01.02.1990

Zeitbombe Greifswald

Das Politritual verlief immer gleich. Wenn der Chef der Bezirksleitung Rostock, Ernst Timm, mit seiner schwarzen Limousine auf das Kraftwerksgelände fuhr, um gönnerhaft nach dem Rechten zu sehen, eilte ihm katzbuckelnd der Erste Kreisparteisekretär von Greifswald entgegen: "Genosse Timm, melde: Keine besonderen Vorkommnisse!"
Um Fragen der technischen Sicherheit ging es bei dem SED-Appell nicht. "Keine besonderen Vorkommnisse" hieß: Feindtätigkeit unter Kontrolle, keine Unruhe oder politischen Aktionen unter den Arbeitern. Derweil klopften Kraftwerker poröses Metall von den Reaktordruckbehältern oder stopften radioaktive Leckagen - Alltag im VE Kombinat Kernkraftwerke "Bruno Leuschner".
In den neunziger Jahren sollte dieses AKW-Kombinat zu einem der größten Kernkraftwerk-Komplexe in Europa ausgebaut sein: acht Kernreaktoren, in deren Druckgefäße 340 Tonnen Uran ihre Strahlungshitze abgeben und damit rund ein Fünftel des gesamten DDR-Strombedarfs decken würden.
Doch das einstige Renommierstück der DDR-Energiewirtschaft ist in Wahrheit kaum mehr als ein Haufen Schrott - ein gefährlich strahlender dazu. Kraftwerksarbeiter in Greifswald sprachen von "Tschernobyl Nord".
Die Geschichte der vier Reaktorblökke vom sowjetischen Typ WWER 440, die seit 1973 nacheinander ans Netz gingen, gleicht einer Horrorchronik. Nach bis Anfang dieses Jahres geheimgehaltenen Berichten und Dokumenten, die dem SPIEGEL vorliegen, gab es im Kombinat "Bruno Leuschner" nahe dem Dorf Lubmin, 22 Kilometer von Greifswald, immer wieder schwere Störfälle und fortwährend Verstöße gegen auch nur minimale Anforderungen an den Strahlenschutz.
Mit Vertuschungsmanövern, Nachrichtensperren und massiver Einschüchterung von Betriebsangehörigen hatten SED und Stasi das Fiasko weitgehend unter der Decke halten können. Gebetsmühlengleich wurde bei Anfragen westlicher Experten die Antwort heruntergespult, es habe nie Probleme gegeben.
Diese Fiktion war nach der Wende nicht länger aufrechtzuerhalten, als bundesdeutsche Experten am 25. Januar mit der Sicherheitsüberprüfung der vier Greifswalder Reaktorblöcke begannen. Nach allen westlichen Sicherheitsstandards stellt der AKW-Komplex im Norden der DDR ein unverantwortbares Risiko dar.
Offizielle Stellen der DDR bestätigten schließlich, was der SPIEGEL zuerst enthüllt hatte: Ein großer Brand im Maschinenraum des Greifswalder Kernkraft-Komplexes führte Ende 1975 fast zu einem Super-GAU. Andere Störfälle, beispielsweise:
- 1974, der Block 1 war erst kurze Zeit mit Vollast gefahren, ließ sich der Reaktor nicht mehr kontrollieren, die Temperaturen stiegen. Nach Öffnen des Reaktordeckels bot sich ein Bild der Verwüstung: Etliche Brennelemente (DDR-Fachwort: "Kassetten") waren geborsten, die Zirkon-Ummantelung einzelner Brennstäbe war geplatzt; der wie in Pillenröhrchen angeordnete Uranbrennstoff war teilweise zusammengebacken, verklumpt oder verstreut.
- Im selben Jahr wurde bei der Entladung von Block 1 eine Katastrophe knapp vermieden. Irrtümlich war eines der schweren Steuerelemente (DDR-Fachwort: "Absorberkassette") aus dem offenen Druckgefäß gezogen worden und baumelte über dem vollgeladenen Reaktorkern. Der Absturz aus 15 Metern Höhe drohte - verhindert wurde er nur, weil es gelang, ein Feuerwehrsprungtuch unter die freihängende Kassette zu spannen.
