26.09.2006

SACHBÜCHERWÄHLERISCHE DETAILTREUE

Reinhard Müller über Christoph Meyers Wehner-Biografie
Das Motto des Dresdner Festaktes zu Herbert Wehners 100. Geburtstag am 11. Juli lautete "Das ganze Leben zählt". Wo es ums Große und Ganze gehen sollte, konnte der Festredner und Vizekanzler Franz Müntefering aus der Biografie von "Onkel Herbert" manches ausblenden und ihn allenfalls als Architekten der Großen Koalition, 1966 - 1969, als Wegbereiter des "vorsorgenden Sozialstaats" und als Organisator der SPD preisen. Angesichts der schlichten Stakkato-Rede verwundert es nicht, dass Adornos zur Kleinmünze verkommenes Diktum, dass das Ganze das Unwahre sei, bei Müntefering genauso wenig auftaucht wie in der Wehner-Biografie von Christoph Meyer.
Als Geschäftsführer des Herbert-Wehner-Bildungswerks in Dresden, Vorstand der Herbert- und Greta-Wehner-Stiftung, engem Vertrauten und Herausgeber der Reden Greta Wehners wurde Meyer der exklusive Zugang zum Nachlass und zu Briefen Lotte Wehners gewährt. Dafür schreibt er dann auch über den Staats- und Fuhrmann der SPD, den andere als Zuchtmeister und Dompteur empfanden, aus einem "bestimmten Winkel", wie er sich etwas nebulös ausdrückt. Wir erfahren Details über den Dresdner Stadtbaurat Hans Erlwein, das Dresdner Mundwasser Odol und die "kleine Sensation", dass die Toiletten in Wehners Volksschule Waschbecken besaßen.
Auf vergleichbare Detailtreue verzichtet der Autor jedoch bei der Beschreibung von Wehners machtorientierter KPD-Karriere, die ihn aus Sachsen innerhalb weniger Jahre als "technischen Sekretär" des Politbüros in den inneren Zirkel der Stalin-treuen KPD-Spitze führte. Er passte sich dabei nicht nur allen Änderungen der "Parteilinie" an, sondern verfolgte als wachsamer Eiferer alle links- und rechtsoppositionellen "Abweichler" in der KPD.
Nach Moskau kam Wehner 1937 keineswegs naiv, wie Meyer glauben machen möchte - er war bereits in Paris über die Verhaftungen deutscher Emigranten in der Sowjetunion unterrichtet. Als Kandidat des Politbüros schloss er nicht nur Heinrich Blücher, den späteren Ehemann Hannah Arendts, sowie Günter Reimann, den Adressaten von Wehners autobiografischen "Notizen" (1946), als "Versöhnler" und "Trotzkisten" aus der KPD aus. Meyer übersieht, wie seine sozialdemokratischen Vorgänger, allzu geflissentlich, dass die Moskauer KPD-Führung an der politischen Stigmatisierung und Verfolgung von innerparteilichen Oppositionellen maßgeblich beteiligt war.
Für Meyer ging die Verfolgung deutscher Polit-Emigranten allein vom sowjetischen "Staatsschutz" aus, wie er Stalins Terrormaschine NKWD verharmlosend nennt. Im Abkürzungsverzeichnis figuriert der KGB dann gar als "Kommunistischer Geheimbund". Vollends unterschlagen werden zahlreiche "Fälle" (zum Beispiel Werner Hirsch, August Creutzburg, Gertrud Dittbender), an denen Wehner beteiligt war.
Die Wehnersche Selbstdarstellung, dass er sich in Moskau "ehrlich und anständig durchschlagen" wollte, gibt Meyer unbesehen wieder. Verschwiegen wird auch das Schicksal des jüdischen Schriftstellers Helmut Weiß, eines KPD-Mitglieds aus Wehners Heimatstadt Dresden. Als literarischer Scharfrichter forderte Wehner 1937 in einer Rezension die "entsprechende Instanz", also die sowjetische Geheimpolizei NKWD, dazu auf, sich mit dem Autor Weiß und obendrein mit den Redakteuren eines von diesem verfassten "schädlichen Buchs" zu beschäftigen. Dessen Ehefrau erkundigte sich nach der Verurteilung ihres Mannes zu zehn Jahren Gulag-Haft beim NKWD-Chef Jeschow nach dem Urheber dieser Rezension und stellte fest: "Ich halte ihn für einen Denunzianten."
Auch Wehners Exiljahre in Schweden sind ikonografisch eingeebnet. Obwohl er sich noch bis zum März 1945 um die Wiedereingliederung in die KPD bemühte, meint Meyer, Wehner habe seit 1941 (als Komintern-Emissär!) eine "unabhängige demokratische und sozialistische Arbeiterbewegung bzw. -partei" neu organisieren wollen.
Sein politischer Neueinstieg in Hamburg und die steile Karriere in der SPD, sein Aufstieg zum Bundestagsabgeordneten und Deutschlandpolitiker, stellvertretenden Parteivorsitzenden, Minister und Fraktionsvorsitzenden sowie seine Hilfsaktionen für DDR-Häftlinge werden immerhin auf breiter Quellengrundlage dargestellt. Allzu geglättet erscheinen aber auch dabei das persönliche Verhältnis zu Erich Honecker und Wehners Ausfälle gegen Willy Brandt.

Historiker Reinhard Müller, 62, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung und ist unter anderem mit dem Buch "Herbert Wehner - Moskau 1937" (Hamburger Edition) hervorgetreten.
Christoph Meyer
Herbert Wehner.
Biografie
dtv, München; 580 Seiten; 16 Euro
Von Reinhard Müller

SPIEGEL SPECIAL 7/2006
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