01.03.1990

Die Bücher ihres Lebens

In Bruno Bettelheims letztem Buch "Themen meines Lebens" (aus dem in diesem SPIEGEL SPEZIAL ein Auszug zu lesen ist) steht ein Essay des berühmten Kinderpsychologen über die "wesentlichen Bücher" seines Lebens. Als Bücher, die einen "starken Eindruck auf mein Denken gemacht" oder sogar "mein Leben verändert" haben, nennt er neben den Werken Freuds unter anderem Goethes "Faust", Theodor Lessings "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen", Jacob Burckhardts "Die Kultur der Renaissance". Er vergißt aber auch nicht, Lektüre-Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend zu erwähnen - Karl May und andere "eskapistische", unterhaltende Wunschtraum-Literatur.
Wie Bettelheim sich selbst nach den "wesentlichen" Büchern seines Lebens befragte, so hat der SPIEGEL für dieses Sonderheft prominente Zeitgenossen um Auskunft über ihre wichtigen Leseerfahrungen gebeten. Politiker, Autoren, Wissenschaftler, Manager und namhafte Persönlichkeiten aus anderen Bereichen beantworteten die Umfrage, nannten die Bücher, die in ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt, die sie nachhaltig beeindruckt, erfreut oder belehrt haben.
Nicht alle Befragten konnten oder wollten antworten. Ein Filmregisseur, beispielsweise, steckte zu tief in Dreharbeiten, die seine "ausschließliche Konzentration" verlangten; ein Industrie-Manager lehnte ab,
weil die Umfrage sein Privatleben tangiere; Bundeskanzler Helmut Kohl dankte für die Einladung, mußte aber "aus zeitlichen Gründen leider absagen", und Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine war durch "etliche Ihnen gut bekannte Ereignisse" zu stark in Anspruch genommen - respektable Gründe allesamt. Mehreren war es unmöglich, aus der Fülle ihrer Lektüre-Erlebnisse ein einziges "Lebensbuch" oder auch mehrere herauszuheben. Andere - die hier abgedruckten Texte zeigen es - hatten dieselben nur zu verständlichen Schwierigkeiten, entschieden sich unter eben jenem Vorbehalt aber darin doch.
Der SPIEGEL bedankt sich für alle Antworten.
Richard
von Weizsäcker
Bundespräsident
Mich haben vor allem zwei Bücher beeindruckt: "Vor dem Sturm" von Theodor Fontane und "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi. Beide Bücher beschreiben den ganzen bewegenden Lebensbogen einiger Menschen in einer schweren Zeit.
Siegfried Lenz
Schriftsteller
Also: Mit schlechtem Gewissen gegenüber einigen anderen Büchern, die es durchaus auch verdienten, "Bücher des Lebens" genannt zu werden: "Schuld und Sühne" von Dostojewski. Immer wird es für mich das folgenreiche Beispiel einer extremistischen Fiktion darstellen, immer werde ich an Raskolnikow denken, wenn einer beansprucht, als sein eigener Gesetzgeber anerkannt zu werden. Raskolnikow, der seinen Willen zum Gebot erhöht und sich so die philosophische Legitimation zu töten verschafft, hat mir einmal und immer wieder bestätigt, daß mit der proklamierten
Selbstherrlichkeit des Übermenschen das Blutvergießen beginnt.
Antje Vollmer
Bundestagsabgeordnete
Ich nenne Robert Musil: "Der Mann ohne Eigenschaften".
Von Studium konnte keine Rede sein. Ende des Sommers 1965 lebten wir in Paris. Damals hätte man mich mit verbundenen Augen an irgendeiner Metro-Station aussetzen können, ich hätte den Namen allein am Geruch erraten. Wir wohnten alle in der Maison allemande der Cité universitaire: eine Bildhauerin, eine Grafikerin, ein begnadeter Bach-Musiker, ein Liebhaber Richard Wagners, der später verschollene Stummfilm-Begleitkompositionen wiederentdeckte, ein Mathematiker und ich.
Wir verbrachten "ganze Tage in den Bäumen" bei Madeleine Renaud und ganze Nächte vor den Kassen von Pierre Boulez. Café noir gab's dann in den alten Hallen. Wir waren fasziniert von den Fratzen der romanischen Kapitelle und brennend neugierig auf Mystik. Zu Weihnachten trampten wir zu Calvados und Couscous an die Küste der Normandie; die deutschen Familien zu Hause behandelten uns als Verräter. So streng waren damals
die Bräuche. Ein Fremdenlegionär erzählte uns von
der Folter, jedes Detail. Wir stritten darüber, welches der größere Roman sei: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (Marcel Proust) oder "Der Mann ohne Eigenschaften" (Robert Musil). Von Musil kannten wir bald ganze Passagen auswendig, aus reinem Entzücken an der Formulierung. Damals fing ich an, in Bildern und Vergleichen zu denken - wie man beginnt, in einer fremden Sprache zu träumen. Das hörte dann nie wieder auf. Wir waren alle zwischen 20 und 25 und in einer Beziehung zueinander, die vor Medialität und Dichte fast wehtat. Die Studentenbewegung lag schon in der Luft. Als es
dann endlich anfing, unser anderes Leben in Prag, Paris und Berlin, waren wir wie erlöst. Wir stürzten uns in das Lebensexperiment Politischer Frühling und Militanz wie der "Mann ohne Eigenschaften" in den beginnenden Weltkrieg.
Dietrich
Fischer-Dieskau
Sänger
Goethes Gedichte muß ich nennen, wenn von einem "Buch des Lebens' die Rede sein soll. Hier konnte es nicht beim einmaligen Lesen bleiben; hierher kehrte ich immer wieder zurück, wenn es um das Studium
von Vertonungen ging. Und soviel der Kopf nur fassen konnte, drängte es mich, dem Gedächtnis einzuverleiben: Denn es handelt sich um die schönste, eingebungsvollste, natürlich-selbstverständlichste Art, in der jemals ein deutscher Dichter mit seiner Sprache umging.
Will Quadflieg
Schauspieler
Da Lesen zu meiner Existenz gehört wie Atmen, Essen und Trinken, muß ich einen kleinen Kreis von Büchern nennen dürfen. Viele Jahre begleiteten mich die "Stufen" von Christian Morgenstern. In jüngerer Zeit waren die Bücher von Alexander und Margarete Mitscherlich von der
"Unfähigkeit zu trauern" und die sich daraus ergebende "Vaterlose Gesellschaft" sichterhellende Lektüre, die die Seelenverfassung der Nachkriegswohlstandsgesellschaft deutlicher machten. In der letzten Zeit waren - in Weiterführung dieses Themenbereiches - Ralph Giordanos "Die zweite Schuld" und "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte" eine erregende Lektüre.
Die Briefe, die Giordano zu diesen Büchern bekam und dankenswerterweise veröffentlichte, gestatten eine leise Hoffnung auf die jüngere Generation, die das Verhalten und Tun ihrer Väter und Großväter hinterfragt, weil sie spürt, daß man alles, was wir unter Auschwitz verstehen, nicht als politischen Betriebsunfall abtun kann.
Gräfin Dönhoffs Texte über ihre Heimat Ostpreußen haben mir vieles von der äußeren und inneren
Schicksalsbiographie einer Landschaft - und der Verfasserin - nahegebracht. Dies wäre ein kleiner Kreis der mich beschäftigenden Schriften. Ergänzt und erweitert wird er durch alles, was uns gefühlvoll und klar auf das hinweist, was uns an ökologisch kaum mehr lösbaren Problemen bedrängt, die Zerstörung unserer Umwelt und die Ausrottung der Tiere.
Jurek Becker
Schriftsteller
Ich war schon 40, als ich zum erstenmal Arno
Schmidt las, "Das steinerne Herz". Zuerst kostete es mich Überwindung, die Sprache, bestehend aus Andeutungen, Auslassungen und Verzerrungen, nicht für Verrücktheit zu halten. Zum Glück gab ich nicht gleich auf und war plötzlich einem Text so nahe wie nie zuvor. Ich mußte mir ins Bewußtsein rufen, daß Literatur ja nicht die möglichst
exakte Abbildung von Gegebenheiten ist.
