24.04.2007

BERUFSSTARTGute Fächer, schlechte Fächer

Der deutschen Wirtschaft fehlt der Nachwuchs - vor allem in den technischen Fächern. Doch zu viele Abiturienten studieren am Arbeitsmarkt vorbei. Der „Studentenspiegel“, eine Umfrage unter 25 000 Hochschulabsolventen, offenbart die Studienfächer mit den besten Jobaussichten.
Björn Dankel hat schon als Kind gern Autos gebaut: Aus den kleinen Plastikteilen seiner Fischertechnik-Bausätze konstruierte er filigrane Kräne, Seilbahnen und natürlich alle Arten von Fahrzeugen. Nach einem Schnupperpraktikum beim Sportwagenhersteller Porsche in der 10. Klasse stand sein Berufsziel endgültig fest: Dankel wollte sein Leben lang mit Technik zu tun haben - vielleicht mal richtige Autos bauen, vielleicht bei Porsche.
Nur logisch, dass er sich nach dem Abitur für Maschinenbau an der Universität Karlsruhe einschrieb, Schwerpunkt Fahrzeugtechnik. Sein Praxissemester machte Dankel im Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach und schrieb auch die Diplomarbeit bei der schwäbischen PS-Schmiede. Dort war man zufrieden mit dem Nachwuchsingenieur: Gleich nach dem Abschluss bekam er ein Jobangebot.
Heute versucht der 27-Jährige als Entwicklungsingenieur, die Getriebe der aktuellen Porsche-Modelle weiter zu verbessern, damit die edlen Karossen noch ruhiger und schneller über die Straßen flitzen.
Mit seinem Studium war er sehr zufrieden - "Da gab es viel Bezug zur Praxis" -, seine Arbeit findet er "äußerst spannend". Und das Gehalt, freut sich Dankel, "das stimmt auch".
Wie Björn Dankel hatte auch Katharina Schönwitz, 30, schon am Anfang des Studiums genaue Vorstellungen von ihrem Wunschjob. Schönwitz wollte Journalistin werden, am liebsten beim Fernsehen. Doch nach dem Skandinavistik-, Sport- und Geografiestudium in Tübingen, Freiburg und im schwedischen Uppsala, vielen Praktika und freier Mitarbeit bei einer Regionalzeitung und bei einem privaten Fernsehsender wollte keiner sie haben.
Rund hundert Bewerbungen schickte Schönwitz los, an Redaktionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sogar bei einem deutschsprachigen Radiosender auf La Gomera stellte sie sich vor.
"Das Schlimmste war das Gefühl, dass ich doch eigentlich alles richtig gemacht hatte", sagt Schönwitz - zügiges Studium, Auslandsaufenthalt, viele Praktika. "Ich habe mich sogar bewusst gegen ein Germanistikstudium entschieden, weil es hieß, mit Orchideenfächern seien die Chancen besser", erinnert sie sich.
Nach zwei Jahren Suche hat sich die Jungakademikerin bei einer privaten Journalistenschule im schwäbischen Reutlingen eingeschrieben - und zog erst einmal wieder zu ihrer Mutter. 200 Euro im Monat kostet die einjährige Ausbildung, Schönwitz schreibt jetzt als freie Mitarbeiterin für Zeitungen und Magazine. "Inzwischen kann ich davon leben", sagt sie.
Schönwitz und Dankel haben beide ihre Wunschfächer studiert, gute Noten abgeliefert, Praktika gemacht, Kontakte geknüpft. Beide sind flexibel und bereit, im Beruf etwas zu leisten. Beide haben scheinbar nichts falsch gemacht, doch den festen Job fand nur Ingenieur Dankel - und das ganz ohne Bewerbungsmarathon.
Die beiden Hochschulabsolventen zeigen, wie radikal der Arbeitsmarkt für junge Akademiker derzeit auseinanderbricht: Über den beruflichen Erfolg entscheidet inzwischen vor allem das Studienfach.
Zwar ist die Arbeitslosenquote unter Akademikern nur halb so hoch wie unter Nichtstudierten, und Universitätsabsolventen verdienen im Laufe ihres Arbeitslebens im Schnitt 50 Prozent mehr als Menschen ohne Hochschulausbildung. "Ein Studium ist nach wie vor eine gut angelegte Investition", sagt Jürgen Kluge, Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey, "eine erstklassige Ausbildung bietet hervorragende Karriereperspektiven."
Experten wie Franziska Schreyer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit prophezeien für die nächsten Jahre einen weiter "steigenden Bedarf an Hochqualifizierten". Und Christoph Heine, Wissenschaftler am Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover, versichert: "Ein Studium lohnt sich immer."
So weit die gute Nachricht. Dennoch klafft ein Abgrund zwischen dem Techniker und der Geisteswissenschaftlerin - während er problemlos in eine vielversprechende Karriere durchstartet, kämpft sie als Teil eines hochgebildeten Lumpenproletariats ums wirtschaftliche Überleben. Während er plant, für Porsche vielleicht auch mal im Ausland zu arbeiten, oder seine Aufstiegschancen abwägt, verschickt sie Bewerbung um Bewerbung.
Er kann sich nach Ende seines Studiums bereits zur aufstrebenden Mittelschicht zählen, sie reiht sich ein in die Generation Praktikum, das sogenannte Prekariat, wie die seit einigen Jahren wachsende Gruppe der Menschen ohne feste Arbeits- und Lebensverhältnisse bezeichnet wird.
Nicht nur für den einzelnen Jobsuchenden ist diese Entwicklung bedrohlich - längst fürchten Experten, dass dem Standort Deutschland gerade jene klugen Köpfe ausgehen, die den Wohlstand einer rohstoffarmen Nation am ehesten sichern können: Ingenieure und Naturwissenschaftler, die zukunftsfähige Produkte und Technologien entwickeln.
