01.01.1990

„Verlieren oder Siegen?“

Der Brief aus Dortmund war für die Düsseldorfer Abiturientin Bettina Becker "ein Schock": Das Studium der Betriebswirtschaftslehre, teilte die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) mit, könne die Bewerberin an der Universität-Gesamthochschule-Siegen aufnehmen. Zu Siegen fiel der Abiturientin nur zweierlei ein: "Die Stadt ist ein Nichts", und "sie liegt am Arsch der Welt".
Wo genau Siegen eigentlich liegt und wie man mit dem Zug dahinkommt, fand Bettina Becker erst nach längerem Karten- und Fahrplanstudium heraus: 120 Kilometer Ost-Südost von Düsseldorf entfernt und zweieinhalb Stunden Fahrt mit Bummelzug und Umsteigen. Am zweiten Abend nach der Ankunft in Siegen gab sie ihr Resümee telefonisch nach Hause durch: "Hier bleibe ich auf keinen Fall."
Daß die Düsseldorferin mit ihrem Urteil nicht allein stand, bestätigten ihr die abfälligen Bemerkungen von Leidensgenossinnen. Und in einer Einführungsveranstaltung der Universität signalisierte sogar der Dozent: Man habe Verständnis dafür, daß viele ZVS-Geschädigte so schnell wie möglich weg wollten. Man werde alles Erdenkliche tun, um ihnen bei der Flucht aus Siegen behilflich zu sein. "Was ist schlimmer als verlieren?" fragte ein Kommilitone seine Nachbarin im Audimax, und lieferte auch gleich die Antwort: "Siegen".
Und mancher Professor scheint nicht viel anders zu denken. Selbst der Siegener Theologe und Uni-Rektor Klaus Sturm, der zuvor 17 Jahre lang in Bonn gelebt hat, vermißt "die Atmosphäre, das Ambiente, das Flair". Zum Zahnarzt, zur Bank und zur Buchhandlung geht Sturm immer noch in Bonn, wo er "ab und zu genießt, wieder mal eine richtige Stadt zu haben".
"Man kann wirklich nicht sagen, daß Siegen eine studentenfreundliche Stadt ist", bestätigt der Maschinenbauprofessor Gerhard Rimbach, der die Hochschule von 1980 bis 1989 leitete, "dazu fehlen zu viele Komponenten." Wer das Siegener Kneipen-Angebot an alten Uni-Städten wie Heidelberg, Marburg oder München mißt, müsse in Siegen verzweifeln.
Die Kulturausgaben der Stadt seien, so Alt-Rektor Rimbach, die zweitniedrigsten im gesamten Bundesgebiet. Das Theaterangebot Siegens bestehe aus Gastspielen, zur Hälfte Stücke mit Bumsfallera. "Das alles wird in zehn Jahren anders aussehen", vertröstet Rektor Sturm hoffnungsvoll, wie Theologen nun mal sind. Derzeit allerdings sei "das kulturelle Angebot kein ehrliches PR-Argument".
Die Universität selbst liegt am Nordrand Siegens, hoch oben auf dem Rücken des Haardter Bergs und verteilt auf drei unbequem weit auseinanderliegende
Grundstücke. Mal schnell zu Fuß kommen Studenten in diese Uni jedenfalls nicht. Fürs Fahrrad sind die Berge zu steil. Und die Busverbindungen zur Uni sind so ausgedünnt und kompliziert, daß rund 70 Prozent der Studenten lieber gleich mit dem Auto fahren.
Für so viele Autos fehlt es an Parkmöglichkeiten; ein Defizit von über tausend Stellplätzen hat die Univerwaltung errechnet - eine Marktlücke für die Siegener Polizei: Mit penetranter Regelmäßigkeit kassiert sie bei Falschparkern um das Uni-Gebäude herum ab. Es gibt Studenten, die haben im Monat schon soviel Bußgeld wie Miete bezahlt.
Die aber ist mit durchschnittlich elf Mark pro Quadratmeter auch nicht mehr niedrig. Zwar kommen 53,8 Prozent der knapp 10 000 Siegener Studenten aus der unmittelbaren Umgebung, etwa die Hälfte davon wohnt zu Hause. Für die restlichen 2700 jedoch ist die Wohnsituation auch nach offizieller Uni-Version "mäßig bis schlecht": Für Studenten stehen nur 900 Wohnheimplätze zur Verfügung. Und im übrigen wird das Siegerland von Einfamilienhäusern beherrscht - kein Platz also für zugereiste Studenten. Kommilitonen, die täglich 60 bis 70 Kilometer zur Uni fahren, sind keine Seltenheit.
