01.03.1992

„Ich weiß, daß es hilft“

Der Vatikan möchte ihn gern als Provinzfall abhaken. Deutsche Bischöfe versuchen, ihn mit Berufsverboten mundtot zu machen. Deutsche Theologieprofessoren mäkeln, er sei zu unwissenschaftlich, zu individualistisch, zu überheblich. Psychotherapeuten halten seinen psychoanalytischen Kenntnisstand für überholt. Die FAZ spottete unlängst über den neuen Drewermann-Sammelband "Zeiten der Liebe": "Zeiten des Geschwätzes".
Immerhin: Für einen geschwätzigen Provinzketzer ist der katholische Priester-Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann, 52, ungewöhnlich erfolgreich: 10 deutschsprachige Verlage haben derzeit insgesamt 53 Drewermann-Titel, dazu 9 Nachdrucke und Sonderausgaben im Programm. Bisherige Gesamtauflage: 1,5 Millionen Exemplare.
2273,60 Mark muß zahlen, wer alle auf dem Buchmarkt erhältlichen 62 Drewermann-Bücher mit ihren 19 986 Büchseiten erwerben will. Zusätzliche 261,20 Mark muß anlegen, wer die 11 Werke über Drewermann kaufen möchte.
Drewermanns Erstlingswerk, seine Habilitationsschrift "Strukturen des Bösen erschien 1977/78 im Paderborner Schöningh-Verlag zunächst in einer Miniauflage von 360 Exemplaren, so gering schätzte der Verlag damals die Verkaufschancen ein. Mittlerweile sind selbst von diesem sperrigen Werk 28 700 Exemplare aufgelegt.
Die Ursache für den Erfolg liegt nicht, wie bei manch anderem Autor, in einer besonders intensiven Werbestrategie. Drewermann verkauft sich mittlerweile fast von selbst. Es gibt in den 47 Nachkriegsjahren keinen christlichen Theologen, der die Amtskirche so gegen sich aufgebracht und gleichzeitig der Mehrheit der Christen so aus der Seele gesprochen hat wie der Paderborner Einsiedler ohne Auto, Kühlschrank und Telefon, der seine Bücher größtenteils mit der Hand schreibt oder auf Band diktiert und der vor seinem Schreibtisch auf einer ausgerollten Matratze schläft.
Angefangen hatte der Mann im Pullover nach eigenem Bekunden "als ganz konservativer Priester, der seine Kirche liebte und die Leute bei der Stange halten wollte" - bis ihm schließlich klar wurde, daß nur eine Theologie Sinn macht, "die den Menschen ernst nimmt" und die "das einzig wesentliche Thema der Religion" in den Mittelpunkt rückt: "Wie kann die Urangst des Menschen in Vertrauen verwandelt werden?"
Antworten auf diese Frage dämmerten ihm, während er zwischen 1968 und 1972 in Tiefenbrunn bei Göttingen eine Ausbildung in Psychotherapie absolvierte:
Ich sah, daß nichts lebensnäher und tiefer unsere menschliche Situation beleuchtet als die Psychoanalyse. Und ich begriff mehr und mehr, daß auch die Theologie nur dann wieder wahrgenommen werden kann, wenn sie das erfahrungslose, existentiell unbeteiligte Reden über die Geheimnisse' Gottes aufgibt und statt dessen die Psychoanalyse zum Erkenntnisweg ihrer Zentraldisziplinen Moraltheologie, Exegese und Dogmatik macht.
In drei großen Strängen beschrieb Drewermann die Konsequenzen, mit denen er das traditionelle Denken über Natur und Kultur, Morallehren und Gesellschaftsformen, Konfessionen und Religionen, Hierarchien und Dogmen weitgehend zum Einsturz brachte:
- In 6 Büchern befaßt sich der Theologe überwiegend mit Gesellschaftskritik: mit Fragen der Weltwirtschaft und Ökologie, mit den Problemen Gewalt, Krieg und Frieden.
