21.11.2006

ISLAMDer Islam und der Westen

Die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer über Toleranz und Religionsfreiheit unter den Muslimen, die Bedeutung der Kreuzzüge und des Kolonialismus für die heutigen Konflikte und die Fehler westlicher Kritiker im Umgang mit der islamischen Welt
Krämer, 53, ist Professorin an der Freien Universität Berlin. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die international renommierte Expertin ein Buch über die "Geschichte des Islam".
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Es ist etwas faul im Verhältnis zwischen islamischer und westlicher Welt: Misstrauen und Angst geben den Ton an, beide eher diffus, doch durchaus stark empfunden. Das Unbehagen macht sich maßgeblich am Thema Gewalt fest - Gewalt, die in der Vergangenheit ausgeübt wurde, Gewalt, die in der Gegenwart ausgeübt wird, und zwar auf völlig unterschiedlichen Ebenen: Ehrenmorde, Selbstmordanschläge, Kreuzzüge, Kolonialismus, die Taliban und Abu Ghureib, die Scharia, das Kopftuch, randalierende Jugendliche in französischen Vorstädten, Dschihad, Israel, Prophetenbeleidigung und Meinungsfreiheit - ein einziges Knäuel.
Europa, der Westen und die christliche Welt werden mehr oder weniger gleichgesetzt, ebenso der Nahe Osten, die islamische Welt und der Islam an sich. Theorie und Praxis, reine Lehre und weniger reine Praxis gehen munter durcheinander. Politische Konflikte erscheinen als kulturelle, kulturelle als religiöse.
Wie so oft, zählen Wahrnehmungen zumindest ebenso viel wie Tatsachen. Die allerdings sind kompliziert genug. War es früher möglich, "Islam" und "den Westen" klar voneinander zu unterscheiden, so ist dies nicht länger möglich. Die Grenze zwischen Innen und Außen wird zusehends verwischt. Millionen von Musliminnen und Muslimen leben im Westen, viele von ihnen als Bürger westlicher Gesellschaften; damit sind sie selbst Teil des Westens.
Der Westen wiederum wirkt auf vielerlei Weise in die islamische Welt hinein, nicht allein politisch und militärisch, sondern über die materielle Kultur, die Technologie, moderne Kommunikations- und Organisationsformen, denen sich niemand entziehen kann, der sich nicht vollkommen von seiner Umwelt isoliert. Die daraus resultierenden Konflikte sind ganz real.
Doch wer so stark die Vernunft als Erbe des Christentums und der Aufklärung für sich reklamiert, wie dies in Europa derzeit üblich ist, der sollte die Vernunft nicht über Bord werfen, wenn es um das Verhältnis zum Islam und den Muslimen geht.
Beginnen wir mit der Religion: Gerade in Deutschland hat es sich eingebürgert, von der christlich-jüdischen Tradition als Grundlage europäischer Identität und Kultur zu sprechen, so unklar und umstritten diese im Einzelnen sein mögen. Der Islam kommt in dieser Traditionslinie nicht vor. Allenfalls verweisen die Gebildeten auf das islamische Spanien, in dem die griechischen Klassiker von muslimischen und jüdischen Gelehrten übersetzt und an das christliche Abendland weitergegeben wurden. Das sichert ihnen einen bescheidenen Platz im kulturellen Erbe Europas (wenn auch in der Regel als bloße Zwischenträger, nicht als Denker eigenen Ranges); aus religiöser Sicht ist es eher unerheblich.
Mohammed galt den Christen lange genug als falscher Prophet, und noch heute dürfte es nur wenige Christen geben, die in ihm tatsächlich einen Propheten erkennen. Sehr anders die islamische Sicht auf Judentum und Christentum: Der Islam stellt sich ganz ausdrücklich in die monotheistische Tradition, die sie verkörpern. Er knüpft an sie an, er reiht sich ein - aber er stellt sich zugleich an ihre Spitze: Wie aus christlicher Sicht der Neue Bund den Alten Bund ablöst, so schließt aus muslimischer Sicht die islamische Offenbarung die Kette der Offenbarungen ab. Tora und Evangelien haben ihren Wert, der Koran aber enthält die ewig gültige Botschaft. Mose ist Prophet, Jesus ist Prophet, Mohammed aber ist das "Siegel der Propheten".
Bei der Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, die an Schärfe jener zwischen Juden und Nichtjuden oder Christen und Heiden nicht nachsteht, nehmen die Juden und Christen eine nicht ganz eindeutig definierte Position ein. Werden sie im Koran an manchen Stellen als Gläubige angesprochen, so fallen sie an anderer Stelle unter die große Schar der Ungläubigen, die mit aller Kraft zu bekämpfen sind.
