2006

INDIENEin Gott mit Brille

Padma Rao über Bernard Imhaslys Buch „Abschied von Gandhi?“
Die Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag: Bernard Imhasly, der Südasien-Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" - also mein Dauerrivale in der halsabschneiderischen Konkurrenz des Nachrichtengeschäfts - hatte ein Buch über Indien geschrieben, das zur Frankfurter Buchmesse erscheinen sollte. Als er mir auch noch bei einer von Neu-Delhis Balkonpartys einen Fahnenabzug seines Werks "Abschied von Gandhi?" in die Hand drückte, fragte ich mich heimlich, ob er die Kränkung der Konkurrentin vielleicht auf die Spitze treiben wollte. Verdächtigerweise sprach er nämlich nicht von einer Rezension. Er bitte einfach um die unabhängige Meinung einer indischen Leserin, die nicht zu seiner Familie gehört.
Sogar wir Inder können unser Land höchstens intuitiv verstehen - mit einem Gefühl, das wir ererbt haben. Gandhi aber, Indiens berühmtester und geheimnisvollster Mann, ist nicht einmal von den Ex-
perten ganz zu enträtseln. Seine gewaltlosen Proteste trugen entscheidend zur Beendigung der britischen Kolonialherrschaft bei - und doch vertraute er vollkommen dem heiligen Buch der Hindus, der Bhagavad-Gita, das den bewaffneten Kampf rechtfertigt, weil der Mensch dazu berufen sei. Er praktizierte religiöse Toleranz - aber sein Pazifismus ließ es zu, so der Vorwurf seiner hinduistischen Kritiker bis hin zu seinem Mörder, dass der Subkontinent in Indien und Pakistan zerteilt wurde. Wie durfte angesichts solcher Rätsel ein Schweizer Journalist, der nicht einmal wie die Briten über eine gewisse Vertrautheit mit Indien aus kolonialer Gemeinsamkeit verfügte, eine Buch über die brisante Frage riskieren, ob Gandhi (1869 bis 1948) im Indien von heute weiterlebt?
Als Kind war ich dem Mahatma zuerst im Gebetsraum meiner Großmutter begegnet, wo sein Bild einen Ehrenplatz direkt neben einer farbenprächtigen Vollversammlung der hinduistischen Götterwelt hatte. Er verblüffte mich, weil er unter all den Göttern der einzige war, der eine Brille trug. Irgendwie gehörte er, der elf Jahre vor meiner Geburt umgebracht worden war, ganz selbstverständlich zu meinem geistigen Erbe, auch wenn meine Generation, die in den sechziger und siebziger Jahren heranwuchs, die Nase voll davon hatte, dass man uns ständig mit ihm, mit Nehru und mit der ganzen Bagage der indischen Gründungsväter behelligte. Und das war kein Wunder.
Denn wir hassten sie für all die Dokumentarfilme, die wir über uns ergehen lassen mussten, und für all die patriotischen Unabhängigkeitslieder, die wir bei Schulveranstaltungen herunterleierten. Und dann betrog uns die "sozialistische Demokratie", für die sie angeblich verantwortlich waren, auch noch um Levi's-Jeans und andere heißbegehrte Produkte aus dem Westen, nach denen wir Teenager verrückt waren.
Als aus uns Jugendlichen aber Erwachsene geworden waren, begannen wir zu begreifen, dass der inzwischen entfesselte Wirtschaftsboom die Weisheit des Mahatma unter sich begraben hatte. Vielen aus meiner Generation war, wie auch mir, als selbstverständlicher Besitz erschienen, was wir Gandhi verdankten. Nun war die Enttäuschung groß und wurde immer größer.
Um uns herum wuchsen glitzernde Einkaufszentren und mit Schwarzgeld gebaute Wolkenkratzer. Politiker, von denen einige Gandhi noch gekannt hatten, füllten sich die Taschen mit Geldern aus schmutzigen Ölgeschäften. Jeder wollte den anderen bei der Bereicherung übertrumpfen. Obendrein war der Analphabetismus noch immer weit verbreitet. Kasten- und Bandenkriege tobten. Und total missachtet wurde ausgerechnet jener Bevölkerungsteil, den Gandhi und Indien in der Frühzeit der Republik am höchsten geschätzt hatten: Indiens Bauern.
Aus all diesen Gründen reagierte ich auf Imhaslys Bitte um ein Urteil spontan mit dem herablassenden Zynismus der Insiderin: Er tue besser daran, den Titel "Abschied von Gandhi?" mit einem Punkt zu versehen statt mit einem Fragezeichen. Bewaffnet mit einem roten Filzstift, machte ich mich daran, "Abschied von Gandhi?" vernichtend zu kritisieren.
Meine Verblüffung war vollkommen.