- In 18 Büchern untersucht er kritisch die Berechtigung von Kirchen und Religionen, von Morallehren und Dogmen, von Offenbarung und Glauben.
- In 29 Büchern gibt er Lebenshilfe durch Bibel- und Märcheninterpretationen, wobei er häufig Aspekte der Gesellschafts-, Kirchen- und Religionskritik wieder aufgreift.
Da Drewermann kein strenger Systematiker ist, sondern ein assoziatives und kreisendes Nachdenken bevorzugt, kommt er in fast allen seinen Büchern auch stets auf alle seine Anliegen zu sprechen: Wer einen Drewermann gelesen hat, hat deshalb zumeist auch einen Überblick über den ganzen Drewermann - der seine kirchlichen Oberen von Publikation zu Publikation nervöser macht.
Weil er 1981 in seinem Buch "Der tödliche Fortschritt" der Kirche eine erhebliche Mitschuld an der Ökokrise gab, durfte der Theologe plötzlich nicht mehr Paderborner Religionslehrer fortbilden. Immer häufiger unterblieben auf höhere Weisung Einladungen zu kirchlichen Bildungsveranstaltungen.
Der Druck verstärkte sich noch, nachdem Drewermanns dreibändige
"Psychoanalyse und Moraltheologie" Mitte der achtziger Jahre in der vatikanischen Glaubenskongregation kursierte. Vor allem in Band 2 über "Wege und Umwege der Liebe" entdeckten die argwöhnischen Prälaten Ketzerisches bereits im Inhaltsverzeichnis, etwa die These: "Das Paradies der Liebe kennt keine Gebote" oder "Vom Recht auf Scheidung und Wiederverheiratung in der katholischen Kirche".
Ende 1986 belehrte Drewermanns zuständiger Oberhirte Johannes Joachim Degenhardt den Abweichler, selbst das schlimmste Zerwürfnis von Eheleuten könne niemals ein Scheidungsgrund sein. Kaum hatte der Theologe wenig später zur Auslegung der biblischen Weihnachtsgeschichte vergleichbare altägyptische Mythen herangezogen, erhielt er einen Bischofsbrief mit rund drei Dutzend Fragen wie: "Ist der Schoß der Jungfrau Maria nur ein Symbol?"
Zunehmend irritiert zeigten sich die kirchlichen Hierarchen, weil Drewermann das Buch der Bücher in ihren Augen zu entwerten schien. "Die entscheidenden Antworten" auf zentrale Lebens- und Glaubensfragen entdeckte der Paderborner Autor ausgerechnet in den biblischen Mythen, Legenden, Visionen, Weissagungen, Wundergeschichten - und gleichberechtigt daneben in den Märchen der Völker wie in den Texten antiker Religionen.
Bis 1987 hatte er bereits in sieben Büchern Märchen der Gebrüder Grimm und Saint -Exupérys "Kleinen Prinzen" tiefenpsychologisch gedeutet - und in fünf Büchern auf dieselbe Weise verschiedene Teile der Bibel. Die Heilung eines Gelähmten im
Johannes-Evangelium, 5. Kapitel, Vers 1 bis 9, interpretierte Drewermann in "Tiefenpsychologie und Exegese" wie folgt:
Im Grunde eine Heilung von der ständigen Angst, ohne die Unterstützung der anderen sich keinen eigenen Schritt ins Leben getrauen zu können.
Die neutestamentliche Geschichte, in der Jesus eine seit zwölf Jahren blutflüssige Frau heilt, als diese ihn heimlich von hinten am Hemd anfaßt (Markus-Evangelium, 5. Kapitel, 25. bis 34. Vers), deutet Drewermann so:
Es geht um die Rolle der Frau, insbesondere um die weibliche Sexualität, die hier als etwas Schmutziges, Schuldhaftes und Schändlich-Schädliches erlebt wird, möglicherweise ausgelöst durch eine schwere Enttäuschung in einer als überaus wichtig empfundenen Liebesbeziehung. Diese Frau - kultisch unrein, sie darf niemanden berühren - wagt einen Augenblick lang in ihrem Leben den entscheidenden Schritt, nämlich eine Frau zu sein, selbst wenn sie der Bestimmung nach den Mann Gottes verunreinigen sollte. Statt die Frau zurechtzuweisen, wendet sich Jesus ihr zu - Zuwendung heilt sie.