- 1981 wurde ein Durchgehen des Reaktors gerade noch vermieden. Durch Vertauschen zweier Rohrleitungen gelangte 40 Minuten lang sogenanntes de-ionisiertes Wasser ("Deionat") in die aktive Zone des Reaktors. Der Kernspaltungsprozeß wurde dadurch beschleunigt - die Temperatur stieg unkontrolliert. Schnellabschaltung und Zuführung von neutronenbremsendem Bor stoppten die Überhitzung.
- 1988 kam es zum Ausfall des Reaktorblocks 3, weil das Notstromsystem versagte. Während die Stromzufuhr unterbrochen war, fielen alle Signalgeber und Sensoren aus und blieben beim Augenblickswert stehen - vier Minuten lang steuerten die Techniker den Reaktor im Blindflug.
Der vorerst letzte schwere Störfall im AKW Greifswald ereignete sich am 24. November letzten Jahres. Bei sogenannten Schieflast-Tests am nagelneuen Reaktorblock 5 wurden drei Hauptumwälzpumpen abgeschaltet, um die automatische Schnellabschaltung zu prüfen.
Doch der Havarieschutz funktionierte nicht. Der simulierte Störfall geriet außer Kontrolle, als eine weitere Umwälzpumpe versagte. 40 bis 50 Sekunden vergingen, ehe die Schnellabschaltung schließlich manuell ausgelöst wurde. In der Zwischenzeit war es bei schätzungsweise 10 bis 30 Brennelementkassetten zu gefährlicher Überhitzung gekommen.
Lange Zeit galten die Greifswalder Druckwasserreaktoren vom Typ WWER 440 als ein Exportschlager der sowjetischen Kernkraftwerker für alle Länder des östlichen Wirtschaftsblocks. Insgesamt 31 dieser störfallträchtigen Anlagen stehen in Bulgarien, Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR; die Sowjets selber betreiben 10 Atommeiler dieses Typs. Die Reaktoren sind weder erdbebensicher, noch haben sie das in westlichen AKWs übliche Containment, die Schutzhülle aus Stahl und Beton: Jeder Flugzeugabsturz kann das nukleare Desaster auslösen.
Die zweite Aufgabe des Containments westlicher Bauart ist es, bei einem schweren Störfall das Entweichen von radioaktivem Material zu verhindern oder mindestens hinauszuzögern.
In Greifswald gibt es statt dessen eine "abenteuerliche Druckablaßvariante", wie es ein Ortskundiger formulierte: Steigt der Druck im Reaktorgebäude an, wird der radioaktive Dampf einfach über Klappen und Ventile nach außen entlassen. Diese Berstmembranen reagieren nach Art eines Teekesselverschlusses, der bei Hitze zu pfeifen anfängt.
Kernstück der Greifswalder Anlagen sind die 23 Meter hohen Reaktordruckbehälter, von denen jeweils zwei in einem kastenförmigen Betonhaus stehen. Alle vier Greifswalder Reaktorblöcke hängen an einem einzigen Maschinenhaus von rund 1000 Meter Länge, in dem sich die Turbinen drehen; erst "in Auswertung des '75er Großbrandes" wurden Brandschutzwände eingezogen.
Die Reaktorblöcke befinden sich, wie ein Bericht aus Greifswald feststellt, "quasi in gegenseitiger örtlicher als auch schaltungstechnisch verknüpfter Störnähe". Im Klartext: Wenn ein Reaktor in die Luft fliegt, ist immer gleich ein zweiter Atommeiler dabei.
Die Decke des knapp 50 Meter hohen Reaktorgebäudes ist jeweils mit einfachen Spannbeton-Hohldielen ausgelegt. Mitarbeiter berichteten: Immer wieder regne es herein, mit Eimern werde das Regenwasser aufgefangen.