Es handelt sich um das beste, an Einsichten reichste Buch über Indien, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Es hat das Zeug, der Reisebuch-Klassiker zu werden, nach dem die Nachdenklichen unter den Touristen immer gesucht haben. Denn es zeigt ein völlig anderes Indien als das der Bollywood-Klischees und der Pseudoweisheiten jener Jet-Setter, die Imhasly treffend als "Fallschirm-Gandhianer" und "Lifestyle-Buddhisten" aufspießt.
Der Autor beansprucht in den neun Kapiteln des Buches nirgends, mehr zu sein als ein Journalist. Deshalb ist "Abschied von Gandhi?" vordergründig nur ein Expertenkommentar zu dem, was im Indien von heute vor sich geht. Doch nie weicht Imhasly vom selbstgesetzten Ziel ab, seine Beobachtungen "im Prisma der historischen Gestalt Gandhis" zu brechen, wie er im Vorwort sagt: "Es ist der Bericht über Reisen im heutigen Indien, für die ich Gandhi als Reiseführer gewählt habe."
Er konfrontiert jeden der vielen Gesprächspartner, die er interviewt, mit der Philosophie des großen Mannes - und bekommt eine verwirrende Fülle unterschiedlichster Antworten zu hören. In unprätentiösem, klarem Erzählton, der die Erinnerung an den schlichten Stil seines "Reiseführers" provoziert, beschwört er zwischendurch immer wieder Bilder indischer Landschaften herauf:
"Draußen zog eine grüne Landschaft an uns vorbei. Die Reisfelder standen unter Wasser, und überall waren die silbrigen Tupfer von Tümpeln zu sehen. Obwohl erst fünf Uhr früh, waren die Menschen bereits auf den Beinen - Bauern, die Dünger über ihren Acker verteilten oder mit Bündeln von Reissetzlingen unterwegs waren, junge Mädchen mit Eimern voll Kuhdung auf dem Kopf, den sie später zu Fladen als Brennmaterial breitklopfen würden ..."
Imhasly notiert diese Beobachtungen, während sein Zug im Nordosten des Landes Bihar durchquert, Indiens ärmsten, analphabetischsten, korruptesten und anarchischsten Bundesstaat. "Überall sah ich Männer mit einer Flasche Wasser neben sich im freien Feld kauern, gerade dabei, ihre Morgentoilette zu verrichten."
"Abschied von Gandhi?" erzählt eine bildersatte Odyssee, die weder romantisiert noch vereinfacht. Von Gandhis Heimatstaat Gujarat im Westen Indiens, dem mit Bedacht gewählten Ausgangspunkt, über das blutgetränkte Bihar - die Wirkungsstätte des Buddha - bis zum militarisierten, von Unruhen geschüttelten Bundesstaat Manipur. Dort verschafft der Autor sich Zugang zu einem Gefängniskrankenhaus. Er will sehen, wie es um die berühmteste Gefangene der Region steht: eine 28-jährige Menschenrechtlerin, deren unbeugsamer Hungerstreik seit fünf Jahren mit staatlicher Zwangsernährung beantwortet wird.
Manchmal führt Imhaslys Suche nach Spuren eines praktischen Fortlebens von Gandhi zu komischen Effekten: "Es dämmerte, und plötzlich gewahrte ich in einer Ecke einen Gipskopf, aus dessen Hals eine Eisenstange herausstach", schreibt er über eine Entdeckung beim Morgen-Yoga auf dem Balkon eines nach dem großen Mann benannten Hotels. "Es war wohl der Überrest einer Gandhi-Statue, die ... auf dem Balkon entsorgt worden war."
Dabei ist der kritische Blick des Autors keineswegs durch Nostalgie getrübt. Vielmehr erinnert er an die modernen Züge von Indiens geistigem Vater. So weist er darauf hin, Gandhi habe "die mediale Wirkung seiner Botschaften immer genau kalkuliert und mit einprägsamen Symbolen versehen: mit dem selbstgewebten Hüfttuch, dem Spinnrad, dem Fußmarsch, mit einer Hand voller Salz".
"Hätte Gandhi nicht sogar den Laptop statt des Spinnrads gewählt, wenn er heute gelebt hätte?"
Imhasly erzählt seine Geschichte entlang von Begegnungen mit einer denkbar breiten Auswahl von Menschen. Sie reicht von schießfreudigen Polizeichefs zu Frauen, die nichts als den Sari besitzen, den sie am Leib tragen; von technikbesoffenen Ministern zu temperamentvollen Ex-Bürokraten, die jetzt für die Rechte armer Bauern kämpfen; von Unterwelt-Paten zu Dokumentarfilmern; von der niedrigsten Hindu-Kaste zu den radikalsten Hindu-Chauvinisten. Sie alle konfrontiert er mit Gandhis gelebter Lehre von Selbstvertrauen, Gewaltlosigkeit und religiöser Toleranz. Und jeder von ihnen nimmt auf seine Weise dazu Stellung - gern zum Beispiel, indem er seinerseits ein entgegengesetztes Gandhi-Zitat anführt. Wie das Land, von dem erzählt wird, so wiederholt sich auch das Buch an keinem Punkt. Es gibt darin nicht eine einzige langweilige Stelle.