Im Herbst 1987 publizierte das Katholische Bibelwerk, von der Deutschen Bischofskonferenz animiert, "endlich ein klärendes Wort zu Eugen Drewermanns Generalangriff auf die Bibelwissenschaft". Darin vertreten die katholischen Neutestamentler Gerhard Lohfink und Rudolf Pesch die These, Drewermanns Auslegung biblischer Texte sei reine "Tiefenpsychologie und keine Exegese" (Buchtitel). Bei Drewermann sei "die Geschichte Israels überflüssig, letztlich auch Jesus, letztlich auch die Kirche".
"Unerhörtes Bubenstück", konterte Drewermann Anfang Februar 1988 in seiner Antwort "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Doch die Drewermann -Replik war kaum auf dem Markt, da erschien, im Frühjahr 1988, bereits der nächste Angriff auf den Paderborner Abweichler.
Die Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz hatte acht Theologen zu einer neuen Streitschrift ("Tiefenpsychologische Deutung des Glaubens?") animiert, darunter den Drewermann -Kritiker Walter Kasper, heute Bischof von Rottenburg-Stuttgart. Als Tübinger Theologieprofessor wetterte Kasper damals: "Die Zeit der vornehmen Zurückhaltung ist vorbei."
Dabei sind die einzelnen Elemente in Drewermanns Werk auch für christliche Theologen keineswegs neu. Daß Absolutheitsansprüche von Konfessionen und Religionen, von Dogmen und Morallehren letztlich absurd sind und nur eine herrschaftsfreie Kirche den Intentionen des biblischen Jesus entspricht, behaupten seit Jahren auch noch nicht geschaßte katholische Theologen wie der Tübinger Norbert Greinacher oder der Saarbrücker Gotthold Hasenhüttl.
Und daß sich die Tiefenpsychologie vorzüglich als Instrument der Theologie eignen würde, hatte bereits in den vierziger Jahren der Züricher Protestant und Theologe Oskar Pfister verfochten.
Neu bei Drewermann ist die Zuspitzung: "An der Einstellung gegenüber der Tiefenpsychologie, speziell gegenüber der Welt der Archetypen, entscheidet sich heute, was aus dem Christentum in der menschlichen Geschichte wird - eine europäische Sekte oder das Salz der Erde." Keineswegs neu ist auch die Drewermann -These, daß die Bibel ein Konglomerat unter anderem aus Mythen und Legenden ist, die "existential" gedeutet werden müssen: Dies stand bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts für die protestantischen Theologen Martin Dibelius und Rudolf Bultmann fest.
Mit Hilfe der sogenannten historisch-kritischen Methode der Textauslegung haben mittlerweile auch die meisten katholischen Bibelwissenschaftler erkannt, daß die wenigsten biblischen Texte Historie berichten. Doch wo für die Exegeten der historisch-kritischen Methode häufig nur noch ein Trümmerfeld aus mehr oder weniger unbrauchbaren Mythen und Legenden übrigblieb, gerade dort entdeckte Drewermann eine Goldgrube - mit Hilfe seiner tiefenpsychologischen Auslegungsmethode.
Uraltes christliches Gedankengut ist vor allem Drewermanns zentralste These: "Maßstab für jegliches Handeln ist einzig die Liebe." Neu ist allerdings, wie gekonnt er diese alte Ansicht heute formuliert: Mal ist er präziser Analytiker, mal fesselnder Erzähler, mal Dichter mit einem Reservoir an Bildern und Vergleichen von ungewöhnlicher Intensität.