"Uns fehlen Ingenieure und technische Fachberufe", warnt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). "Wir müssen den jungen Leuten in den Schulen sagen: Hier liegt in ganz wesentlichem Maße die Zukunft unseres Landes", fordert die gelernte Physikerin. "Es ist wichtig, schon sehr früh die Begeisterung für die Natur- und Ingenieurwissenschaften zu entfachen", assistiert Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). "In diesen Bereichen brauchen wir künftig sehr viele exzellent ausgebildete junge Leute."
Drastischere Warnungen kommen seit länge- rem aus den Unternehmen und Fachverbänden. "Wir müssen im Bereich der Hochtechnologien den Anschluss halten, sonst verlieren wir auf lange Sicht alle an Lebensqualität", meint etwa Willi Fuchs, Direktor beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI).
"Wenn sich in Deutschland nicht mehr junge Menschen für ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium entscheiden", fürchtet Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, "werden viele unserer Unternehmen schon in wenigen Jahren große Probleme bekommen." McKinsey-Manager Kluge ergänzt: "Die deutsche Wirtschaft muss technologisch an der Spitze bleiben, sonst ist unser aller Wohlstand bedroht."
Für die Absolventen selbst verläuft nicht nur die Suche nach dem Job mal leicht, mal unerwartet schwer: Je nach Fach klaffen auch die Einstiegsgehälter dramatisch auseinander. Und wer ein Fach studiert, das am Arbeitsmarkt weniger gefragt ist, erhält zudem nur schwer einen unbefristeten Job oder eine Vollzeitstelle.
Die große sozialwissenschaftliche Untersuchung zur Lage junger Akademiker, der "Studentenspiegel 2 - die Umfrage für Berufseinsteiger", zeigt in bisher nicht gekannter Breite: Mit der Einschreibung für ein bestimmtes Fach stellt jeder Abiturient bereits die Weichen für seine späteren Berufsaussichten, den Verlauf der Karriere und damit für sein ganzes Leben.
Die Online-Befragung von Hochschulabsolventen, die der SPIEGEL gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey & Company durchgeführt hat, zeichnet ein umfassendes Bild der heutigen akademischen Berufsneulinge:
* liegt das Anfangsgehalt bei Wirtschaftsingenieuren, Betriebswirten, Elektrotechnikern oder Mathematikern, die von Universitäten kommen, im Durchschnitt bei mehr als 3000 Euro pro Monat; Historiker, Germanisten oder Architekten hingegen nehmen am Anfang kaum 2000 Euro brutto mit nach Hause.
* Mehr als ein Viertel aller Politologen, Sozialwissenschaftler und Historiker sucht nach dem Examen länger als ein halbes Jahr nach einer Stelle; die meisten Informatiker oder Maschinenbauingenieure landen dagegen ruck, zuck in Lohn und Brot: Gerade mal sechs Prozent unter ihnen halten sechs Monate oder länger Ausschau nach der passenden Betätigung.
* Auch wenn ein Bewerber eine Stelle ergattert hat, unterscheiden sich die beruflichen Welten deutlich: Während unter den Ingenieuren, Informatikern und Betriebswirten über 90 Prozent der Berufseinsteiger gleich eine Vollzeitstelle besetzen, sind es in den Fächern Psychologie, Biologie oder etwa der Erziehungswissenschaft nur gut 50 Prozent.
* Unter den BWLern, Wirtschaftsingenieuren und Wirtschaftsinformatikern haben rund zwei Drittel der Jobfrischlinge von Anfang an eine unbefristete Anstellung. In den Fächern Medizin und Biologie müssen sich dagegen fast 90 Prozent der Absolventen erst einmal mit Zeitverträgen herumschlagen.
* Neue Erkenntnisse liefert die Studie auch zur Frage, wie die Jungakademiker nach einer Stelle fahnden: Am häufigsten nutzen die Jobsucher Online-Stellenanzeigen und bewerben sich über das Internet. An die Bundesagentur für Arbeit hat dagegen so gut wie kein Hochschulabsolvent hohe Erwartungen: Gerade mal sieben Prozent fragen bei den staatlichen Arbeitsvermittlern nach einem Job.
* In einigen Fächern lässt sich sogar beobachten, wie sehr die Wahl der Hochschule die Karrierechancen beeinflusst: Bei den BWLern etwa unterscheiden sich die Durchschnittsgehälter um bis zu 2000 Euro pro Monat, je nachdem, wo die jungen Consultants und Finanzexperten ihren Abschluss gemacht haben (siehe Seite 78).
Insgesamt lautet die Bilanz: Mit Blick auf einen erfolgreichen Berufseinstieg sind die technischen, wirtschaftswissenschaftlichen und einige mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer die klaren Gewinner. Als Verlierer stehen vor allem die Geisteswissenschaften da.
Ähnlich detailliert war bisher nicht zu besichtigen, wie die Fachwahl den Werdegang vorbestimmt. Die neue Studie setzt den Studentenspiegel des Jahres 2004 fort. Damals gaben rund 50 000 Hochschüler in ganz Deutschland Auskunft über ihre Noten, Studiendauer, Sprachkenntnisse und Praxiserfahrung (SPIEGEL 48/2004).
Für die Neuauflage haben zwischen Mai und August vergangenen Jahres rund 25 000 junge Hochschulabsolventen die Web-Seite www.studenten spiegel2.de angeklickt und online Fragen zu ihrer Suche nach einer Arbeitsstelle, den Anforderungen im Beruf, ihrem Einkommen und ihrer Jobzufriedenheit beantwortet.
"Die Studie bietet eine einmalig scharfe Momentaufnahme des Berufseinstiegs junger Akademiker", lobt Gerhard Arminger, Professor für Wirtschaftsstatistik an der Universität Wuppertal, der die Untersuchung wissenschaftlich begleitet hat. "Das sind auf Daten basierende Erkenntnisse über wesentliche Faktoren auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker", sagt Manfred Deistler, Professor für Ökonometrie an der Technischen Universität Wien, ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen Beirats.
