01.02.1993

„DIE SZENE WAR SCHAUERVOLL“

Auf der Suche nach noch vorhandenen Spuren jüdischen Lebens in der Stadt fahre ich an einem regnerisch-kalten Februarnachmittag zum Platz der Einheit. Als Neu-Potsdamer, der sich in der Stadt noch nicht so auskennt, hatte ich mich vorher darüber aufklären lassen, daß an diesem Platz, der in preußisch deutscher Zeit Wilhelmplatz hieß, die Synagoge gestanden hatte.
Auf den kolorierten Stichen, in den Buchhandlungen der Stadt überall erhältlich, hatte ich sie nicht ausmachen können. Ganz offensichtlich sind sie älteren Datums. Der Synagogenbau ist erst zu Beginn dieses Jahrhunderts entstanden. Es handelte sich um ein imposantes Gebäude, auf das die Gemeindemitglieder stolz waren. Seine neobarocke rote Sandsteinfassade, heißt es, habe dem Platz eine besondere Note gegeben.
Während des Novemberpogroms 1938 ist die Potsdamer Synagoge wie so viele andere in Deutschland vom Nazi-Pöbel gestürmt und verwüstet worden. In Brand gesteckt wurde sie nur deshalb nicht, weil sie unmittelbar neben dem Hauptpostamt gelegen war. Die Behörden wollten ein mögliches Übergreifen des Feuers nicht riskieren. Im April 1945 vollendete ein Bombenangriff der Alliierten die Zerstörung.
Die Ruine wurde nach Kriegsende abgerissen und statt dessen ein graues, unscheinbares Wohnhaus errichtet. An das einstige Gotteshaus erinnert nur die noch zu DDR-Zeiten angebrachte Gedenktafel mit der Inschrift: "An dieser Stelle stand die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Potsdam. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von den Faschisten ausgeplündert und zerstört."
Im Zuge des Edikts von 1671, mit dem der Große Kurfürst Friedrich
Wilhelm fünfzig aus Wien vertriebenen jüdischen Familien den Aufenthalt in der Mark Brandenburg gestattete, hatte sich auch in Potsdam eine Familie niedergelassen. David Michael, der als der erste jüdische Potsdamer gilt, wird in den Akten um 1690 als Besitzer eines eigenen Hauses genannt, der, versehen mit einem kurfürstlichen "Schutzbrief", dort seinen Geschäften nachgegangen sein soll.
1720 lebten zwei "vergleitete" Familien in der Stadt, die Familie der Witwe Moses und diejenige des Moses Bacharach. Von Moses Bacharach heißt es, er habe mit Kramwaren, die Witwe Moses mit Gewürzen und Hökerwaren gehandelt. Beide hätten ein "mittelmäßiges Vermögen"
besessen, und es sei nicht bekannt, ob sie bisher "Schutzgeld" schuldig geblieben seien.
Die Anfänge eines Gemeindelebens verbinden sich mit dem ab 1730 einsetzenden Aufschwung der Textilindustrie in Potsdam. Den Anstoß hatte David Hirsch gegeben, ein vermutlich aus Prag stammender Berliner Schutzjude und Wollwarenhändler, der 1731 das Privileg verliehen bekommen hatte, eine Samtmanufaktur anzulegen. Hirsch, der nicht nur das Monopol auf die Samtfabrikation in der ganzen Monarchie erhielt, zog aus Hamburg, Holland und Kopenhagen gute, erfahrene Meister und Gesellen nach Potsdam - unter ihnen auch zahlreiche unternehmungslustige Juden mit ihren Familien.
Der uns heute unanständig erscheinende Vorschlag von Hirsch, zum Nutzen des Landes auch Kinder des Potsdamer Waisenhauses zur Arbeit heranzuziehen, ist im übrigen vom König mit großem Wohlwollen aufgenommen worden. Eigenhändig vermerkte der Soldatenkönig an den Rand der Eingabe: "Sehr gut". Kinderarbeit war damals noch nicht Verpönt, wurde als durchaus normal angesehen.