Geldmangel bestimmt die Defizite in der Uni selber. Die Hochschule, einst für maximal 6000 bis 7000 Studenten konzipiert, "platzt mittlerweile aus allen Nähten", sagt Uni-Sprecher Ullrich-Eberhardt Georgi. Betreute 1980 noch 1 Wissenschaftler etwa 11 Studenten, verschlechterte sich das Zahlenverhältnis inzwischen auf 1 zu 17.
Im Wintersemester 1988/89 begann mit 700 Studienanfängern im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften auch in Siegen eine zum Teil qualvolle Enge. Wo in den Grundvorlesungen zuvor noch 250 Studenten saßen, drängten sich jetzt plötzlich über 800. Der Fachbereich Maschinentechnik, ursprünglich auf 600 Studenten ausgelegt, zählt jetzt 2400 Studierende.
Die Folgen: Selbst im kleinen Siegen war schon mal ein Hörsaal oder Seminarraum überfüllt. Klausuren in Betriebswirtschaftslehre mußten wegen Platzmangels in der städtischen Siegerlandhalle geschrieben werden. "Hier gibt es Seminarräume", sagt der Elektrotechnikstudent Rolf Mohr aus dem 14. Semester, "da sitzt man so weit von der Tafel entfernt, daß man schon ein Fernglas mitnehmen muß, um etwas lesen zu können."
Zwei ursprünglich vorgesehene Ausbaustufen der Universität wurden längst gestrichen. Die Mittel für Lehre und Forschung, 10 Millionen Mark pro Jahr, stagnieren seit 1980, obgleich die Zahl der Studenten seither um 60 Prozent
zunahm. Der alte Stellenausbauplan, der einen Zuwachs von 190 Stellen vorsah, wurde ebenfalls 1980 zu den Akten gelegt. Bis 1995 werden weitere 25, wenn nicht gar 40 Stellen wegfallen.
Während die sieben naturwissenschaftlich-technischen Fachbereiche mit Drittmitteln teilweise glänzend über die Runden kommen, fehlt es in den geisteswissenschaftlichen Fachbereichen manchmal sogar an Geld für Papier und Aktenordner. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern teilen sich 3000 Studenten 10 Personalcomputer.
Dazu schlägt sich die Uni Siegen, 1972 als Gesamthochschule gegründet und erst 1980 formal auch zur Universität erklärt, mit zwei Imageproblemen herum: als junge Hochschule noch nicht richtig etabliert zu sein und als integrierte Gesamthochschule nicht für voll genommen zu werden.
Hermann Siebdrat beispielsweise, der an der traditionsreichen Kölner Wiso-Fakultät Examen gemacht hat und jetzt in Siegen Assistent am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik ist, vermißt dort "die hochkarätigen Leute aus der Wirtschaft, die in Köln sehr oft an der Fakultät zu Gast waren".
Daß im Siegener Grundstudium sowohl Abiturienten wie Absolventen von Fachoberschulen gemeinsam unterrichtet werden, gilt bei den alten Universitäten immer noch als Indiz für Unwissenschaftlichkeit. Und daß hier neben den regulären Uni-Examina auch weniger qualifizierende Abschlüsse möglich sind, ist in den traditionellen Unis häufig Anlaß für abschätziges Schmunzeln.
Kolportiert wird der Brief eines Universitätsprofessors, der seinem Kollegen zur Berufung nach Siegen mit der einleitenden Bemerkung gratuliert: "Ich hätte nie geglaubt, daß ich Ihnen an eine Gesamthochschule würde schreiben müssen." Und in der Frankfurter Rundschau plauderte der Oldenburger Germanist Joachim Dyck anläßlich der Publikation der SPIEGEL-Rangliste ganz offen seine zynische Einschätzung von Gesamthochschulen aus:
Wenn daher die Studenten meinen, sie würden an den Neugründungen besser bedient, dann mag das neben dem relativ geringen Andrang daran liegen, daß der Professorenstamm aus den alten Pädagogischen Hochschulen rekrutiert wurde, dem die erkenntnistheoretische und forschungsorientierte Durchdringung des Stoffs weniger wichtig war als die Form der Vermittlung, die jede intellektuelle Anstrengung dem Diktat der allgemeinen Verständlichkeit unterwarf.