Ein erfolgreich abgeschlossenes Studium, das zeigt der Studentenspiegel sehr deutlich, ist längst keine Jobgarantie mehr. Nicht nur Philosophieabsolventen nach 36 Semestern droht die Karriere als Taxifahrer - auch zielstrebige Studenten haben mitunter das Gefühl, am Leben vorbeistudiert zu haben.
Die heutige Schulabgängergeneration ist verunsichert wie kaum eine zuvor: "In den letzten Jahren ist bei der Studienentscheidung der Wunsch, später einen sicheren Job zu bekommen, immer wichtiger geworden", hat HIS-Wissenschaftler Heine beobachtet.
Alle zwei Jahre befragen der Forscher und sein Team Studenten und Studienberechtigte nach den Gründen für ihre Fachwahl. Bei der aktuellen Erhebung gaben knapp drei Viertel der Uni-Neulinge an, die Arbeitsmarktlage sei ein wichtiges Kriterium bei ihrer Entscheidung gewesen; im Wintersemester 2000/2001 lag der Anteil derer, die sich danach richteten, noch bei unter 60 Prozent.
Aber zu wenige ziehen offenbar die richtigen Schlüsse daraus. Die Situation, die sich daraus ergibt, ist paradox: Die Abiturienten bangen viel stärker als früher um ihren künftigen Job, und selten waren die Aussichten für Absolventen technischer Studiengänge so gut - dennoch stagnieren die Anfängerzahlen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften auf vergleichsweise niedrigem Niveau. In manchen Disziplinen gehen die Zahlen sogar weiter zurück: Ein Studium der Elektro- und Informationstechnik etwa nahmen zum Wintersemester 2006/07 vier Prozent weniger Abiturienten auf als im Vorjahr.
Die Geistes- und Sozialwissenschaften dagegen haben kaum Grund, über Nachwuchsmangel zu klagen.
"Wenn man berücksichtigt, dass demnächst geburtenschwache Jahrgänge die Schule verlassen, wird Deutschland den steigenden Bedarf an gutausgebildeten Fachkräften so nicht befriedigen können", warnt Andreas Schleicher, Bildungsexperte bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Doch zuvor werden sich die Hochschulen noch einmal einem Massenansturm ausgesetzt sehen: Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre erreichen in vielen Bundesländern zwei Jahrgänge zugleich die Hochschulreife, zudem drängen die letzten geburtenstarken Jahrgänge an die Unis. Bis zum Jahr 2014 wird die Zahl der Studierenden voraussichtlich von 2 auf 2,7 Millionen steigen.
Erst vor einigen Monaten einigte sich Bildungsministerin Schavan mit ihren Länderkollegen auf ein milliardenschweres Notprogramm zum Ausbau der Studienplätze. Doch in welchen Disziplinen muss besonders aufgestockt werden? "Wir brauchen eine Abschätzung, in welchen Bereichen die Wirtschaft besonderen Bedarf sieht", fordert Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU). "Im Interesse der Absolventen dürfen die Hochschulen nicht am Bedarf des Arbeitsmarkts vorbei ausbilden."
Die Politik setzt ihre Schwerpunkte ohnehin längst fernab der Dichter und Denker. Bei der ersten Runde der Exzellenzinitiative, mit der die Bundesregierung künftige Spitzenuniversitäten fördern will, kamen fast nur Projekte aus den Technik- und Lebenswissenschaften zum Zuge.
Zwei der drei künftigen Elitehochschulen sind technische Universitäten: die TU München und die Universität Karlsruhe. Traditionshochschulen mit eher geisteswissenschaftlichem Profil wie die in Heidelberg oder Freiburg können immerhin in einer zweiten Runde auf einige Fördermillionen hoffen.
Die Hightech-Strategie, eines der größten Projekte von Bildungsministerin Schavan, wendet rund 15 Milliarden Euro für insgesamt 17 Zukunftsfelder von Nano- über Luftfahrt- bis hin zu Energietechnologien auf. Bis zu 1,8 Millionen Jobs, hofft die Christdemokratin, könnte die Initiative schaffen, 90 000 davon für hochqualifizierte Absolventen in Forschung und Entwicklung. Deutschland, so Schavan, solle "eine der forschungsfreudigsten Nationen der Welt" werden.
Allein: Was fehlt, sind die Forscher! "Bei mir fragen fast täglich Firmen nach Absolventen", berichtet Albert Albers, Leiter des Instituts für Produktentwicklung an der TU Karlsruhe. "Unser Schwarzes Brett ist übervoll mit Stellenangeboten", so der Ordinarius. Bei der BASF in Ludwigshafen gingen 2005 knapp 30 Prozent weniger Bewerbungen junger Ingenieure ein als noch 2004.
"Unsere Ingenieure sind Weltspitze", sagt VDI-Direktor Fuchs, "aber wir haben einfach nicht genug davon." Schon jetzt ist der volkswirtschaftliche Schaden durch die Technikverweigerung immens: An jeder Ingenieurstelle hängen geschätzte 2,3 weitere Arbeitsplätze, die durch den Mangel verlorengehen.
Rund acht Milliarden Euro, vermutet Fuchs, gehen der Wirtschaft bis heute wegen nicht umgesetzter Patente durch die Lappen. "Die Erfindungen sind da", erklärt der gelernte Maschinenbauer, "die Firmen haben aber nicht genug Leute, um sie in Produkte umzusetzen."
Den Absolventen technischer Fächer wird vielerorts der rote Teppich ausgerollt; dennoch gelingt es oftmals nicht, die offenen Stellen zu besetzen. "Vor allem im Mittelstand fehlt es schon heute an Nachwuchskräften", sagt VDI-Chef Fuchs.