Leider war es für mich zu spät, nun selbst noch ein Wortzerbrecher und Sprachregelverletzer zu werden. Aber seit dem "Steinernen Herz" kann ich nicht aufhören, das zu bedauern.
Norbert Blüm
Bundesarbeitsminister
Das Buch meines Lebens ist "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Das, was der kleine Prinz auf seiner Reise erlebt, ist phantastisch und auf eine besondere Art wahr.
Eine der Schlüsselszenen ist die Begegnung mit dem Fuchs. "Bitte zähme mich", sagt er, weil er will, daß der kleine Prinz sich mit ihm vertraut macht. Dann ist er nämlich nicht mehr einer von vielen, sondern der Fuchs, den der kleine Prinz mit anderen Augen sieht - mit den Augen des Herzens. Denn man sieht nur mit dem Herzen gut. "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", verrät der Fuchs sein Geheimnis. "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", wiederholt der kleine Prinz, um es sich zu merken.
"Der kleine Prinz" ist eine merk-würdige Geschichte, ein modernes, literarisches Welttheater.
Peter Glotz
Bundestagsabgeordneter
Wer mit Büchern lebt, hat kein "Buch seines Lebens", das wäre eine Bibliothek. Seit der mitteleuropäischen Revolution von 1989 aber greife ich immer wieder zu den Kindheitserinnerungen "Die Gerettete Zunge" von Elias Canetti.
Canetti ist in Rustschuk an der unteren Donau geboren, in Bulgarien. An einem Tag konnte man dort sieben oder acht Sprachen hören. Außer den Bulgaren gab es noch Türken, Griechen, Rumänen, Albaner, Armenier, Zigeuner. Canetti selbst gehörte zu den
"Spaniolen" - aus Spanien eingewanderten Juden, zumeist wohlhabenden Kaufleuten. So wuchs Canetti nicht als "Bulgare" auf, sondern als Mitteleuropäer,
und sein Schicksal war später auch das eines mitteleuropäischen Juden: umhergetrieben, vertrieben, verfolgt.
"Die gerettete Zunge" aber ist nicht die Geschichte verfolgter Juden, sondern die Kindheitsgeschichte eines reichen Kaufmannssohns in der ostmitteleuropäischen Völkermischzone. Das Buch heißt "Die gerettete Zunge", weil der heimliche Freund der rumänischen Amme dem Kind oft halb scherzhaft, halb ernsthaft
drohte, die Zunge herauszuschneiden, wenn er von der Liebschaft dieser Amme auch nur ein Wort erwähnen würde. Canetti hat seine Zunge behalten. Das Buch ist die liebevolle, präzise Schilderung einer Welt, die versunken ist und die doch gerade versucht, erneut aufzuerstehen. Mit unabsehbaren Folgen.
Hans-Olaf Henkel
Vorsitzender der Geschäftsführung von IBM Deutschland
Ich erinnere mich gern an "Das Chagrinleder" von Honore de Balzac, weil mir bei dieser Lektüre zum erstenmal klar wurde, daß es nichts umsonst gibt.
Wolfgang Mattheuer
Maler
Ich weiß nicht, warum ich noch immer jedes Jahr um die Weihnacht an die beiden Romane "Und ewig singen die Wälder" und "Das Erbe von Björndal" von Trygve Gulbranssen
denken muß, die ich in den traurigen Kriegsweihnachtstagen '42 oder '43 las und später, rückschauend, noch einmal. Das waren und bleiben großartige emotionale Leseerlebnisse.
Ähnlich erging es mir mit Christoph Heers "An heiligen Wassern". In den schlimmen Jahren jugendsehnsüchtig gelesen, wie vergessen, waren die Leute und ihre Schicksale, die Berge, die heiligen Wasser und die Geschichten um sie mir ganz nah, als ich, fast 60jährig, die Schweiz bereisen konnte und die letzten Dörfer ganz oben, nach 10 bis 15 km Serpentinenstraße, am Ende der Fahrwege in den Hochtälern, die sich zwar leeren, aber als Feriendörfer doch noch da sind, erleben durfte.
In Leipzig las ich das Buch wieder, und es war mir keine heimattümelnde Gefühlsduselei, sondern ein Stück schweizerischer demokratischer Literatur praller Menschlichkeit und aufklärerischer Realistik aus harter, guter alter Zeit.
Vielleicht bin ich nur sentimental und darum in so etwas verliebt. Ein Romantiker bin ich gewiß. Adalbert Stifters stille Helden, Gottfried Kellers Grüner Heinrich auf der Suche nach einem Lebenssinn und Robert Musils komplizierte Personage sind mich beeindruckende Figuren. Und ein ganz besonderes Leseabenteuer war mir vor einiger Zeit Wilhelm Raabes klassische Kriminalerzählung "Stopfkuchen". Einen besseren Titel als Stopfkuchens Lebensmotto: "Geh' aus Deinem Kasten" konnte ich für eines meiner wichtigen Bilder nicht finden.
Mitte der achtziger Jahre, als ich, wundgerieben am lähmenden Alltag und an meiner Ohnmacht leidend, kaum mehr einen Sinn fand in meiner Bildermacherei, traf mich ein Buch, wie nie eines davor: Alexander Sinowjews "Gähnende Höhen".
Im real existierenden Leninismus-Stalinismus lebend, spiegelt dieses Buch mir eine Höllenwelt, die, weil nicht veränderbar, die, weil nicht reformfähig, keine Zukunft, keine Hoffnung auf Zukunft haben darf. Nie!
Sten Nadolny
Schriftsteller
Eines der Bücher, die mich besonders stark beschäftigt, belehrt und erfreut haben, ist: Rune Waldekranz und Verner Arpe, "Knaurs Buch vom Film".
Als Vierzehnjähriger bekam ich das Buch geschenkt. Vom Umschlag blickte poetisch-melancholisch Audrey Hepburn, in die ich seit "Krieg und Frieden" verliebt war. Das Kino liebte ich sowieso. Liebe braucht Nahrung - das Buch verschaffte sie, denn es war nicht von blasierten Filmkunst-Präzeptoren und ästhetischen Staubfädenzählern geschrieben, sondern von Leuten mit Common
sense und Herz, die die wunderbare Geschichte des Films respektvoll, aber frisch zu erzählen verstanden. Die Register waren zuverlässig und intelligent organisiert - ich fand meine allerersten Filme, bei denen mir Titel und Regisseur noch nichts gesagt hatten, anhand von Gesichtern und Biographien der Schauspieler wieder. Was sind Filmbücher wert, die den Star oder den Massenerfolg ignorieren? Sie gehören in die Bibliothek von Maulwürfen, nicht von Liebhabern.
Ich schleppte als Vierzehn-, Fünfzehn-, Sechzehnjähriger das schöne Buch von Waldekranz und Arpe mit mir herum wie die Katze die Jungen (saß damit sogar auf Bäumen), betrachtete stunden- und tagelang die Gesichter der Schauspieler im biographischen Teil, gerade wenn ich keine Filme von ihnen gesehen hatte. Und ich stellte mir zu den noch rätselhaften Titeln Handlungen vor. All das war eine Quelle der Menschen- und Geschichtenphantasie und wirkte vermutlich, ohne daß ich oder irgend jemand anders darüber nachgedacht hätte, mindestens ebenso bildend wie neun Jahre Deutsch - und Lateinunterricht zusammengenommen.
Die Fotos aus Großaufnahmen: das gierige Gesicht, das verschmitzte, das erleuchtete, das verzweifelte und die brennende Frage nach der Zuverlässigkeit
dieses Eindrucks. Fotos aus Filmen halten die Kunst des Schauspielers in ihrem besten Moment fest - was der Film jedenfalls so nicht kann, weil er weitergehen, vom Fleck kommen muß. Unerschöpflich spannend: einen Ausdruck studieren, ein Gesicht aus einer, wohlbemerkt, längst erzählten Geschichte. Was ist einzigartig, was typisch? Was hat der Schauspieler bereits im Gesicht, was ist Verstellung und Können? Die Szenenfotos: Was zwischen Menschen passieren kann, was sie füreinander aufschließt, wie sie sich belauern oder wie der Zorn aufflammt, wie Ekel und Triumph aussehen - ich wußte es seit
damals, oder besser: wollte es von da an noch genauer wissen. Gewiß war das nicht nur die Wirkung des souveränen, liebevoll-erzählerischen Knaur-Buches, aber ich verdanke ihm so viel, daß ich mich nicht geniere, einige literarische Lieblingsstücke künftigen SPIEGEL -Umfragen vorzubehalten.
