01.01.1989

Kokain-Republik Kolumbien

Die Schule des Gutsherrn Isaac Guttnan lehrte nur zwei Fächer: Motorradfahren und Schießen. Wenige Kilometer von der Vorort-Kirche in Sabaneta entfernt, wo die Kokainkönige Medellins ihrer Lieblingsjungfrau Maria Auxiliadora huldigen, übten junge Kolumbianer wendiges Fahren und zielsicheres Töten. Zwei Garben kreuzweise gestreut aus der Maschinenpistole des Beifahrers und blitzschnelles Entkommen durch dichten Verkehr war die übliche Abschlußprüfung - immer "live", an beliebig ausgesuchten Opfern unter Passanten, die zur fatalen Minute zufällig gerade auf der Straße waren und nicht wußten, warum sie sterben mußten.
Über 350 Killer bildete Isaac Guttnan so aus, bevor er selbst von den Kugeln eines ehemaligen Schülers zerfetzt wurde. Der Lehrmeister wurde nicht mehr gebraucht - und er wußte zuviel. Das reicht in Medellin allemal für ein Todesurteil: Die Mafia-Bosse des einst als Kaffeestaat gerühmten und heute als Kokainland verschrienen Kolumbien töten, als wäre ein Mensch allenfalls Ungeziefer.
Motorradmörder, Autobomben oder auch Scharfschützen haben in Kolumbien schon Dutzende Richter, Hunderte Polizeibeamte und ausgesuchte Journalisten oder Politiker ermordet. Ein Generalstaatsanwalt und ein Justizminister krönen die blutige Liste der Killer. Bis in die USA, ja sogar in den Ostblock verfolgen sie ihre Opfer.
Kolumbien steht heute in einem grausamen Krieg, in dem ein sinnlos scheinendes Gemetzel dem anderen folgt; das Überleben des formell demokratischen Staatswesens ist bedroht. Denn die Macht einer kleinen Gruppe von Drogenbossen ist längst stärker als die des Staates.
"Kartell von Medellin" nennt man die Kokainkönige Kolumbiens, die 80 Prozent der in den USA konsumierten Schickeria- und Getto-Droge liefern und dabei Milliarden Dollar im Jahr verdienen.
Einst angesehen wegen ihrer fleißigen Bevölkerung, die Medellin zum Zentrum der kolumbianischen Industrie machte, beliebt wegen des immerwährenden Frühlingswetters und der lieblichen Landschaft, die sie umringt, steht die Millionenstadt seit Jahren im Mittelpunkt des weltweiten Drogenkriegs. "Hier wuchs in den letzten zehn Jahren eine Bande von Straßengangstern zu einem multinationalen kriminellen Imperium heran", meint die US-Tageszeitung "Miami Herald". Und: "Das Kartell von Medellin ist heute die gefährlichste Verbrecherorganisation der Welt."
Das glauben auch die Erzfeinde des Kartells von der nordamerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde Drug Enforcement Administration (DEA). "Neben diesen Kerlen ist die Mafia eine Sonntagsschule", war die Bilanz des DEA-Agenten Michael Vigil, als er nach fünf Jahren Dienst in Kolumbien nach Miami zurückkehrte. Macht- und willenlos schaute die kolumbianische Regierung zu, wie das Kartell einen Staat im Staat errichtete. "Wir verlieren den Krieg", warnt heute General a. D. Alvaro Valencia Tovar, und der ehemalige Präsident Belisario Betancur bekennt, die Drogenbosse seien längst "mächtiger als der Staat".
Der Krieg mit den Rauschgiftbaronen ist nicht einfach ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte gewaltsamer Auseinandersetzungen, die seit Generationen scheinbar fester Bestandteil der kolumbianischen Gesellschaft sind. Trotz unbesiegter Guerillascharen, mörderischen Terrors von rechts wie links, trotz Bürgerkriegen und blutigen Militärfeldzügen gegen Indianer und Bauern haben die Institutionen der Republik ein halbes Jahrhundert überlebt. Weder Putschgelüste von rechts noch Revolutionsträume von links schafften es je, eine Mehrheit der Kolumbianer in Bewegung zu setzen.
Diesmal ist es ganz anders: "Das Kokain hat uns mit einer Art Aids infiziert", meint der liberale Politiker Carlos Ossa, "das Abwehrsystem der Gesellschaft ist gebrochen." Tatsächlich greift das Drogengeschäft am erfolgreichsten gerade jene Institutionen an, die den Staat verteidigen sollten.
Ein Beamter der Drogenfahndung verdient rund 500 Dollar, ein Richter fängt mit knapp 400 Dollar an - da ist es kaum zu verwundern, daß sie anfällig für Bestechung sind, ihre Pflichten vernachlässigen. So werden die Kokainbosse unantastbar. Allein Pablo Escobar, mit 38 Jahren mächtigster Boß des Kartells von Medellin, soll jeden Monat 100 000 Dollar für "Information" ausgeben.
Wer nicht gekauft werden kann, wird umgelegt - so einfach ist das Weltbild der Herren des weißen Pulvers, das in New York, Paris oder Frankfurt Manager, Künstler und Yuppies beflügelt, dessen Abart Crack Amerikas Gettos zerstört. "Richter haben die Wahl zwischen Geld und einer Kugel", so ein Justizbeamter in Medellin. Ein Miniatursarg, per Post verschickt, genügt meist, um einen Juristen zur Einsicht zu bewegen. Bockt er, wird die Medizin verstärkt - etwa mit einer Videoaufnahme von der Ermordung eines Kollegen. "Kein Richter verurteilt diese Leute, kein Gefängnis hält sie", seufzt ein DEA-Beamter.