So hatte etwa Wolf Winter nach seinem Maschinenbaustudium keine Probleme, beim Spielehersteller Ravensburger unterzukommen. Winter, 29, entwickelt zusammen mit den Ravensburger-Redakteuren Spiele, Experimentierkästen und Bastel-Sets. "Auch alle meine Kommilitonen haben direkt nach dem Studium gute Jobs gefunden", sagt Winter.
Wie schwer es dagegen für Geisteswissenschaftler oft ist, selbst in für sie traditionellen Arbeitsfeldern eine Stelle zu finden, zeigt sich etwa beim Hanser Verlag. Das in München ansässige Haus verlegt mehrere Literaturnobelpreisträger, darunter auch den aktuellen Gewinner Orhan Pamuk aus der Türkei.
Das Unternehmen, das zwischen 100 und 120 Neuerscheinungen pro Jahr auf den Markt bringt, hat zwar rund 200 Mitarbeiter, jedoch nur eine Handvoll Lektoren, Traumjob vieler Germanisten - im Literaturbereich gerade mal fünf, in der Fachbuchsparte sogar nur vier.
"Wir bekommen bis zu tausend Bewerbungen im Jahr", berichtet Evelyn Tippe, Personalleiterin bei Hanser, "stellen aber meist nur zwischen zehn und zwölf neue Mitarbeiter ein." Und die sind dann zum Teil nicht einmal Geisteswissenschaftler. Denn die Redakteure, die die gut 20 meist technisch orientierten Fachzeitschriften betreuen, sind vor allem Ingenieure und Naturwissenschaftler.
Ohne Praktikum, Volontariat oder Verlagslehre gibt es bei Hanser ohnehin keinen Job. Und die Gehälter sind nicht üppig. "Ein Hochschulabsolvent bekommt bei uns anfangs etwa 2000 Euro brutto im Monat", sagt Personalchefin Tippe.
Nach ihrem Examen in Germanistik und Romanistik 2005 suchte etwa Kety Quadrino, 31, lange vergebens nach einem Job. "Ich wusste, dass es mit diesen Fächern schwer wird", erzählt sie, "aber so heftig hatte ich es mir doch nicht vorgestellt."
Quadrino schrieb rund 160 Bewerbungen, stieg immer wieder als Hospitantin in verschiedene Branchen ein. Eine Stelle fand sie erst Anfang Oktober - nach eineinhalb Jahren Suche, als Projektassistentin im Bereich Medizintechnik bei einer Landesgesellschaft, befristet auf ein Jahr. "Vielleicht wäre die Suche einfacher gewesen, wenn ich BWL als Nebenfach studiert hätte", sagt sie.
Das wäre vermutlich aussichtsreicher, als auf den Traumjob vieler Geisteswissenschaftler zu hoffen: "Irgendwas mit Medien" wollen viele Germanisten und Historiker am liebsten machen. Klingt einfach, ist es aber trotz anscheinend boomender Medienbranche meist nicht.
Zwar arbeiten rund 70 000 Menschen in Deutschland als Journalisten, doch davon sind ein Drittel Freiberufler. Und nur Bewerber, die über "breite, nachweisbare Erfahrungen im journalistischen Umfeld" verfügen, haben echte Chancen, schreibt die Bundesagentur für Arbeit. So machen nicht umsonst etwa Politik- oder Geschichtsstudenten überdurchschnittlich viele Praktika, wie die Absolventenstudie zeigt.
Laut Deutschem Journalisten-Verband waren 2005 rund 7000 Journalisten arbeitslos gemeldet. "Doch die Dunkelziffer derjenigen, die sich freiberuflich mehr schlecht als recht über Wasser zu halten versuchen, aber de facto arbeitslos sind, ist hoch", weiß Verbandssprecher Hendrik Zörner.
Denn nicht jeder hat so viel Erfolg beim Jobeinstieg wie Janek Schmidt, 28. Der Münchner studierte Politikwissenschaft in Oxford und Paris und machte Praktika bei der Umweltorganisation der Uno in Genf. Den Ausschlag für den Berufswunsch Journalist gab jedoch eine Hospitanz beim britischen "Independent".
Nach Praktikumsstationen bei der Deutschen Presse-Agentur und einer nordhessischen Regionalzeitung landete er in der Lokalredaktion der "Süddeutschen Zeitung" - und fiel dort so positiv auf, dass ihm die Münchner ein Volontariat anboten. Schmidt weiß sein Glück zu schätzen: "Volle Stellen im Journalismus sind rar."
Auch wegen der schlechten Aussichten in der Medien- und PR-Branche hat sich Sandra Ohlig, 27, nach dem Abschluss in Germanistik, Medienwissenschaft und Psychologie im Jahr 2004 komplett umorientiert. "Selbst wenn man in dem Bereich einen der wenigen Volontariatsplätze bekommt, sieht es mit festen Stellen schlecht aus", erfuhr sie.
Zwar hatte Ohlig rund zehn Jobangebote von Verlagen und PR-Agenturen, doch die boten meist viel Arbeit für wenig Geld. "Ich wollte einen Job, der mir wirklich gefällt", erinnert sich Ohlig, "auf eine Notlösung wollte ich mich nicht einlassen."
Seit Anfang vergangenen Jahres ist Ohlig Personalreferentin bei der Metro Group Buying International (MGBI) in Düsseldorf, der Jobeinstieg gelang über ein Praktikum beim Handelsunternehmen. Jetzt schreibt sie Texte fürs Intranet und den Web-Auftritt der MGBI, sie organisiert Events und wählt inzwischen selbst Praktikanten aus.
"Für mich hat sich die lange Suche absolut gelohnt", bilanziert Ohlig. "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es in der Handelssparte überhaupt Möglichkeiten für Geisteswissenschaftler gibt und dass ich ausgerechnet dort einen Job finde, bei dem wirklich alles stimmt - Aufgaben, Bezahlung und Karrieremöglichkeiten."
