01.03.1990

Unter all dem Grün

Andrew Revkin: "Chico Mundes. Tod im Regenwald". Aus dem Amerikanischen von Udo Rennert. List Verlag, München; 348 Seiten; 39,80 Mark.
Am Abend des 22. Dezember 1988 erschoß der Ranchersohn Darci Alves da Silva den Umweltschützer, Gewerkschafter und Gummizapfer Francisco "Chico" Mendes in dessen Heimatdorf Xapuri, nahe der bolivianischen Grenze im brasilianischen Amazonasgebiet. Das Opfer kannte seinen Mörder, es hatte die Polizei sogar auf einen Haftbefehl aufmerksam gemacht, der gegen den gesuchten Banditen vorlag. Als er
Alves da Silva in einem Straßencafe sah, hatte er erleichtert die Polizei gerufen - doch Alves blieb auf freiem Fuß.
Chico Mendes hatte mehrfach Todesdrohungen erhalten, weil er gegen die Abholzung des Regenwalds protestiert hatte und immer wieder Landbesetzungen gegen Rinderzüchter der Region
anführte - darunter auch gegen die Familie Alves. Nicht sentimentale Gründe trieben ihn, sondern der Überlebenskampf - die Kautschuksammler leben vom Wald, den die Rinderzüchter abholzen. Mendes hatte um Polizeischutz gebeten, der ihm auch gewährt wurde, aber er wußte, daß er auf die Beschützer nicht bauen konnte.
Sein Schicksal erfüllte sich mit einer geradezu unheimlichen Zwangsläufigkeit. Wäre Chico Mendes nicht bereits über die Grenzen Brasiliens hinaus als Kämpfer für den Regenwald bekannt gewesen - vermutlich hätte man ihn verscharrt und vergessen wie viele andere Gummizapfer, die gegen die Abholzung protestierten.
So aber wurde Chico Mendes zum
Märtyrer, seine Geschichte zum Trivialmythos. Bald nach seinem Tod stritten sich verschiedene Filmgesellschaften aus Hollywood, Buchautoren und Dokumentarfilmer um die Rechte an seiner Lebensgeschichte. Den Wettkampf um den deutschen Markt gewann der amerikanische Journalist Andrew C. Revkin, Chefredakteur der Zeitschrift Discover.
Dennoch sei sein Buch kein Schnellschuß, versichert der Verlag, sondern das Ergebnis ausgiebiger Recherchen. Tatsächlich wartet Revkin mit einer Fülle von Details auf. Staunend wirft er einen Blick unters Blätterdach, schildert die vielfältigen Symbiosen zwischen Tieren und Pflanzen, informiert den Leser ausführlich über Ameisen, Blattläuse und Lianen. Nur der Gummizapfer Chico Mendes verschwindet unter all dem Grün.
Revkin nutzt seine Hauptfigur vor allem als Vehikel für Exkursionen ins Reich der Biologie und der brasilianischen Geschichte. Die sind notwendig, um die Rolle von Chico Mendes in
Brasilien zu verstehen, aber Revkin hat sie so wahllos und obendrein in biederer Schulsprache zusammengestellt, daß der Leser immer wieder den roten Faden verliert, der das Kompendium zusammenhalten soll.
Dabei bietet die Geschichte des Chico Mendes genug spannenden Erzählstoff. Doch den Trivialmythos vom grünen David, der ganz allein gegen die Unholde mit der Kettensäge kämpft, läßt Revkin ungeschoren. Wenig erfährt man über die Gewerkschaftsarbeit des Umweltschützers, über seinen kulturellen und familiären Hintergrund.
Revkin verschweigt, daß Umweltschutz in Brasilien in den vergangenen Jahren zu einem millionenschweren Geschäft um Macht, Geld und Einfluß geworden ist. Die gerechte Empörung über den Tod des Chico Mendes vermarktet
dessen geschäftstüchtige Witwe vor allem zum Wohl ihres Bankkontos; über die Millionen der Chico-Mendes-Stiftung, die sie ins Leben rief, streiten sich Umweltschützer der verschiedensten Couleurs.
So spiegelt das Buch vor allem das Seelenleben der Ökologiebewegung in den Industrieländern wider. Wie sich das Bild des Regenwalds von der "Grünen Hölle" zum "Grünen Paradies" gewandelt hat, davon erfährt man eine Menge aus Revkins Buch, wenn man es gegen den Strich liest. Um aber die Person des Chico Mendes kennenzulernen, muß der Leser wohl auf das Buch eines brasilianischen Autors warten. Jens Glüsing
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Mendes-Beerdigung
Tod im Regenwald
Von Jens Glüsing

SPIEGEL SPECIAL 3/1990
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