Theologisch ist die Sache nicht einfach, weil der Koran und die islamischen Theologen in der Lehre von der Gottessohnschaft Christi die Gefahr des Polytheismus sehen, demzufolge die Christen eben nicht ausschließlich den einen Gott verehren. An diesem wie an so vielen Punkten wird deutlich, wie sehr der Koran, den die Muslime als unmittelbares, in seinem Wortlaut unantastbares Gotteswort verstehen, der Auslegung bedarf und immer bedurft hat.
Das deckt sich nicht mit der Überzeugung derer, die "fundamentalistisch" an die Eindeutigkeit der Schrift glauben, die es ohne Wenn und Aber, und ohne ein Jota zu verändern, zu befolgen gelte. Es ist nichtsdestoweniger wahr und von denkenden Muslimen auch immer anerkannt worden.
In der praktischen Umsetzung war die Sache einfacher. Als Empfänger einer Offenbarungsschrift, die wie die Muslime an den einen Gott glauben (selbst wenn sie diesen Glauben aus islamischer Sicht verwässern), standen Juden und Christen unter dem Schutz der muslimischen Obrigkeit - daher die Bezeichnung "Dhimmi", "Schutzbefohlener", für die unter islamischer Herrschaft lebenden Juden und Christen, die sie ausdrücklich aus dem Kreis der zu bekämpfenden Ungläubigen ausnahm. Das sicherte ihnen gegen die Zahlung von Sonderabgaben einklagbare Rechte auf Autonomie und Schutz vor physischer Gewalt.
Im Zuge der islamischen Eroberungen in Süd- und Südostasien wurden aus pragmatischen Überlegungen heraus selbst Hindus und Buddhisten unter Schutz gestellt, die sich religiös gesehen eindeutig nicht als Monotheisten qualifizierten. Auch die Muslime wussten sehr wohl zwischen religiöser und politischer Logik zu unterscheiden. Toleranz wurde somit weithin geübt: Die islamischen Eroberungen dienten der Ausdehnung islamischer Herrschaft.
Wie jede Eroberung waren sie mit Gewalt oder zumindest der Androhung von Gewalt verbunden - ein Faktum, das viele Muslime heute nicht anerkennen mögen, die allzu unbedarft islamische Eroberungen als eine Art "mission civilisatrice" porträtieren, wie sie später die Kolonialmächte für sich in Anspruch nahmen. Aber sie waren in aller Regel nicht mit Zwangsbekehrungen verbunden, die der Koran nach vorherrschender Meinung ausdrücklich verbietet (Sure 2, Vers 256: "Kein Zwang in der Religion").
Toleranz bedeutete unter diesen Vorzeichen Duldung, nicht die Anerkennung von Andersgläubigen als religiös gleichwertig und rechtlich gleichgestellt. Aber das war bis ins 19. Jahrhundert hinein auch in Europa geltende Anschauung. Dass religiöse Minderheiten rechtliche Gleichheit genießen sollen, ist ein neuer Gedanke; gerade Europa hat sich schwer genug damit getan, ihn in die Wirklichkeit umzusetzen.
Was Toleranz im Sinne der Duldung angeht, sieht die historische Bilanz der islamischen Welt eindeutig besser aus als die der christlichen, selbst wenn kein Anlass besteht, die Verhältnisse zu idealisieren. Die Renaissance war eine Zeit hoher kultureller Kreativität, aber sie war kein Zeitalter der Harmonie. Das gilt nicht anders für das islamische Spanien, das in nostalgischer Rückschau gern als "goldenes Zeitalter" muslimisch-christlich-jüdischen Zusammenlebens verklärt wird.
Auch unter islamischer Herrschaft gab es Verfolgungen von Andersgläubigen bis hin zu Zwangsbekehrungen und Judenpogromen. Aber sie waren die Ausnahme, nicht die religiös sanktionierte Regel. Der Vergleich mit Europa - sei es im christlich geprägten Mittelalter, sei es im Zeitalter der Reformation, sei es in der Ära des Totalitarismus, der bekanntlich nach der Aufklärung stattfand - fällt eindeutig zugunsten "des Islam" aus.