Solchen Schlendrian, der an die folgenschwere Schlamperei in Tschernobyl erinnert, betrachten die Greifswalder Kernkraftwerker als Erblast: Die DDR -Atomindustrie hat bisher keine eigene Sicherheitsphilosophie entwickeln können; ihr blieb nichts anderes übrig, als die sowjetische Reaktortechnik mit all ihren Schwächen zu übernehmen.
Diese Ausgangslage führt zu einem doppelten Handikap:
- Greifswalder AKW-Techniker sprechen von "gravierenden Konstruktionsfehlern aus der Zeit der Kernkraftgründerjahre",
- sie beklagen die "grenzenlos schlampig gebaute Anlage", für die man auch während der gesamten Betriebsdauer auf den unzureichenden Ersatzteilnachschub und Betreuungsservice der Sowjets angewiesen bleibe.
Auf kostspielige Sicherheitseinrichtungen für den Notfall, wie sie im Westen seit langem entwickelt werden, wurde bei den Greifswalder Atommeilern weitgehend verzichtet. So haben die Reaktorblöcke 1 bis 4 weder mehrfach ausgelegte Notkühlsysteme noch Reserveumwälzpumpen. Ein computergesteuertes, integriertes Überwachungs- und Leitsystem mit entsprechenden Meßfühlern und Steuerelementen fehlt ebenso wie ein separater, im Notfall zu beziehender Kontrollstand.
Geklotzt wurde bei der Dimensionierung der insgesamt sechs Hauptumwälzpumpen und der sogenannten Hauptkühlmittelleitung, über die ständig große Mengen Wasser in den radioaktiven Kern des Reaktors gedrückt werden, um die dort entstehende Strahlungshitze nach außen abzuführen. Jede einzelne dieser Pumpen, mit einer Leistung von zwei Megawatt, drückt pro Minute 108 Kubikmeter Wasser durch die 50 Zentimetern dicken Rohre des Primärkreislaufs in den Reaktorkern, wo es auf 300 Grad aufgeheizt wird.
Die allein schon mit dieser Wasserwucht verbundenen technischen Probleme sind bislang nicht gelöst: Die Gewalt der überdimensionalen Umwälzpumpen bewirkt, wie die Greifswalder berichten, unbeherrschbare "strömungsinduzierte Schwingungen", die immer wieder zu schweren Zerstörungen im Reaktor führen.
Gegen den Bruch einer der halbmeterdicken Hauptkühlmittelleitungen ist das atomtechnische Primitivsystem chancenlos. Tritt dieser Alptraum-Störfall ein, so käme es in Greifswald unweigerlich zu einer sofortigen Überhitzung im Zentrum des Meilers. Der Dampfdruck würde augenblicklich das Gebäude sprengen; die gefürchtete Kernschmelze wäre unvermeidlich.
Doch selbst wesentlich kleinere Rohrbrüche würden in Greifswald die Katastrophe auslösen. Zwar behaupten die sowjetischen Hersteller, der Bruch eines Rohres von etwa 14 Zentimetern Durchmesser sei noch "beherrschbar".
Eine Studie des Lubminer Direktorats "Sicherheit" kam zu einem anderen Ergebnis: Als "optimistische Variante", also als im günstigsten Fall noch kontrollierbar, sei der Bruch einer 80-Millimeter-Leitung zu betrachten. Weite Teile des kilometerlangen Rohrgeflechts von "Bruno Leuschner" haben einen größeren Durchmesser - Lubmin, ein atomares Pulverfaß.
Im Jahre 1984 schlidderte der Betrieb an einem derartigen Unglück nur knapp vorbei. Nur durch Zufall war während einer Revision am abgeschalteten Reaktor ein klaffender Riß in einer dicken Leitung des Primärkreislaufs (in der Gegend des sogenannten Volumenkompensators) entdeckt worden.