Die Hirschsche Manufaktur nahm im Verlauf der Jahre unter den Samt- und Seidenfabriken des Landes die erste Stelle ein. Bei Regierungsantritt Friedrichs II., des "Großen", hatte die Manufaktur bereits 144 Stühle und beschäftigte 32 Arbeiter. Das Unternehmen fabrizierte und exportierte Samt, Plüsch, Velpe, Atlas, Gros de Tour und Damast. Der König, nicht gerade ein Freund der Juden, unterstützte die Davidschen Unternehmungen, weil er sich von ihnen Vorteile für den preußischen Staat versprach. In den Behördenakten der damaligen Zeit heißt es, der König "sey mit dem bisherigen guten Success der Potsdamer Fabrik wohl zufrieden und des publici Interesse erfordere es, selbige zu souteniren".
Zu Beginn der vierziger Jahre des 18. Jahrhunderts zählte die Potsdamer jüdische Gemeinde zehn Familien. Eine der ersten selbstgestellten Aufgaben war die Schaffung eines eigenen Begräbnisplatzes. Bis dahin war es so, daß die Toten nach Berlin zur Bestattung gebracht werden mußten. Die 1743 von den Behörden auf dem Schraders- oder Eichberg, der ab 1804 Pfingstberg hieß, zugewiesene Begräbnisstätte ist heute noch erhalten und kann über die Puschkinallee entlang dem Russischen Viertel erreicht werden. Ein Gang über diesen Friedhof, der 1801 eine Umgebungsmauer und eine Leichenhalle erhielt, spiegelt die wechselvolle Geschichte der Synagogengemeinde wider. Der Besucher entziffert auf den verwitterten Grabsteinen Namen von Familien, die über Generationen in der Stadt ansässig waren.
In Potsdam war das Leben für Juden sicherlich nicht angenehmer als anderswo. Neben den unmenschlichen Bestimmungen des 1750 erlassenen Generalreglements - der französische Philosoph und Staatsmann Honore Graf von Mirabeau hat es später bekanntlich als "une loi digne d'un cannibale" bezeichnet ("Würdig eines Kannibalen") - hatten sie noch unter einer Reihe anderer Auflagen zu leiden.
So ruhten auf der gesamten preußischen Judenheit seit 1728 jährlich rund 15 000 Taler "Schutzgeld". Hinzu kamen ein Anteil an den Rekrutengeldern sowie an den Kalendergeldern, die der Akademie der Wissenschaften für die hebräischen Kalender bezahlt wurden. Des weiteren mußten Sonderabgaben geleistet werden, und zwar für alle möglichen Anlässe, zum Beispiel für die Bestätigung der Ältestenwahlen, für Trauscheine oder Ehedispense.
Als besonders demütigend wurde ein Dekret Friedrichs II. empfunden, das jedem Juden, der heiraten wollte, die Verpflichtung auferlegte, einen größeren Posten Porzellan aus der 1761 begründeten Berliner Porzellanmanufaktur abzunehmen. Überliefert ist, daß Moses Mendelssohn, der berühmte Philosoph, bei seiner Heirat gezwungen wurde, mehrere Porzellanaffen zu erstehen.
Die erpresserische Methode ging so weit, jegliches erbetene Privilegium nur dann zu gewähren, wenn eine bestimmte Menge des sogenannten "Juden-Porzellans" abgenommen wurde. Besonders schwer war die kleine Potsdamer Gemeinde von der Porzellanankaufverpflichtung betroffen. Die Gemeindeältesten baten um Aussetzung beziehungsweise um eine ratenweise Abnahme, was aber nicht akzeptiert wurde. Nach dem Tod Friedrichs ist das Porzellangesetz von seinem Nachfolger kassiert worden - aber nicht, weil er es als Unrecht begriff, sondern weil König und Behörden schließlich einsehen mußten, daß es aus den Gemeinden nichts mehr herauszupressen gab.
Friedrich II. hat seine Besucher mit Vorliebe nach Potsdam einbestellt, wo er sie meist im Schlößchen Sanssouci empfing. Berühmt ist die von Friedrich Nicolai überlieferte und von Daniel Chodowiecki in einer Grafik festgehaltene Anekdote, die im Zusammenhang mit Moses Mendelssohn erzählt wird.