Rund eine Million Dollar ließ es sich Jorge Luis Ochoa Vázquez nach seiner Verhaftung im vergangenen Dezember kosten, um wieder freizukommen. Obwohl riesiger Drogendeals beschuldigt, marschierte der millionenschwere Narco-Boß dank eines Richters in Medellin ganz legal aus dem "La Picota"-Gefängnis in Bogotá - und verschwand. Sein Kartellkollege Pablo Escobar entwischte einer Suchaktion der Vierten Heeresbrigade im Nobelviertel El Poblado von Medellin, weil der Nachrichtenchef der Militärs ihn rechtzeitig gewarnt hatte. "Er mußte fliehen, mit den Hosen in der Hand", freute sich trotzdem General Jose Ruiz Barrera. Mit oder ohne Hose, Escobar verschwand, wie immer unantastbar, unauffindbar; das Geschäft, das ihm Milliarden einbringt läuft ungestört weiter.
Dabei fing der Milliardär Pablo Escobar Gaviria ganz unten an: Auf den Friedhöfen der Stadt stahl er Grabsteine, schliff sie glatt und verkaufte die wieder namenlosen Steine mit Discount weiter für neue Bestattungen. Später stieg er zum Autodieb auf - ein roter Renault 4 wurde ihm 1974 beinahe zum Verhängnis. Doch zu einem Urteil kam es nie, da alle Zeugen
vor dem Prozeß umgebracht wurden. "Kopfschuß" oder "Schädelbruch" heißt es etwa in den Gerichtsakten. "Escobar wählte eine Lösung, die seine extreme Gefährlichkeit
bewies", schreibt der ins Exil geflohene Journalist Fabio Castillo in seinem Bestseller "Die Kokain-Cowboys".
Seiner kaltblütigen Grausamkeit entsprechend fing Escobar seine steile Karriere in der Drogenmafia als "gatillero" an, als "Mann vom Abzug", der mit Revolver oder Maschinenpistole die Geschäfte der Chefs absichert. Dem strebsamen jungen Mann mit den diskreten, ja bescheiden wirkenden Umgangsformen reichte das nicht: Mit dem Erlös einer Entführung kaufte er sich 1976 selbst die erste Ladung Kokain - und die erste Anklage als Drogenhändler. Zwei tote Detektive, eingeschüchterte Justizbeamte und ein von Kugeln durchlöcherter Richter - das Verfahren war gelaufen.
Nun war der Grabfrevler aus dem
Arbeiterviertel von Medellin nicht mehr aufzuhalten. In nur zehn Jahren schaffte er es in die Milliardärsliste des US-Magazins "Forbes". Dort steht er 1988 mit über zwei Milliarden Dollar zu Buche, genau wie seine Landsleute vom Ochoa -Clan.
Die gewaltige Leibesfülle des alten Fabio Ochoa Restrepo, hoch zu Pferd und mit einem Cowboyhut gekrönt, gehört schon zur Folklore Medellins. Der Patriarch, der in seinem Restaurant "Las Margaritas" einst regionale Speisen servierte, interessiert sich heute nur noch für Pferdezucht. Drei Söhne lenken mit Geschick das Geschäft mit der Droge. Vor allem der frühzeitige Aufbau eines Verteilernetzes in Miami brachte die Ochoas in den engen Zirkel der Könige.
"Es ist nicht erstaunlich, daß es gerade Männer aus Medellin waren, die das große Geschäft mit dem Kokain machten", meint eine Journalistin aus der Industriestadt. "Die Menschen aus dieser Gegend, die 'paisas', sind schon immer wegen ihres Fleißes gerühmt worden." Als Nachkommen von spanischen Sepharden und Basken schufen die "paisas" einst die große Industriekapitale des Landes.
Der Smog, der heute von den Fabrikvierteln über die Stadt weht, ist Beweis ihrer Strebsamkeit. "Um so mehr beklagen sie die Untergrabung ihrer Werte durch die Kokainmafia", sagt ein Professor der Universität, der wie die meisten in Medellin seinen Namen nicht genannt haben will. "Das schnelle Geld ersetzt Fleiß und Ehrlichkeit."
Neben regionaler Eigenart erklärt aber auch gewachsene Tradition das blühende Geschäft mit dem Rauschgift: "Die Konkurrenz zweier Wirtschaften, einer legalen und einer illegalen, einer, die Steuern zahlt, und einer, die sie hinterzieht, ist Teil unserer Geschichte", so Mario Arango und Jorge Child in einer Studie über das "Kokainimperium". "Oft war die illegale Wirtschaft Antriebskraft der legalen."
Schon die Könige Spaniens beklagten sich bitter, daß erhebliche Teile ihres Andengoldes hinterzogen wurden, und Alexander von Humboldt beschrieb noch einen blühenden Schmuggel mit dem Edelmetall. Ebenso füllten die grün glitzernden Smaragde, für die Kolumbien noch heute weltweit berühmt ist, manchen Banktresor in Europa oder Miami, während der Staat um seine Steuern geprellt wurde.
Auch das grüngraue Coca-Blatt ist schon seit Jahrhunderten gewinnbringende Handelsware für Kolumbianer. Indianer vom Chibcha-Stamm schleppten die Ernte in wochenlangen Märschen von den Feldern an den Andenabhängen in Bolivien und Peru zu den Stämmen in den kolumbianischen Tälern - dieselbe Route, die Flugzeuge der Narcos heute in Stunden zurücklegen.