Zum eigentlichen Bruch zwischen Drewermann und der Hierarchie kam es, nachdem der Paderborner Theologe im Herbst 1989 sein vielleicht brillantestes Buch, "Kleriker. Psychogramm eines Ideals", publizierte. In ihm entlarvt er die Verlogenheit kirchlicher Moral und die Doppelbödigkeit des kirchlichen Machtapparates so kenntnisreich und scharfsichtig wie kein anderer Insider in diesem Jahrhundert.
Bereits Monate vor der Publikation des Werks ahnte Drewermann: "Das werden sie nicht schlucken."
In der Tat: Im Oktober 1991 entzog Erzbischof Degenhardt dem Privatdozenten die kirchliche Lehrerlaubnis. Damit verlor Drewermann das Recht, an der Paderborner Theologischen Fakultät Vorlesungen vor künftigen Priestern und Religionslehrern zu halten. Im Januar 1992 verbot Degenhardt ihm überdies das Predigen, woraufhin Drewermann seine Samstagabend-Gottesdienste einstellen mußte. Dennoch ging die Rechnung der Kirchenführer, den Theologen durch die Strafmaßnahmen in der kirchlichen Öffentlichkeit zu isolieren, bislang nicht auf: Die Zahl seiner Auftritte in Hör- und Vortragssälen, Rundfunk- und Fernsehrunden wächst bislang ebenso weiter wie die Zahl und die Auflagenhöhe seiner Bücher.
Dabei läßt der Paderborner Prophet offen, ob nun er selbst die endgültigen Wahrheiten gefunden hat. "Aber selbst wenn ich wüßte, daß es nicht stimmt, was ich schreibe", fügt er hinzu, "weiß ich, daß es hilft. Und ein Irrtum, der hilft, ist immer noch besser als die konventionelle Theologie mit lauter Wahrheiten, die hilflos sind."
Drewermann -Auswahl
dtv: "Kleriker. Psychogramm eines Ideals"; 29,80 Mark.
"Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet";
2 Bände, je 19,80 Mark.
Herder Verlag: "Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums"; 19,80 Mark.
"Zeiten der Liebe" (Auszüge aus verschiedenen Drewermann-Werken); 16,80 Mark.
Kösel Verlag: "Worum es eigentlich geht. Protokoll einer Verurteilung"; 34 Mark.
"Giordano Bruno oder der Spiegel des Unendlichen" (Roman); 44 Mark.
Matthias-Grünewald-Verlag: "Psychoanalyse und Moraltheologie"; 3 Bände, je 32 Mark.
Patmos Verlag: "Wenn der Himmel die Erde berührt. Predigten über die Gleichnisse Jesu"; 29,80 Mark.
Pustet Verlag: "Der Krieg und das Christentum. Von der Ohnmacht und Notwendigkeit des Religiösen"; 49,80 Mark.
Schöningh Verlag. "Strukturen des Bösen"; 3 Bände in Kassette, 68 Mark.
Walter-Verlag: "Tiefenpsychologie und Exegese"; 2 Bände, Sonderausgabe, 58 Mark.
"Das Markusevangelium. Bilder von Erlösung"; 2 Bände, 68 und 78 Mark.
"Über die Unsterblichkeit der Tiere. Hoffnung für die leidende Kreatur"; 16,80 Mark.
"Das Matthäusevangelium. Bilder der Erfüllung"; Band 1, 88 Mark.
"Die Botschaft der Frauen"; 36 Mark.
_____
Theologe Drewermann, Zuhörer (in der Münchner Lukaskirche): "Psychoanalyse zum Erkenntnisweg machen?"
Erzbischof Degenhardt: Predigtverbot für den Paderborner Propheten
Von Manfred Müller

SPIEGEL SPECIAL 3/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 3/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Star-Doubles: Helene und Robbie sind ein Paar
  • Einmalige Aufnahmen: Berghütte in den Alpen komplett schneebedeckt
  • Rot und groß: So sah der Superblutmond aus
  • Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen