07.08.2007

II. FAMILIENALLTAGEin Haus voller Kinder

Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft, aber mittendrin leben Millionen Menschen in Großfamilien. Manche sind weder besonders reich, noch gehören sie zur Unterschicht. Sie sind Normalverdiener und haben einfach gern viel Nachwuchs.
Hinter dem Küchenfenster am Pfarrer-Lanzinger-Ring in Vierkirchen beginnt jenes bayerische Land, von dem die Hymne sagt, dass Gott mit ihm sei. Rapsgelb und tiefgrün stoßen die Felder mit Butterblumen und Gänseblümcheninseln an den makellos blauen Himmel. Die Farben schmerzen fast im Schein der Mittagssonne. "Schee", sagt Marianne Gojowczyk, und drückt die vier Monate alte Paulina an ihre Brust. Es ist kurz vor zwölf - gleich wieder Zeit zum Stillen.
Sie setzt sich an den schweren Holztisch, der lang genug ist für mindestens ein Dutzend Leute. Ehemann Reiner isst gerade ein zweites Frühstück. Heute arbeitet der Malermeister in der Nachbarschaft, da kommt er zwischendurch rasch mal vorbei, "weil's daheim einfach gemütlich ist". Außerdem ist Tochter Bianca, 22, zu Besuch. Die Älteste wohnt mit ihrem Freund im gut 50 Kilometer entfernten Augsburg. Emil, 3, schmiegt sich an die babyfreie Körperhälfte seiner Mutter. Auf einer Decke am Boden schlummert seelenruhig der vierjährige Niklas. Die Wohnküche strahlt jene unwiderstehliche Geborgenheit aus, die auch Erwachsene in Gegenwart von Babys und schlafenden Kindern in einen Zustand zwischen Schläfrigkeit und Wohlbefinden einlullt. Ein Idyll.
"Das ist eine schöne, ruhige Stunde", sagt Marianne Gojowczyk. Von dieser Sorte hat die 43-Jährige nicht viele im Laufe eines Tages. Denn die vier Kinder, die zurzeit daheim sind, machen nur einen Teil der Familie aus. Einen kleinen Teil. Außerdem gehören dazu: Sebastian, 20, Fabiola, 18, Moritz, 15, Jana, 12, Laurenz, 9, Vincent, 7, und Antonia, die im August 6 Jahre alt wird. Elf Kinder haben Marianne und Reiner Gojowczyk, 45, in den vergangenen 22 Jahren gemeinsam zustande gebracht. Bei der Frage, warum es so viele geworden sind, lässt die Frau ihr glucksendes Lachen heraus: "Dieses Glücksgefühl, ein Baby im Arm zu halten, ist bei mir zur Sucht geworden."
So weit, so wissenschaftlich. Schließlich ist erwiesen, dass die Natur den Körper während Schwangerschaft und Stillzeit mit Botenstoffen überschwemmt, die im Volksmund auch als Glückshormone bekannt sind. Sie verleihen werdenden und gerade gewordenen Müttern den Schmelz ansonsten vergänglicher Jugend und geben ihnen das Gefühl, mit dem frischgeschlüpften Säugling irgendwie die ganze Welt in Armen zu halten. Wenn es nach der elffach erfahrenen Mutter aus dem Oberbayerischen geht, müssten Frauen nur einfach immer wieder schwanger werden, um das Glück nicht abreißen zu lassen. "Stimmt", sagt sie und lacht. Lacht unbeirrbar mit ihren fröhlichen, hellblauen Augen.
Kann das denn wahr sein? Fast ein Dutzend Kinder, sechs davon jünger als zehn, weit davon entfernt, Millionen auf dem Konto zu haben, keine helfenden Omas, keine Haushaltsperle, kein Au-pair und so gut drauf - die Frau kann doch nicht normal sein.
