01.02.1990

Drahtseilakte im 2. Stock

Das stumpfe Glas an der Längsseite läßt kaum noch Licht durch, verhindert so aber auch den Einblick von außen. An der Stirnseite der 35 Meter langen und 15 Meter breiten Halle liegt eine kleine Werkstatt; Schlosser und Tischler werkeln hier auf knapp 20 Quadratmetern nebeneinander. Auf der anderen Seite schließt ein großes, farbloses Metalltor den Raum ab.
In einer Ecke lehnen zehn mannsgroße Lederpuppen an der Wand, als mache da eine Ringertruppe Pause. Neben der Sprunggrube baumelt schlapp der Ringe-Galgen für die Turner, zwischen Barren und Bodenmatten stehen Kraftgeräte für Gewichtheber.
Was aussieht wie die Turnhalle eines kleinen bundesdeutschen Vorstadt -Sportvereins, bei dem die Zeit schon lange stehengeblieben ist, beflügelte über Jahrzehnte hinweg die Phantasie von Sportwissenschaftlern in der ganzen Welt. Es ist jener Ort, an dem der Leistungssport der DDR, dieses "gigantische Dekorationsstück der Partei und Regierung", wie ihn das Neue Forum nennt, in immer neue Höhen gehievt wurde. Hier wurden die Athleten vermessen, wurden Trainingsmethoden und Sportgeräte erforscht und getestet.
Die Arbeit der 600 Wissenschaftler und Verwaltungsangestellten unterlag der absoluten Geheimhaltung. Selbst die Nachbarn wußten nicht, was in dem hell verputzten Gebäude ohne Namensschild in der Leipziger Friedrich-Ludwig-Jahn-Allee 59 vor sich ging. Sie hielten den fünfstöckigen "Experimentalbau" für den Eingangsbereich der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK).
Tatsächlich residiert hier jedoch das "Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport" (FKS). "Bis vor einiger Zeit standen wir nicht einmal im Telefonbuch", sagt FKS-Sprecher Horst Forchel, 58. Und wer sich in das Gebäude mit den 300 Zimmern verlief, bekam nichts als Bürostuben zu sehen. Das sportwissenschaftliche Herzstück, die sagenumwobene "Testhalle", ist nur schwer zu finden.
Schmale Gänge und Dutzende von Treppenstiegen bilden ein verwirrendes Labyrinth, der verwinkelte Weg führt immer wieder an Verbotsschildern und siegelbeschlagenen Türen vorbei. Vor der eigentlichen "Brutstätte für DDR-Erfolge im Sport" (Süddeutsche Zeitung), die bei westlichen Experten den Ruf eines Mirakels besaß, zögert Forchel nur kurz: "Bisher hat kein Fremder seinen Fuß hier reinsetzen dürfen." Doch heute gehen in der DDR nach und nach alle Türen auf.
Hier ausnahmsweise herrscht Leistungsgesellschaft. Per Preßluft wird etwa in dem Sport-Laboratorium Leben in die ledernen Ringer-Dummys gehaucht. Geführt durch elektrische Simulatoren, sind die gepolsterten Roboter ideale Partner für die Technikschulung des Athleten.
Biomechaniker zerlegen detektivisch die Kovacs-Felge - ein gehockter Salto über die Reckstange - von Turn-As Andreas Wecker per Elektronik in ihre Einzelteile. Es scheint so, als ob die Bewegungen des Vize-Weltmeisters an den Ringen perfekt seien. Der angeschlossene Rechner deckt alle Abweichungen von der Ideallinie auf: Weckers Flughöhe beträgt nur 1,08 Meter - Konkurrenten fliegen einen halben Meter höher.
Dort, wo der Hallenboden aufgerissen ist und elektrische Drähte den Kunststoff-Untergrund durchziehen, probt immer wieder eine stämmige Dame. Auf der "dynamometrischen Plattform" wird die Beinarbeit der Diskus-Weltcupsiegerin Ilke Wyludda akribisch seziert. Die Elektroden melden den Krafteinsatz der gewaltigen Oberschenkel in jeder Phase der Drehung, Computer berechnen die Werte. Ilke Wyluddas linkes Bein ist für die weiten Würfe verantwortlich. Wenn dort die Muskeln explodieren, entwickeln sie eine Kraft von 200 Kilopond - damit könnte sie spielend einen Trabi wegdrücken.