Mediziner Michael Kranz, 28, hatte seinen Job dagegen schon drei Tage nach der letzten Prüfung in der Tasche. Nach dem Studium in Münster, München und im französischen Nantes fängt Kranz als Assistenzarzt an einer Münchner Klinik an, Fachrichtung Urologie. Die Stelle ist auf ein Jahr befristet, doch wenn alles glattgeht, hat Kranz danach Aussicht auf einen unbefristeten Vertrag bis zum Ende der fünfjährigen Facharztausbildung.
"In beliebten Fächern wie Urologie oder Kinderheilkunde muss man schon mal länger nach einer Assistentenstelle suchen", sagt Kranz, "insgesamt ist es aber nicht allzu schwer, eine Stelle zu finden."
Das bestätigt der Studentenspiegel: Nur sieben Prozent der Medizinabsolventen suchen länger als sechs Monate nach dem ersten Job; im Schnitt noch fixer sind nur die Informatiker. Dafür belegen die Jungärzte einen Spitzenplatz bei den befristeten Stellen und in der Rubrik Arbeitszeiten - 90 Prozent starten mit Zeitverträgen in den Beruf, keine andere Fachgruppe verbringt so viel Zeit am Arbeitsplatz wie die Mediziner.
Und weil Deutschlands Heilanstalten zwar reichlich Arbeit, aber vergleichsweise magere Löhne bieten, wandern immer mehr junge Mediziner ab in andere Berufsfelder - oder in die Ferne. Über 6000 deutsche Krankenhausärzte arbeiten nach Angaben der Ärztegewerkschaft Marburger Bund bereits im Ausland, besonders in England, Skandinavien oder in der Schweiz. Schon leiden viele ländliche Gebiete, vor allem in Ostdeutschland, schwer am Medizinerschwund.
Dagegen taugt längst nicht jedes naturwissenschaftliche Diplom zum Türöffner auf dem Arbeitsmarkt: Physiker oder Mathematiker können mit Einstiegsgehältern um die 3000 Euro monatlich rechnen und finden meist innerhalb weniger Monate eine Stelle. Biologen hingegen sind die Kellerkinder unter den Naturwissenschaftlern: Der erste Verdienst liegt durchschnittlich nur etwas über 2000 Euro im Monat, und die Jobsuche kann dauern.
Denn obwohl in der Bio- und Gentechnologie allmählich neue Jobs entstehen, setzen viele Biologen noch auf die klassische Forscherkarriere an der Universität. Aus chronisch klammen Staatskassen fließen jedoch kaum üppige Gehälter, zudem sind die Stellen oft befristet.
Auf dem freien Markt müssen sich die Biologen der Konkurrenz der häufig gefragteren Chemiker, Pharmazeuten und Mediziner stellen - und ziehen bei den Biotech-Firmen oft den Kürzeren. Das Berufsprofil der Biologen, urteilt die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung, sei einfach "nicht sehr klar konturiert".
Annika Mackensen, 31, hat im Oktober 2002 ihr Studium der Meeresbiologie an der Universität Bremen beendet. Drei Monate danach hatte sie zwar bereits einen Arbeitsplatz bei der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature. Allerdings war die Stelle auf ein Jahr befristet - und danach war sie ohne Job.
Die Biologin hat an die hundert Bewerbungen geschrieben - ohne Erfolg. "Natürlich bin ich enttäuscht und frustriert", sagt Mackensen, "denn ich dachte, ich hätte gute Voraussetzungen." Die Jungwissenschaftlerin spricht drei Fremdsprachen, war während des Studiums auf Sri Lanka und in Jordanien, hat Praktika in Meeresforschungsstationen gemacht, ihre Abschlussarbeit in Englisch verfasst.
Vielleicht wird sie demnächst nach Australien auswandern, dort gibt es mehr Projekte in der Meeresforschung. Aber sich von Deutschland aus zu bewerben ist schwer. Annika Mackensen weiß nicht, wie es weitergehen soll.
Muss nun also, wer sich immer schon zum Meeresforscher oder Mediävisten berufen fühlte, zum Maschinenbau konvertieren, um später ganz sicher eine feste Stelle zu bekommen? "Niemand sollte gegen seine Neigung anstudieren", winkt HIS-Mann Heine ab: Seine Studentenbefragungen haben ergeben, dass diejenigen, die sich bei ihrer Fachwahl zu sehr von äußeren Motiven leiten ließen, ihr Studium häufiger abbrachen als jene, die aus reiner Neigung wählten.
"Wer seine Fähigkeiten in Germanistik sieht, für den ist Elektrotechnik vergebene Liebesmüh", sagt Heine. Eher sollten die angehenden Literaturwissenschaftler ihr Fach mit Spezialwissen aus anderen Disziplinen kombinieren, um vielseitiger einsetzbar zu sein. "Mit Kenntnissen in Informatik oder Jura finden Geisteswissenschaftler schneller einen Job", so Heine.
Wie Heine rät auch der Wuppertaler Studentenforscher Markus Schölling von rein wirtschaftlich orientierten Studienentscheidungen ab. Der Soziologe geht sogar noch weiter: Nicht Arbeitsmarkt, Berufsberatung oder kurzfristige Interessen bestimmen das Studienfach - vielmehr, so Schölling, münden Herkunft und familiärer Lebensstil fast automatisch in eine bestimmte Studienentscheidung.
"Die Fachwahl ist nicht von der Herkunft zu entkoppeln und daher auch kaum steuerbar", sagt Schölling. Für seine Doktorarbeit hat der Forscher tausend Studenten aus zwölf Fächern nach Elternhaus und persönlichem Lebensstil - vom Lieblingsessen bis zum letzten Urlaubsziel - befragt und eine "Fach-Typologie" erstellt.