Ist sie auch nicht, wenn normal nur das ist, was die Mehrheit lebt. Prozentual gehört Marianne Gojowczyk zu einer Minderheit von 2,6 Prozent Müttern in Deutschland, die vier und mehr Kinder haben. Nicht normal sind danach in absoluten Zahlen rund 323 000 sogenannte kinderreiche Familien zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, die 45 Jahre nach Einführung der Pille inmitten einer flächendeckend geburtenkontrollierten Gesellschaft einfach viele Kinder kriegen. 323 000 Familien mit durchschnittlich sechs bis sieben Mitgliedern macht rund zwei Millionen Menschen, die ungerührt von Konjunkturtiefs und Geburtenschwund in Großfamilien leben. Zwei Millionen, das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Slowenien. So gesehen bilden die Kinderreichen hierzulande einen Großfamilien-Ministaat im schrumpfenden Kleinfamilienparadies.
Immerhin, wer sich auf die Suche nach Vertretern dieser Spezies macht, kann sich auf Überraschungen gefasst machen. Eine Wende scheint sich anzukündigen. Abseits der vertrauten Klagen über die aussterbenden Deutschen und ihre verantwortungslose, konsumgeile, kinderfeindliche Jugend, meldet eine euphorisierte Jetzt-gerade-Lobby hoffnungsvolle Anzeichen für eine neue Gebärfreude. Mitten im schwächelnden Volkskörper sucht und findet "Die Zeit" ein "Full House"; in einer Untersuchung zur Familienplanung in Deutschland jubelt die Wochenzeitung im Werbetexter-Jargon: "Kinder als Luxus - manche leisten sich etwas mehr." Einschlägig motivierte Publikationen, wie das evangelische Magazin "Chrismon plus", behaupten kühn, "Die Großfamilie lebt" und es gehe ihr "so gut wie nie zuvor".
Geradezu hysterisch klingen Meldungen vom Trendsetter USA, wo "Kinderreichtum derzeit der zuverlässigste Indikator für Reichtum und Optimismus" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") sei. Unter der Losung "Drei sind besser als zwei" entwickle sich eine "kennedyeske" Sehnsucht nach "der Begründung einer Dynastie". Drei, vier, viele Kinder, vermelden amerikanische Medien, seien das "Statussymbol der Dekade" und verschafften "auf der Park Avenue mehr Respekt als eine Flotte blitzender Bentleys" ("New York Observer").
Die Gojowczyks können einstweilen von beidem nur träumen. Der Toyota-Kombi im Carport vor dem Vierkirchener Doppelhaus braucht demnächst eine Inspektion, und in der Nachbarschaft genießt der fröhliche Kindergarten allenfalls Exotenstatus. Für dynastische Entwicklungen nach dem Vorbild des machtbewussten VW-Bosses Ferdinand Piëch gibt es hierzulande kaum Anzeichen. Der 70-jährige hat immerhin zwölf Erben aus zwei Ehen und diversen "Connections", wie er es nennt, vorzuweisen.
Piëch steht - darin sind sich Demoskopie und Sozialwissenschaft einig - für eine qualifizierte Randgruppe der Gesellschaft. Großfamilien finden sich vorzugsweise in zwei entgegengesetzten Sozial-Biotopen: ganz oben, bei den Reichen, Adeligen und Bessergebildeten oder ganz unten im Zonenrandgebiet der Armutsgrenze. "Sehr arme und sehr reiche Familien", bestätigt der Bamberger Familienforscher Kurt P. Bierschock, seien unter den Kinderreichen "überdurchschnittlich vertreten".
Mühelos in die Schlagzeilen schaffen es die materiellen Muskelspieler, die sich, wie der russische Milliardär Roman Abramowitsch, außer Großraumkarossen, Landschlössern und Fußballvereinen auch schon mal ein paar mehr (in diesem Fall: fünf) Kinder leisten. Einschlägige TV-Sendungen oder Doku-Soaps wiederum bevölkern Hartz-IV-gezeichnete Mütter und Väter mit ihren Orgelpfeifenformationen, deren Leben dann unter Vorspiegelung sozialer Anteilnahme ausgeweidet wird. "Affa gaffa", nennen das die Gojowczyk-Teenager, die sich solchem Bälgerzirkus lieber entziehen.
Es fehlt an Vorbildern aus der Normalo-Welt. An Beispielen von Leuten, die weder den Alltag locker mit einer Personalarmada bewältigen können, noch ungewollt und unaufgeklärt in eine Katastrophenbiografie auf Staatskosten gestolpert sind. An Geschichten aus dem Durchschnittsleben von Männern, Frauen und Paaren, die arbeiten, sich ihr Geld einteilen müssen, Urlaub planen, Sorgen haben, sich streiten, sich vertragen und gern mit vielen Kindern leben.
Leute wie Anne und Jürgen Katzmarek. "Meine Hobbys sind meine Kinder und mit meiner Freundin zu quatschen", so stellt sich die Mutter von acht Jungen und vier Mädchen auf der Internet-Homepage für XXL-Familien vor. Der Gatte kocht bei Ikea, fährt gern Fahrrad und angelt. Von seinen rund 1500 Euro netto und dem Kindergeld, das noch mal ungefähr genauso viel ausmacht, zahlen sie die Miete für das Reihenhaus in Salzgitter, Strom, die Versicherung für zwei Autos, Handys, Computer, MP3-Player, Spielkonsolen.
Für Frühstück, Schulbrote und die Stullen am Abend gehen rund drei Kilo Brot pro Tag drauf, für eine Mahlzeit fünf Pfund Nudeln. 60 Liter Milch trinken die Katzmareks pro Woche. Zu Ostern gibt es zwölf Schokokörbchen.
Statistisch sind unter den Familien mit vielen Kindern häufiger Sozialfälle als bei den Kleinkohorten. Bemerkenswert finden die Autoren der jüngsten Studie des Bamberger Staatsinstituts für Familienforschung über kinderreiche Familien allerdings, dass Kinder wie Eltern großer Clans mit knappen Kassen kaum weniger zufrieden sind als ihre materiell besser versorgten Artgenossen.
Die Katzmareks haben ihre Lage trotz bescheidener Mittel im Griff. Anoraks und Schneeanzüge wandern von den großen zu den jüngeren Geschwistern. Einmal im Jahr mietet die gebürtige Flensburgerin für ihre ganze Mannschaft ein Ferienhaus an der Küste: "Das Meer ist unsere Leidenschaft."
Entscheidend für das familiäre Wohlbefinden ist die Stimmung in dem Haus mit den grünen und orangefarbenen Schmetterlingen an der Wand. Ob Junge oder Mädchen: Wer reinkommt, holt sich bei Muttern erst mal eine Kuscheleinheit ab. "Na klar wird bei uns gestritten", sagt Aylysa, 13, "aber es ist toll, dass man immer jemanden zum Spielen und Reden hat." Dem eher stillen Angelo, 10, geht die Dauerbelagerung manchmal ganz schön auf den Geist. Zum Glück hat aber jeder, bis auf die beiden Kleinsten, ein Zimmer für sich allein. "Die Kids sind freundlich, hilfsbereit und sozial viel reifer als andere", sagt Silke Giese, bei der die jüngsten Abkömmlinge des Clans in den Kindergarten gehen, "und die Frau", sie verdreht bewundernd die Augen, "ist einfach unglaublich relaxed."
Sicher, auch Anne Katzmarek, 39, hatte mal andere Pläne, als jeden Tag ab 5.30 Uhr sechs bis acht Maschinen Wäsche zu waschen und abends gegen zehn bei einem Liebesfilm im Fernsehen einzuschlafen. Hebamme wollte sie werden. Aber dann ist sie kurz vor der Prüfung mit 17 schwanger geworden. Als sich die Norddeutsche, die so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann, zwei Jahre später in ihren heutigen Mann verliebt, ist sie schon Mutter von zwei Söhnen. Zwischendurch hat Anne Katzmarek zwar auch verhütet, "aber ich hab immer gern kleine Kinder gehabt, und ich wollte das so". Ehemann Jürgen, 37, war einverstanden, "vielleicht, weil ich ohne Geschwister aufgewachsen bin". Glück ist für den ehemaligen Offiziersanwärter bei der Bundeswehr, seiner Kinderkompanie unbemerkt beim Spielen zuzusehen.
Träume? "Einmal mit allen Kindern nach Amerika reisen. Und ein Bus." In dem könnte die ganze Familie endlich zusammen rausfahren.
Sorgen? Anne Katzmareks Antwort darauf fällt überraschend aus. Nichts Familiäres fällt ihr dazu ein, sondern etwas, was das ganze Land betrifft: Ausländerfeindlichkeit - die treibt sie um. Als kleinen Protest dagegen hat sie ihren Kindern internationale Namen gegeben wie Filiz-Chantalle und Aylysa-Antoinette, John-Patrick und Luna-Mae.
Klagen? Manchmal ist Anne Katzmarek traurig, dass die Freunde sich zurückgezogen haben. "Wir können halt nicht jedes Wochenende essen gehen." Dafür haben sie nun ihren Spaß im Fußballverein. Gina-Marie, 8, hat damit angefangen. Jetzt ist die Mutter so begeistert, dass sie schon mal beim Trainieren hilft. Anne muss abnehmen - zwölf Geburten haben so viel Pfunde Übergepäck hinterlassen, wie sie ein Fotomodell allein auf die Waage bringt. "Und schon denken alle: typisch asozial", sagt die Frau, der so schnell nichts entgeht.
Im Umgang mit Klischees und Vorurteilen sind Großfamilien einiges gewöhnt. Wer in Deutschland vier und mehr Kinder im Schlepptau hat, wird bestenfalls herablassend, oft auch verächtlich angeschaut, nach dem Motto, heute muss man doch nicht mehr schwanger werden. Historisch betrachtet, haben schon seit circa 1860 immer weniger junge Menschen Lust, sich im großen Stil zu vermehren. Bis dahin wurden Kinder gebraucht. Vor allem selbständige Handwerker und Bauern zeugten reichlich Nachwuchs, um durch die Sippe auch den Familienbetrieb zu sichern. Die Arbeiter- und Angestelltenwelt kann ohne Kindersegen überleben. Und für die Dienstleistungselite, die ihren Reichtum an der Börse sucht, sind die lieben Kleinen allenfalls ein Schnuckifaktor.
"Entweder katholisch oder blöd oder beides", sagen manche Leute unverblümt, wenn ihnen Familien wie die von Martina und Jürgen Münch oder Alois und Renate Waschlinger begegnen. Das Ärzte-Ehepaar Münch lebt mit sieben Kindern in Cottbus, Waschlingers mit 15 Kindern, zwei Enkeln und einem Stiefkind auf dem Poxödhof in Niederbayern. Dabei war es bei beiden Ehepaaren keineswegs der Papst, der für den Kindersegen Pate stand. Zwei, drei Sprösslinge hatte Chefarzt und Kardiologe Münch, 55, sich ursprünglich vorstellen können, und Bauer Waschlinger, 55, nickt schweigend auf die Frage, ob ihm auch drei Kinder gereicht hätten.
Dass es anders kam, haben die Frauen entschieden. "Nach jeder Geburt", sagt Neurologin Münch, 45, stellvertretende Landesvorsitzende der SPD Brandenburg, "hab ich gehofft, dass es nicht das letzte Kind war." Renate Waschlinger, 51, Einzelkind wie ihr Mann, ist der Job als Bürokauffrau "schon abgegangen, als ich durch die Heirat hier auf den Hof kam". Acht Mädchen und sieben Jungen brachten ganz schön Sinn und Abwechslung in die Einöde.
Auf die Frage, wie sie das schaffen mit der Arbeit und den vielen Kindern, antworten die Frauen, deren Lebensmodelle ansonsten unterschiedlicher nicht sein könnten, wie auf Verabredung: "Da wächst man so rein." Natürlich potenziert sich vorübergehend der Stress, wenn Windpocken, Masern, Mumps im Kindergartenalter gar nicht aufhören und später vier Teenager gleichzeitig pubertieren. Aber vieles werde auch einfacher, je mehr Kinder es sind. Geschwister erziehen sich gegenseitig, und Teamarbeit ist alles.
Auf dem Hof helfen die Mädchen im Haushalt, die Buben sind im Stall. In Cottbus passt immer ein Großer auf einen Kleinen auf, wenn Mama und Papa - was sie gern tun - ins Theater gehen. Kommen die Kinder nicht zu kurz, wenn sie sich in so großer Zahl die Zeit der Eltern teilen müssen? "Man entwickelt ein Gespür für jedes Einzelne", sagt Münch, "nicht jedes Kind braucht immer gleich viel Aufmerksamkeit."
Ob Malermeister im Dorf oder Koch in der Kleinstadt, ob Ärzte in Brandenburg oder Bauern in Niederbayern: Diese Familien haben sich für ihre Lebensform bewusst entschieden und sind bereit, sich auf die Lage einzustellen. Gelassenheit, Optimismus, Organisationstalent, solche Qualitäten bewahren große wie kleinere Familien vor dem Stress-Kollaps. Allerdings, Freude und Kinderliebe allein reichen nicht, um durchzuhalten, wenn drumherum mehr Geld, mehr Zeit und mehr Freiheit locken. In einer konsumverwöhnten Single-Society braucht es eine ganze Reihe vom Aussterben bedrohter Eigenschaften, um sich für das Abenteuer Großfamilie zu qualifizieren.
"Vor allem muss die Beziehung der Eltern stabil sein", sagt der Justizangestellte Alexander Koops, der mit Frau und sieben Sprösslingen am Stadtrand von Hamburg wohnt. Und die Väter müssen mit anpacken, auch wenn sie sich dem Feminismus sonst vielleicht nicht unbedingt verpflichtet fühlen. Bauer Alois hat sich aus der Familienplanung rausgehalten und die Kinder, wie sie kamen, auf dem Traktor mitgenommen. Chefarzt Münch ist "100 Prozent Vater, sobald er nach Hause kommt", sagt seine Frau, "keiner, der vor der Glotze die Beine hochlegt". Vater Koops ist "das Thema Kinder eine Herzenssache", aber man müsse sich selbst "total zurücknehmen" können: "Nur wer sich freimacht von der Erwartung, etwas zurückzubekommen, kann nicht enttäuscht werden."
Auch optimistische Naturen tun gut daran, sich und den Partner auf Belastbarkeit zu prüfen. Das Megafamilienmodell ist nichts für Leute, die vor allem an Selbstverwirklichung denken. Selbst Martina Münch, die der Ansicht ist, "von den Kindern so viel mehr zurückzubekommen, als wir geben", räumt ein, dass so ein Leben nur einigermaßen reibungslos verläuft, "wenn man sich darauf einstellt wie auf eine berufliche Karriere". Gefragt sei in beiden Fällen "ein Maximum an Anpassungsfähigkeit".
Ganz bewusst sind die Münchs aus der Hauptstadt nach Cottbus umgezogen. In Berlin, Hamburg oder München sind Großraumwohnungen für Kinderreiche meist unbezahlbar. Den berüchtigten mütterlichen Shuttle-Service zu den Freizeitaktivitäten braucht hier keiner. Schule, Cello, Kanu, Fußball oder Klavier: Der Nachwuchs radelt. Selbst die Haushaltshilfe ist in Cottbus erschwinglich. Auch wenn sie "zu den Besserverdienenden" gehöre, sagt Martina Münch, seien "Skiferien, Flugreisen, schicke Hotels" bei ihnen natürlich "nicht drin".
Existenzsorgen sehen anders aus. "Aber", fragt Politikerin Münch, die bis auf die Parteizugehörigkeit viel mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gemeinsam hat, "was passiert mit armen Familien?" Was tut da die Politik?
Richtig findet Sozialdemokratin Münch, dass Ministerin von der Leyen das Familienthema politisch in den Mittelpunkt rückt. Schließlich sei es nicht damit getan, dass der Onkel Bundespräsident beim siebten Zwerg die Fruchtbarkeit mit seiner Patenschaft belohnt. In Parteiprogrammen taucht der Begriff Großfamilie noch seltener als im wahren Leben auf - nämlich gar nicht. Krippenplätze, gut und schön. Aber von Steuersplitting und Kindermädchenabzug profitieren wiederum nur die, denen es sowieso schon gut geht. Münch: "Also wir."
Hilfe bei der Wohnungssuche? Günstigere Tickets fürs Schwimmbad? Preisnachlässe für den Zoo? Fehlanzeige. Familienkarten gelten oft nur für bis zu fünf Personen. Wer es schafft, ist stolz darauf, bis aufs Kindergeld ohne staatliche Hilfen auszukommen. Trotzdem brauchen Kinderreiche mehr politische und gesellschaftliche Anerkennung. Anne Katzmareks Antrag auf einen Dreiviertel- statt eines Halbtags-Kindergartenplatzes für ihre beiden Jüngsten hat die Stadt Salzgitter abgelehnt. Begründung: Die Mutter von zwölf Kindern sei schließlich nicht berufstätig.
Das kann man Annegret Raunigk, 58, nicht vorwerfen. Die Lehrerin unterrichtet Vollzeit an einer Grundschule am Stadtrand von Berlin. Vier Kinder hat sie zu Hause zu versorgen, "nur noch" vier müsste es genauer heißen, denn geboren hat die hübsche Frau mit der Teenagerfigur im Laufe ihres unkonventionellen Lebens 13 Kinder, 11 davon in der DDR. Bei der Scheidung hat Raunigks Ex-Mann ihr "fünf Kinder weggenommen", wie sie sagt. Danach kam noch Auda und vor zwei Jahren Lelia. Raunigk ist die älteste Frau in Deutschland, die - mit 55 Jahren - auf natürlichem Weg ein Kind bekommen hat. Und sie ist alleinerziehend.
"Wahrscheinlich hab ich so viele Kinder, weil ich viele Aufgaben brauche", sagt die Powerfrau. Raunigk kann und will kein Maßstab sein, bei 1,3 Kindern im bundesdeutschen Durchschnitt. Akademikerinnen unterschreiten diese Quote noch. "Die Kinder", sagt sie, "haben mich in meine Mitte gebracht. Sonst wäre mein Leben vielleicht noch verrückter verlaufen."
Es scheint leichter zu sein, sich für mehr Kinder zu entscheiden, wenn schon mal welche da sind. Ob Gojowczyks, Katzmareks oder Münchs - keines der Ehepaare hat von Anfang an beschlossen, einen familiären Großbetrieb zu gründen. Immer wuchs die Lust am Kindersegen mit der Zahl der Sprösslinge. Dummerweise jedoch muss die Frage, ob Männer und Frauen überhaupt Nachwuchs in die Welt setzen wollen, entschieden werden, bevor Paare erfahren haben, dass Kinder aufzuziehen wesentlich mehr Spaß macht, als keine zu bekommen - ein Umstand, der auf die Bevölkerungstatistik ebenso drückt wie auf die Sinnstiftung jedes Einzelnen.
Am Pfarrer-Lanzinger-Ring in Vierkirchen räumt Vater Gojowczyk den Vorgarten seines Hauses von Bobbycars und Federballschlägern frei. Ein Hund, zwei Katzen, zwei Rennmäuse, zwei Kaninchen, ein Vogel und eine Wasserschildkröte müssen noch versorgt werden. "Meine Mutter", sagt der 45-Jährige, "war eine schrecklich ordentliche Frau, mit Schutzbezügen auf den Sofas und so." Vier ihrer sechs Kinder hat sie zur Adoption freigegeben. Sohn Reiner landete bei einer Frau, die ihn mit Schlägen erzog. Da gibt es für den Vater von elf Kindern "einiges anders zu machen".
Strenge Zucht ist nicht sein Revier, der Malermeister ist auch ein Meister im Schmusen. Nachts wartet er manchmal darauf, dass die Kleinen ins Bett gekrabbelt kommen und die Füße zwischen Papas Beine stecken. Wie es weitergehen soll mit der Kinderzahl? "Na ja", sagt Gojowczyk, "wir sind beide Mitte 40, da geht ja wohl nicht mehr viel." Er packt seine Frau und lacht verschmitzt: "Aber eines vielleicht noch." BETTINA MUSALL
Von Bettina Musall

SPIEGEL SPECIAL 4/2007
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