Jahrelang munkelten ausländische Trainer, denen die Seriensiege der DDR-Schwimmerinnen unerklärlich waren, von der angeblichen Existenz eines Strömungskanals. Jetzt ist auch dieses Geheimnis keines mehr. Steile Stufen und enge Kellergewölbe führen von einem Nebengang der benachbarten DHfK-Schwimmhalle in eine unterirdische Meßstation des Forschungsinstituts.
Dort liefert ein gefliester Käfig - drei Meter lang, kaum zwei Meter tief - seit 19 Jahren exakte Daten über das Bewegungsverhalten der Athleten im Wasser. Auf Knopfdruck wirbeln die Wellen auf, das Wasser im Becken beginnt zu fließen. Je nach Leistungsfähigkeit des Schwimmers wird das Tempo wie bei einem Laufband gesteigert, die Testperson krault auf der Stelle. Mit Kameras werden jeder Armzug, jede Fußbewegung festgehalten, im Computerraum folgt die Analyse. Das System funktioniert: Kristin Otto holte sich hier den technischen Schliff, um in Seoul sechs olympische Goldmedaillen zu gewinnen.
Als auch in westliche Leistungszentren immer mehr Technik Einzug hielt, übernahmen die Leipziger kurzerhand das Know-how, entwickelten es aber sofort weiter: Handwerker fertigten ständig neue Trainingsgeräte, Boxer schlugen auf in Sandsäcken versteckte Meßstationen ein, Wasserspringer probten vor Videokameras auf dem Trockenen.
Auch die pharmakologische Manipulation der Athleten gehörte zum Auftrag. Im Endokrinologischen Labor werkelte etwa Professor Winfried Schäker höchst erfolgreich bei der Suche nach "unterstützenden Maßnahmen", wie Ärzte und Sportfunktionäre das heimlich praktizierte Doping nannten. Der Sportmediziner zwang Ratten, so hart und ausdauernd zu trainieren, als seien sie Berufssportler. Dann stach er den Nagetieren eine Kanüle in den Schädel und saugte das Gehirnwasser ab. In dieser Flüssigkeit suchte Schäker nach Neurohormonen, die die Muskelaktivität stimulieren.
Systematisch überprüften die Wissenschaftler die Novitäten des weltweiten Pharmaangebots auf ihre Eignung als Stimulus im Leistungssport; dabei kooperierten sie verdeckt mit Vertrauensleuten in der volkseigenen Arzneimittelproduktion und den Universitäten. Spezialisten aus bis zu 20 Fachdisziplinen tüftelten an der Optimierung des Dopings nach Sportart und Geschlecht. Der Sportmedizinische Dienst der DDR - er beschäftigte 1800 Ärzte, Schwestern, Physiotherapeuten und weiteres Personal - erhielt dann detaillierte Handlungsanweisungen.
Jetzt, da Medaillen nicht mehr das Maß aller Dinge sind und die staatlichen Mittel für die einstigen Vorzeige-Sportler mit Sicherheit schrumpfen werden, träumen die Wissenschaftler des FKS von Joint-ventures und Valuta. Institutsdirektor Hans Schuster, 61, nimmt an, daß "der Westen alle Erkenntnisse und Ergebnisse von uns bekommen kann".
Der Drang der Forscher gen Westen scheint kaum aufzuhalten zu sein. Geringe Bezahlung - 1300 bis 2000 Ost-Mark im Monat - und permanenter Druck der roten Funktionäre haben sie anfällig gemacht.
Die "übertriebenen Geheimhaltungsstufen" machten Helmut Bachmann zu schaffen. Der Direktor des Zentrums für Wissenschaftsinformation vollführte "wahre Drahtseilakte", um hin und wieder mal mit westlichen Partnern kooperieren zu können. In seiner Abteilung im zweiten Stock wird auch heute noch jeden Abend vor ein zehn Quadratmeter großes Zimmer ein schweres Eisengitter geschoben und die Tür verplombt.
Der Raum ist mit Aktenschränken bis unter die Decke vollgestellt, in denen das intime Wissen sportwissenschaftlicher Forschung aus aller Welt gespeichert ist. Die Datenbank führt, sorgfältig katalogisiert, 140 000 Nachweise.
Aber dieser Speicher ist keine Tabuzone mehr. Jeder Trainer und Wissenschaftler der Welt soll sich demnächst hier bedienen können; so will Schuster seinen 18-Millionen-Mark-Etat decken: "Alle Geheimnisse sind zu verkaufen."