Westliche AKWs sind für den Notfall, daß nicht mehr genügend Wasser an den Reaktorkern strömt, mindestens in der Theorie gerüstet. Es sind drei unabhängig voneinander arbeitende Sicherheitssysteme vorgesehen, die je nach dem Ausmaß der Leckage oder des Pumpenausfalls automatisch anspringen. Die vier in Betrieb befindlichen Blöcke in Greifswald haben nichts Vergleichbares. Lediglich sechs kleine Reservepumpen sind bei Bedarf in der Lage, mit Bor versetztes (und deshalb den Neutronenfluß bremsendes) Wasser in den havarierten Kreislauf zu drücken.
Immerhin, eine dieser Pumpen war es, die im Jahre 1975 die Atomindustrie der DDR am Super-GAU knapp vorbeischrammen ließ.
Es war der bisher vermutlich schwerste Störfall in Lubmin. Infolge von falsch ausgeführten Erdungsarbeiten an der elektrischen Anlage waren Funken auf den Turbinensatz 2 des Reaktors 2 übergesprungen. Bald stand der Maschinenraum in Flammen, das Feuer griff auf andere Turbinen über.
Das gesamte Kühlsystem für Block 1 fiel aus - elektrisch tot. Zwar wurde der Reaktor abgeschaltet, aber die Restwärme im Brennstoffkern des Meilers hätte ihn zum Schmelzen gebracht; lediglich der Umstand, daß zufällig eine der sechs Notkühlpumpen an den Stromkreislauf des Nachbarreaktors angeschlossen war, sicherte notdürftig die Kühlung und verhinderte eine Kernschmelze.
Das war nicht der einzige hochgefährliche Brand in Greifswald. 1977 gab es einen "Entstehungsbrandfall in der chemischen Wasseraufbereitungsanlage (CWA 1)". 1988 zündelte es wieder: "Infolge bekannter Mängel (Ölleck am Lager 2 mit Ölaustritt in der Isolierung)", so der geheime Störfallbericht, kam es zu einer "Glutnestbildung" im Turbinensatz 5. Elf Jahre vergingen, bis die nach dem Schock von 1975 vorgeschlagenen Verbesserungen beim Brandschutz realisiert wurden.
Anfang der achtziger Jahre stießen die Werkstoffprüfer in Greifswald auf die ersten Symptome eines Problems, das sich inzwischen zu einem hochrangigen Dauerrisiko ausgeweitet hat: Unter dem pausenlosen Beschuß mit Neutronen aus den Reaktorbrennstäben und unter der mechanischen Einwirkung der unaufhörlich durch den Kreislauf pulsierenden Wassermassen begann der Stahl des Reaktordruckgefäßes müde zu werden. Er zeigte Risse und erste Korrosionsnarben am Material.
Bei den Blöcken 1 und 2 hat das Korrosionsproblem inzwischen katastrophale Ausmaße angenommen. Diese Druckbehälter besitzen keine Plattierung - die Stahlwände haben direkten Kontakt zum Kühlwasser. Erst Block 3 und 4 erhielten die schützende Beschichtung mit einer Speziallegierung. Doch auch bei Block 3 und 4 wurden die Anti-Korrosionsschichten so mangelhaft aufgetragen, daß sich nun die Korrosionsherde unter der Plattierung ausbilden - wie die faulen Stellen unter einer schlecht sitzenden Zahnkrone. 1983 bereits meldeten die Prüfer "tiefe Anrisse" in Reaktorblock 3.
Um den Problemen beizukommen, bastelten sich die Greifswalder Techniker eine Art Taucherglocke, einzigartig in der Welt. In dem zylinderförmigen Arbeitscontainer, mit Fenstern, Luken und einer Bodenplatte aus dickem Blei, werden Arbeiter in das leergepumpte Reaktordruckgefäß abgesenkt, um die Korrosionsschäden an den Wandungen des Gefäßes auszubessern.
Die atomare Taucherglocke ist lebensgefährlich. Ohne spezielle Strahlenschutzanzüge, lediglich mit Atemschutzmasken ausgestattet, ließen sich die Arbeiter in das radioaktive Faß abseilen. Die sogenannten Rekonstruktions -Mannschaften waren gehalten, selbst aufzupassen, daß nichts passiert. Als 1988 einer der Greifswalder Reko-Arbeiter mit verstrahlten Händen wieder auftauchte, wurde er zu allem Überfluß noch mit einer Disziplinarstrafe belegt.