Als der Philosoph in September 1771 zum König gerufen wurde, soll ihn die Wache am Berliner Tor mit den Worten aufgehalten haben: "Wo will der Jude hin?" Einem hinzugetretenen Offizier gab er auf Befragen, was sein Geschäft in Potsdam sei, zur Antwort, er komme auf Befehl des Königs und überreichte ihm das Schreiben, in dem man den "berühmten Herrn Moses Mendelssohn" aufforderte, nach Potsdam zu kommen. Der hochgewachsene Offizier las bedächtig und fragte dann: "Worin ist Er denn so berühmt, daß Er hierher berufen wird?" Der kleine bucklige Philosoph, sonst sehr ernsthaft, konnte sich die scherzhaftironische Bemerkung nicht verkneifen: "Ich spiele aus der Tasche."
Der erste in der Reihe Potsdamer Rabbiner war der aus Polen stammende Jechiel Michel. Eine Radierung zeigt ihn als einen kleingewachsenen Mann in altpolnischer Tracht, im langen, mit Pelz verbrämten Rock und dem pelzbesetzten Streimel auf dem Kopf. 1760 zum Seelsorger bestellt, setzte er sich für die Einrichtung eines rituellen Bades ein, einer sogenannten "Mikwe".
Wichtiger aber war, daß er beteiligt war an der Ausarbeitung des 1776 verabschiedeten Gemeindestatuts, das in 13 Paragraphen die Gemeindeangelegenheiten regelte, wobei Zweckmäßigkeit und Bescheidenheit maßgeblich waren. Angeblich hat die in Paragraph 12 erlassene Bestimmung, die sich gegen einen übertriebenen Luxusaufwand wendet, insbesondere dagegen, daß ein Gemeindemitglied in seinem Haus mehr als einen Bediensteten hält, den Geist Michels geatmet.
Nach Michel hatte die Potsdamer Gemeinde eine lange Zeit keinen eigenen Rabbiner. Die Rabbinatsfunktionen wurden von der Berliner Gemeinde wahrgenommen. Erst 1851 wurde mit Samuel Apolant wieder ein eigener Rabbiner bestellt, der Reformen durchzusetzen versuchte, wie zum Beispiel die Einrichtung eines gemeinsamen Religionsunterrichts für Knaben und Mädchen.
Ihm folgte 1857 Tobias Cohn, der an der Berliner Universität eine wissenschaftliche Ausbildung durchlaufen und vier Jahrzehnte das Amt des Rabbiners in Potsdam innehatte. Er setzte die Bemühungen Apolants fort, insofern seine Reformbestrebungen auf die Änderung der Gottesdienstordnung, auf einen geschulten Chorgesang und die Einführung regelmäßiger deutscher Predigten zielten.
Letzter in der Reihe der liberalen Rabbiner der Potsdamer Gemeinde war der aus dem Posenschen stammende Hermann Schreiber (1882 1955), der wie Paul Rieger in Breslau studiert hatte. Schreiber, der 1939 noch nach England auswandern konnte, erlebte nicht nur das Ende des jüdischen Kinderheinis im Potsdamer Vorort Caputh, sondern auch die Zerstörung der Synagoge auf dem Wilhelmplatz mit.
"Die Fenster", heißt es in Schreibers Augenzeugenbericht, "wurden mit hölzernen Übungsgranaten eingeschlagen, sämtliche Leuchter heruntergerissen, die Bänke zerschlagen, die Frauenempore demoliert, die Sitze des Rabbiners und des Vorstehers zerhackt, die Vorhänge des Thoraschreins zerfetzt, die Thorarollen in Stücke gerissen, der große Chanukka-Leuchter als Brechstange benutzt. Die Szene war ... schauervoll und bestialisch."
Um die Jahrhundertwende war die soziale Struktur der Gemeinde kleinbürgerlich und mittelständisch geprägt. Meist waren es kleine Angestellte, Handwerker und Kaufleute, die sich in der Stadt niedergelassen hatten. Unter der rund 500 Köpfe zählenden Gemeinde gab es nur einige Wohlhabende, meist Bankiers, Rechtsanwälte und Ärzte, die in Berlin arbeiteten, aber nach 1900 Potsdam für sich als Wohnort zu entdecken begannen.