"Jedes Studienfach ist ein Sammelbecken für einen bestimmten Menschenschlag", behauptet Schölling. "Es gibt einen Fachhabitus, der von einer Generation in die nächste geschleppt wird."
Wer etwa aus einer Arzt- oder Juristenfamilie stammt, beginnt laut Schölling seltener ein sozialwissenschaftliches Studium - und wird auch nicht Ingenieur. "Prestigeträchtige Fächer wie Jura oder Medizin werden gewählt, weil die Abiturienten an den Habitus gewöhnt sind", hat Schölling beobachtet. Wer medizinische Fachbegriffe vom elterlichen Abendbrottisch kenne, habe es im Studium leichter. "Bei wem das Fachwissen nicht auf vorbereiteten Boden fällt, der hat immer einen schlechteren Start."
Umgekehrt ist Ingenieur ein typischer Aufsteigerberuf, die Studenten stammen häufiger aus nichtakademischen Elternhäusern als angehende Ärzte, Anwälte oder Geisteswissenschaftler, und oft entscheiden sich die künftigen Ingenieure erst nach Berufsausbildung und Fachhochschulreife fürs Studium.
"Gerade diese sozialen Schichten haben aber ein hohes Sicherheitsbedürfnis", erklärt HIS-Wissenschaftler Heine. Sieht es auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure schlecht aus, geht es mit der Studienbereitschaft bergab.
So gingen von Mitte der neunziger Jahre bis zur Jahrtausendwende die Zahlen der Absolventen in den Ingenieurwissenschaften dramatisch zurück, in einzelnen Fächern sanken sie nahezu auf die Hälfte - der schwerste Einbruch der Nachkriegszeit.
Zwar schreiben sich wieder mehr junge Menschen für manche Ingenieurfächer ein. Doch technische Studiengänge sind grundsätzlich stärker als etwa Geisteswissenschaften sogenannten Schweinezyklen unterworfen: Angebot und Nachfrage klaffen periodisch enorm auseinander.
Offenbar gelingt es in Deutschland besonders schlecht, die womöglich fachlich nicht eindeutig festgelegten jungen Menschen für den Ingenieurberuf zu ködern: Wie sonst ist es zu erklären, dass in Frankreich, wo es etwa ein verbindliches Schulfach Technik gibt, die Studierenden weit häufiger auch entsprechende Studienfächer wählen?
Im Jahr 2003 hatten in Deutschland gerade mal 8 von 1000 der 20- bis 29-Jährigen einen Hochschulabschluss in einer naturwissenschaftlichen oder technischen Disziplin; in Großbritannien hingegen waren es 21, in Finnland 17 und in Frankreich sogar 22 (siehe Grafik Seite 13).
Und in den beiden Wachstumsländern Indien und China verlassen zusammen jedes Jahr rund 700 000 junge Ingenieure die Hochschulen - doppelt so viele wie in Europa, neunmal so viele wie in den USA.
"Die Weichen für den Berufsweg werden nicht erst nach dem Abitur gestellt, sondern während der ganzen Schulzeit", sagt VDI-Chef Fuchs. Viele Firmen umwerben daher inzwischen schon die Allerkleinsten. Zum Beispiel die Schüler der 4b an der Grundschule Sebnitz in der Sächsischen Schweiz: Für die Zehnjährigen steht morgens um acht Uhr Produktentwicklung auf dem Plan. Einmal pro Woche kommt Andreas Rasche, Industriemechaniker im Sebnitzer Bosch-Werk, mit seinen Azubis in die Schule.
Die Schüler sollen einen Tischkartenständer entwerfen, in den sie später Fotos oder Namensschilder klemmen können. Unter Anleitung der Bosch-Entsandten zeichnen sie Entwürfe, diskutieren, welche sich realisieren lassen, dann pilgern sie ins ortsansässige Werk und sehen, wie ihre Vorlagen von echten Industriemechanikern aus Aluminium ausgesägt werden.
"Ich finde das ganz toll", sagt Laura, 10. Als Grundfläche für ihren Kartenständer hat sie gerade ein Pferd gezeichnet. "Die bei Bosch haben uns gezeigt, was sie da so bauen: eine halbe Bohrmaschine." Das Querschnittsmodell eines Bohrers, an dem die Schüler sehen konnten, wie es im Inneren des Geräts aussieht, hatte es Laura besonders angetan.
Das Projekt in Sebnitz ist eine von bundesweit etwa 400 sogenannten Bildungspartnerschaften der "Wissensfabrik Deutschland". Rund 40 Unternehmen, darunter Bosch, BASF, der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim und das Bauunternehmen Hochtief, haben sich zusammengeschlossen, um in Kindergärten und Schulen die Faszination für ihre Arbeitsbereiche zu wecken.
"Die Kinder von heute sind die Studenten von morgen und die Leistungsträger unserer Gesellschaft von übermorgen", sagt Bosch-Geschäftsführer Wolfgang Malchow, "wir können den theoretischen Schulunterricht durch Praxisbeispiele ergänzen und Technik damit erlebbar machen." Man wolle "lieber früh investieren als spät reparieren", ergänzt BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht. Das versucht inzwischen auch die Politik: So hat das Land Baden-Württemberg im Jahr 2001 festgelegt, dass Gymnasiasten im Südwesten bis zum Abitur Kurse in Mathematik und zugleich zwei Naturwissenschaften belegen müssen - abwählen verboten. Zudem steht, ebenfalls an den Gymnasien, im kommenden Schuljahr ab der Mittelstufe das neue Fach "Naturwissenschaft und Technik" auf dem Stundenplan.
Neuerdings tourt auch der VDI selbst durch die Schulen. Mehr als 80 Unternehmen sind an den Projekten der Initiative "Sachen machen!" beteiligt. "Uns ist wichtig, dass die Kinder früh eine Vorstellung vom Berufsbild des Ingenieurs bekommen", erklärt Volker Brennecke, Leiter der Bildungsabteilung beim Berufsverband. "Die meisten haben immer noch jemanden im Kopf, der in Jeans und Blauhelm über eine Baustelle stapft oder an einer öligen Maschine herumschraubt."
Nicht nur mit dem Klischee vom schrulligen Tüftler haben die technischen Berufe zu kämpfen. Brennecke und seine Kollegen beobachten, dass gerade die Technisierung des Alltags das Interesse lähmt. "Jeder kann heute ein Handy oder einen MP3-Player bedienen", erklärt Brennecke, "aber die wenigsten haben eine Ahnung, wie sie funktionieren. Technik wird selbstverständlicher, aber auch immer mehr zur Black Box."
Lars Möller, 30, hat sein Faible für Computertechnik nicht im Unterricht entdeckt. "Nach der Schule war ich zwischen Philosophie und Informatik hin- und hergerissen", erzählt er, "wenn in unserem Ort nicht regelmäßig Computer-Freizeiten angeboten worden wären, hätte ich mich für das Thema wohl nicht so sehr interessiert." So aber studierte Möller nach einer Ausbildung und drei Jahren Berufserfahrung Informatik an der Universität Potsdam, direkt nach dem Bachelor-Abschluss kam er bei B. Braun unter, einem Konzern, der im hessischen Melsungen Krankenhausbedarf herstellt.
Trotz des meist glatten Jobeinstiegs haben die technischen Berufe hierzulande ein Imageproblem: "Das Studium ist einfach noch nicht sexy genug", hat VDI-Mann Fuchs erkannt. Tatsächlich taugen Sätze wie "Ich studiere Maschinenbau und beschäftige mich vor allem mit Steuerungstechnik" in Universitätskreisen kaum als Partytalk.
"Wir bekommen vor allem die vielseitig Begabten nicht", bedauert Frank Stefan Becker, Hochschulexperte beim Elektronikriesen Siemens. "Den technischen Berufen fehlt der Glanz."
Wer sich dennoch für ein Ingenieurstudium entscheidet, scheitert dann häufig auch noch an den hohen Ansprüchen: An den Universitäten bricht jeder dritte Anfänger das Studium ab. "Ich habe absolut kein Verständnis für Professoren, die damit prahlen, wie viele Studenten bei ihnen durchfallen", schimpft etwa Porsche-Chef Wiedeking. "Solche Horrorszenarien schüren bei jungen Menschen doch bloß die Angst vor technischen Fächern."
Auch Siemens-Fachmann Becker tadelt das Ausbildungsangebot: "Das Ingenieurstudium ist für viele junge Menschen wenig ansprechend, weil oft gerade am Anfang der Bezug zur Praxis fehlt." Spannend sei ja vor allem, die Technik anzuwenden.
Claudia Vollmer kann diese Erfahrung nur bestätigen. Die 23-jährige Wirtschaftsingenieurin hat erst einen Bachelor an der Fachhochschule (FH) Südwestfalen in Meschede geschafft, dann noch einen Master an der FH Rosenheim draufgesetzt.
Schon während des Studiums nahm sie an einem Förderprogramm der Firma Siemens teil, war für den Weltkonzern unter anderem ein halbes Jahr in Sydney. "Der direkte Bezug zur täglichen Arbeit im Unternehmen hat nicht nur sehr viel Spaß gebracht, ich habe dabei auch besonders viel gelernt", lobt sie.
Jetzt ist Vollmer für Siemens in Forchheim im Bereich Medical Solutions tätig, sie kümmert sich um das Geschäft mit Computertomografen. "Ich habe mit Kunden aus der ganzen Welt zu tun", schwärmt sie, "die Arbeit ist genau das, was ich mir vorgestellt habe."
Dass nicht nur eine Ausbildung an der Fachhochschule praxisbezogen sein kann, beweist die Universität Karlsruhe an ihrem Institut für Produktentwicklung. Kurz vor Ende des Studiums dürfen dort fünf Studentengruppen, jeweils mit fünf bis sieben Mitgliedern, gemeinsam mit einem Unternehmen ein echtes Produkt entwickeln - von der Marktanalyse bis zur Serienreife.
Im Wintersemester 2005/06 war die Aufgabe, für die Firma Freudenberg Trinkwassersysteme für die Zukunft zu entwerfen. Der Konzern mit über 30 000 Mitarbeitern, der unter anderem die Haushaltsartikel der Marke Vileda herstellt, wollte in den Wachstumsmarkt Wasseraufbereitung einsteigen.
Absolvent Christian Hamann, 26, ist noch heute fasziniert von der Projektarbeit: "Das war das Highlight des Studiums." Seine Mannschaft entwarf einen Reisefilter, der rund um die Welt an jeden Wasserhahn angeschlossen werden kann.
Mehrere Monate wurde geplant, getüftelt, verworfen und neu überlegt. Die Dozenten kritisierten hart, ermutigten aber auch. Mancher Anruf beim Pizza-Service und manche Nachtschicht waren nötig.
Am Schluss präsentierten die Studenten ihr Produkt vor über 200 Zuhörern, darunter der Vorstand von Freudenberg. "Da hatten alle ganz schön Bammel", erinnert sich der Maschinenbauer, "doch als sich die Firmenbosse begeistert zeigten, waren wir mächtig stolz auf unsere Arbeit."
Inzwischen sind Teile des neuentwickelten Reisefilters sogar zum Patent angemeldet, und Ingenieur Hamann ist als Erfinder eingetragen. In ein paar Jahren kann er seinen Wasserfilter für unterwegs wohl im Laden kaufen. JULIA KOCH, JOACHIM MOHR
Berufsakademien
Neben Universitäten und Fachhochschulen sind Berufsakademien Studieneinrichtungen, die in besonderer Weise Theorie und Praxis verbinden. Die Studenten schließen einen dreijährigen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen und belegen parallel dazu einen Studiengang an einer Berufsakademie. Phasen beim Arbeitgeber und an der Akademie wechseln sich ab. Die Ausbildung dauert drei Jahre und schließt meist mit einem Bachelor-Titel ab.