Doch die Indianer verbrauchten selbst wenig des teils als heilig, teils als erotisierend geltenden Blattes, das laut Legende dem toten Leib einer schönen Kurtisane entwachsen sein soll. Angespornt durch Gewinnmargen von mehreren hundert Prozent, änderten die handelstüchtigen Spanier das bald: Das "mambeo", das Kauen der Coca-Blätter, wurde Alltagsgewohnheit des Volkes.
Vergebens erklärte Philipp II. den Rauschgifthändlern den Krieg, nichts nutzte es der Kirche, im Konzil von Lima im Jahre 1567 Coca als "Talisman des Teufels" zu verdammen: Selbst in den Klöstern kauten Mönche und Nonnen fröhlich weiter, während der Schmuggel von Coca, Gold und dann auch Negersklaven unzählige Spanier bereicherte.
Die Kolonialherren aus Spanien förderten den massiven Anbau der einst heiligen Pflanze der Indios, machten aus dem Kultgegenstand einen Artikel des Massenkonsums. Schmuggel von Gold und Smaragden, wie auch später die von der Oberschicht zielstrebig betriebene Devisenflucht, die jährlich etwa vier Milliarden Dollar aus Lateinamerika allein nach Miami pumpt, schufen die finanziellen Vorbedingungen, die Kontaktnetze und Bankverbindungen.
Die eigentlichen Schmuggelwege für das Kokain aus Kolumbien öffnete aber ein weit harmloseres Narkotikum, das seit Ende der sechziger Jahre die Blumenkinder der Hippie-Bewegung beflügelte: "Colombia Gold" oder "Santa Marta Red" hießen bald die besten Marihuana-Sorten auf dem Markt. Es war ein kurzer Boom, da die Cannabispflanze bald jeden Kommunen-Hinterhof von San Francisco schmückte. Doch die Weichen waren gestellt für einen weit lukrativeren Handel.
Der Aufstieg Pablo Escobars oder des Ochoa-Clans war aber nicht nur ein Unglück, das von außen über die braven Bürger hereinbrach. Escobar und seine Genossen kamen hoch, weil man sie einfach gewähren ließ. "Über zwei Schienen drangen sie in die Gesellschaft ein", erklärt ein Soziologe in Medellin. "Den Armen verschafften sie Arbeit - als Coca-Bauern oder im Transport." Rund 4000 Menschen sind direkt angestellt von den Milliarden des Medellin-Kartells. Indirekt aber lebt eine Million Menschen in Kolumbien von der Kokainwirtschaft.
Auch die Reichen wurden geblendet durch das leichte Geld, das der "Schnee" in ihre Stadt spülte. Die eher sparsamen "paisas" mochten den von Escobar begründeten Zoo, der 400 Angestellte beschäftigt, vielleicht für exzentrisch halten. Dem Reiz des Luxus, der importierten Limousinen und extravaganten Wohnungen erlagen sie gern. "Emergentes" (Aufsteiger) nennt man die Rauschgiftbosse beschönigend, ihre Manieren werden belächelt, ihre Dollars aber gern genommen. "Manch eine von der Krise getroffene Industrie bekam von seiten der Narcos einen rettenden Zuschuß", so ein Professor der Universität von Antioquia in Medellin.
Da erhielt etwa ein Bürger ein billiges Darlehen von einem Bekannten, um sein Haus fertigbauen zu können - das Geld stammte aus dem Drogengeschäft. Toleranz oder Komplicenschaft, die Grenzen sind fließend. Zumal der Schmuggel des Rauschgifts in die USA ja lange als Kavaliersdelikt angesehen wurde. "Das ist das Problem der Gringos", war bis vor kurzem die Standard-Antwort zum Thema Kokain. Sogar eine gewisse Schadenfreude über die späte "Rache der Indios" am übermächtigen großen Bruder im Norden war zu spüren.
Gewiß, wo sich Toleranz kaufen läßt, wächst noch lange keine Liebe. Noch tun sich die Drogenbosse schwer, einen Platz in der guten Gesellschaft zu erobern. "Man erkennt die 'emergentes' sofort", meint eine Psychologin, "an ihrer Art zu sprechen, zu gehen, an ihrer Kleidung." Die feinen Leute, die das Geld der Narcos annehmen, halten sozial noch Distanz. Riesensummen lassen es sich die Kokainbarone kosten, damit ihre Kinder in die vornehmen Schulen Medellins aufgenommen werden - etwa durch das Spenden einer Sportanlage oder eines Schwimmbeckens mit Olympia-Maßen.
Jeder kennt Anekdoten über die "emergentes" in Medellin. Als Mitschülerinnen den in Kolumbien gesellschaftlich so wichtigen 15. Geburtstag einei Narco-Tochter boykottieren, kauft der Papa den wenigen, die trotzdem kommen, gleich jeweils ein Auto, "damit es den anderen leid tut".
Einer Studentin an der Bushaltestelle bietet ein Mann, der offensichtlich noch nicht allzu lange gute Anzüge trägt, "einen Honda Prelude, wenn du drei Monate mit mir wohnst". Ist es da erstaunlich, wenn Pablo Escobar einer Freundin, die beim Fernsehen arbeitet, gleich ein ganzes Studio schenkt?
Gewiß, nicht alles kann man kaufen. Monatelang versuchte Escobar vergebens, Mitglied des feinen "Country Club" von Medellin zu werden. Wütend organisierte der Abgewiesene eine Gewerkschaft - sechs Monate lang legten die streikenden Angestellten dann den Klub lahm.
Doch die Bereitschaft der Herren des großen Geldes, einfach alles zu kaufen, was ihnen in den Blick kommen mag, und sei es noch so absurd, ist nur die anekdotische Seite einer gefährlichen Aushöhlung der gesamten kolumbianischen Wirtschaft.
Die stahlglitzernde Luxus-Disco "Kevins" mit bezauberndem Ausblick über Medellin, die 1,2 Millionen teuren Apartments der
Benares Towers mit eigenen, an den Balkonen hängenden Swimming-pools oder die schicken Boutiquen des Monterrey -Einkaufszentrums sind nur die stadtbekannten Varianten der Geldwaschanlagen, die Narco-Dollar in angeblich legitimen Verdienst umwandeln.
Wer sich bei einem der zwei Dutzend Händler im Zentrum der Stadt einen Mercedes oder einen Lincoln Continental bestellt, wer den Eintritt zu einem Fußballspiel bezahlt oder einfach mit der Familie ein Wochenende im Hotel Pescador, auf der von Touristen so beliebten "goldenen Route", absteigt, wäscht jedesmal, ohne es zu wollen, schmutziges Geld. Der Gewinn aus solchen legitimen Unternehmen soll vor dem Gesetz den plötzlichen Reichtum der Kokainbosse erklären - eine Verurteilung wie die des Chicagoer Gangsterbosses Al Capone wegen Steuerhinterziehung ist in Kolumbien heute ausgeschlossen.
Zu viele Menschen aus guter Familie haben ihren Namen hergegeben, um etwa Flugzeuge der Drogenschmuggler zu registrieren. Angesehene Industrielle haben den für die Herstellung des Kokains so wichtigen Äther importiert - die DEA verfolgte eine Spur bis hinauf in den Verwaltungsrat eines weltweit bekannten Ölmultis. Ganze Fußballmannschaften sind in die Hand der Narcos geraten. Pablo Escobar finanzierte die Teilnahme kolumbianischer Radfahrer an der Tour de France. Mit seinem Vetter Jesús Gaviria Rivero zusammen fuhr Escobar selbst gern Autorennen. Bald merkten die US-Behörden aber, daß die Fahrzeuge kolumbianischer Rennfahrer oft voller "Schnee" in Miami eintrafen.
Die Brüder Miguel und Gilberto José Rodriguez Orejuela, Capos des Drogenhandels in Cali, kauften sich gleich eine mit amerikanischen Hilfsgeldern aufgebaute Gewerkschaftsbank, um ihre Dollar zu waschen. Auch ins Pharmageschäft stiegen sie groß ein: "Von den rund 6000 Apotheken in Kolumbien gehören 500 der Drogenmafia", weiß der Direktor eines europäischen Pharma -Multis, "die schaffen aber ein Drittel des Umsatzes." Die Rodriguez-Brüder kontrollieren über Strohmänner die Firma Technoquimicas, die in Kolumbien Alka-Seltzer herstellt, und erwarben in Cali eine Fabrik des US-Konzerns Merck Sharp & Dohme.
Tatsächlich scheint Kolumbien von einer Art Drogenpest befallen. "Es ist inzwischen fast unmöglich zu wissen, ob eine Firma vom Kokaingeld infiziert wurde oder nicht", meint ein Wirtschaftsprofessor in Bogotá. Aber es sind nicht allein Menschen und Unternehmen, die angesteckt werden: "Der Staat handelt heuchlerisch", meint der Ex -Staatsanwalt Alfredo Gutierrez Márquez, "mit der einen Hand bekämpft er den Drogenhandel, mit der anderen kassiert er zufrieden den Gewinn aus dem Kokain."
"Schalter der Schande" nennt man in Kolumbien einen Dienst der Zentralbank, der schon seit den siebziger Jahren die Legalisierung von Dollar-Guthaben erlaubt, die ins Land gebracht werden - ohne Fragen über Herkunft oder Bestimmung. Zwischen einer und zwei Milliarden Dollar sind allein im vergangenen Jahr auf diese Weise ins Land geströmt, gewiß die Hälfte davon sind "Narco-Dollar". Und alle vier Jahre, wenn wieder ein Präsident gewählt wird, beschert er seinem Volk eine Steueramnestie, die auch dem schmutzigsten Geld blendend weiße Legalität verschafft.
Während die Nachbarländer von Krisen zerrüttet und unter gewaltiger Schuldenlast erdrückt werden, kann Kolumbien ein gesundes Wirtschaftswachstum von mehr als fünf Prozent im vergangenen Jahr aufweisen. "Es gibt nichts Vergleichbares in ganz Lateinamerika", freut sich etwa Maurico Dever Uribe, Sprecher der Bauindustrie Kolumbiens. In Medellin wurde im vergangenen Jahr 15 Prozent mehr gebaut als 1986, in Bogota sogar 24 Prozent mehr.
Andere Wirtschaftsführer blicken besorgt auf die Bonanza, die sie zu überrollen droht. "Bald wird über 60 Prozent des besten Weidelandes den Drogenbaronen gehören", klagt ein Vertreter der kolumbianischen Viehzüchter. Denn nicht allein der alte Pferdenarr Ochoa Restrepo protzt gern mit Haziendas, auch seine Kollegen von der Narco -Zunft sehen in Landgütern neben dem praktischen Nutzen auch den sozialen Status. Doch der Einbruch der "emergentes" in die Klasse der Gutsherren hat alte Konflikte auf brutalste Weise verschärft, Konflikte, die beweisen, wie zersplittert die Macht ist in Kolumbien - zwischen Staat, Narcos, Guerilla und rechtsextremen Todesschwadronen.
Denn in vielen der reichsten Vieh- oder Plantagengebiete werden Landherren seit Jahrzehnten gezwungen, fest verankerten Guerillaheeren Abgaben zu zahlen. "Vacuna" nennt man das, die Impfung gegen schlimmere Übel. Doch die Kokainbosse, die es gewohnt sind, mit Geld oder Gewalt alle Probleme zu lösen, sind keineswegs gewillt, sich der Macht anderer zu beugen. "Ich habe in Brooklyn angefangen, Marihuana zu verhökern", erzählt ein Narco aus Medellin, "ich habe mich mit Kopf, Fäusten und Pistole hochgekämpft. Ich gebe doch nichts ab von dem, was ich mir erarbeitet habe."
Der Kauf von Haziendas gilt als die beste Art, Drogengeld zu waschen. Längst wurde es aber auch zu einem neuen, einträglichen Geschäftszweig für die Narcos: Für einen Spottpreis, oft nur 50 Dollar pro Hektar, schnappen sie sich riesige, von der Guerilla verunsicherte Landstriche. Dann setzen sie ihre Privatarmeen ein, um sie zu säubern: Der Preis für "sicheres" Land südlich von Medellin schoß auf 1500 Dollar pro Hektar - das Doppelte eines vernünftigen Marktpreises.
Im fast alpenländisch anmutigen Rio -Negro-Tal ist der neue Reichtum nicht zu übersehen: Blumengeschmückte Chalets oder weißgetünchte Villen im Kolonialstil stehen umringt von üppigen Gärten, dahinter meist eine Parabolantenne, davor ein Rolls-Royce. "Der Krieg gegen die Aufständischen macht die Narcos für viele Bürger nun zu guten Nachbarn", meint ein Viehzüchter in Medellin.
So beginnt ein neuer Zyklus der Gewalt in einem Land, in dem das Blutvergießen nie enden will: Am Ostersonntag unterbrachen zehn Mann ein trunkenes Bauernfest mit Garben aus ihren Maschinenpistolen. "Auf den Boden, Hurensöhne", schrien sie, gaben einander dann johlend den Vorrang: "Schieß doch zuerst." Minuten später waren 28 Bauern aus der Siedlung "La Mejor Esquina" in der Provinz Córdoba tot. Mehrere ähnliche Vorfälle in den folgenden Wochen bestätigten das Urteil des Wochenmagazins "Semana", es habe "eine neue Art des Konflikts zwischen Gutsherren und Bauern begonnen".
Tatsächlich haben sich in der reichen Bananengegend des Golfes von Urabá und in den umliegenden Weideländern die Narcos - zum Teil mit Hilfe von rechtsradikalen Militärs - zu paramilitärischen Todesschwadronen organisiert. Da sie die Guerilla im offenen Kampf nicht stellen können, morden sie alles, was sie für links halten. Gerade in der Gegend von Urabá haben linke Kandidaten bei den Gemeindewahlen im März neun von zehn Ämtern errungen. Und die Gewerkschaften der Bauern sind durch jahrelange Kämpfe fest mit der Landbevölkerung verwachsen.
"Die Mafia bietet ihre Infrastruktur für diesen schmutzigen Krieg", befand "Semana", "und immer mehr Kolumbianer sind bereit, diese Dienste in Anspruch zu nehmen." Drei Militärs, darunter Major Luis Felipe Becerra, Nachrichtenchef des Bataillons von Urabá, gehören zu den Angeklagten im Massaker-Verfahren.
Wagemutig erließ die Richterin Martha Lucia González Rodriguez aber auch Haftbefehl gegen Pablo Escobar und Gonzalo Rodriguez Gacha als Hintermänner der Morde von Urabá. "Entweder ist Pablo Escobar der schlimmste Mörder in der Geschichte Kolumbiens", befand "Semana", "oder sein Name ist schon zu einer Legende geworden, in die alles hineinpaßt."
Sicher ist, daß Escobar nicht allein ist in diesem neuen Spiel. Das Ostermassaker in der benachbarten Provinz Cordoba war das Werk Fidel Castanos. Der als "Rambo" bekannte Narco-Boß ist von messianischem Haß getrieben gegen alles, was nach Kommunismus riecht, weil er der Guerilla einst ein Lösegeld für seinen entführten Vater bezahlen mußte. Auch die Universität von Antioquia in Medellin verfolgen er und seinesgleichen unerbittlich als Hort der Linken. "Wir werden einen Menschen töten für jeden Tag, den die Universität offen bleibt", warnte ein Flugblatt nach dem Mord an einem Zahnmediziner am 12. April. Niemand weiß, wann es wieder Vorlesungen geben wird.
"Die Massaker sind keine Einzelfälle", erklärte auch Generalstaatsanwalt Horacio Serpa. "Es gibt einen Plan des Terrors und der Ausrottung, erdacht und ausgeführt durch Organisationen, an deren Spitze perverse Kriminelle mit millionenträchtiger Finanzierung stehen. Die Freiheit, mit der sie handeln, beweist, daß sie mit der Langmut einflußreicher Bürger oder sogar öffentlicher Instanzen rechnen."
Das bisher schlimmste Massaker suchte Mitte November die Kleinstadt Segovia 150 Kilometer nordöstlich von Medellin heim, eine Hochburg der Linken. Eine Bande von etwa hundert mit Maschinengewehren bewaffneten Killern überfiel in der Abenddämmerung das Zentrum der Stadt und schoß wahllos um sich. Dann drangen sie in ausgesuchte Häuser ein und massakrierten die Bewohner. 43 Menschen wurden abgeschlachtet, über 50 verletzt. Auftraggeber des Massakers, das Behörden zunächst linken Guerrilleros in die Schuhe schieben wollten, war, so Eingeweihte, deren Todfeind "Rambo" Castanos.
So ist das Kartell von Medellin genau dort wieder angelangt, wo es anfing - beim Kampf gegen linke Störenfriede. Denn der Schulterschluß, der die Verbrecherkönige unbesiegbar machte, war die Antwort auf einen Angriff linker Guerrilleros: Auf dem Campus der Universität von Antioquia entführte ein Kommando der revolutionären M-19 -Bewegung am 12. November 1981 Martha Nieves Ochoa, eine Schwester der Drogenbrüder.
Sofort trommelten sie 223 ihrer Kumpane zusammen, die nach einer Versammlung im Intercontinental Hotel von Medellin eine Kriegskasse und eine Organisation schufen: MAS - "Tod den Entführern" - begann einen mörderischen Krieg gegen die Linke. Die bis dahin scheinbar unbesiegbare M-19 mußte Martha Nieves ohne Lösegeld freigeben.
Doch die Führung des Kartells beließ es nicht bei den Abwehrmaßnahmen gegen die Guerilla und der Gründung der MAS. Das Gewaltkartell, erst einmal geschaffen, agierte fortan wie ein multinationaler Konzern, regulierte Preispolitik, Lieferwege und koordinierte die Abwehr der Drogenfahnder. Zwei Jahre später schufen die Kartellherren am Ufer des Yarl, in der gewaltigen, kaum bewohnten Amazonas-Ebene im Südosten des Landes, die größte Kokainfabrik der Welt. Zwei Tonnen pro Woche produzierte die "Tranquilandia" (etwa: ruhiges Land) genannte Anlage 1984, allein ausreichend für den gesamten amerikanischen Markt.
Schutz verschaffte sich der Kokainkonzern durch ein seltsames Bündnis: Truppen des seit 1966 operierenden Guerillaheeres moskautreuer Kommunisten, der Farc (Revolutionäres Volksheer Kolumbiens), übernahmen die Sicherung des Gebietes im Austausch gegen Geld und Waffen. Während die Führung der Farc mit dem damaligen Präsidenten Belisario Betancur über einen Waffenstillstand, ja über die Aufgabe des Kampfes und die Rückkehr in die Politik verhandelte, wandelten sich ihre Amazonas-Einheiten zur "Narco-Guerilla".
Streit über die Höhe der Abgaben und die Entdeckung Tranquilandias durch einen US-Satelliten setzten der Allianz von Guerilla und Gangstern allerdings bald ein Ende. Da schmiedeten die Drogenkönige aber schon das perverseste Bündnis, das sie bisher geschaffen hatten: Guerrilleros der einst wegen ihres Idealismus auch in der Mittelklasse angesehenen M-19 überfielen am 6. November 1985 den Justizpalast in Bogotá.
Der Brutalität des Angriffs begegnete das Heer mit dem Einsatz schwerster Waffen - Panzer drückten die Tore ein, Artilleriegranaten brachen riesige Löcher in den modernen Zweckbau im Zentrum von Bogota. Über hundert Menschen starben, darunter elf Mitglieder des Obersten Gerichts. Obendrein verbrannten alle Akten über die Drogenkönige. Das Staatswesen geriet ins Wanken.
Langsam, als der Verdacht einer Beteiligung der Narcos allmählich durchsickerte, erahnten die Kolumbianer die Gefahr, die ihrem Gemeinwesen von der Drogenmafia drohte. "Narco wurde zu einem Wort, das sich ganz natürlich an alle Elemente des gesellschaftlichen Gewebes fügt", urteilt etwa Jesuitenpater Francisco de Roux, "es gibt Narco-Almosen, Narco-Guerilla, Narco-Militär, Narco-Polizei, Narco-Richter, Narco-Fußball, Narco-Händler und selbstverständlich auch Narco-Parlamentarier."
Das ganze Land war drogenabhängig geworden - überall steckte das Kokain. Und die Herren des weißen Pulvers führten einen Krieg ohne Fronten und Grenzen gegen den Staat, der sie unfreiwillig beherbergte. Schon im April 1984 erschossen zwei Killer auf einem roten Yamaha-Motorrad den Justizminister Rodrigo Lara Bonilla. Den Befehl zum Mord gab Pablo Escobar Gaviria - so jedenfalls stand es in den Gerichtsakten.
Ein Vertrag mit den USA aus dem Jahre 1979 war Anlaß des gnadenlosen Terrors gegen die Justiz. Denn dieses Abkommen ermöglicht die Auslieferung kolumbianischer Drogenhändler an die USA, falls dort eine Anklage vorliegt. Genau das aber ist das einzige, wovor das Medellin-Kartell Angst hat. Ungestraft morden können sie auch in den USA, das haben sie schon oft genug bewiesen. Auch amerikanische Polizeibeamte können sie kaufen - doch den Fäden der nordamerikanischen Justiz können sie auf Dauer nicht entrinnen.
Beinahe hätte es die Clanführer Jorge Luis Ochoa und Gilberto Rodriguez Orejuela schon erwischt. Nach dem Mord am Justizminister setzten sie sich nach Madrid ab, um ihre Gelder interkontinental zu investieren, den Markt in Europa zu öffnen und abzuwarten, bis sich in Kolumbien Staub über die Affäre gelegt hatte. Einem Bankmanager fielen die ungewöhnlichen Geschäfte Ochoas auf, und er benachrichtigte die Polizei.
"Schwarze Stunden für Ochoa und Rodriguez", schreibt Fabio Castillo, "sie mußten erkennen, daß ihre Milliarden ihnen in Spanien keine Straflosigkeit kaufen konnten." Zwei Auslieferungsanträge trafen in Madrid ein: Die USA wollten Ochoa wegen Drogenhandels, Kolumbien forderte ihn wegen Schmuggels von Kampfstieren. Die Stiere wogen beim spanischen Richter, aus welchen Gründen auch immer, mehr als Kokain - Ochoa kam nach Hause und dort bald wieder in Freiheit.
Aber es war ein knappes Entkommen gewesen. "Die Drogenhändler sahen nun ein, daß Kolumbien das einzige Land der Welt ist, wo sie in Sicherheit leben können", so Castillo, "sie beschlossen, es zu kaufen." In Massen strömte das Geld nun ins Land. Auch politisch wurden die Kokainbosse aktiv.
Pablo Escobar war schon ein paar Jahre zuvor als populistischer Führer in die Politik eingestiegen - mit einer Aktion "Medellin ohne Elendsviertel". "Don Pablo ist ein Märtyrer", meint der 65jährige Carlos Enrique Cardona, der mit einem Holzkarren auf der Straße Limonade verkauft. Er gehört zu den 480 Familien, die einst auf der Müllkippe Medellins lebten.
Auf einem Hang hoch über dem Stadtzentrum ließ der Kartellkönig eine neue Wohnsiedlung bauen. "Barrio Escobar" heißen die sauberen Reihen von Backsteinhäusern. Hier wird laut das Lob des edlen Spenders gesungen. Bei den Wahlen von 1982 wurde Escobar zum stellvertretenden Abgeordneten der Liberalen Partei gewählt. Er hatte einen Wahlkampf mit "grünen" Themen geführt, als Verteidiger der Natur. Nationalistisch war dagegen die Linie seines Kartellkollegen Carlos Lehder Rivas, Sohn eines deutschen Einwanderers und einer kolumbianischen Malerin. Lehder, der in den USA schon in Haft gesessen hatte, predigte einen konfusen Sozialismus. Seine Helden waren Hitler, Che Guevara und John Lennon, den er in Bronze gegossen neben seiner Villa aufstellen ließ.
Das Kokain sah Lehder als Mittel, um die imperialistische Macht USA von innen zu zersetzen. Lehder: "Kokain ist die Atombombe der Dritten Welt." Doch anders als Escobar oder die Ochoas, die, persönlich konventionell, als mustergültige Familienväter lebten und ihre Handelsware selbst nie anrührten, verfiel Lehder selbst dem Drogenrausch. Damit aber wurde er seinen Genossen gefährlich. Sie verrieten ihn und ließen seine Auslieferung in die USA zu, wo er im Juli zu Lebenslang plus 135 Jahre verurteilt wurde.
Die persönlichen Exkurse der Narco -Bosse in die Politik haben direkt wenig gefruchtet. Doch in jedem System, in dem das Geld, das ein Kandidat für den Wahlkampf aufbringen kann, entscheidend ist, mußten sie letztlich erfolgreich werden: "Man rechnet heute, daß zehn Prozent der Abgeordneten in
Drogengeschäfte verwickelt sind und daß nochmals zehn Prozent Geld von Rauschgifthändlern bekommen", meint Fabio Castillo, "das sind rund 50 Volksvertreter."
Der lange Weg durch die Instanzen ist den Kokainbossen aber offensichtlich nicht genug. Am 4. Mai 1984 trafen sich Pablo Escobar und Jorge Luis Ochoa im Hotel Marriott in Panama mit dem ehemaligen Präsidenten Alfonso López Michelsen und unterbreiteten ihm einen Vorschlag, der seither als "Pakt von Panama" herumgeistert. Gegen garantierte Straflosigkeit wollten die Narcos ihr ganzes Geschäft einbringen: Coca-Plantagen und Laboratorien würden sie zerstören und das gesamte in Steuerparadiesen angehäufte Geld nach Kolumbien zurückbringen - die Auslandsschulden des Staates hätten damit auf einen Schlag beglichen werden können.
Die Öffentlichkeit aber war entsetzt über den Vorschlag, der so kurz nach dem Mord an Lara Bonilla kam. Und der Krieg ging weiter: Die Regierung des Präsidenten Betancur lieferte sogar 16 kleinere Drogenbosse an die USA aus. Seit dem blutigen Überfall auf den Justizpalast und der Ablösung Betancurs durch den Präsidenten Virgilio Barco erscheint die Haltung des Staates aber zumindest zweideutig. Ende 1986 erklärte der Oberste Gerichtshof das Gesetz, das den Auslieferungsvertrag mit den USA in die kolumbianische Gesetzgebung eingliedert, für verfassungswidrig. Nun tobt der Streit, ob weiter ausgeliefert werden darf oder nicht.
"Aber gewiß", versicherte der frühere Justizminister Enrique Low Murtra dem SPIEGEL, "ich habe sogar fünf Haftbefehle gegen die Capos des Medellin-Kartells unterschrieben." Ein interamerikanisches Abkommen, das 1933 in Montevideo unterzeichnet wurde, wäre das juristische Instrument, um die Kokainbosse den USA zu übergeben, falls sie verhaftet werden.