Franz Steinkühler
Vorsitzender der IG Metall Beeindruckt haben mich
früher sehr Upton Sinclairs "König Kohle" und "Weltende". Besonders stark angesprochen fühlte ich mich durch Gorkis Bücher "Meine Kindheit" und
"Meine Universitäten". Immer gerne gelesen habe ich generell Franz Kafka und zur Erheiterung des Gemüts griff ich manchmal auf Michael Bulgakows "Meistererzählungen" zurück. Noch heute lese ich gerne und
oftmals mit Gewinn in Lichtenbergs "Aphorismen" und die französischen Moralisten, unter anderen La Rochefoucauld, Vauvenargues, Chamfort, Galiani und Joubert.
Heinz Ruhnau
Vorstandsvorsitzender der Lufthansa AG
Außerordentlich beeindruckt hat mich Ernst Wiecherts "Das einfache Leben". Immer wieder lese ich auch noch heute darin. Das Einfache und Klare - das habe ich so in meinem bisherigen Leben gelernt - ist auch immer das Richtige und das Beständige.
Hermann Rappe
Vorsitzender der IG Chemie -Papier-Keramik.
Vor etwa 35 Jahren machte das Buch "Sternstunden der Menschheit" von Stefan Zweig einen großen Eindruck auf mich. Es geht
darin um zwölf besondere historische Situationen wie die Eroberung von Byzanz und die Geburt der französischen Nationalhymne als Revolutionslied. Beide Darstellungen wie das gesamte Buch erschlossen bei mir ein besonderes Verhältnis zur politischen Geschichte. Mein Interessengebiet war damit abgesteckt.
Manfred Stolpe
Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg
Das Buch, das ich am häufigsten in meinem Leben in der Hand hatte, in dem ich täglich etwas lese und in dem ich dennoch immer wieder Neues entdecke, ist ein altes, dickes Buch. Es enthält viele einzelne Geschichten: grausame, friedfertige, anregende, unverständliche, altmodische und moderne. Viele dieser Geschichten sind spannend und die meisten literarisch ein Genuß. Manchmal habe ich mich beim Lesen geärgert, häufiger bin ich nachdenklich geworden. Wenn das Buch mich zum Nachdenken bringt, verlieren die drängenden Tagesprobleme an Gewicht, sehen anders aus, wirken lösbarer. Vielleicht wird es das Buch meines Lebens. Das ist erst danach zu beurteilen. Ich hoffe, dran zu bleiben, und ich kenne andere Menschen, die auch von diesem Buch nicht lassen können. In Afrika lernte ich einen jungen Mann kennen, der mit Feuereifer aus meinem Buch erzählte und viele neue Anhänger der Botschaft des Buches gewinnt. In Europa lernte ich einen alten Kommunisten kennen, der mir erzählte, im
Nazi-Zuchthaus habe ihm das Buch den Mut zum Durchhalten gegeben. Probieren Sie es einmal selbst, vielleicht teilen Sie meine Meinung. Es ist kein Geheimbuch: Die Bibel bekommen Sie in jeder anständigen Buchhandlung!
Karl Otto Pöhl
Präsident der Deutschen Bundesbank
Ein "Buch meines Lebens" habe ich nicht, aber es gibt einige Bücher, die ich mehrfach gelesen habe und die mich nachhaltig beeinflußt haben, so u. a. Joseph Alois Schumpeter: "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie", eine bewundernswert intelligente Analyse der wichtigsten politischen und ökonomischen Strömungen unseres Jahrhunderts - auch wenn Schumpeter letztlich die falschen Schlußfolgerungen zieht. Außerdem Thomas
Manns "Zauberberg", seine "Tagebücher" und (ich wage es fast nicht zu bekennen) sein "Felix Krull" für mich, neben dem literarischen Wert, auch großartige Beschreibungen einer Epoche. Und schließlich: Arno Schmidt, mein heimlicher Favorit.
Martin Kruse
Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg
Sie fragen nach dem "Buch meines Lebens". Da gibt es eigentlich nur eine ehrliche Antwort: die Bibel, dieses literarische Unikum, zusammengewachsen in Jahrhunderten aus einer Unsumme von Lebens- und Geschichtserfahrungen, mit spannenden Erzählungen, ärgerlichen Szenen, hellen und dunklen Worten, noch nicht erfüllten Prophezeiungen, ein unentwegtes Ringen mit der Wirklichkeit Gottes. Niemand kommt in seinem Leben mit dieser Lektüre wirklich ans Ende. Manchmal erscheint mir die Bibel wie ein riesiger Irrgarten, sie ist ja alles andere als ein systematischer Wurf aus einem Guß. Sie ist voller Leben und voller Überraschungen. Ich erfahre sie wie eine wohltuende Quelle, ein Becher genügt, der hilft, sie sprudelt weiter, unausschöpflich. Ob aber diese Antwort dem SPIEGEL ins Konzept paßt? Ich vermute, er erwartet "Originelleres", Subjektiveres. Für diesen Fall füge ich ersatzweise hinzu: Reinhold Schneider, "Las Casas vor Karl V.", 1938 erschienen, also mitten im
"Dritten Reich". In historischem Gewand eine aktuelle Auseinandersetzung mit der Suspendierung der Menschenrechte. Der Dominikanerpater Las Casas kämpft gegen die Selbstrechtfertigung politischer Gewalt und Unterdrükkung, gegen "das Heidentum in den Christen", für die Bekehrung von Selbstbetrug zur Wahrheit. Dies ist ein Buch, zu dem ich immer wieder greife, ein Gewissenspiegel für unsere Zeit, ein Buch, das mich beschämt und inspiriert. Bald nach meiner Konfirmation (1943) war bei Tisch im elterlichen Pfarrhaus in Lingen/Ems von Reinhold Schneider die Rede. Einer seiner Freunde war als Staatsfeind angeklagt, wartete auf seinen Prozeß, durfte nicht schreiben. Mein Vater vermittelte illegalerweise den Briefwechsel der Freunde. Zum Dank schickte Reinhold Schneider einige seiner Werke.
Irenäus
Eibl-Eibesfeldt
Verhaltensforscher
Es gibt mehrere "Bücher meines Lebens", die meine Interessen und mein Denken stark beeinflußten. Ich las bereits sehr früh als Kind, zum Beispiel "Die Höhlenkinder" von Sonnleitner. Da mein Vater als Botaniker an der höheren Bundeslehranstalt für
Wein-, Obst- und Gartenbau in Klosterneuburg bei Wien unterrichtete, lebten wir auf dem Lande, wo
mein Vater auch einen Versuchsgarten unterhielt. Angeregt durch die "Höhlenkinder" fertigte ich mir steinzeitliche Instrumente an, und das schärfte mein Auge. Ich fand sehr schöne Feuersteinschaber und dann auch andere Artefakte aus frühen Zeiten auf den umgebrochenen Feldern.
Mein Vater hatte ferner aus seinen früheren Jahren sehr viele Kosmosbändchen, jene von Bölsche über die Lebenswunder der Urzeit. Die las ich damals mit großem Interesse, und ich modellierte ebenfalls in diesem Alter Saurier aus Ton, wie Triceratops, Iguanodons und dergleichen mehr. Der Zeitpunkt läßt sich ziemlich genau bestimmen, denn nach meinem 10. Lebensjahr übersiedelten wir nach Döbling, an den Stadtrand von Wien. Auch Floerickes Bücher las ich mit Interesse. Ich glaube, ein Titel lautete "Forscherfahrt in Feindesland". Weitere entscheidende Bücher dieser Zeit: "Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen" von Selma Lagerlöf, und dann die Bücher von Ernest Seton Thompson.
Ich hatte immer schon ein großes Interesse an Zoologie, hielt auch viele Tiere und begann bald mit der Lektüre der Fachliteratur. Etwa mit 14 las ich Hesse/ Dofleins "Tierbau und Tierleben", das ganz entscheidend mein Gespür für ökologische Zusammenhänge schärfte.
