07.08.2007

II. FAMILIENALLTAG

Pippi lebt

Von Bruhns, Annette

SPIEGEL-Redakteurin Annette Bruhns über den Mangel an weiblichen Vorbildern

Menschen lernen durch Nachahmung. Psychologen haben das sogar experimentell nachgewiesen, allen voran der Kanadier Albert Bandura. In Deutschland prägte der Thüringer Pädagoge Friedrich Fröbel die Formel, Erziehung sei in erster Linie Liebe und Vorbild - sonst nichts.

Was aber, wenn es an guten Vorbildern mangelt?

Bei einer Erhebung zu den Idolen der Deutschen, einer Forsa-Umfrage von 2003 unter 3000 Bundesbürgern mit 200 möglichen Vorbilder-Kandidaten, galten den befragten Bürgerinnen gerade mal zwei Menschen als leuchtende Vorbilder: die eigene Mutter und Mutter Teresa. Danach kam erst mal lange niemand. Und dann Männer - Michail Gorbatschow, Mahatma Gandhi, Jesus Christus.

Ein rätselhafter Befund: Was sagt es über die weibliche Psyche aus, wenn Frauen - nach Mama und einer mütterlichen Welt-Ikone - männliche Helden auf die Rampe heben? Will die schweigende Mehrheit etwa doch nach dem Evangelium der Ex-"Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman leben und lieber Apfelkuchen backen und Kindernasen putzen, als das Weltgeschehen zu gestalten?

So einfach ist die Sache zum Glück nicht. Auch eine Frau Herman findet wenig Nachahmungswillige bei ihren Geschlechtsgenossinnen.

Vielleicht gibt es einfach nicht genügend überzeugende weibliche Vorbilder. Ein Mangel, der Folgen für weibliche Lebensläufe hat, wie meine Freundin Anke, frischgebackene Mutter, derzeit klagt.

Anke ist 29. Gleich nach dem BWL-Studium hat sie geheiratet und wurde schwanger. Jetzt ist das Kind sieben Monate alt, und Anke sucht die erste Anstellung. Die Bewerbungsgespräche sind ernüchternd, auf eine junge Mutter warten die Arbeitgeber nicht. Aber wie wonnig der Kleine jauchzt, wenn Anke heimkommt und den Babysitter auslöst! Hier wird sie gebraucht.

Anke wollte nie werden wie ihre Mutter, eine Nur-Hausfrau, bei der sich alles um die Kinder drehte. Aber wie dann? Auch Ankes Mitstreiterinnen beim Baby-Schwimmen denken noch längst nicht an Erwerbsarbeit. Wenn Anke hinterher in der Still-Runde am Beckenrand das Thema anschneidet, drücken die anderen ihre Säuglinge fester an die Brust und empören sich: Man bekommt doch kein Kind, um es gleich wieder wegzugeben! Anke ist ratlos.

Zu Recht: Wo sind denn die Frauen, die privaten und beruflichen Erfolg mit der selben Selbstverständlichkeit vereinen wie ein Günther Jauch oder ein Harald Schmidt? Nicht einmal die fiktive Fernsehwelt hält derlei Alleskönnerinnen offenbar für realistisch: Frauen haben dort noch seltener Kinder als im wahren deutschen Leben. Sie sind männermüde Karriere-Kommissarinnen oder männermordende Großstadt-Singles. Und wenn sie doch mal Kinder haben, dann lavieren sie als Alleinerziehende am Rande des Nervenzusammenbruchs wie die Sat.1-Anwaltsgehilfin Sophie.

Nicht nur jungen Müttern mangelt es an Vorbildern. Auch den (Noch-)Nicht-Müttern fehlen sie. Kein Wunder, wenn viele gutausgebildete Frauen es vorziehen, kinderlos zu bleiben.

Erst seit neuestem gewinnt eine Frau an Bekanntheit, die sichtbar beides kann, Kinder kriegen und Karriere machen: Familienministerin Ursula von der Leyen, Mutter von sieben Kindern, das jüngste noch ABC-Schütze. Die blonde Viellächlerin ist durchaus eine feminine Erscheinung - und dabei gleichzeitig das Kabinettsmitglied, das derzeit Höchstsummen aus dem stets klammen Staatssäckel herausschindet.

Von der Leyen hat ihr ungewöhnliches Lebens- und Familienmodell außer Landes abgeguckt: Die Christdemokratin wird nicht müde zu betonen, wie prägend es für sie war, vier Jahre in Kalifornien gelebt und gearbeitet zu haben. Dort war es selbstverständlich, Kleinkinder fremdbetreuen zu lassen, es war selbstverständlich, dass nicht nur ihr Mann an der Universität forschte, sondern sie, die promovierte Medizinerin, gleich mit - ungeachtet der Kinderschar.

Vielleicht werden am Ende weder das von der Ministerin eingeführte Elterngeld noch die von ihr geförderten Krippen die Deutschen zu mehr Nachwuchs bewegen. Sondern einzig und allein von der Leyens Vorbild. Sie macht vor, dass Frauen nicht auf ihr privates Glück verzichten müssen, wenn sie öffentlich etwas bewegen wollen.

Denn nicht jede will Menschen nacheifern, die zwar eine Karriere, aber keine eigenen Nachkommen vorzuweisen haben. Angela Merkel, Kanzlerin, Heide Simonis, ehemals Ministerpräsidentin, und Anne Will, TV-Moderatorin - sie alle sind kinderlos. Und auch die Heldinnen der Vergangenheit - die Jungfrau Jeanne d'Arc, die Sozialistin Rosa Luxemburg oder die Philosophin Hannah Arendt - waren keine Mütter.

Gelungene Mutterschaft ist für die Mehrzahl der Frauen offenbar aber das wichtigste Vorbildkriterium überhaupt. Das Ansehen von Tennis-Ass Steffi Graf ist bei deutschen Frauen noch gestiegen, seitdem Graf den Schläger zur Seite gelegt hat und strahlende Mutter zweier Kinder ist. Und mit der berühmten Nonne aus Kalkutta hat sich gar eine Welt-Ikone der Mutterschaft an die Spitze der weiblichen Vorbilder gesetzt. Mutter Teresa war zwar im biologischen Sinn keine, hat aber die gängigen mütterlichen Tugenden des Aufopfern und des Kümmerns so eindrucksvoll vorgelebt, dass sie es damit sogar zu ewigem Ruhm brachte - als Seliggesprochene auf dem Weg zur Heiligkeit.

Was aber bedeutet Vorbild Nummer 1, die eigene Mutter? Natürlich ist eine gute Mutter ein Faustpfand fürs eigene Leben. Mütter sind keine medial vermittelten Idole, sie sind greifbare Menschen, die eine realistischere Orientierung bieten als eine Madonna oder eine Heidi Klum.

Denn Vorbilder sind janusköpfig: Einerseits ermutigen sie, selber nach den Sternen zu greifen. Bei einer Überdosis an Idolisierung indes werden aus Fans süchtige, sabbernde Groupies, wie Popkonzerte und Fußballspiele immer wieder peinlich beweisen. Gute Vorbilder im Elternhaus sind dagegen die beste Prävention. Wer zugewandte, ausgeglichene Eltern hat, dürfte davor gefeit sein, sich in übersteigerte Phantasiebeziehungen mit Tele- und Pop-Titanen flüchten zu müssen.

Gleichzeitig aber stehen die heimischen Mütter der Entfaltung ihrer Töchter oft im Wege. "Du willst doch nicht etwa eine Emanze werden?", fragte meine Mutter pikiert, wenn ich ihr von meinen pubertären Berufsträumen erzählte - Chemikerin, Regisseurin, Dolmetscherin. Berufe, die sie als Lehrerin in Teilzeit für unvereinbar hielt mit guter Mutterschaft, zu der selbstgemachte Marmelade und eigenhändig genähte Gardinen unbedingt dazu gehörten.

Als niedersächsisches Landkind kannte ich ausschließlich Frauen, die wie meine eigene Mutter mittags daheim mit dem Essen auf uns warteten. Ich war 17 Jahre alt, als ich zum ersten Mal eine Frau und Mutter kennenlernte, die einen Männerberuf ergriffen hatte: eine Dozentin für Politikwissenschaft.

Diese unglaubliche Person hatte in Südamerika gelebt, über Kolumbiens Abhängigkeit vom Weltmarkt promoviert und führte nun in einem konservativen Dorf in der Nordheide die sozialdemokratische Opposition an. Dabei zog sie, als Witwe, ihren kleinen Sohn allein groß. Mir kam sie damals wie die erwachsene Schwester von Pippi Langstrumpf vor: stark, selbstbewusst und unendlich frei. Ohne ihr Vorbild hätte ich vielleicht nicht die Traute gehabt, Journalistin zu werden, und ohne ihre Ermutigung hätte ich vielleicht später, als eine von Betreuungskatastrophe zu Betreuungskatastrophe schliddernde Kleinkindmutter, den Beruf aufgesteckt.

Aber wäre ich ohne Pippi Langstrumpf überhaupt auf die Idee gekommen, mir ausgerechnet an einer linken, alleinerziehenden Feministin ein Vorbild zu nehmen? Pippi, das stärkste Mädchen der Welt, das immer tut, was ihr gefällt, das "Plutimikation" schwänzt, Sachen sucht und nach Takatuka-Land segelt, war meine allererste Heldin. Und nicht nur meine: Seit mehr als 60 Jahren sammelt Pippi Fans.

In 57 Sprachen existiert dieses 1945 erstmals veröffentlichte Kinderbuch. Die Rothaarige kennt jeder. Wer Pippi nicht gelesen hat, der hat sie im Fernsehen gesehen oder ihre Lieder gehört. Kritiker schreiben dem politisch ganz und gar nicht korrekten Polizistenschreck aus Schweden viel Einfluss zu. Ein österreichischer Journalist machte in den neunziger Jahren Pippi für Wiener Autofahrer-Rüpel verantwortlich, die bei Rot über die Ampel fahren. Noch heute schreiben jedes Jahr weit mehr als tausend Kinder auf die deutsche Efraimstochter-Website Liebeserklärungen wie: "Pippi, ich will so sein wie du. Wenigstens mal einen Tag lang!"

Die Rebellin mit den abstehenden Zöpfen ist beileibe kein schriftstellerisches Zufallsprodukt. Hinter Pippi steckt die Stärke ihrer Schöpferin. Mit ihr hat Astrid Lindgren der spießigen, frauenfeindlichen Welt, aus der sie stammte, die Zunge herausgestreckt.

Die jugendliche Astrid schnitt sich als erstes Mädchen in ihrer Kleinstadt Vimmerby die Haare kurz. Man reagierte, als hätte sie sich einen Irokesenschnitt zugelegt: Ihre Eltern schwiegen frostig; die Nachbarn baten sie, den Hut zu lüften, um die Männerfrisur zu begaffen. Mit 18 sorgte Astrid dann für einen handfesten Skandal: Sie wurde schwanger. Unverheiratet. Von ihrem Chef.

Was für eine Schande! Aber nicht für den verheirateten Erzeuger ihres Kindes, der die junge Geliebte im Stich ließ. Nein, der Volkszorn ergoss sich über die werdende, ledige Mutter.

Astrid Lindgren flüchtete. Den Sohn brachte sie mutterseelenallein in einer Klinik in Kopenhagen zur Welt. Nur in diesem Krankenhaus wurde damals, 1926, nicht nach dem Namen des Vaters gefragt. Das Baby gab sie in eine dänische Pflegefamilie, denn sie musste arbeiten, um sich und den fernen Sohn zu ernähren.

Erst drei Jahre später konnte sie Lasse abholen. Sie nahm ihn mit in die Heimat, zum Hof ihrer Eltern. Obwohl sie nach wie vor ein "Fräulein" war, zeigte sie ihr "Kind der Schande" mit mütterlichem Stolz den verdatterten Vimmerbyern vor, "eine Pionierstat", wie sie später frohlockte.

Pippi, die der Frau vom Jugendamt die Zunge herausstreckt und Schutzmänner in Baumkronen wirft, kann man durchaus als Lindgrens Rache an den engstirnigen Einwohnern ihrer Heimatstadt interpretieren. Eine Rache in Form einer frechen Göre, die auf Hausfrauenkränzchen die Sahnetorte mit den Fingern schaufelt und die zwei wohlerzogene Bürgerkinder, Annika und Thomas, mitnimmt zu den "Negern" auf der Insel ihres Vaters. Ein Abenteuer, nachdem aus der braven Annika gewiss keine gute Vimmersbyer Hausfrau mehr werden wird.

Die 2002 gestorbene Langstrumpf-Erfinderin pflanzt noch heute ihre Saat in die Seelen kleiner Annikas. Erst neulich erkundigte sich meine Tochter, sieben Jahre alt, wie sie denn bitte so stark werde, dass sie Menschen in die Luft stemmen könne. "Pferde auch?", fragte ich. Sie nickte eifrig. Pippi lebt.


SPIEGEL SPECIAL 4/2007
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