26.06.2007

VIRTUELLE WELTEN

Falsche Gefühle

Von Demmer, Ulrike

Wie ein Single im World Wide Web nach seiner Traumfrau fahndet

Der Text auf der Internet-Seite der Partnerbörse Single.de liest sich ein wenig düster: "Alles, was du in deinem Leben an Ungerechtigkeiten, Lügen, Betrug und Kälte anderen Menschen zugefügt hast, kommt wieder zu dir zurück", warnt Michael Bach in seinem Online-Steckbrief. Der Spruch soll all jene Interessentinnen abschrecken, die nur Schindluder treiben wollen mit seinen Gefühlen. Der Bäckergeselle aus Niedersachsen hat genug von geschönten Fotos und großen Versprechungen, von "Fakes", wie er all so etwas nennt. Bach, 33, sucht eine Frau, ernsthaft.

Seit fünf Jahren ist er Mitglied bei Single.de. "Ich bin kein problemgeladener Typ", schreibt er in seinem Online-Profil, vielmehr bezeichnet er sich als "humorvoll, leidenschaftlich, temperamentvoll und leider manchmal etwas dickköpfig". Bach geht gern in die Sauna, ins Kino oder einfach nur essen. Er ist ein kräftiger Typ mit Tattoos und drei Ohrringen. Einer, der auf Hard Rock steht. Rap, House und Schickimicki mag er gar nicht.

Zum ersten Mal macht sich der Bäckergeselle 2002 im World Wide Web auf die Suche, da ist er gerade frisch geschieden. Aufregend scheint ihm der virtuelle Heiratsmarkt, verlockend das schier grenzenlose Angebot kontaktwilliger Menschen. Bach klickt von jung zu alt, von brünett zu blond, von der Business-Frau zum Barluder. Er ist offen für alles.

Nur Bohnenstangen sind nicht sein Fall. "Ich mag Frauen, die keine Modellfigur haben", schreibt er in seinem Online-Profil. "Was zum Anfassen" soll es sein. Frauen, die im Restaurant "Salat ohne Dressing kauen", interessieren ihn nicht. Auch Frauen mit Kindern klickt er sofort weg.

Das nette Lächeln einer Stephanie hat es ihm schließlich angetan. Sie mag den Hardrock der Bands AC/DC und Rammstein. Damit hat sie bei Bach schon gewonnen. Nach zwei, drei E-Mails greift er zum Telefon. "Das Tollste war die Stimme", schwärmt er: "Die war so sanft, so erotisch."

Sie telefonieren täglich, stundenlang. "Wir hatten so viele Gemeinsamkeiten", sagt Bach. Bald werden die Gespräche intim, fernmündlich träumen sie von Sex im Schwimmbad. Ein Treffen riskiert Bach erst mal nicht. Er hat sich gerade Krampfadern ziehen lassen, und das Bein ist noch nicht vorzeigbar. Keine gute Ausgangsbasis für ein erstes Rendezvous.

Nach vier Wochen ist der Verband endlich ab. Der frisch Entflammte und seine Online-Liebe verabreden sich in einem Chinarestaurant. 70 Kilometer weit muss Michael dafür fahren.

"Es war der absolute Horror", sagt er. Bach kommt in Jeans und Turnschuhen, sie im piekfeinen Hosenanzug. Stephanie ist viel kleiner, als Bach sie sich vorgestellt hat - und zu dünn. Selbst dieses Lächeln, das er auf ihrem Foto so anziehend fand, ist verschwunden. "Wir saßen uns gegenüber und hatten uns nichts mehr zu sagen."

"Falsche Gefühle" nennt Michael Bach solche Irrtümer heute. Seitdem besteht er auf einem Têteà-Tête spätestens nach dem dritten Telefonat. Sonst bricht er den Kontakt ab.

Mit Britta geht dann alles ganz schnell. Mailen. Telefonieren. Treffen. Das erste Date dauert drei Tage. "Ich glaube, wir brauchten damals beide jemanden zum Reden", erklärt Michael die schnelle Symbiose.

Der Bäckergeselle führt seiner neuen Liebe nach einer Woche den Haushalt. Nach zwei Wochen träumen sie von einer gemeinsamen Wohnung. Nach sechs Wochen schmeißt Britta ihn raus. "Ich bin halt so ein Fürsorglicher. Britta suchte eher ein Schwein", so sieht Bach das. Falsche Gefühle - schon wieder.

Bach verfeinert die Suche. Er wird pragmatischer. Seine Zukünftige muss in der Nähe wohnen, denn der Bäcker hat um 2.30 Uhr Dienstbeginn. Da hat er keine Lust, jeden Morgen 90 Minuten Auto zu fahren. Auf ein nettes Lächeln kommt es ihm immer noch an. Fünf oder sechs Frauen sind spannend genug für ein Treffen. Mit Michaela hat er eine längere Affäre; Manuela wird zu einer guten Freundin. Keine falschen Gefühle, aber auch nicht die richtigen.

Bach gibt auf und flüchtet frustriert aus der virtuellen Welt der Liebe. "Diese Online-Dates haben doch zu nichts geführt." Sein Fazit nach vier Jahren Partnersuche im Netz: "Alle beziehungsunfähig."

Bach will keine Frau mehr kennenlernen, vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs. Den Internet-Kupplern einmal den Rücken gekehrt, verbringt Bach weniger Zeit am Computer, trifft sich mit Freunden - und findet seine Traumfrau. Am Ufer der Elbe, nicht im World Wide Web.

Es ist ein warmer Sommernachmittag. Bach grillt mit ein paar Bekannten am Elbstrand. Einer hat sie mitgebracht: lange braune Haare, füllig, sympathisches Lachen. Es kribbelt sofort im Bauch. Aber diesmal merkt er es erst später.

Sie verabreden sich fürs Kino, gehen spazieren, lernen sich langsam kennen. Erst nach Wochen der erste Kuss. Endlich das richtige Gefühl.

Inzwischen sind sie seit einem Jahr ein Paar. Bach erzählt, dass er seine Freundin im Netz niemals kennengelernt hätte, obwohl beide zur gleichen Zeit bei Single.de auf der Suche waren. Sie hatten dort sogar kurz Kontakt. Aber in ihrem Online-Profil stand, dass sie Mutter von zwei kleinen Kindern ist. Da hat er sie einfach weggeklickt. ULRIKE DEMMER

Singles im Internet

Noch nie haben in Deutschland so viele Menschen allein gelebt wie heute. Aber dauerhaft Single sein, das wollen die wenigsten. In den vergangenen Jahren ist eine eindrucksvolle Industrie entstanden, die nichts anderes im Sinn hat, als Mann und Frau auf gemeinsame Sprünge zu helfen. Vor allem im Internet boomt das Geschäft mit der Einsamkeit. In den USA und Frankreich sind die ersten Netzportale an die Börse gegangen. In Deutschland lag der Umsatz der Branche im Jahr 2005 bei schätzungsweise 76 Millionen Euro. Experten wagen die Prognose, in Europa werde sich das Marktvolumen der Online-Kuppler bis zum Jahr 2010 vervierfachen.



SPIEGEL SPECIAL 3/2007
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