Anders die gegenwärtige Lage. Mit wenigen, vielbeachteten Ausnahmen wird in den islamisch geprägten Gesellschaften Toleranz nach wie vor gewährt. Aber heute genügt das Prinzip der Duldung nicht mehr, heute wird - vor allem, aber doch nicht nur vom Westen - die rechtliche Gleichstellung religiöser Minderheiten verlangt und, damit verknüpft, die Achtung der Religionsfreiheit.
In der Mehrzahl der islamisch geprägten Staaten sind die auf den Koran zurückgeführten religiös-rechtlichen Kategorien nach wie vor gültig; dementsprechend werden Nichtmuslimen auf bestimmten Feldern gleiche Rechte verweigert: Sie können ihre Kirchen, Klöster, Synagogen oder Tempel nur unter Schwierigkeiten erhalten und erneuern, sie dürfen nicht missionieren, und sie werden nicht selten von bestimmten Ämtern und Funktionen ausgeschlossen.
Das gilt nicht nur dort, wo, wie etwa in Saudi-Arabien, die Scharia als Grundlage von Recht und Verfassung dient und Nichtmuslimen sogar die Ausübung des eigenen Kultus nach Kräften erschwert wird, sondern auch in einem Land wie der Türkei, die sich selbst als laizistisch versteht. Hier schlägt sich die verhängnisvolle Gleichsetzung von Türke und (sunnitischer) Muslim nieder, eine Form der Politisierung von Religion, die außerhalb der Türkei die meisten Muslime ablehnen.
Erklärte Atheisten und Agnostiker haben es generell schwer, ihre Überzeugung öffentlich zu vertreten. Der Übertritt eines Muslim zu einer anderen Religionsgemeinschaft (Apostasie) wird in vielen Ländern von Staats wegen geahndet. Zwar droht Konvertiten nur in wenigen Ländern die Todesstrafe, doch sind die zivilrechtlichen Sanktionen gravierend genug.
Religiöse Gemeinschaften wie die Aleviten, die seit Jahrhunderten einen Sonderweg gehen, oder die Ahmadiyya-Bewegung und die Bahaï, die sich im 19. Jahr-
hundert aus der islamischen Gemeinschaft lösten, werden in den meisten islamisch geprägten Gesellschaften diskriminiert, wenn nicht verfolgt. Auch das belastet das Verhältnis zwischen islamischer und westlicher Welt, zumal seitdem letztere die Religionsfreiheit zu einem zentralen Kennzeichen der aufgeklärten Moderne erhoben hat.
Tatsächlich fehlt der muslimischen Welt eine Aufklärung, die für sich genommen - man kann es nicht oft genug sagen - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte nicht garantieren kann. Das hat das europäische Beispiel deutlich genug gezeigt. Aber sie ist Voraussetzung für eine distanziertere Haltung gegenüber dem Überlegenheitsanspruch der eigenen Religion (nicht ihrem Wahrheitsanspruch - den macht auch die christliche Kirche geltend) und auch gegenüber der eigenen Geschichte, der die meisten Muslime ganz unkritisch gegenüberstehen. Doch muss Aufklärung von innen kommen, und sie muss sich nach den eigenen Gegebenheiten richten.
Nur nebenbei sei angemerkt, dass eine Reformation im Sinne Luthers nicht das Anliegen muslimischer Reformer sein kann, da der Islam keine Amtskirche kennt, die als Institution Anspruch auf Lehrautorität besitzt und, was Luther so besonders störte, einen Ablass der Sünden anbietet. Im Islam gibt es keine Sakramente und keinen ordinierten Klerus; "Laien" sind nicht von der Schriftlesung ausgeschlossen. Nachdem über lange Zeit jede Übersetzung des Koran aus dem Arabischen tabuisiert war, hat sich mittlerweile die Haltung gelockert, so dass Musliminnen und Muslime nun auch Übersetzungen nutzen können (vorsichtig als "Annäherung an den Koran" deklariert), selbst wenn im Gottesdienst und an anderer Stelle nur der arabische Originaltext rezitiert werden darf.
Am ehesten könnte eine Reformation noch auf Iran passen, wo seit der Islamischen Revolution von 1979 ein schiitischer Klerus Anspruch auf die politische Führung erhebt - ein Anspruch, der ihm selbst aus schiitischen Reihen streitig gemacht wird und den die sunnitische Mehrheit in der islamischen Welt ohnehin als islamwidrig ablehnt, für die es im Islam keine klerikale Herrschaft geben kann und darf.
Die ständige Forderung an die Muslime, sie müssten sich sofort auf den Marsch durch Reformation und Aufklärung machen, um überhaupt an der Moderne teilhaben zu können, ist sinnlos und kontraproduktiv. Kontraproduktiv sind auch Provokationen wie etwa die bewusste Beleidigung des Propheten, die eben mehr ist als seine bildliche Wiedergabe, für die es in der islamischen Kunst sehr wohl Beispiele gibt.
Man kann das Grundrecht der Meinungsfreiheit, der künstlerischen und der wissenschaftlichen Freiheit wahren und verteidigen, ohne sich auf diesen sensiblen Punkt zu versteifen. Das ist nicht Kapitulation vor hetzerischen Gewalttätern, sondern Rücksichtnahme auf die religiösen Empfindungen von Musliminnen und Muslimen, die durch die Beleidigung des Propheten gerade nicht dazu angeregt werden, sich kritisch und aufgeklärt mit ihrem Islamverständnis auseinanderzusetzen. Das Gegenteil ist der Fall.
Sinnvoll ist eine Unterstützung reformerischer Kräfte, die sich an deren Bedürfnissen orientiert und sie nicht vorschnell als Bannerträger einer westlichen Moderne vereinnahmt oder gar als politische Partner des Westens - das kann sie in ihrer eigenen Gesellschaft nur diskreditieren.
Nicht umsonst treten gerade reformerische und liberale Kräfte häufig als dezidierte Kritiker amerikanischer, israelischer und auch europäischer Politik auf. Die aktuelle Wertung des Islam als Symbol kultureller Identität und Authentizität ist nun einmal aufs engste mit dem machtpolitischen Gefälle zwischen islamischer und westlicher Welt verknüpft. Womit wir bei diesem Thema angelangt wären.
Auch hier hilft wieder ein Blick in die Geschichte. Die Auseinandersetzung des Islam mit dem Westen steht heute so im Vordergrund, dass man meinen könnte, dies sei schon immer so gewesen. Dem ist aber nicht so. Europa war für die islamische Welt bis in die Neuzeit hinein nicht der wichtigste Bezugspunkt. Der Islam hat sich bekanntlich im Vorderen Orient herausgebildet, in der steten Auseinandersetzung mit Juden, Christen und Zoroastriern. Aber die repräsentierten nicht Europa oder den Westen.
Kaum ein Aspekt islamischer Religion, Kunst und Kultur ist ohne diese Begegnung, ohne diesen Austausch denkbar: Das gilt für die Koranexegese, für Theologie, Recht, Mystik, Literatur, Musik, Architektur und politische Theorie. Heutigen Muslimen mag es schwerfallen, die islamische Kultur als Ergebnis vielfältiger Interaktionen zu begreifen, wo gerade die Islamisten doch eine Art Reinheitsgebot vertreten, demzufolge der wahre Islam sich ganz allein aus dem Koran und der vorbildlichen Praxis des Propheten, der Sunna, heraus entwickelt habe.
Es wäre eine Aufgabe aktueller Kulturpolitik, diese Begegnungen, ja Verflechtungen allen Beteiligten erneut deutlich zu machen - ohne sie zu idealisieren: Häufig genug waren sie Teil religiöser und politischer Konflikte. Religionsgespräche waren Wettbewerbe, in denen man siegen und den Gegner widerlegen wollte. Elemente materieller Kultur wanderten nicht selten als Ergebnis militärischer Feldzüge in die eine oder andere Richtung. Meisterwerke der Architektur verdankten sich oft genug der Leistung verschleppter Handwerker und Baumeister. Und doch wirkten sie befruchtend in alle Richtungen.
Das christliche Byzanz und Europa waren hier Orte unter anderen. Iran und Zentralasien spielten über Jahrhunderte eine entscheidende Rolle, auf gewissen Feldern auch Indien. Für das Bagdader Kalifat waren Sizilien und die Iberische Halbinsel weit weg, Wilder Westen sozusagen. Als Erinnerungsort und Symbol dafür, wie es einmal war und wie es hätte bleiben können, spielt al-Andalus, das islamische Spanien, in Europa sicher eine größere Rolle als in der islamischen Welt.
Und die Kreuzzüge, von denen heute so viel die Rede ist? In ihrer Zeit waren sie für Europa bedeutsamer als für die islamische Welt, sieht man von den unmittelbar Betroffenen im Raum zwischen Südanatolien, Syrien und Ägypten einmal ab. Dort machten muslimische Fürsten und Gelehrte gegen die Kreuzfahrer im Namen des Dschihad, des Heiligen Krieges, mobil, der hier primär defensiven Charakter hatte.
Aber der Kalif in Bagdad war nicht beteiligt; er blickte nach Osten, nach Iran und Transoxanien. Die Kreuzzüge erschütterten die islamische Welt nicht. Das blieb dem Mongolensturm des 13. und 14. Jahrhunderts vorbehalten, Dschingis Khan und Timur Leng, die die islamische Welt zwischen Samarkand, Bagdad und Damaskus aus den Fugen hoben (wenn der Maghreb auch unberührt blieb).
Ganz anders der europäische Kolonialismus, der vom 18. Jahrhundert an die islamische Welt erfasste, Indien unterwarf, das heutige Indonesien und im 19. Jahrhundert auch die arabische Peripherie des Osmanischen Reiches. Die Wirkungen waren umfassend, tiefgreifend, traumatisch, und sie sind bis heute lebendig. Für die arabische Welt und Iran, das übersieht man allzu leicht, ist die Kolonialzeit jüngste Geschichte: Die größte Ausbreitung erfuhr der europäische Kolonialismus nach dem Ersten Weltkrieg, als er auf dem Boden des untergegangenen Osmanischen Reiches Protektorate und Mandate errichtete.
Deutschland war bekanntlich keine Kolonialmacht in der islamischen Welt, wohl aber Frankreich im Maghreb, in Syrien und im Libanon, Großbritannien in Ägypten, Palästina, dem Irak, Indien und Malaysia, Italien in Libyen, Spanien in Marokko und Mauretanien und die Niederlande in Indonesien.
Ihre Unabhängigkeit erkämpfte nach Kriegsende nur die Türkei. Iran stand faktisch unter fremder Kontrolle. Die Entkolonisierung setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein; Indien wurde 1947 unabhängig, Algerien 1962, die ehemaligen Trucial States am Persischen Golf nochmals ein Jahrzehnt später. In zeitlicher Hinsicht liegt die Kolonialzeit den ehemals Kolonisierten näher als den Deutschen das Dritte Reich oder gar das wilhelminische Preußen, auch wenn sie für eine Mehrheit der Bevölkerung nicht länger selbst erlebte Vergangenheit ist.
Die Wirkungen des Kolonialismus in die Gegenwart sind widersprüchlich. Sie unterfüttern die Wahrnehmung westlicher Politik und Einflussnahme, gerade wenn es um Israel und den Schutz einheimischer Minderheiten geht, der traditionell von den europäischen Mächten beansprucht wurde.
Aber sie sind zugleich der Boden für enge Verbindungen, die Migrationsströme bestimmen, politische und strategische Kooperation stärken und kulturelle Kontakte prägen; Großbritannien, Frankreich und die Niederlande sind das deutlichste Beispiel.
Die islamische und die westliche Welt sind heute enger miteinander verbunden denn je; sie haben sich regelrecht ineinander verhakt. Die Nähe schafft Gemeinsamkeiten, aber auch Reibungsflächen. Über Gott wird der Christ nicht mit dem Hindu streiten, wohl aber mit dem Muslim. Und doch können Muslime, Christen und Juden auf einen gemeinsamen Fundus und Rahmen bauen. Das erleichtert prinzipiell auch die Wertedebatte.
Die Idee der Menschenrechte ist unbestreitbar zwar zuerst im christlich geprägten Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika entwickelt worden. Aber sie gelten als universell; sie lassen sich nicht ausschließlich aus der jüdisch-christlichen Tradition ableiten; der Westen hat auf sie kein Monopol. Gleichheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde, die Bewahrung der Umwelt und die Überwindung von Armut und Gewalt stellen sich als gemeinsame Aufgaben.
So modisch es geworden ist, den interreligiösen, ja selbst den interkulturellen Dialog zu belächeln und für irrelevant zu erklären, so hat er doch Sinn - wenn man weiß, was man mit ihm erreichen will. Er schärft den Blick auf den anderen und ebenso den Blick auf sich selbst. Er hilft, den Unterschied zwischen Islam, Islamismus und islamisch begründeter Gewalt zu erkennen und endlich vielleicht auch zu verinnerlichen. In diesem Sinn trägt er im besten Fall auch zur Bekämpfung des islamistischen Terrorismus bei. Die nukleare Aufrüstung im Mittleren Osten verhindern, den Migrationsdruck mildern und den Nahostkonflikt lösen kann er nicht. Aber bei ihnen geht es vorrangig auch nicht um die Religion.
* Gemälde von Charles Langlois, 1836.

SPIEGEL SPECIAL 9/2006
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