Am 4. Januar 1944, mit 15 1/2 Jahren, rückte ich dann zur Flak ein, und da begann meine Phase der Klassiker. Ich hatte Reclams Klassiker in großer Zahl bei mir, und ich konnte sie bei den Alarmen auch mit zum Geschütz nehmen. Wir haben ja viel Zeit verwartet. Ich las mit großem Engagement und Interesse die Shakespeare-Übersetzungen, ferner französische und deutsche Klassiker, von den Lustspielen Molières bis Goethe.
Als Student arbeitete ich auf der Biologischen Station Wilhelminenberg und wurde da mit den Schriften von Konrad Lorenz bekannt. "Der Kumpan in der Umwelt des Vogels" und "Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung" fand ich äußerst anregend. Stark beeindruckt haben mich damals ferner die Schriften von Darwin und die lebendigen Expeditionsberichte von Beebe, Hass, Tichy, Nansen und Scott.
Kurt H.
Biedenkopf
Bundestagsabgeordneter
Ich habe kein "Buch meines Lebens", wohl aber ein "Stück meines Lebens" - Bertolt Brechts "Galileo Galilei". Sicher, es gibt auch eine ganze Zahl weiterer Bücher, die mich sehr beeinflußt und bewegt haben. Aber in keinem Text finde ich so viel Erfahrungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Macht, von Erkenntnis und Besitzstandsdenken wiedergegeben, wie in Brechts Beschreibung der Auseinandersetzungen zwischen Galileo Galilei, den herrschenden Mächten seiner Zeit und der Kirche. Jedenfalls ist das Stück der einzige literarische Text von hohem Wert, den ich nicht nur gerne lese, sondern auch auf Pressekonferenzen oder in öffentlichen Reden zitiere.
Manfred Rommel
Oberbürgermeister von Stuttgart
Als junger Mensch habe ich am meisten Karl May geschätzt. Ein so ursprüngliches Vergnügen beim Lesen eines Buches habe ich später niemals mehr empfunden. Natürlich bin ich inzwischen weit über Karl May hinausgekommen, gedenke seiner aber immer noch mit Respekt und Dankbarkeit.
Wenn ich unter den vielen Büchern, die mir gefallen haben, eines erwähnen soll, das herausragt, dann möchte ich Eckermanns Gespräche mit Goethe erwähnen. Die Gespräche machen den Olympier zum Menschen, ohne ihn deshalb klein werden zu lassen. Durch kein anderes Werk, auch nicht durch die eigenen Werke, tritt Goethe als Persönlichkeit so deutlich hervor wie in der Darstellung Eckermanns. Über den Theaterbesucher bemerkte Goethe beispielsweise laut Eckermann: "Das ist eben recht, daß man nicht fort kann und gezwungen ist, auch das Schlechte zu hören und zu sehen. Da wird man recht von Haß gegen das Schlechte durchdrungen
und kommt dadurch zu einer desto besseren Einsicht des Guten." Eckermann fügt hinzu: "Ich gab ihm recht und dachte, der Alte sagt auch gelegentlich immer etwas Gutes." Oder, ein paar Seiten weiter schreibt Eckermann: "'Ach, das Publikum!', seufzete Goethe." Damit ist alles zum Ausdruck gebracht,
was moderne Theaterdirektoren und Dichter ebenfalls sagen, aber wesentlich länger. Goethe wendet sich auch gegen die heute besonders gebräuchliche Meinung, qualitative Fragen mathematisch ausdrücken zu wollen. Er tut dies mit den Worten: "Es wäre doch töricht, wenn jemand nicht an die Liebe seines Mädchens glauben wollte, weil sie ihm solche nicht mathematisch beweisen kann! Ihre Mitgift kann sie ihm mathematisch beweisen, aber nicht ihre Liebe."
Diese Beispiele mögen genügen. Daß Eckermanns Gespräche mit Goethe gut sind, ist im übrigen nicht nur meine Auffassung, sondern auch die von Nietzsche. Und der muß es ja wissen.
Golo Mann
Schriftsteller
Das Buch, das in meinem Leben eine entscheidende Rolle spielen sollte, las, oder verschlang ich mit zehn Jahren: Friedrich Schillers "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges". Der Wunsch, einmal historische Bücher zu schreiben, stammt von daher, ging
freilich ziemlich spät in Erfüllung, denn ich war ein Langsamer.
Lea Rosh
Fernseh-Journalistin
Das "Buch meines Lebens" gibt es nicht. Dazu ist mein Leben zu kurz und doch
schon zu lang. Aber es gibt ein Buch, das in den letzten sieben, acht Jahren für mich wichtig war, weil es mich belehrt hat, mir geholfen, mich auch immer wieder gemahnt hat, nicht nachzulassen und nicht aufzugeben: Raul Hilberg, "Die Vernichtung der europäischen Juden".
Hilbergs Buch zeigt die schreckliche, den Juden keinen Ausweg lassende Systematik der Verfolgung und Ausrottung. Es zeigt das Ausmaß an tätiger und williger Kollaboration in Europa. Es zeigt das Drama und die Einzigartigkeit dieses Vorgangs. Einzigartig nicht nur wegen seiner Größenordnung. Sondern weil dieser Mord auf einem tief in Menschen verwurzelten Bedürfnis beruht, andere zu Schuldigen zu stempeln, zur eigenen Entlastung. Durch Hilbergs Buch habe ich gelernt, daß die
Menschen den Antisemitismus, die Beschuldigung anderer, nicht nur brauchen, sondern auch ein für alle Mal gelernt haben. Und da
der Mord an den Juden alles in allem straffrei blieb, haben wir auch lernen müssen, daß das Menschheitsverbrechen ein für alle Mal möglich ist. Schrecklich. Aber so ist es, seitdem. Das müssen wir wissen.
Stefan Heym
Schriftsteller
Als das für mein Leben wohl wichtigste Buch betrachte ich die Bibel.
Carl Friedrich von Weizsäcker
Physiker, Philosoph
Sie wünschen von mir ein Buch genannt zu bekommen, das mein Leben wesentlich beeinflußt hat. Es waren nur wenige Druckseiten in einem Buch, die zu nennen hier genügt. Als ich sieben Jahre alt war, schenkte mir eine Lehrerin ein Neues Testament. Im Alter von elf Jahren begann ich, darin zu lesen, und stieß alsbald im Matthäus -Evangelium auf die Bergpredigt. Der Schock der evidenten, unwidersprechlichen Wahrheit dieser Forderungen und Tröstungen hat mich seit jenem Tag bis zum heutigen Tag begleitet. Die Forderungen und Tröstungen belehren mich, kritisieren mich und halten mich aufrecht.
Ingrid Matthäus -Maier
Bundestagsabgeordnete
Meine Lieblingslektüre sind die gesammelten Werke von Erich Kästner. Schon als Kind habe ich seine berühmten Kinderromane "Das fliegende Klassenzimmer" oder "Emil und die Detektive" gern gelesen. Seien es seine zeitkritischen Romane, seine autobiographischen Beschreibungen über seine Kindheit in Dresden oder über die "Reichskristallnacht", seien es seine bewegenden Antikriegsgedichte ("Und als der nächste Krieg begann, da sagten die Frauen: Nein! Und schlossen Bruder, Sohn und Mann fest in die Wohnung ein ..." ) - ich lese gerne in Erich Kästners Werk. Eindrucksvoll ist er auch in seinen Epigrammen. So stammt die kürzeste Definition von Moral, die ich kenne, von Kästner. Die meisten kennen sie. Sie lautet: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."
Karl Dietrich Bracher
Politologe
Ich nenne unter mehreren Möglichkeiten: Jacob Burckhardts "Weltgeschichtliche Betrachtungen" - gelesen 1943 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.
Oswald Mathias Ungers
Architekt
Das für mich wichtigste und schönste Buch ist "Devina proportione (Opera a tutti glingegni perspicaci e curiosi ... Prospectiva, Pictura, Sculptura, Architectura ...)", Venedig 1509, von Luca Pacioli.