Die unterhaltsamste der geschilderten Begegnungen ist die mit dem Führer der Untergrundbewegung der Naxaliten. Der beantwortet jede Frage, indem er ein Lied anstimmt. "Der Barde der Naxaliten-Revolution, ein Poet und Schausteller, ein Bänkelsänger und beißender Pamphletist" - heiter und präzis, ganz ohne Herablassung, wird er beschrieben. Der Poet benutzt ein sehr indisches Accessoire:
"Ein Umhang, halb Schal, halb Schweißtuch, wechselte oft Platz und Funktion, je nachdem, ob er sang oder auf mich einredete, ob er stand oder saß oder herumlief. Einmal rieb er sich damit den Schweiß vom Hals, dann, als er ein Lied über den Ventilator sang, drehte er das Tuch zum Knäuel und schwang es über dem Kopf. Oder er wischte damit den Staub von den Röntgenbildern, als er mir die Kugel zeigen wollte, die in seinem Rücken festsaß."
Imhaslys Frage, ob die naxalitische Gewalt nicht Gandhis Ziel des sozialen Friedens widerspreche, beantwortet der Revolutionär mit einer Gegenfrage von Gandhischer Direktheit:
"Ist Hunger nicht Gewalt? Ist es nicht Gewalt, wenn allein in diesem Jahr in Andhra 270 Bauern und 245 Handweber (wegen steigender Preise des Rohmaterials auf dem freien Markt und so gut wie keinem Schutz vom Staat) Selbstmord begangen haben? Ich habe ein schönes Lied über Gandhi, der mit der Bhagavad-Gita unter dem Arm herumläuft und auf sie schwört. Doch was geschieht? Jeder tötet jeden!"
Weil ich den Autor darum beneide, dass er genau das Buch geschrieben hat, das ich gern selber verfasst hätte, habe ich gründlich nach Haaren in der Suppe gesucht. Aber nur ein einziges habe ich aufgespürt.
Imhasly schreibt, unter all seinen indischen Familienangehörigen und Freunden habe er nur "einen finden können, der mit einem Dalit (einem ,Unberührbaren') befreundet war".
Eine wichtige Anmerkung dazu hat er vergessen. Viele Angehörige der städtischen Eliten sind auch dann, wenn sie ursprünglich der hinduistischen Oberkaste der Brahmanen entstammen, mit so ultra-liberalen Altären aufgewachsen wie dem meiner Großmutter. Nie war davon irgendeine Religion, Hautfarbe oder Kaste ausgeschlossen. Deshalb habe ich schlicht keine Ahnung, ob unter den Tausenden meiner Freunde und Familienangehörigen, die über ganz Indien verstreut leben, Dalits sind oder nicht. Glücklicherweise interessiert mich das auch absolut nicht.
Imhaslys Reise endet im Arbeitszimmer von Indiens Staatspräsident Abdul Kalam: ein schmächtiger Mann in einem gigantischen Palast, der sich auf dem Rasen davor eine kleine Bambuszuflucht eingerichtet hat. Kalam ist der Vater von Indiens Atombombe, die dem Land Zutritt zu einem exklusiven Club eröffnete. Aber auch er glaubt an Gandhis zentrale Idee der Gewaltlosigkeit, die Indien vor fast 60 Jahren die Freiheit brachte.
Am Schluss zieht der Autor die Bilanz aus dem "Potpourri von Paradoxen", auf das er nicht nur in Gandhis Person und Biografie gestoßen ist: "Erdigkeit und Spiritualität, Einfachheit und Eleganz, Beharrlichkeit und Pragmatismus, Toleranz und Unerbittlichkeit, Dörflichkeit und Universalität. Es bleibt ein Rätsel, wie sich ein solches Spektrum menschlicher Verhaltensweisen in einer einzigen Person entfalten konnte.
Ein Land, gerade von der Größe und Vielfalt Indiens, hat es leichter, diese Bandbreite unterschiedlicher Eigenschaften weiterhin auszuleben. So sehr es sich von seinem politischen Ziehvater emanzipiert hat, so sehr ist es ein widerspruchsvolles Land geblieben, betörend, aufregend, und - zum Verzweifeln."
Sicher ist am Ende nur eines: das Fragezeichen im Buchtitel.
Die Inderin Padma Rao, 47, ist seit 1998 SPIEGEL-Korrespondentin in Neu-Delhi.
Bernard Imhasly
Abschied von Gandhi?
Eine Reise durch
das neue Indien
Herder Verlag, Freiburg; 256 Seiten; 22 Euro
* Mit den Großnichten Manu und Abha.
Von Padma Rao

SPIEGEL SPECIAL 7/2006
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