Heruntergekommen, aber nach wie vor von ansprechendem Charme, erinnern manche Häuser an ihre einstigen Besitzer. So in der Berliner Straße die im italienischen Landhausstil gebaute Villa Schöningen an den Bankier Paul Wallich. Oder das von dem Potsdamer Stadtarchitekten Arno Mohr gebaute und zur Zeit von Jugendlichen besetzte Haus Bertinistraße 16 an Herbert Gutmann, der in den zwanziger Jahren Vorstandsmitglied der Dresdner Bank und eine der tonangebenden Gestalten der Berliner Gesellschaft war.
Die Mitglieder der Potsdamer Gemeinde verstanden sich nicht so sehr als "deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens", wie das die Mehrzahl der Juden in Deutschland getan hat. Sie definierten sich in Abwandlung der Formel eher als "preußische Staatsbürger jüdischen Glaubens". Patriotisch gesinnt und begeisterte Anhänger des Hohenzollernhauses, fühlten sie sich den roten Backsteinbauten und der nüchternen Sachlichkeit der Beamtenstadt Potsdam zutiefst verbunden.
Die heute von den Kritikern Preußens häufig geschmähten sogenannten Sekundärtugenden, wie Sparsamkeit, Pünktlichkeit und Pflichterfüllung abfällig bezeichnet werden, sah man nicht als etwas Unjüdisches an, sondern im Gegenteil sogar im Einklang stehend mit den von den Vätern überkommenen Geboten und Wertvorstellungen.
Daß es so etwas wie eine preußisch-jüdische Symbiose gibt, daran hat eigentlich niemand gezweifelt. Versinnbildlicht wird das durch die nur wenig bekannte Tatsache, daß in den Potsdamer Synagogen seit 1768 ein preußischer Königsadler mit dem Namenszug Friedrich Wilhelm Rex angebracht gewesen ist, und zum anderen durch den Sachverhalt, daß an den hohen Feiertagen der Landesherr in das Gebet mit eingeschlossen wurde.
Mein Vater erzählte mir einmal, er erinnere sich noch gut daran, als kleiner Junge in der Synagoge das Gebet gehört zu haben: "Herr der Welt und König der Könige, wir beten zu Dir um Deinen Schutz und Deine Gnade, Deinen Segen und Beistand für unseren König und Herrn Kaiser Wilhelm lt. Behüte ihn vor jedem Übel und vor allem Leiden. Begnade ihn durch ein hohes glückliches Alter und daß alle seine heilsamen Wünsche in Erfüllung gehen ..."
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs hoffte die große Mehrheit der deutschen Juden, durch die Betonung ihrer patriotischen Gesinnung die letzten Hindernisse auf dem Weg der Eingliederung in die deutsche Gesellschaft überwinden zu können. Das taten vermutlich auch die zehn Potsdamer, die sich unter den 12000 gefallenen jüdischen Frontsoldaten befunden haben.
Wir wissen heute, daß diese Hoffnungen nicht in Erfüllung gingen. Die Blutopfer an der Front wurden nicht anerkannt. Die Antisemiten ließen sich nicht vom Deutschtum der Juden überzeugen. Im Gegenteil. Das Paradox trat sogar ein, daß sie von ihrer Umgebung gerade wegen ihres Bekenntnisses zu Deutschland noch mehr als zuvor gehaßt wurden.
Potsdam war sicherlich nicht judenfeindlicher als andere Städte in Deutschland. Alex Bein, Historiker und Staatsarchivar in Jerusalem, der bis 1933 Archivar am Reichsarchiv in Potsdam war, erinnert sich, daß es in der Stadt mutige und aufrechte Bürger gegeben hat, die mit den Nazis nichts im Sinn hatten. Der Präsident des Reichsarchivs zum Beispiel, General Hans von Haeften, dessen Söhne zu den Widerständlern des 20. Juli gehörten und hingerichtet wurden, ließ die am 30. Januar 1933 auf den Turm des Reichsarchivs gehißte Hakenkreuzflagge am folgenden Tag unter dem Murren der Nazisympathisanten im Archiv herunternehmen - ein Akt, der deutlich machte, daß er mit den neuen Machthabern nichts zu tun haben wollte.