Studenten und Berufseinsteiger tun sich häufig schwer, ihre Stärken und Schwächen richtig einzuschätzen. Das muss nicht so sein - der "Studentenspiegel" kann helfen.
Der "Studentenspiegel" ist die größte Online-Befragung von Studenten und Berufseinsteigern in Deutschland, eine gemeinsame Initiative des SPIEGEL und der Unternehmensberatung McKinsey & Company.
Beim "Studentenspiegel 1", der sich ausschließlich an Studierende wendet, haben bisher über 50 000 Studiosi unterschiedlicher Fachrichtungen Auskunft über ihr Können und ihre Qualifikationen gegeben. Für den "Studentenspiegel 2 - die Umfrage für Berufseinsteiger" beantworteten mehr als 25 000 Jungakademiker Fragen zu ihren Fähigkeiten und den ersten Erfahrungen im Job.
Je nach Umfrage sind verschiedene Aspekte wichtig: unter anderem Alter, Abitur- und Hochschulnoten, Sprachkenntnisse, Auslandserfahrung, Praktika, außeruniversitäres Engagement, Dauer der Suche nach dem ersten Job, Gehalt, Zufriedenheit mit der ersten Stelle. Ergebnisse der beiden Studien wurden in verschiedenen Ausgaben des SPIEGEL und des UniSPIEGEL veröffentlicht.
Aber auch jetzt können Interessierte noch an den beiden Untersuchungen mitmachen - zum eigenen Nutzen: Denn wer den jeweiligen Fragebogen ausfüllt, erhält ein persönliches Qualifikationsprofil zugeschickt, das zeigt, wo im Vergleich zu anderen Studenten oder Berufseinsteigern die eigenen Pluspunkte oder Schwächen liegen. So können Studenten etwa nachlesen, ob ein weiteres Praktikum den Lebenslauf aufpoliert oder ein schneller Abschluss vorteilhafter wäre. Berufsanfänger hingegen sehen, wie gut oder schlecht sie im Vergleich zu ihren Mitbewerbern im gleichen Fach oder der gleichen Branche bezahlt werden, auf welchen Feldern ihre Kollegen ihnen überlegen sind oder wo sie selbst an der Spitze stehen.
Wer den eigenen Marktwert einschätzen will - unter www. studentenspiegel.de geht es zu beiden Umfragen.

Spiegel des Jobmarkts
Studie zum Berufseinstieg
Rund 25 000 Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss haben sich zwischen Mai und August vergangenen Jahres an der Online-Umfrage "Studentenspiegel 2 - die Umfrage für Berufseinsteiger" beteiligt, einer gemeinsamen Initiative des Beratungsunternehmens McKinsey & Company und des SPIEGEL. Die Teilnehmer, deren Examen maximal fünf Jahre zurückliegen durfte, gaben dabei Auskunft über:
* Hochschule und Studienfach;
* Abitur- und Examensnoten;
* Einschätzungen zum Studium;
* Berufsausbildung und Praktika;
* Sprachkenntnisse und Auslandsaufenthalte während des Studiums;
* Dauer und Art der Jobsuche;
* Berufseinstieg und Art der ersten Arbeitsstelle;
* Anforderungen im Beruf;
* berufliche Zufriedenheit und Einkommen.
Ziel der Befragung war es, umfangreiche Erkenntnisse über den Berufseinstieg junger Akademiker in Deutschland zu gewinnen. Mitmachen konnten Absolventen jeder Art von Hochschule und aus allen Fachgebieten.
Für die Auswertung im SPIEGEL wurden jedoch nur ehemalige Studenten solcher Fächer herangezogen, in denen 250 oder mehr Absolventen den Fragebogen ausgefüllt hatten. (Für die besondere Analyse nach Universitäten im Fach Betriebswirtschaftslehre mussten je Hochschule mindestens 18 Teilnehmer zu verzeichnen gewesen sein, siehe Seite 81.) Um die Aussagekraft der Ergebnisse zu garantieren, wurden verschiedene statistische Kontrollverfahren angewandt.
Die Studie schließt an die Umfrage Studentenspiegel an, bei der im Jahr 2004 rund 50 000 Studenten in ganz Deutschland einen Fragebogen zu ihren Qualifikationen beantwortet hatten.
Bei beiden Untersuchungen wachte ein wissenschaftlicher Beirat über die Datenqualität, bestehend aus:
* Gerhard Arminger, Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsstatistik an der Universität Wuppertal, und
* Manfred Deistler, Professor am Institut für Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität Wien.
Beide Experten begleiteten die Ausarbeitung des Fragebogens ebenso wie die Auswertung der Ergebnisse.
"Eine äußerst lehrreiche Analyse des Berufseinstiegs junger Hochschulabsolventen", betont Statistiker Arminger. "Wer etwas über die Verbindung von Studienfach und Berufswelt wissen will, in dieser Studie kann er es erfahren", ergänzt Mathematiker Deistler.
Als Dank für die Teilnahme bekam jeder Befragte ein persönliches Profil zugeschickt, mit dessen Hilfe er sich mit anderen Berufseinsteigern seines Studienfachs oder seiner Branche vergleichen kann. Die Website www.studentenspiegel2.de ist weiter freigeschaltet und bietet jungen Hochschulabsolventen auch in Zukunft die Gelegenheit, den eigenen Marktwert auf dem Jobmarkt einzuschätzen.
Von Julia Koch und Joachim Mohr

SPIEGEL SPECIAL 2/2007
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