Trotz aller Flickschusterei - unter dem Bombardement der freigesetzten Neutronen verliert der Stahl immer mehr an Festigkeit. 1988 wurden kleine Späne aus den Druckbehältern geschlagen und in Labors geprüft. Im März 1989 sollten wenigstens die Lubminer Direktoren über die Ergebnisse in Kenntnis gesetzt werden. Doch die Berliner Zentralbehörde, das Staatliche Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS), entschloß sich zur Verschwiegenheit.
Verzweifelt versuchten die Atomtechniker der DDR in den letzten Jahren, die zusehends vergammelnden Reaktoren in Lubmin betriebsfähig zu halten. Die Reparaturaufwendungen wurden immer dringlicher, seit die vier Blöcke (Alter: zwischen 11 und 16 Jahren), wie es in einem internen Bericht hieß, nunmehr "die Phase der Dauerinstandhaltung" erreicht haben.
Wie bei einem verrosteten Uralt-Auto wurden die "Reko-Phasen" immer länger, immer mehr Teile der Riesenanlage sind materialermüdet, kaputt, verschlissen oder schrottreif. Gleichzeitig wurden die Sowjets mit der Lieferung von Ersatzteilen immer säumiger.
Entsprechend wuchsen die Ausfallzeiten des AKW Greifswald. Während normalerweise mit Beladungs- und Wartungsaufwand von drei bis vier Wochen pro Reaktor und Jahr gerechnet wird, summierten sich bei den vier Blöcken in Greifswald 1988 die Blockstillstandszeiten auf insgesamt 231 Tage.
Doch nichts von all diesen Ausfallzeiten, Störfällen und lebensbedrohlichen Schwachstellen im System gelangte in den zweieinhalb Jahrzehnten, seit DDR -Kraftwerke Atomstrom liefern, an die Öffentlichkeit.
Allein im Greifswalder Kombinat "Bruno Leuschner" sorgte bis Ende November letzten Jahres eine eigene Stasi -Truppe, bestehend aus rund 40 "Hauptamtlichen" und einer großen Anzahl von "korrespondierenden Mitgliedern" für eine quasimilitärische Abschirmung des Geländes und für permanente Einschüchterung aller Beschäftigten.
In allen Positionen der Leitungskader und Direktorate und überall in den Arbeiterbrigaden waren SED-Leute eingesetzt, die den Atomkomplex nach innen zu überwachen und nach außen dichtzuhalten hatten. Die letzte Weisungsbefugnis in Fragen der Atomsicherheit, auch noch gegenüber den eigentlich dafür zuständigen Beamten der staatlichen Aufsichtsbehörde SAAS in Ost-Berlin, oblag fachlich hochqualifizierten Mitarbeitern der Stasi.
Erst nach der Wende, am 13. November letzten Jahres, entschloß sich Generaldirektor Reiner Lehmann, ein eloquenter Managertyp, die "Verpflichtungserklärung" zu lockern, die bis dahin jeden Greifswalder Techniker zum Stasi-Hilfsagenten, jeden Facharbeiter zum Spitzel machte.
Wegen der "außerordentlichen politischen und ökonomischen Bedeutung" des Kernkraftwerk-Komplexes war in der Erklärung jeder Mitarbeiter, im Blick auf seine "kaderpolitische Eignung", zu "speziellen Verhaltensweisen" verpflichtet worden. Die Unterwerfungserklärung vergatterte ihn,
- "der Regierung der DDR treu ergeben zu sein",
- "gegenüber außenstehenden Personen strengste Verschwiegenheit zu wahren",
- "Mitarbeitern anderer Struktureinheiten ... Kenntnisse nur so weit zu vermitteln, wie es zur Erledigung dienstlicher Aufgaben minimal erforderlich ist", und schließlich
- "meinem Vorgesetzten sofort Mitteilung zu machen, wenn ich Feindtätigkeit vermute".