Ob mit diesen Geschäften allein die Sportforschung in Leipzig gerettet werden kann, scheint aber fraglich. So unbestritten die Erfolge sind - sie konnten nur in einem System gedeihen, das die enge Zusammenarbeit aller Institute und eine direkte Arbeit am Athleten zentralistisch verordnete.
Wo auch immer im Land Talente gesichtet oder Athleten getrimmt wurden - die Trainer hatten ihre Ausbildung an der Hochschule nebenan absolviert. Und immer wurden dabei die neuesten Ergebnisse des Forschungsinstituts berücksichtigt. So arbeitete die gesamte Sportbranche der DDR über Jahrzehnte nach Einheitsraster: gleiches Denken, gleiche Methoden, gleiches Ziel.
Die Deutsche Hochschule für Körperkultur ist mit ihren rund 500 Lehrkräften das offizielle Zentrum der Sportwissenschaft in der DDR gewesen. Weil die Funktionäre in Ost-Berlin das FKS als Tarnorganisation konzipierten, firmierte nach außen die Sport-Uni als "Symbol des Aufstiegs unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht" (Egon Krenz).
Auch wenn von übergroßen Gemälden auf dem Flur noch Eiskunstläuferin Katarina Witt und "Täve" Schur, der rote Radfahrer aus den Gründerjahren der Republik, dem Besucher entgegenlächeln - der Wunsch nach neuen Perspektiven in der Ausbildung wird immer lauter. Schon im November 1989 forderten Studenten und Dozenten auf einer Wandzeitung Reformen an der DHfK ein.
Der Lehrkörper tut sich schwer mit der Wende. Zu sehr gefiel sich die Sporthochschule in der Vergangenheit als Hätschelkind des SED-Apparats. Die bisher 17 000 Absolventen waren in der Regel treue Genossen.
Als staatstragendes Prestigeobjekt des ungeliebten Systems geriet aber auch die DHfK zunehmend in die Kritik. An der "roten Hochschule", so der Volksmund, mußten die zukünftigen Trainer nicht nur springen und sprinten üben. Im vierjährigen Studium wurden ihnen die Begriffe des Marxismus-Leninismus vorgekaut - bis hin zu einer "gewissen Sättigung und Abwehr", wie Rektor Gerhard Lehmann, 53, zugibt. Ihn zählt Harold Tünnemann, sportpolitischer Sprecher des Neuen Forums, zu den typischen Wendehälsen im Land. Im Herbst 1988 hatte Lehmann stolz erklärt, daß Weltklasseleistungen "vor allem durch parteiverbundenes Wirken von Kadern erreicht worden sind".
Lehmann residiert nach wie vor im gediegenen Interieur seines "Turmzimmers". Zwei rote Telefone symbolisieren weiterhin Einfluß und Autorität. Die 28 Bände der blauen Marx-Reihe aus dem Dietz-Verlag beanspruchen ein ganzes Brett im Regal. Die rotbraunen Lenin -Werke zieren das Bücherbrett vor dem wuchtigen Schreibtisch. Zu Lehmanns Wortschatz aber zählen die Doktrinen der alten Sozialismus-Theoretiker plötzlich nicht mehr. Der ideologische Ballast ist abgeworfen.
Gedrängt von des Volkes Stimme, versucht die DHfK den Ausstieg aus der Spitzensport-Forschung. "Wir müssen den Sport vom Kopf auf die Füße stellen", verkündet Lehmann. Schul- und Gesundheitssport, Breiten- und Freizeitsport sollen bald in den Lehrplänen stehen.
Die Studenten kann das neue Konzept der alten Führung nicht überzeugen. Sie sind skeptisch, ob ein kurzfristiger Umstieg auf den Volkssport überhaupt klappen kann. Zu sehr fehlt es im Land an Hallen und Sportausrüstung, um die Kaderschmieden in eine Massenbewegung zu transformieren.
Die zukünftigen Sportlehrer fürchten aber nicht nur deshalb um ihre berufliche Zukunft. "Wie lange", fragt sarkastisch Tünnemann, "kann denn ein Jogger durch den Smog von Leipzig laufen, ehe er tot umfällt?"
_____
Testhalle des Sport-Forschungsinstituts in Leipzig: "Alle Geheimnisse sind zu verkaufen"
Boxer am Meßgerät: Dummys und Simulatoren sind ...
... ideale Partner der Athleten: Gepolsterter Roboter, Sportler
Sporthochschule in Leipzig: "Brutstätte für DDR-Erfolge"
Olympiasiegerin Kristin Otto
Letzter Schliff im Strömungskanal

SPIEGEL SPECIAL 2/1990
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