Luca Pacioli war der Lehrer von Leonardo da Vinci. Das Buch ist eines der wichtigsten Lehrbücher über die Geometrie und die Proportionen geometrischer Körper. Es erklärt die Grundbegriffe der Säulenordnung und die perspektivischen und geometrischen Regeln regelmäßiger geometrischer Teilungen sowie die Struktur der auf dem Quadrat aufgebauten lateinischen Schrift. Das Buch
enthält die wichtigsten
Grundlehren für einen Architekten. Außerdem ist es eines der schönsten Exemplare der Buchdruckkunst überhaupt.
Gregor Gysi
PDS-Vorsitzender
Ich kann Ihnen nicht das Buch meines Lebens nennen, wohl aber eines, das in jüngster Vergangenheit für mich gerade auch im Ringen eines Sozialisten um sein Selbstverständnis in dieser Zeit so wichtig geworden ist. Das ist "Anschlag auf Visionen" von Wladimir Tendrjakow. Er hat sich schon vor zehn Jahren mit dem Problem herumgeschlagen, warum soziale Utopien und humanistische Träume, seien es die des Jesus Christus, Campanellas "Sonnenstaat" oder auch die der Marxisten nicht Realität werden konnten. Tendrjakows Antwort, daß entweder fehlender Realismus, darunter vor allem auch ein unrealistisches Menschenbild, oder Defizite an Humanismus und Demokratie einem solchen Scheitern zugrunde liegen, ist auch unsere Erfahrung geworden.
So wie Tendrjakow keinen Ausweg weist, bin auch ich erst im Nachdenken über die Vision einer modernen Gesellschaft. Ich mag an Tendrjakows Buch, daß es dennoch nicht zu einer pessimistischen Sicht auf die Möglichkeit von Gesellschaftsgestaltung führt. Es ist zu offensichtlich, daß
auch die moderne bürgerliche Gesellschaft trotz vieler Errungenschaften nicht fähig ist, die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft konstruktiv zu beantworten. Ein neuer Weg ist unabdingbar, wenn die Menschheit überleben will. Konkrete Kritik unserer bisherigen Visionen ist für mich ein entscheidender Schritt zur Befreiung der Visionen. Realistische Lösungen für die Menschheitsfragen, so scheint mir, lassen sich nur dort finden, wo wir in unserer Kleingläubigkeit und Ignoranz noch immer das Reich Utopia - nirgendwo - vermuten.
Dieter Wellershoff
Admiral, Generalinispekteur der Bundeswehr
Seit meiner Schulzeit begleitet mich eine kleine Schrift von Josef Pieper, "Zucht und Maß". Später erwarb ich dann "Das Viergespann", in dem der Münsteraner Philosophie-Professor die vier klassischen Kardinaltugenden auch in ihren Interdependenzen dargestellt hat. In verschiedenen Lagen haben mich immer wieder Gedanken über gutes Leben und richtiges Handeln beschäftigt. Besonders fühle ich mich immer wieder herausgefordert, wenn ethische Pflichten oder Ziele, zum Beispiel des Soldatenberufes, als Sekundärtugenden bezeichnet werden, oder wenn in menschlicher Überheblichkeit versucht wird, dem Menschen eigenes moralisches Urteil oder Gewissensentscheidungen durch juristische Regelungen zu ersetzen.
Die Kardinaltugenden sind ja nicht einfach Eigenschaften, sondern als menschliches Verhalten - Habitus - auf das Gemeinwohl ausgerichtet. Klugheit ist mehr als Intelligenz oder Cleverness. Das rechte Maß bedenkt die anderen und die Zukunft, ist also die Mutter von sinnvollem Kompromiß und Feind der Zügellosigkeit. Gerechtigkeit ist mehr als das schematische Anwenden von Gesetzen, sie bedenkt Umstände und Individuum. Die Tapferkeit ist mehr als Tollkühnheit oder Wagemut, sie gewinnt ihren Wert aus dem Ziel, dem sie dient.
Diese und ähnliche Gedanken regt das "Viergespann" an. Josef Pieper hat m. E. die Übersetzung der klassisch-christlichen Tugend in unsere Zeit geleistet. Für mich jedenfalls ist er auch nach Jahrzehnten noch aktuell.
Johannes Mario Simmel
Schriftsteller
"Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hasek.
"Kerl, sind Sie ein kompletter Idiot?" So wird er von einem geistdurchtobten österreichischen Oberleutnant angeschrien. "Melde
gehorsamst, daß ja!" antwortet, atemlos vor Eifer, die Hände an der Hosennaht, der brave Soldat
Schwejk. Schriftlich hat er sich's geben lassen von einer Ärztekommission zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als ihm klar war, er würde "alle Händ' voll zu tun ham mit Überleben". Und so, als konzessionierter Trottel, kommt er im großen Morden tatsächlich nicht zu Schaden. Mehr! Alle mit buntem Blech behängten blutsaufenden Menschenschinder, alle heroischen Großmäuler "dort, wo's nicht schießt," alle besoffenen, die Kanonen segnenden geistlichen Herren, alle Mächtigen und Übermächtigen, die ganze österreichische k.u.k. Monarchie schafft er mit seinem Blödstellreflex, melde gehorsamst, daß ja! In diesen Zeiten des Wahnsinns spielt er lebensgefährlichen Idioten den Idioten vor. Nur so kann er sich vor ihnen retten.
Josef Schwejk, ich liebe Dich - und das Buch über Dich und Deine Abenteuer - ist meine Bibel!
Lothar Späth
Ministerpräsident von Baden -Württemberg
Es ist "Die Macht der Triade" von Kenichi Ohmae. Er hat beschrieben, was jetzt in Gang ist, er hat das Bild der Welt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten fast filigran vorgezeichnet, vieles davon ist bereits Realität. Kenichi Ohmaes Kernaussagen: Die Globalisierung der Weltwirtschaft kommt, die Dominanz der Machtblöcke schwindet, und es entstehen große, miteinander kooperierende Wirtschaftsregionen weit über
die Ebene von Nationalstaaten hinaus. Für mich ist "Die Macht der Triade" von Anfang bis Ende eine spannende und lehrreiche Lektüre, ein wirtschafts - und gesellschaftspolitischer Leitfaden, für den sich besonders diejenigen, die in Politik und Wirtschaft Verantwortung tragen, Zeit zum Lesen nehmen sollten.
Michael Ende
Schriftsteller
Den nachhaltigsten Eindruck in meinem Leben hat auf mich eigentlich nicht die Begegnung mit einen Buch gemacht, sondern die mit einer Gesamtausgabe von rund 360 Bänden, nämlich dem Lebenswerk Rudolf Steiners: Kurz nach dem Ende der Nazi-Zeit,
während der seine Schriften ja natürlich verboten waren, kam ich zum erstenmal in Berührung mit seinen Büchern, und seither habe ich im Grunde nie aufgehört - wenn auch bisweilen durch größere Pausen unterbrochen -, mich mit diesem erstaunlichen Werk auseinanderzusetzen.
Mit "auseinandersetzen" meine ich, daß mein Verhältnis zu ihm durchaus widersprüchlich war und bis heute geblieben ist. Einerseits stehe ich betroffen und bewundernd vor dieser schier unerschöpflichen
Fülle von Gedanken und Ideen auf nahezu allen Gebieten des modernen Lebens - und ich bekenne
vorbehaltlos, daß ich ihnen ungeheuer viel verdanke -, andererseits empfand ich seine Äußerungen formal und inhaltlich oft als eine solche Zumutung, daß ich das Buch empört in die Ecke warf - um es dann allerdings meistens nach ein paar Tagen oder Wochen wieder hervorzuholen und weiterzulesen.
Obwohl sich, wie mir scheint, nicht wenige heutige Denker, Pädagogen, Esoteriker, Wirtschaftswissenschaftler und nicht zuletzt Theologen uneingestandenermaßen bei Steiner bedient haben, wird ihm noch immer im öffentlichen Kulturleben die Bedeutung nicht zuerkannt, die er nun einmal hat. Noch immer gilt es unter Intellektuellen fast als peinlich, über ihn zu reden. Bis heute gibt es im Grunde nur überzeugte Anhänger, die schlechthin alles akzeptieren, was Steiner gesagt und geschrieben hat, und eingeschworene Gegner, die ebenso schlechthin alles ablehnen - häufig allerdings nur auf das hin, was sie vom Hörensagen kennen.
Eine unvoreingenommene, ernsthafte und zugleich kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk, wie er selbst sie immer wieder gefordert hat, steht bis heute noch aus. Ich halte das für äußerst bedauerlich, denn mir scheint, daß Steiners Ideen und Anregungen - gerade weil sie quer zu den gegenwärtigen Denkgewohnheiten liegen - viel zur Lösung der Kultur- und Menschheitsfragen beitragen könnten, die immer bedrohlicher auf uns zukommen.
Edzard Reuter
Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG
Sieht man einmal von spirituellen Erlebnissen ab, ist es doch eigentlich undenkbar, es könne ein "Buch meines Lebens" geben. Mich haben Bücher immer fasziniert und begleitet, und sicher wechseln im Laufe der eigenen Entwicklung die Leselieben wie auf einer Entdeckungsreise. Im letzten subjektiv sind denn auch die Eindrücke, die einen dazu führen, einem Text besondere Größe zuzuschreiben. Nach solchen Vorbehalten will ich doch einen Hinweis wagen und nenne Uwe Johnsons "Jahrestage", für mich der mit Abstand größte Roman dieses Jahrhunderts.
Elfriede Jelinek
Schriftstellerin
Eines der wichtigsten und witzigsten Bücher in meinem Leben (aber vor allem für mein Schreiben) war "Die Insel" von Peter O. Chotjewitz. Dieser Autor hat mir kategorisch das kalte, also das nur behauptete Pathos abgewöhnt. Durch ihn habe ich gelernt, daß Schreiben sehr viel mit
Wirklichkeit zu tun hat, in Wirklichkeit aber niemand schreiben muß, wenn er nicht unbedingt will.
Björn Engholm
Ministerpräsident von Schleswig-Holstein
Ich verehre manche Autoren und lese viele mit Genuß. Weit oben thront Günter Graß, den ich - cum grano salis - für den vielseitigsten lebenden deutschen Autor halte (die anderen mögen mir verzeihen), und sehr hoch oben in meiner Prioritätenskala rangiert John le Carré, dessen brillante Politthriller
mich manche Nacht gekostet haben.
Wenn ich jedoch gezwungen bin, mich für ein Buch, für eine Geschichte, die mich nachhaltig beeindruckt hat, zu entscheiden, fällt mir die Wahl nicht
schwer: Mark Twains Bücher von Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
Zunächst, aber nicht vor allem, weil Twain ein wundervoller Erzähler ist. Inhaltlich und stilistisch von unglaublicher Einfachheit und Klarheit: eine Prosa der Straße, des Alltags, des Einfindens in die Gefühle der Jungen, der schlichten Wahrheit und vergessener Hoffnungen. Hemingway erkannte neidlos, daß die moderne amerikanische Literatur nachhaltig von Tom und Huck infiziert worden ist.
Nein, es ist mehr: Ich liebe Twains "Tom und Huck", weil sie einen Traum voll Kindheit, eine. Zeit des Erstaunens, der Geheimnisse, Gefahren, Erlebnisse, des Entdeckens, Erkämpfens verkörpern, wie sie die neuere Zeit und ihre Literatur kaum noch kennen.
Es sind nicht Geschichten für Kinder von Erwachsenen, sondern über Kindheit für Erwachsene. Erzählungen über Kinder, die noch nicht domestiziert, noch nicht an die Regeln des Alltags zwangsadaptiert wurden.
Früher erkundeten Kinder ihre vielfältige Umwelt, indem sie ihre Kreise um das Zentrum ihres Zuhauses immer weiter zogen; sie entdeckten Hausflure, Hinterhöfe, Gärten, Straßen, Bahndämme, unbebaute
Grundstücke. Aber mehr und mehr wurden diese Erlebnisräume von den Erwachsenen für andere Zwecke okkupiert. Zum Autofahren, für Industrie
und Gewerbe, für Wohngebäude, Kunstgarten und organisierte Erlebnisgelände. Kindheit und Jugend spielen sich seither immer mehr in Wohnungen oder in spezialisierten und pädagogisch organisierten Zentren wie Kindergärten, Schulen,
Abenteuerspielplätzen, Jugendzentren, respektive in Discos oder Fast-food-Läden ab.
Zugleich zieht an Jungen wie Alten das Weltgeschehen in Kurzbeiträgen durch elektronischen Medien vorbei. Die Welt ist komplett organisiert und wird illustriert statt erlebt, erobert und selbst gedeutet. Der
"Sinn für Proportionen" geht, wie Nell Postman eindrucksvoll beschrieben hat, verloren. Für mich ist irgendwie der Verlust von Raum und Zeit für Kindheitsphantasien und Träume ein unwiederbringlicher Verlust von Kindheit selbst. Es ist wie bei Ota Hofmanns "Pan Tau", den ich ebenfalls verehre: Twain
steht auf der Seite der Kinder. Seine Figuren verkommen nicht zur bloßen Staffage, sie begreifen die unglaublichen Geschichten sofort, weil sie noch nicht verlernt haben, an Wunder zu glauben, weil sie noch nicht der Traumlosigkeit angepaßt wurden.
Tom und Huck - das sind immer wieder neue Hoffnungen auf die Freiheit und die Macht der Phantasie. Und große Literatur dazu.
Hartmut
von Hentig
Pädagoge
Alle Dichtung, die mir etwas bedeutet, schien stets von mir zu handeln. In einigen Dichtungen gibt es Gestalten, die ich liebe. In Joseph Conrads "Lord Jim" trifft beides zusammen.
Was mir das Buch wichtig macht, geht nicht in der dichten Handlung auf. Aber man muß diese kennen, um
meinen Anspruch auf die Geschichte zu verstehen. Jim
- "kaum 24 Jahre alt" - ist
Erster Offizier auf der Patna, die eines Nachts mitten im Pazifik auf ein unsichtbares Hindernis, möglicherweise ein nicht verzeichnetes Wrack, aufläuft, leckschlägt und im Begriff ist, zu sinken: "Achthundert Menschen, sieben Rettungsboote und keine Zeit!" Das einzige Schott ist morsch. Jeder Versuch, es zu stützen, würde - wie jede andere Maßnahme - eine heillose Panik entfesseln. Ein Sturm zieht auf. Jeden Augenblick wird die Katastrophe eintreten. Während die Mannschaft und die Passagiere schlafen, machen der skrupellose Kapitän, der Erste und der Zweite Ingenieur ein Boot zur eigenen Rettung los. Jim, von der Ausweglosigkeit gelähmt,
sieht ihrem Treiben angeekelt zu. Die erste Sturmbö erreicht das nach vorn abkippende Schiff. In dem Augenblick springt Jim von der Brücke. Er wird von den drei anderen aufgefischt, weil sie ihn in der Dunkelheit für den Hilfsmaschinisten, den vierten Komplizen, halten.
Als sich der Sturm verzogen hat, ist das Schiff verschwunden. Nach Tagen werden die vier halbtot aufgelesen. Die Patna jedoch ist nicht gesunken, sondern abgeschleppt worden.
Der Kapitän verschwindet, der Erste Ingenieur verliert den Verstand, der Zweite entzieht sich durch Krankheit. Jim - allein vor Gericht - beantwortet die Fragen gewissenhaft. Ihm werden, weil er "in völliger Mißachtung seiner klaren Pflicht ... im Augenblick der Gefahr das ihm anvertraute Leben und Gut im Stich gelassen hat", die Patente entzogen.
Ausgestoßen beginnt er auf einer kleinen pazifischen Insel ein neues Leben im Schatten der Schuld. Der größere Teil der Erzählung - wir hören sie von einem Captain Marlow - handelt davon, wie Jim gegen diesen Schatten anlebt, wie er versucht, "to live it down".
Sein Ende ist von "erschreckender Folgerichtigkeit". Brown, ein Desperado - und Schurke - fällt mit Gewalt in Jims friedliche neue Welt ein. Er wird von Jim und seinen Leuten gestellt. Aber der untadelige Jim ist noch immer verwundbar. Ahnungslos sagt Brown: Auch Jim sei wohl einmal als Bettler hergekommen. Wie er es gemacht habe, hier der Lord zu werden, das wolle er lieber gar nicht wissen. "Ihre Geschichte wird nicht besser sein als meine - Ich stehe hier, weil ich einmal in meinem Leben Angst gehabt habe." Über einen, der so redet, kann Jim nicht richten. Er gewährt Brown freien Abzug, den dieser mißbraucht, indem er unter den Jim anvertrauten Eingeborenen ein Blutbad anrichtet. So verliert Jim auch das neue Leben. Seine enttäuschten Freunde bringen ihn um.
Was hat das mit mir zu tun? Und warum liebe ich Lord Jim? Als der Nazispuk von uns wich, war ich 19. Das Buch habe ich 1949 als Student in den USA, gelesen. Mit drei Fragen hat es mich heimgesucht:
1. Was läßt uns den Augen blick der Bewährung versäumen? 2. Kann man Schuld (nicht Schaden!) wiedergutmachen? 3. Wer sind unsere Richter?
Zu 1.: Wie jim - und wohl jeder junge - habe ich von Heldentaten geträumt, die ich dereinst tun werde. Wie Jim habe ich meine Gelegenheit verpaßt, weil sie anders kam als erwartet. Jim ist ohne Grund - und ohne Bewußtsein davon - vom Schiff gesprungen: Daß er gesprungen war, wußte er erst, als es geschehen war, und da war alles zu spät. Ich bin ohne Grund - und ohne Bewußtsein davon - "dageblieben": Desertion ist mir- nie in den Sinn gekommen. Ein Versagen der Wahrnehmung hat uns beide mit just denen gemein gemacht, die wir für den "Inbegriff der Niedertracht" hielten. Warum hat Jim nicht die anderen alarmiert? Warum habe ich nicht (wie die Geschwister Scholl) Flugblätter verfaßt und verbreitet? Aus Angst? Wohl auch, aber die Antwort ist zu einfach; sie führt nur zur nächsten Frage: Warum hat
er / warum habe ich dies Angst nicht überwunden? Bei Conrad lese ich die schwierigere Wahrheit dazu: Jim war einfach außerstande zu handeln. "Er fürchtete sich vielleicht nicht vor dem Tod ... er fürchtete sich vor der Katastrophe." Jim selbst urteilt später: "Alles kommt darauf an, daß man vorbereitet ist. Ich war es nicht - damals nicht."
Wäre ich es gewesen, wenn ich "Lord Jim" zehn Jahre früher gelesen hätte?
"Die gewöhnlichste Standhaftigkeit hält uns davon zurück, Verbrecher im juristischen Sinn zu werden; wir werden es aus Schwäche ...
einer Schwäche, die verborgen in uns lauert ... für deren Oberwindung wir beten oder über die wir mannhaft spotten, die wir ein halbes Leben unterdrückt oder
ignoriert haben und vor der keiner von uns sicher ist."
Die Geschichte von jim lehrt mich vor allem eins: Fühle dich nicht sicher, weil du das Richtige weißt. Sei auf der Hut gegen dich selber. Es gibt keine "unschuldige" Schuld. Schon gar nicht entschuldigt uns unsere Jugend.
Zu 2.: Unser Bundespräsident hat einmal eine jüdische Weisheit zitiert: Vergessen verlängert das Exil. Das ist so - aber nicht, weil Vergessen selbst ein Übel wäre, sondern weil Vergessen von Versäumtem nicht möglich ist; was wir dafür ausgeben, ist in der Regel Verdrängung. Das Versäumte müssen wir vielfältig nachholen. "Lord Jim" zeigt uns das eindrücklicher, als irgendeine Abhandlung zum Nationalsozialismus dies tun kann. Jim vertuscht nicht, Jim verkennt nicht, Jim vergißt nicht. Er versucht, mit seinem Versagen fertig zu werden, indem er für die Wahrheit einsteht. The proper thing was to face it out.
Aber los wird er die Schuld nicht. Je gewissenhafter der Geist prüft, um so schwerer wird es, sie wirklich zu fassen. Es ereilt uns nicht nur Nemesis, sondern auch der qualvolle Zweifel, ob Schuld überhaupt vermeidbar war. "Angenommen ... ich hätte es auf dem Schiff ausgehalten? Nun, wieviel länger? Sagen wir eine Minute, eine halbe? - Ich hätte (im Augenblick des Untergangs) doch alles getan, um mich zu retten ... hätte mich an den erstbesten Gegenstand geklammert."
Wer hätte das nicht getan? Der Abstand zwischen Schuld und Unschuld beträgt "nicht einmal die Breite eines Haares". Einer Tugend, die mich davor nicht bewahrt, kann ich nicht nachtrauern.
"Eine gewisse Bereitschaft, zugrunde zu gehen, kommt nicht so selten vor, aber man
trifft nur wenige ..., deren Seele bereit ist, eine verlorene Schlacht bis zum letzten auszukämpfen."
Nichts läßt sich hinterher - sich selbst und den jüngeren
- so schwer erklären wie das
Versagen aus Verzagen, aus der Sinnlosigkeit jeder Anstrengung, aus der "Erschöpfung" des Muts. Es scheint, daß man sich davon auch nicht mehr erholt. Jim hat diese Last sein Leben lang nicht abzuwerfen vermocht. Wie sollten wir das können?
Zu 3.: Wieder hat Conrad eine bittere Antwort bereit: Andere können uns jene Last erst recht nicht abnehmen. Schon gar nicht unsere Richter. Über Jim wird in Conrads Roman dreifach geurteilt:
- durch das offizielle Gericht, das sich nur für "Tatsachen" interessiert, für das "Wie" der Geschichte, nicht das "Warum";
- durch den Beisitzer Brierly, einen Segelschiffkapitän,
der "nie in seinem Leben einen Irrtum begangen, nie einen Unfall, nie Pech gehabt hat ... der keine Unentschlossenheit, geschweige denn Selbstzweifel kannte"; - durch den Erzähler Marlow, der Jim von Anbeginn auf eine spröde männliche Weise liebt; diese Liebe bekennt er in dem einen Satz: "Er war einer von uns."
Und also lieben auch wir Leser ihn, sehen auch wir ihn "in der ersten Reihe der Menschheit". Was wäre eine Liebe ohne Anstrengung und Anfechtung? Weil Jim nicht sieghaft und nicht vorbildlich, sondern gebrochen und unerlösbar ist, weil er weiß, daß es kein Entrinnen gibt und er dennoch durchhält - "gefeit gegen die Gewalt der Tatsachen, gegen die Ansteckung des schlechten Beispiels, gegen die Aufdringlichkeit der Ideen" -, möchten wir uns in ihm wiedererkennen. Das dürfen wir nur, wenn wir wie Jim unser eigener härtester Richter sind. So ist "Lord Jim" das Buch, das ich wieder lese, wenn mir Zweifel kommen, ob wir je mit dem - gehabten und möglichen - Faschismus fertigwerden können. Es mahnt, "daß wir auf jede kostbare Minute und jeden unwiderruflichen Schritt achten müssen im Vertrauen darauf, daß wir imstande sind, am Ende doch in Ehren abzutreten - aber dessen keineswegs gewiß".
Manfred Krug
Schauspieler
Das Buch, an das ich zufällig geriet, das mir die Kindheit versüßte und das ich noch heute alle zehn Jahre wieder lese, ist von Fridtjof Nansen und heißt "In Nacht und Eis". Es ist ein kunstloser Bericht über seinie große Arktis-Expedition, aus dem ich so oft Mut für meine kleinen, manchmal hochstaplerischen Unternehmungen geschöpft habe. Jedenfalls hatte ich vor dein Schicksalen von Nansen oder von Robinson Crusoe nie Angst, im Gegenteil, heimlich habe ich mir solche Lebenslagen gewünscht und war ganz sicher, daß auch ich sie bestehen würde. Wahrscheinlich haben diese Bücher mein Selbsthelfergemüt erheblich gefördert.
Loriot
Humorist
Das Buch meines Lebens ist wohl "Robinson Crusoe". In meinem Exemplar, das noch von meinem Vater stammte, fehlten an einer höchst spannenden Stelle drei Seiten. Wahrscheinlich ist dies die Erklärung dafür, warum ich in allen Krisensituationen meines Lebens eigentlich nur gespannt darauf war, wie es wohl weitergehen werde ...
Lothar-Günther Buchheim
Autor, Kunstsammler
In früher Jugend: Hölderlins "Hyperion", später: "Schau heimwärts, Engel!" von Thomas Wolfe und das Gesamtwerk von Joseph Conrad, besonders die Essays "Der Spiegel der See".
Theo Waigel
Bundesfinanzminister, CSU-Vorsitzender
Wer, wie ich, stets Lust am Lesen hat, für den ist es schwierig, von dem Buch des Lebens zu sprechen. Angemessener wäre vielleicht der Hinweis auf den "Autor des Lebens". Diese Position nimmt für mich mein schwäbischer Landsmann Joseph Bernhart ein, der in den vergangenen Jahren auch über seine Heimat hinaus einige
Leser finden konnte. Bernhart wurde 1881 in meiner Heimatgemeinde Ursberg geboren und hat sich einen Namen gemacht als Theologe und Philosoph, als Dichter und Denker mit starken Bezügen zur Geschichte und Politik ("Halb Poet und halb Gelehrter"). Die vor etlichen Jahren erfolgte Neuauflage seiner "Erinnerungen" haben mich zu einer intensiven Beschäftigung mit diesem schwäbischen Landsmann veranlaßt und mein Politikverständnis nachhaltig beeinflußt. Die politischen Aspekte seines Denkens betreffen das tragische Moment allen Daseins, die Krisen und Gefahren der Demokratie sowie die Grenzen der Toleranz in einer pluralistischen Ordnung. Ihm ging es stets um die ethischen bzw. religiösen Bezüge der Demokratie. Für ihn ist dauerhafte Demokratie nur möglich auf der Grundlage einer festen Wertordnung, eines
ausgeprägten sittlichen Bewußtseins der Staatsbürger und damit letztlich eines sich selbst bindenden Gebrauchs der individuellen Freiheit. Andernfalls, so Bernhart, gerät die Demokratie in die Gefahr der Selbstzerstörung.
Sein politisches Plädoyer zielte auf einen Realismus, der von einem Wertkonsens ausgeht, auf Vertrauen und Gelassenheit setzt und immer offen für die Zeichen der Transzendenz bleibt. Hierin besteht Bernharts Antwort auf die Sinn- und Identitätsprobleme der Menschen in der technisch wissenschaftlichen Zivilisation, die ohne ein ethisches beziehungsweise religiöses Moment ihre geistige Heimat verliert.
Reinhard Mohn
Unternehmer
(Bertelsmann AG)
Als ich in den Jahren nach dem letzten Krieg vor der Aufgabe stand, die Verantwortung für den Wiederaufbau eines zerstörten Verlages zu übernehmen, fehlte mir dafür weitestgehend theoretisches Rüstzeug. Der Krieg hatte ein Studium
verhindert. Nach dem Krieg waren andere Dinge wichtiger. In dieser Situation war ich bemüht, von der führungstechnischen Erfahrung der USA zu lernen. Nutzen gezogen habe ich dabei insbesondere aus den Publikationen:
Peter F. Drucker: "Praxis des Management",
Alfred P. Sloan: "My Years with General Motors". Aufbauend auf diesen Erkenntnissen konnte ich dann später ein Unternehmenskonzept entwickeln,
welches offensichtlich funktions- und menschengerecht war.
Bernhard Minetti
Schauspieler
Als Bücher, die mich wesentlich beeinflußten und heute noch faszinieren, nenne ich je drei für "Schöne Literatur" und für "Sachliteratur":
Francois Villon: "Das kleine Testament" (in der Übersetzung von K. L. Ammer); Goethe: "Die Wahlverwandtschaften"; Thomas Bernhard: "Auslöschung"; Siegfried Jacobsohn: "Das Jahr der Bühne"; Herbert Ihering: "Der Kampf ums Theater"; Günther Rühle: "Theater für die Republik" (im Spiegel der Theaterkritik 1917 - 1933).
Franz Xaver Kroetz
Schriftsteller, Schauspieler
Es ist lächerlich, einen Menschen, der seit seinem 12. Lebensjahr mit Büchern umgeht wie andere mit
Brot, auf ein "Lebensbuch" festnageln, zu wollen. Ich hab' ein paar tausend Bücher, mit denen ich umging, davon sind ein paar hundert lebensnotwendiger Sternenhimmel, immer da, wohlgemerkt. Herauszuheben, anzuleuchten die einen und die andern ins schwarze Loch fallen zu lassen, wäre Verrat an den Büchern und an mir. Nur soviel: Als mein Vater noch immer E. Salgari und Karl May las, las ich Ernest Hemingway, Jean-Paul Sartre und Romano Guardini. Mein Vater starb 1961, da war ich fünfzehn Jahre alt, er dreiundsechzig.
Hans-Jochen Vogel
SPD-Vorsitzender
Die Frage nach dem "Buch meines Lebens" könnte einer, der wie ich seit bald 60 Jahren unendlich viel gelesen hat, so, wie sie gestellt ist, nur mit einer frommen Lüge beantworten. Zu groß ist die Zahl der Bücher, die mir wichtig waren, die mich erfreuten, die mich im ganz altmodischen Sinne des Wortes "bildeten".
Belehrt und beeindruckt hat mich vorwiegend Historisches. Aber ich schätze auch Christa Wolf, und ich mag die Lieder von Paul Gerhardt; jüngst haben mir Goethes Gespräche mit Ekkermann wieder einmal
Freude gemacht. Die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Für meine politische Arbeit war in den letzten Jahren Hans Jonas' "Prinzip Verantwortung" am wichtigsten.
Nicht vergessen will ich das erste Buch, an das ich mich erinnere: "Der Osterhas auf
Reisen" von Adolf Holst
mit Bildern von Ernst Kutzer. Ich bekam es von meinen Großeltern, als ich mit vierjahren im Krankenhaus lag. Meine Mutter las mir die Reime so lange vor, bis ich sie auswendig konnte. Die fröhliche Geschichte hat auch meinen Kindern Spaß gemacht.
Kürzlich habe ich das völlig zerfledderte Exemplar, das mir eher wieder zufällig in die Hände kam, neu binden lassen. Und nun freuen sich die Enkel an den Abenteuern des reisenden Hasen. In seiner Art hat das Buch also drei Generationen gebildet.
August Everding
Generalintendant, Regisseur
Ich wehre mich gegen Ihre Frage: Mein Leben ist nicht abgeschlossen. Standardantworten - Bibel, Göttliche Komödie, Faust - will ich nicht geben. So lächerlich es klingt: Auf meinem Lebensweg waren Gertrud von le Fort, Wassermann und
Thomas Mann wichtiger als die Brüder Karamasow und die französischen Sittenromane. Thomas von Aquin hat mich mehr beeinflußt als Sartre, die Liebesbriefe von Abälard und Heloise mehr als Frau Sagan und
der herrliche Nabokov. Die "Leichtigkeit des Seins" hat mein Sein nicht verändert und die "Zeitkurven" von Arthur Miller haben keine
neue Weichenstellung ergeben.
Das Buch bis jetzt, das ich nicht missen kann: Franz Kafkas "Das Schloß". P.S.: Das Buch meines bisherigen Lebens: August Everding, "Mir ist die Ehre widerfahren. An-Reden, Mit-Reden, Aus-Reden, Zu -Reden".
Gerd Schmückle
General a. D.
Die Bibel, immer wieder die Bibel: weniger der Erbauung als der Ermahnung wegen, wozu Menschen - im Erhabenen wie im Niederträchtigen - fähig sind. Zudem hat der alte Orakel -Gott seine Autoren mit einer so großartigen Sprachgewalt gesegnet, daß die Schrift - trotz ihrer unglaublichen Widersprüche - als ein imponierendes Ganzes, als das "Buch der Bücher", erscheint.
Reinhold Messner
Bergsteiger
Georg Büchner: "Lenz" - bei der Lektüre dieser Erzählung war mir, als dröhnten meine eigenen Schritte durchs Gebirg.

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