Dazu braucht es aber vor allem den politischen Willen. "Die Justiz ist es satt, immer vorgeschoben zu werden", klagt ein Richter, "wir stehen allein im Kampf." Tatsächlich ist es zu billig, nur korrupten Richtern oder Polizeibeamten die Schuld am Treiben der Drogenmafia in die Schuhe zu schieben. "Bei der allgemeinen Gesetzlosigkeit kann man doch nicht von den Richtern erwarten, die Probleme der Gesellschaft zu lösen", meint ein Jurist in Medellin, "zum Beispiel gibt es 138 rechtsextreme Terrororganisationen in Kolumbien."
Es ist ein schwacher Trost, daß die Gewalt der Mafia nun auch eine neue Art von Kannibalismus hervorgebracht hat:
Im Kampf um den auf über 20 Milliarden Dollar geschätzten Kokainmarkt von New York bekriegen sich die Kartelle von Medellin und Cali ganz offen. Da fallen etwa drei Spitzel des Cali-Chefs Gilberto Rodriguez mitten im Mede -Iliner Nobelviertel El Poblado in einem Kugelhagel aus Maschinenpistolen. Panik unterbricht in Cali das Fußballspiel des einheimischen Klubs "Américá" gegen eine peruanische Mannschaft, weil drei Männer plötzlich wahllos in die Menge schießen.
Der Krieg soll auch eine politische Komponente haben: Rodriguez mag Escobars offenen Krieg gegen den Staat nicht mitmachen - als Justizminister Lara Bonilla ermordet wurde, gingen die "Kartelle" auseinander. Medellin scheint in dieser Auseinandersetzung die Nase vorn zu haben: Bisher hat der Krieg in diesem Jahr über 120 Menschen das Leben gekostet, die Mehrheit davon aus Cali.
So ist längst Selbstjustiz an der Tagesordnung - Menschenrechtler rechnen, daß monatlich mindestens 200 Menschen von der einen oder anderen Interessengruppe hingerichtet werden. In Medellin stirbt alle zwei Stunden ein Mensch durch Gewalt. Das ganze Land zählte 1987 rund 11 000 Morde. Für kolumbianische Männer zwischen 15 und 44 Jahren ist Mord die häufigste Todesursache.
Die Ex-Präsidenten, die in Kolumbien großes Prestige genießen, schweigen sich zum Rauschgift aus. Längst hätte der Kongreß ein neues Gesetz erlassen können, um die Frage der Auslieferung endgültig zu klären, doch niemand ergreift eine solche Initiative.
Sogar die Kirche ist lau, wenn es um die Verurteilung des Kartells geht. "Auch ich habe Geld vom Kartell bekommen, um es an die Armen zu verteilen", meint Bischof Dario Castrillón Hoyos in Medellin, und Kirchenchef Kardinal Alfonso López Trujillo wettert nur gegen Linke.
Manchmal scheint es, als hätten die Narcos den Krieg längst gewonnen. Nach dem Mord an Generalstaatsanwalt Carlos Mauro Hoyos Jiménez Anfang des Jahres legte sich eine Stimmung tiefer Resignation über das Land. Auch Hoyos war gestorben, wie Lara Bonilla und unzählige andere vor ihm, weil er hart gegen die Narcos kämpfen wollte - bis hin zur Auslieferung an die USA. Präsident Virgilio Barco hielt es nicht einmal für notwendig, zu seiner Beerdigung zu erscheinen.
"Verhandeln" ist das Schlagwort, das nun, teils verschämt, teils offen, stets häufiger in der Diskussion auftaucht. Das aber wäre gleichbedeutend mit Kapitulation. "Worüber sollen wir denn sprechen mit den Herren?" fragt etwa der Chefredakteur einer Tageszeitung, "der einzige Dialog, den die zu führen haben, ist der mit der Justiz."
Unter Druck der USA will die Barco -Regierung Justiz und Polizei verstärken. "Man läßt uns aber allein in diesem Krieg", klagt Francisco Bernal, Chef der kolumbianischen Drogenpolizei, "wir stellen die Toten, unser Land wird destabilisiert, und was für Hilfe kriegen wir?" Der Krieg ist international, doch immer noch führen ihn einzelne Beamte eines hilflosen Landes mit einer zaghaften Regierung. "Da gibt es mutige Richter, die noch immer Prozesse gegen die Narcos führen", bestätigt Low Murtra. "Vor allem aber haben wir in Medellin General Jaime Ruiz Barrera."
Der scheint die neueste Geheimwaffe - oder auch die letzte Hoffnung - der kolumbianischen Regierung zu sein. Seit Monaten durchsucht er Farmen und Luxusvillen in Medellin. Hunderte Waffen hat er sichergestellt und Dutzende Handlanger der Kokainchefs verhaftet. "Wir haben dabei auch wichtiges Informationsmaterial erbeutet, die Verhaftungen werden fortgesetzt", verspricht er.
Die US-Botschaft schwärmt von Ruiz Barrera und nennt ihn inoffiziell nur noch Kojak. Amerikanische Hilfe lehnt der General ab. "Wir brauchen die DEA nicht. Die Vierte Heeresbrigade in Medellin wird auch die Capos des Rauschgifthandels festnehmen." Falls ihr General so lange lebt.
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Opfer des Drogenkrieges in Kolumbien: Als wäre ein Mensch Ungeziefer
Ernte von Coca-Blättern
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"Die Atombombe der Dritten Welt"

SPIEGEL SPECIAL 1/1989
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