Während Dyck auf diese Weise den mageren Ranglisten-Platz 39 (von 43) der Uni Oldenburg in Germanistik wegzustecken versuchte, schlug die Nachricht vom Gesamtlisten-Platz 1 für die Uni Siegen dort wie eine Freudenbombe ein. Interner Professoren-Kommentar: "Das ist nicht mit Gold aufzuwiegen."
Erleichterung machte sich breit in einer Universität, die jahrelang von draußen so heruntergeredet worden war, daß ihre Dozenten zuweilen Probleme hatten, sich als Siegener zu bekennen. "Da behielten sie sogar ihre alte Tübinger Autonummer", beschreibt die Siegener Privatdozentin Friederike Hassauer dieses Minderwertigkeitsgefühl, "um nur ja nicht zu dokumentieren, daß sie endgültig an der Uni Siegen gelandet waren."
Gründe für ein gesundes Selbstbewußtsein gibt es in Siegen seit Jahren genug. Von außen weithin unbemerkt hat sich die Universität zu einem Novitäten-Kabinett entwickelt. Beispiele:
- Der Sonderforschungsbereich "Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien - Schwerpunkt Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland" befaßte sich mit dem Fernsehkonsum bereits, als Fernsehen an vielen deutschen Unis noch als neumodisches Zeug verschrien war.
- "Technische Informatik", seit vergangenem Oktober neu im Programm und in der Bundesrepublik bislang eine höchst seltene Spezies, kombiniert Informatik mit Elektrotechnik und soll Studenten zur Hardware-Herstellung qualifizieren.
- Den "Diplom-Ingenieur für Internationale Projektierung" - eine Kombination von Maschinenbau, Fremdsprachen, Länderkunde und Auslandspraktika - haben die Siegener sogar erfunden. Einen Studiengang "Wirtschaftsingenieurwesen" hat Siegen, ähnlich wie andere Unis, gerade aufgebaut.
- Das Graduiertenkolleg "Kommunikationsformen als Lebensformen", das erste geisteswissenschaftliche Kolleg dieser Art, kombiniert ein Team von Doktoranden mit einer Gruppe von Professoren, um den fächerübergreifenden Ansatz von Promotionen zu fördern.
Offen für Neues ist die Siegener Uni, wie das kaum eine der alten Hochschulen aufgrund eingefahrener Bräuche zu sein vermag. Literaturwissenschaft beispielsweise darf die Privatdozentin Hassauer in Siegen betreiben, indem sie Romanistik und Frauenforschung verbindet. Was an anderen Universitäten unter Professoren eher "Anlaß für Herrenwitze" sei, sagt die Dozentin, werde "an dieser Universität nicht als irgend etwas Abartiges betrachtet. Es wird als normal angesehen, ich werde als Kollegin akzeptiert".
"Jetzt ist", glaubt Uni-Rektor Sturm, "die Stunde kombinierter Studiengänge." Und er ist davon überzeugt, daß Interdisziplinarität das Bild der Universitäten von morgen prägen wird - die Stunde kleiner Universitäten. Denn nur sie sind nach Sturms Erfahrung flexibel genug, "sich ganz unkonventionell auf neue Ideen einzulassen und zu experimentieren".
Überschaubarkeit heißt der Schlüssel, der solche Experimente in Siegen möglich machte. Trotz partieller Überfüllung herrschen dort, verglichen mit den meisten bundesdeutschen Universitäten, noch paradiesische Zustände. "85 Prozent der Studenten kenne ich in meinem Fachgebiet persönlich", sagt der Theologe Sturm, "das ist teilweise wie Privatuntericht."
Aber überschaubar ist in Siegen nicht nur die Theologie. Sieben Studenten mit ihrem "Prof" täglich im Labor - das ist Siegener Alltag ebenso wie die Zehn-Mann-Vorlesung. Der Maschinenbauprofessor Max Dieter Holve redet seine Studenten in der Vorlesung mit Namen an. Im Fach Physik entstanden bisher jährlich allenfalls zehn Diplomarbeiten; im Schnitt betreut jeder Professor nur einen Diplomanden. Selbst in den Wirtschaftswissenschaften absolvierten bislang nur 50 bis 60 Kandidaten pro Semester ihr Examen.