Konflikte gab es zwischen den Juden und der nichtjüdischen Bevölkerung selbstverständlich auch in Potsdam. Sie entzündeten sich meist an vergleichsweise nebensächlichen Fragen. Ob zum Beispiel das Schächten Tierquälerei sei oder nicht. Oder ob Juden im Weltkrieg den vaterländischen Pflichten nachgekommen oder sich vor dem Dienst mit der Waffe gedrückt hätten. Diese Auseinandersetzungen hielten sich jedoch in Maßen. Das latent vorhandene antisemitische Vorurteil explodierte in Potsdam erst nach dem 30. Januar 1933, zu dem Zeitpunkt also, als die Nazis an die Macht kamen, der Antisemitismus zur Staatsdoktrin erhoben und die Juden zum Freiwild erklärt wurden.
Am 1. April 1933 wurden wie überall im Reich auch die Potsdamer Juden gehörenden Geschäfte boykottiert. SA und Parteileute stellten Wachen auf, Fensterscheiben wurden beschmiert und die Besitzer tätlich angegriffen. Die Behörden erstellten Listen der "nichtarischen Geschäfte", die einzig und allein den Zweck hatten, die Eigentümer als Juden zu markieren und deren Enteignung vorzubereiten. Tarnorganisationen wurden ins Leben gerufen, die jüdischen Eigentümern deren Grundstücke weit unter Marktpreis abpreßten.
Ein Fall, der kürzlich Schlagzeilen machte, ist der Restitutionsanspruch der Schauspielerin Marika Rökk, die mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Georg Jacoby, in Babelsberg 1935 ein Haus von dem Regisseur Alfred Zeisler rechtmäßig erworben haben will. Der zwischenzeitlich verstorbene Zeisler hat das bestritten. Er habe das Haus nicht verkauft, es sei ihm vielmehr "gestohlen" worden, heißt es angeblich auf einer von seinen Erben vorgelegten Tonbandaufzeichnung.
Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, malerisch untergebracht in der Orangerie am Rand des Parks von Sanssouci, finden sich zahlreiche Aktenvorgänge, die über die "Arisierungen" in Potsdam Auskunft geben. Das 1880 gegründete Kaufhaus Hirsch in der Brandenburger Straße zum Beispiel, ein gutgehendes Unternehmen, das 1935 einen Jahresumsatz von zwei Millionen Reichsmark hatte und 170 Mitarbeiter beschäftigte, ist in einem undurchsichtigen Verfahren mit allerlei bürokratischen Winkelzügen von der Firma A. Mainka KG übernommen worden. 1940 ließ der neue Besitzer großformatige Anzeigen in die Zeitungen schalten, in denen den "geehrten Einwohnern von Potsdam und Umgegend" mitgeteilt wurde, das Unternehmen sei jetzt rein "arisch" und möchte von nun an den Kunden das Kaufen so angenehm wie möglich machen.
Das Ende der Gemeinde zeichnete sich im Herbst 1941 ab. Bis dahin hatten die Juden der Stadt noch einigermaßen unbehelligt gelebt. Es gab zwar Denunziationen, vereinzelt Verhaftungen durch die Gestapo, aber die systematischen Deportationen hatten noch nicht begonnen. Erst Anfang 1942; bei einem der Transporte, die von Berlin nach Riga abgingen, ist auch eine größere Anzahl Potsdamer Juden dabeigewesen.
Johanna Rosenthal, eine der wenigen Überlebenden, hat nach Kriegsende aus Schweden berichtet, wie sie und weitere 40 Leidensgenossen aufgefordert wurden, sich am 9. Januar 1942 morgens bei der Gestapo einzufinden. Dort, so berichtet sie, nahm man ihnen Geld und Papiere ab und sperrte sie zwei Tage ein. Am 11. Januar wurden sie in Autos verfrachtet und zu einer Sammelstelle nach Berlin gebracht. Zwei Tage darauf, am 13. Januar 1942, verließ dann ein ungeheizter und mit 1000 Personen besetzter Zug die Stadt in Richtung Osten. Für die meisten war es eine Reise ohne Rückkehr.
Der Historiker Prof. Dr. Julius H. Schoeps ist Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam.
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Synagogen-Gedenktafel "Die Fenster wurden ...
... mit Übungsgranaten eingeschlagen: Verwüstete Synagoge 1938
Philosoph Mendelssohn (M.): "Wo will der Jude hin?"
Jüdischer Friedhof: Reise ohne Wiederkehr
Anzeige eines "arisierten" Geschäfts: Bürokratische Winkelzüge
Von Julius H. Schoeps

SPIEGEL SPECIAL 2/1993
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