07.08.2007

II. FAMILIENALLTAGPate statt Papi

Weil Kinder dringend Ansprechpartner auch außerhalb der Kleinstfamilie brauchen, vermittelt eine Berliner Agentur Paten, vor allem an Alleinerziehende. In Großbritannien und den USA ist das Mentoren-Projekt bereits seit längerem sehr erfolgreich.
Jeff ist hier der Experte. Andreas hat ihm eine Vorlage zum Ausmalen gezeichnet, aber Jeffs kritisches Auge hinter der Brille befindet, dass Andreas den Pokémon nicht besonders gut getroffen hat: "Nee, nee!" Der gesamte Wohnzimmerboden ist bereits mit Pokémon-Bildern bedeckt: Jeff malt, und Andreas denkt sich Geschichten aus zu den Bildern. Auch Jeffs Mutter Manuela taucht in den Zeichnungen auf, leicht zu erkennen am langen schwarzen Pferdeschwanz. Jeff und Andreas arbeiten an einem Großprojekt. Aber Jeff flüstert - und guckt Andreas dabei verschwörerisch an - pssst!! - "es ist ja noch ein Geheimnis, dass es ein Buch wird".
Andreas Jungwirth, 40, ist nicht Jeffs Vater, nicht der nette Onkel und auch nicht der neue Mann seiner Mutter. Dennoch ist jeden Dienstag für Jungwirth "Jeff-Tag". Dann holt er den Siebenjährigen von der Schule in Berlin-Treptow zum Fußballspielen, Schwimmen, Malen, Erzählen und Zuhören ab. Jungwirth ist Jeffs Pate. Kein Taufpate, sondern so was wie ein großer Freund.
Schon die Suche nach dem richtigen Begriff zeigt die Unsicherheit mit dem in Deutschland noch relativ jungen Phänomen: Die einen nennen sich "Vater light", die anderen eher wissenschaftlich "Mentor". Jeff sagt einfach "Andreas". Und wenn ihn seine Freunde fragen: "Ist das dein Papa?", antwortet er: "Nee, das ist mein Pate." Gefunden haben sie sich über den Berliner Vermittlungsdienst "Biffy" - kurz für "Big Friends for Youngsters", also "Große Freunde für junge Leute".
Die mobile, individualisierte Gesellschaft verändert das klassische Netz der Beziehungen: Nicht nur bei Elternpaaren, auch der Kontakt zu Großeltern oder Freunden hat sich gewandelt. Dabei wird das informelle Lernen, also das Lernen außerhalb des klassischen Unterrichts, immer wichtiger: durch Verwandte, Nachbarn, Trainer, Freunde, auf der Straße. Der letzte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung betont die Bedeutung außerschulischer Bildungsorte.
"Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf", lautet ein afrikanisches Sprichwort, auf das sich Biffy bezieht. Patenschaftsprogramme wie Biffy oder "Großelterndienste" wollen zumindest einen Teil des Beziehungsverlustes für das moderne Kind auffangen. "In dem Punkt sind wir Vorreiter in einer Entwicklung, deren Ausmaß zurzeit gerade mal in Ansätzen zu erkennen ist", sagt Biffy-Vorstandsmitglied Bernd Schüler. "Die Aufgabe der Zukunft wird in vielen Familien - und bald auch in der Gesellschaft selbst - darin bestehen, die Grenzen von Verwandtschaft, Stiefverwandtschaft und Freundeskreis neu zu definieren", schreibt auch "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Buch "Minimum".
Jeff ist also ein Kind der Avantgarde. Die meisten Eltern, die sich bei Biffy melden, sind alleinerziehend. Auch Jeffs Mutter. Morgens um kurz vor sechs verlässt die Polizeibeamtin bereits das Haus. Manuela Pantke, 36, muss so früh mit der Arbeit anfangen, damit sie nachmittags rechtzeitig wieder da ist, wenn für Jeff die Schule vorbei ist. Mal quält sie ein schlechtes Gewissen, mal denkt sie: So lernt er Selbständigkeit, auf jeden Fall weiß sie: Es geht nicht anders. Morgens ist der Junge auf sich selbst gestellt: Frühstücken, Zähne putzen, pünktlich aufbrechen zur nahegelegenen Schule: Das alles macht er selbständig, meldet bei der Mutter telefonisch Vollzug.
Seinen Vater kennt er nicht. Als Dreijähriger hatte er mal nach ihm gefragt, da hat seine Mutter ihm ein Foto gegeben und gefragt, ob er es aufstellen möchte. Jeff warf das Bild auf den Boden. Dennoch wuchs in der Mutter der Wunsch nach einem männlichen Bezugspartner für ihren Sohn. Es ging ihr gar nicht so sehr darum, selbst entlastet zu werden; mehr darum, dass Jeff noch einen weiteren Erwachsenen in seinem Leben hat: mit anderem Rollen- und Verhaltensmuster, jemanden, der für ihn da ist, sich auf seine Welt einlässt.
Beim Kennenlernen war es für alle drei noch seltsam, wie bei einem "Blind Date". "Ich war unglaublich nervös", sagt Andreas Jungwirth, der keine eigenen Kinder hat. Manuela Pantke fand ihn deshalb am Anfang zu schüchtern und passiv. Irgendwann, beim gemeinsamen Herbstausflug nahm sie eine Handvoll Laub und schmiss es auf Andreas. Der schmiss zurück, beide mussten lachen. Kurz darauf verlangte Jeff von sich aus: "Ich will auch mal mit Andreas was alleine machen."
Die Beziehung zwischen Jeff und Andreas ist keine Einbahnstraße. "Ich lerne, die Welt mit seinen Augen zu sehen", sagt Jungwirth. Er liebt Jeffs Fragen, Jeff liebt die phantasievollen Antworten und Geschichten, die ihm der in Österreich geborene Autor erzählt. Nein, Vatergefühle entwickle er nicht dabei, aber es ist "mehr, als ich mir vorgestellt habe".
Jungwirth legt Wert darauf, dass Jeff in ihm keinen "Vaterersatz" sieht. "Im Grunde genommen bin ich nicht mal ein Mit-Erziehender, weil wir ja selten Alltagsärger miteinander bewältigen." Andreas muss kaum mal "nein" sagen, oder das "Nein" durchsetzen oder nebenbei noch den ganzen Alltag organisieren. Jeffs Mutter findet das nicht ungerecht: "Ich fühle mich ein Stück befreiter." Nicht, weil sie Zeit gewinnt für sich, sondern, weil "ich weiß, dass Jeff etwas erlebt, das ihm guttut".
Dabei machen Jeff und Andreas gar nicht so aufregend andere Sachen zusammen als Jeff und seine Mutter, nach dem Motto: Yoga mit der Mama, Fußball mit dem Paten; aber sie machen sie eben anders.
Was in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen steckt, ist in den USA oder auch Großbritannien längst eine Massenbewegung. Rund drei Millionen junge US-Amerikaner sollen einen Mentor haben, vermittelt durch rund 4000 Agenturen. Tony Blair empfing als Premierminister regelmäßig Mentor-Organisationen zu einer eigenen Weihnachtsfeier. Aber gute Worte gibt es genug. Es fehlt an Machern und Förderern.
Allein in Berlin laufen bei Biffy zurzeit zwar 60 aktive Patenschaften, aber im Karteikasten warten noch über hundert Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren auf einen erwachsenen Freund. Die Ansprüche sind groß: Eine Patenschaft sollte mindestens ein Jahr laufen, die Paten müssen sich regelmäßig um ihre Kinder kümmern. Biffy begleitet Vorbereitung und Entwicklung und versucht bereits im Vorfeld so viel wie möglich auf Herz und Nieren zu prüfen.
Es geht bei Biffy nicht darum, Patenschaften sozialromantisch zu idealisieren. Andrea Brandt sammelt seit 2001 Erfahrungen mit dem Projekt und weiß: "Es gibt auch da Probleme, Durststrecken, Verletzungen." Aber ist das nicht in allen Beziehungen so? Wütend wird sie, wenn ihr alleinerziehende Mütter erzählen, wie sich ausgerechnet jene biologischen Väter, die sich am wenigsten um ihre Kinder kümmern, anschließend bei ihren Ex-Frauen beschweren: "Wie kannst du das Kind einem Fremden anvertrauen?"
Alle drei Monate gibt es die "Teatime" bei Biffy, da treffen sich alle Paten und Kinder und auch neue Kandidaten zum Quatschen, Austauschen, neu Kennenlernen. Und die Geschichten, die diese wachsende Gemeinde erzählt, lässt Andrea Brandt daran glauben, dass die britische Autorin Jane Howard recht hat: "Ob Clan, Stamm oder Familie, egal wie wir es nennen, egal wer wir sind, es ist gut für uns."
Studien in den USA zeigen: Jugendliche, die einen solchen informellen oder natürlichen Mentor hinter sich haben, gehen regelmäßiger zur Schule, trinken weniger Alkohol oder werden weniger häufig kriminell. Aber Patenschaften bergen - wie jede andere Beziehung zwischen Menschen auch - das Risiko der Enttäuschung.
Rund 50 Prozent der Patenschaften, die Biffy initiiert, enden bereits nach ein paar Monaten. Manchmal passt es eben nicht, aber Kinder neigen dazu, in solchen Fällen die Schuld bei sich zu suchen. "Dann ist es besonders wichtig, dass der Abschied für alle verständlich wird", sagt Andrea Brandt. Andreas Jungwirth weiß nicht, wie "weit unser gemeinsamer Weg führt". Aber Jeff ist für sein Leben "eine echte Bereicherung". Manuela Pantke sagt jedenfalls: "Wenn wir mal wegziehen müssen, packen wir Andreas einfach mit ein."
Jeff nickt heftig: "Ich hole den Koffer."
MARKUS DEGGERICH
Von Markus Deggerich

SPIEGEL SPECIAL 4/2007
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