Zeit für Studenten zu haben und sie dadurch überhaupt erst als Menschen in den Blick zu bekommen - das hat in Siegen ein vielfältiges Nachdenken über universitäre Didaktik und Pädagogik erzeugt.
Selbst der Siegener Professor für Technische Informatik Hans Wojtkowiak, der auf seinem Gebiet glänzende Forschungsergebnisse vorzuweisen hat, will seine Studenten "nicht als Lernmaschinen betrachten, die hinterher bestimmte Leistungen in Prüfungen auswerfen". Wojtkowiak möchte seinen Studenten nicht nur Wissen vermitteln, sondern zugleich "einen sozialen und kulturellen Rahmen geben" und "die Frage nach dem Wertsystem" stellen, "das man zugrunde legt".
Wojtkowiak ist auch ein Beispiel für den unbürokratischen Umgang der Siegener Dozenten untereinander. Weil er selber mit Drittmitteln reich gesegnet ist und ihn "maßlos ärgert, wie den Geisteswissenschaftlern oft aus einem oberflächlichen Verständnis von Effizienz heraus notwendige Mittel verweigert werden", finanziert er ihnen aus seiner Kasse "schon mal dies und das".
"Hier setzt man sich einfach mit vier, fünf Kollegen zusammen", schwärmt Rektor Sturm, "bespricht das und kriegt das dann auch durch die Gremien - sofern das Ministerium nicht dazwischengeht." Und die Privatdozentin Hassauer schildert diesen speziellen Siegener Geist so:
Für mich ist in Siegen zur Hälfte wichtig, was hier gemacht wird, und zur anderen Hälfte, was in Siegen möglich ist. Wenn ich jetzt finde, ich muß dies oder das tun, dann wird das begrüßt und diskutiert, intellektuell schnell und wach.
Die Universität ist wie ein Netzwerk. Wenn ich das Gefühl habe, im Stockwerk unter mir arbeitet jemand, der mich ergänzen könnte, gehe ich auf ihn zu. Man muß nicht dauernd Angst haben, daß sich Professoren bedrängt fühlen.
Ein bißchen von dem Netzwerk-Gefühl strahlt in der Uni Siegen sogar die Architektur aus. Die Siegener Mensa mit ihrer breiten Fensterfront zum Rothaargebirge hin findet so leicht kein Pendant, was Farbgebung, Einrichtung und Ausblick betrifft. In unmittelbarer Nachbarschaft liegen überdies die Alternativen: eine Cafeteria, ein Bistro, ein "Kulturcafe" und ein "shop-café".
"In der Großcafeteria der Uni Bochum hatte ich immer das Gefühl, zu den Verdammten dieser Erde
zu gehören", erinnert sich in der Siegener Cafeteria eine Romanistin an ihre Studiensemester in Bochum, "hier ist die Architektur dagegen menschenfreundlich."
Vor allem haben die Studenten sie auch so belassen. Während sich andernorts eine Schmiererei an die andere reiht und den Studentenfrust auf diese Weise sichtbar macht, kommen in Siegen "Schmierereien so gut wie nie vor" (Alt-Rektor Rimbach). Der in Rot neben die Mensa hingepinselte Satz "Peter ist echt voll Scheiße" ist offensichtlich individuellem Zorn entsprungen und in der Tat eine Ausnahme.
Selbst in der Stadt Siegen ist bei einigem Wohlwollen nicht nur die Natur drumherum schön. Hätte die Düsseldorferin Bettina Becker erst mal ein paar Abende im "Casablanca", "Gartenhaus" oder "Eulenspiegel", im "Schwarzen Schaf", "Belle Époque" oder "Chaiselongue" verbracht, wäre sie vielleicht doch nicht zwei Monate nach ihrer Immatrikulation endgültig abgedampft.
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Ranglisten-Spitzenreiter Universität-Gesamthochschule-Siegen: "Das alles wird in zehn Jahren anders aussehen"
Siegener Rektor Sturm: "Das ist teilweise wie Privatunterricht"
Uni-Mensa: "Auf neue Ideen einlassen und experimentieren"
Vorlesung: Die Studenten nicht als Lernmaschinen betrachten
Graduierten-Kolleg: Gründe für ein gesundes Selbstbewußtsein gibt es genug
Hochschul-Ball: "Hier bleibe ich auf keinen Fall"
Von Manfred Müller

SPIEGEL SPECIAL 1/1990
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