Noch einmal enger wurde der Würgegriff der Geheimhaltung im Jahr 1988. Das Direktorat "Sicherheit", in dem sämtliche Störmeldungen zusammenlaufen, wurde damals von allen Nicht-SED -Mitgliedern gesäubert.
Selbst von den offiziellen "Technischen Jahresberichten", die in den einzelnen Abteilungen verfaßt werden, ging jeweils nur der geschwätzige allgemeine Teil 1 an die Fachdirektoren und an ausgesuchte Mitarbeiter. Teil 2 und 3 kamen in den Panzerschrank der Berliner Zentralbehörde für Atomsicherheit.
Während unter sicherheitstechnisch unvertretbaren Bedingungen das atomare Pokerspiel in Greifswald über die Jahre weiterging, wuchs der Atommüll zu einem Riesenberg. Das DDR-Atommüllager in Morsleben ist nur für schwach- und mittelradioaktive Abfälle geeignet. Die jährlich mehr als 50 Tonnen hochverseuchten Urans, die als Abbrand aus den Reaktoren gehievt werden, sollten nach ursprünglicher Planung von der Sowjetunion übernommen und dort endgelagert werden.
Doch seit fünf Jahren haben die Sowjets kein einziges Brennelement mehr abgeholt. Das Zwischenlager in Greifswald ist bereits zur Hälfte gefüllt. Auch hier gibt es Probleme mit dem Sickerwasser; es fehlen Sensoren zur Kontrolle einer möglichen Rißbildung.
In einem Satz hat ein ehemals leitender Techniker vom Greifswalder Atomkomplex "den ganzen Frust und die Angst" seiner Kollegen zusammengefaßt: "Es ist nur allzu offensichtlich, daß die Anlagen mit einem durch nichts entschuldbaren, unvertretbar hohen nuklearen Sicherheitsrisiko gefahren werden."
Dieser Einsicht konnten sich - schon nach der ersten Sicherheitsüberprüfung durch bundesdeutsche Experten - die Kernkraft-Verantwortlichen auch in Ost -Berlin nicht länger verschließen.
Mitte Februar empfahl Bundesumweltminister Töpfer den zuständigen Stellen in der DDR, die Blöcke 2 und 3 des Kernkraftwerks Nord stillzulegen.
Zur Begründung gaben die westdeutschen Reaktorüberprüfer an, die Sicherheit der Druckbehälter dieser beiden Blöcke gegen Sprödbruch sei nicht mehr ausreichend. Block 2 wurde noch im Februar, Block 3 Anfang März "zur Generalinstandhaltung" stillgelegt.
Auch die Tage der beiden übrigen Blöcke in Lubmin dürften gezählt sein. Anfang März legte der Schwerindustrie-Minister dem DDR-Ministerrat ein Papier zur "Ausarbeitung einer Konzeption für eine neue Energiepolitik" vor. Darin heißt es, "daß eine Rekonstruktion der Blöcke 1 bis 4 am Standort Lubmin volkswirtschaftlich nicht effektiv ist".
Im Klartext: Auch die DDR-Regierung hielt eine Nachrüstung der vier Reaktorinvaliden von Greifswald für sinnlos.
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Russisches Roulett in Greifswald
Schwachstellen im Druckwasserreaktor WWER 440 (Schematische Darstellung)
Maschinenhaus des Kernkraftwerks Greifswald: Schwere Störungen bei den Reaktorinvaliden
Kernkraft-Komplex Greifswald: Lebensbedrohliche Schwachstellen im System
Kernkraftwerker in Greifswald: Im Würgegriff der Geheimhaltung
Kombinatsdirektor Lehmann
Jeder Techniker ein Stasi-Hilfsagent?
Zerstörter Reaktorblock in Tschernobyl: Erblast für die DDR
Greifswald-Besucher Töpfer
"Abenteuerliche Druckablaßvariante"

SPIEGEL SPECIAL 2/1990
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