26.09.2006

BELLETRISTIKSEHNSUCHT NACH ERGRIFFENHEIT

Helmut Kraussers neuer Roman „Eros“ ist so intelligent wie verwinkelt konstruiert - er beschwört die Geschichte des Wunsches nach einem anderen Leben.
Nur in den Extremen steckt Wahrheit: Im Werk von Helmut Krausser, 42, sind es meistens die Seelenlagen am Rande des Wahns, die Unwahrscheinlichkeiten der Ereignisse, in denen die innersten Sehnsüchte und Träume, die sich im Alltag sonst diffus verlieren, ihren stärksten Ausdruck finden. Auch in Kraussers neuem Roman "Eros" geht es um eine bizarre Leidenschaft.
Alexander von Brücken, Spross einer Fabrikantendynastie, liebt die Arbeitertochter Sofie, seitdem er als Kind im Luftschutzkeller neben ihr lag. Diese will freilich nichts von ihm wissen. Als von Brücken dann nach dem Krieg merkt, dass auch der immense Reichtum, den er geerbt hat, sie nicht beeindruckt, will er mit der Macht dieses Geldes wenigstens ihr Leben kontrollieren, als "erotisches Surrogat", wie er dies selbst deutet. Er widmet Vermögen und Dasein ganz der fernen Geliebten und baut ein konspiratives Netz auf, um über alle Details ihres Lebens informiert zu sein und bei Gelegenheit helfend einzugreifen, immer von der - vergeblichen - Hoffnung getragen, sie am Ende doch noch für sich zu gewinnen. Sofie wird für ihn zu einer Obsession - "Wahnsinn" sagt er selbst dazu -, die sein gesamtes Leben auszehrt.
"Es wird mir partout nicht klar, warum Sie sie geliebt haben, was das Reizvolle an ihr war", wird er später gefragt. Er weiß darauf keine Antwort, und auch der Roman gibt sie nicht. Denn Krausser ist ein Feind psychologischer Konstruktionen. Obsessionen will er nicht verstehbar machen; von ihnen erzählen heißt sie vorzuzeigen, so dass man ihre Kraft bewundern und ihre Unerbittlichkeit fürchten kann. Begründungen aber würden sie auflösen. Gerade in ihrem Mangel an erklärbarem Sinn und in ihrer Fähigkeit, die Menschen trotzdem in äußerstes Leiden hineinzutreiben, liegt für Krausser die Großartigkeit der Obsessionen. Nicht umsonst hat er seinem Roman den hochtrabenden Titel "Eros" gegeben: Hinweis auf eine quasi mythologische Kraft, die höher sein soll als alle Vernunft.
An Sofie selbst prallt diese obsessive Leidenschaft allerdings ab. Die Einsamkeit, unter der sie leidet, wird von dem, was ihr geheimer Beschützer für sie tut, kaum berührt. Sie rutscht durch ein Leben ohne besondere Intentionen. Von einer Kindergärtnerin mutiert sie in den siebziger Jahren mehr zufällig zur Terroristin, bekämpft ihre Depressionen mit Alkohol und taucht schließlich mit neuem Namen in der DDR unter. Sofies Geschichte ist mit historisch wiedererkennbaren Daten dekoriert, was dem Roman eine Art dokumentarischen Hintergrundeffekt gibt. Über zeitgeschichtliches Kolorit kommt Kraussers Darstellung der siebziger Jahre hier jedoch kaum hinaus.
Das Ganze liest sich wie eine spannende und intelligent konstruierte Film-Story. Aber da ist noch die Rahmenhandlung, in die Krausser seine Geschichte hineingestellt hat, und die verleiht ihr eine spezifisch literarische Pointe. Alexander von Brücken erzählt hier als alter Mann kurz vor seinem Tode sein Leben, und zwar einem Schriftsteller, den er gekauft hat, damit er es aufschreibt. Die Unterhaltungen zwischen Erzähler und Schreiber machen schnell klar, worum es geht: Der Auftrag besteht nicht darin, eine Biografie zu liefern, sondern einen Roman, denn für von Brücken ist nicht das Festhalten der Fakten wichtig, sondern die nachträgliche Umgestaltung des eigenen Lebens in ein Kunstwerk: eine Art rückwirkender Korrektur des persönlichen Scheiterns durch seine Transformation in eine künstlerische Ordnung.
"Es ist seine Art, dem Ganzen eine Legitimation zu verleihen, nachträglich", so erklärt einer seiner Angestellten seinen Chef. Aber selbst das scheint zu misslingen, denn am Schluss des Buches erfährt der Leser, dass die Geschichte zwischen Alexander und Sofie zu einem guten Teil offenbar - oder doch nur vielleicht? - nicht stimmte, zumindest nicht so, wie sie erzählt wurde.
Mit dieser merkwürdigen Zerstörung ihrer Wirklichkeitsfiktion rückt Krausser seine Geschichte in ein melancholisches Licht: Sie ist nun nicht mehr die fiktive Geschichte eines Lebens, sondern nur noch die eines Wunsches, auf eine bestimmte Weise gelebt zu haben, die Geschichte der Sehnsucht nach dem Ergriffensein von etwas, das so stark ist, dass es nur noch fernab von der Vernünftigkeit dieser Welt Erfüllung finden kann: eben in der Literatur.
Ein starkes Buch, das seine Geschichte sicher und trickreich erzählt und sich zugleich zu dem immer Wirklichkeitsfernen und Bruchstückhaften dieses Erzählens bekennt, denn - so sagt es eine der Romanfiguren - "nur Fragmente bewahren sich eine Option auf Wahrheit". EBERHARD HÜBNER
Helmut Krausser
Eros
DuMont Verlag, Köln; 320 Seiten; 19,90 Euro
Von Eberhard Hübner

SPIEGEL SPECIAL 7/2006
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