01.04.1993

In jeder Sekunde fünf Menschen mehr

Es werden Horden von Elenden sein, die in Booten über das Mittelmeer kommen, über die Straße von Gibraltar oder am Bosporus immer weiter nach Norden drängen. Haß und Angst lodern ihnen entgegen - von denen, die dort schon leben: Spanier oder Franzosen, Italiener und Deutsche.
Städtische Slumlandschaften, drangsaliert von tagtäglichem Verbrechen, werden weite Räume Südamerikas überwuchern. In Afrika, südlich der Sahara, toben mörderische Fehden um Wasser, das nur noch wenigen zur Verfügung steht, und um Feuerholz, das kaum noch aufzutreiben ist. In Asien sammeln sich Ströme von Analphabeten und Arbeitslosen, die in plündernden Banden übers Land ziehen.
So kann es zugehen auf der Erde, wenn sie ein Pferch geworden ist. Wenn nicht mehr gut 5 Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern, wie noch im Jahre 1993, sondern rund 12 Milliarden oder vielleicht 14, und wenn die Welt so viele nicht mehr aushalten kann.
Der Philosoph Hans Jonas, so ließe sich dann rückblickend anmerken, hatte das Drama vorausgesehen: "Welches Massensterben und Massenmorden eine solche Situation - rette sich, wer kann - begleiten werden, spottet der Vorstellung."
Nur eine böse Utopie, schon wieder ein Schreckensbild in einer von dunklen Visionen umstellten Zeitlandschaft? Sicher nicht.
So mörderisch, so fürchterlich, wie es hier und da von Bevölkerungsforschern und Sozialwissenschaftlern vorhergesagt wird, mag es nicht über die Menschheit kommen. Aber etwas von allem - an nie gekannter Armut und allgegenwärtiger Gewalt, ökologischen Desastern und gesellschaftlichem Niedergang - steht ihr bevor, wenn sie so weiterwächst.
Er wolle gewiß nicht übertreiben, beschreibt der französische Professor Jean-Claude Chesnais vom Nationalen
Institut für demographische Studien den Stand der Dinge - "aber diese Katastrophen-Szenarien sind keineswegs absurd, sondern es wird höchste Zeit, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen". Und sein österreichischer Kollege Professor Rainer Münz spricht gar von einer "demographischen Apokalypse".
In den letzten 40 Jahren - seit den Jugendzeiten der deutschen Bundesrepublik also - hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt, von 2,6 Milliarden auf 5,5 Milliarden Menschen. Und das Tempo nimmt immer noch zu.
In den neunziger Jahren wird sich die Menschheit schneller vermehren als je zuvor, ein Rekord, den wir erleben werden. In jeder Sekunde werden derzeit fünf Kinder geboren, und schon
zur Jahrtausendwende wird es wiederum eine Milliarde Menschen mehr geben.
Nichts deutet darauf hin, daß diese Lawine an Fahrt verliert. Zwar hat sich die Rate der Geburten auf 1000 Erdbewohner seit den siebziger Jahren allmählich verringert, doch die absolute Geburtenzahl steigt weiterhin, und selbst bei einem drastischen Rückgang der Geburtenquote wird der demographische Druck unvermindert anhalten. Denn die Masse der Paare, mit deren Fortpflanzung zu rechnen ist, wächst und wächst. Erst im 21. Jahrhundert, so lauten die Prognosen, wird die Zahl der Geburten wieder auf den Stand unserer Tage zurückgehen. Aber der ist schon viel zu hoch, und daß die Erde bis dahin mitmacht, ist nicht anzunehmen.
Das Ausmaß des Unglücks ist schon lange beschrieben worden. "Wenn nicht sehr bald etwas Entscheidendes geschieht", warnte Hoimar von Ditfurth 1984 im SPIEGEL, "dann treiben wir einer Katastrophe entgegen, für die es in der bisherigen menschlichen Geschichte kein Beispiel und keinen Vergleich gibt."
Geschehen ist wenig, Entscheidendes schon gar nicht, und so hört sich kaum anders an, was jüngst die UNFPA,
die Bevölkerungsorganisation der Vereinten Nationen, zum Thema beitrug: Es handele sich um "die ernsteste Bedrohung der lokalen und globalen Umwelt" seit Menschengedenken, und sie gehe "an die Substanz der Erde selbst".
"B-Bombe" hat der amerikanische Anthropologe Paul Ehrlich die Bedrohung genannt, und diese Bevölkerungsexplosion übertrifft in ihrer Sprengkraft die mannigfachen Bedrängnisse, mit denen die Erdenbürger in die nächsten Jahrzehnte gehen. Daß eine Art ihren Bestand angreife, weil sie sich unmäßig vermehre, sei in der Naturgeschichte nichts Neues, vermerkt dazu der Berner Philosophie-Professor Thomas Kesselring: "Einmalig ist dagegen die Situation, daß eine Spezies durch ihr starkes Wachstum nicht nur die eigene Existenz, sondern die Existenz der Biosphäre insgesamt gefährdet."
Denn die B-Bombe ist Treibsatz für viele jener Konflikte, die derzeit noch die Debatten
beherrschen. Die wachsende Verarmung und die zunehmende Nahrungsnot, die Verseuchung des Wassers und die Belastung der Atmosphäre, die Zerstörung der Böden und der Raubbau an den Wäldern - nichts von dem ginge so rapide vonstatten, wäre da nicht diese explosive Vermehrung. Und weil der Zuwachs sich weiter beschleunigt, legen auch jene Prozesse noch an Geschwindigkeit zu.
Zudem sind von dieser übermäßigen Vermehrung gerade jene Regionen betroffen, die ohnedies heimgesucht werden von allerlei Mängellagen und politischer Labilität. Für den Bielefelder Demographie-Professor Herwig Birg ist es ausgemacht; daß allein durch den Bevölkerungsdruck "das ohnehin kümmerliche Daseinsniveau in diesen Ländern noch weiter absinken wird", und er sieht dort ein "politisches wie soziales Chaos" heraufziehen - gar "bestialische Gesellschaften, mit Kriminalität als Dauerzustand".
Und natürlich werden die bessergestellten Gesellschaften dabei nicht in Ruhe zusehen können: "Unsere Nachkommen", warnt der Club of Rome in einer Studie, "werden wahrscheinlich Massenwanderungen ungekannten Ausmaßes erleben" - Binnenwanderungen in den Elendsgebieten, aber auch einen massiven Flüchtlingsdruck auf die wohlhabenden Nationen des Nordens. "Die werden uns", so malte es in tiefstem Dunkel der Trierer Politologie-Professor Claus Kernig vor sozialdemokratischen Parlamentariern aus, schon "in den nächsten 10 bis 15 Jahren zu den Schornsteinen, Dachluken und Kellergeschossen hereinsteigen".
Bündige Lösungen, die der Bevölkerungswoge die Wucht nehmen könnten, sind nirgends zu sehen. Selbst die zynische Hoffnung, speziell in Afrika könne sich das Problem durch die Immunschwächekrankheit Aids lösen, trägt nicht weit - auch viele Millionen Tote dort würden an der Fülle wenig ändern. Wie explosiv das ist, führte die britische Ärztezeitschrift The Lancet an einem makabren Beispiel vor: Der tägliche Abwurf einer Atombombe des Typs, der über Hiroschima barst, würde die Vermehrung kaum mindern; zwar wäre dann mit jeweils 90 000 Toten zu rechnen, aber am gleichen Tag gäbe es schon wieder 250 000 Neugeborene.
Für die Politik und die Wirtschaftskräfte in den Industriestaaten ist ein Phänomen wie die Bevölkerungsexplosion wohl nicht mehr zu packen. Die B-Bombe trifft diese Systeme in einem Schwächezustand, der sie nicht einmal befähigt, den häuslichen Pflichten nachzukommen - geschweige denn, Krisen von so globaler Natur zu wuppen. Es ist gar kein größerer Gesprächsstoff: "Die offenkundige Hilf- und Hoffnungslosigkeit, die einen bei diesem Thema ergreift", so beschreibt der Grüne Joschka Fischer die Ausgangslage, "führt dazu, daß es konsequent ignoriert und verdrängt wird."
Und den Fachleuten geht es nicht besser: In einer europäischen Expertenrunde, die letztes Jahr in Paris über die Entschärfung der B-Bombe nachdachte, sah der Bremer Friedens- und Konfliktforscher Dieter Senghaas "wenig Aussichten für radikale Reformen in den weltweiten Entwicklungsprozessen. Uns bleibt somit gar nichts anderes übrig, als von einer dramatischen Entwicklung in den nächsten 25 Jahren auszugehen".
Den bei weitem steilsten Anstieg der Geburtenraten werden die Länder der Dritten Welt erleben - in den hochentwickelten Nationen auf der nördlichen Halbkugel und auch in Rußland stagniert der Nachwuchs oder liegt unterhalb der Reproduktionsquote. Bereits im Jahre 2025 werden 85 Prozent der Erdbevölkerung auf der Südseite leben, jung und auf jede Art hungrig: Schon jetzt ist die Hälfte der Menschen in den Entwicklungsländern jünger als 20.
In Afghanistan etwa, sozial und politisch ein Trümmerfeld, beträgt die jährliche Geburtenrate 6,7 Prozent, was bedeutet, daß sich dort die Bevölkerung binnen elf Jahren verdoppeln wird.
Der Iran, fest in Allahs Griff, hatte 1950 noch 16,4 Millionen Einwohner; im Jahre 2000 aber werden es 74 Millionen sein.
Gut 450 Millionen Menschen leben derzeit in Lateinamerika, in rund 30 Jahren sind es 760 Millionen, und ein Drittel davon kommt auf Brasilien. Dort, wo große Teile des Regenwaldes stehen, wird sich die Kopfzahl von nur 53 Millionen im Jahre 1950 schon zur Jahrhundertwende auf 195 Millionen erhöht haben.
In Asien gibt es da und dort Lichtblicke. Südkorea und Thailand, Indonesien und China haben
die Fortpflanzungsrate gedämpft. Doch in China geht es schon wieder aufwärts damit: Erneut rollt eine Geburtenflut, und das 1,2-Milliarden-Volk nimmt jährlich um rund 16 Millionen zu.
Wesentlich höher noch sind die prozentualen Zuwächse im südlichen Asien, in Pakistan etwa oder in Bangladesch, und Indien droht aus den Fugen zu geraten. Die indische Population wird von jetzt 864 Millionen bis zum Jahr 2025 auf 1,44 Milliarden Menschen anwachsen - und dann wohl an das Bevölkerungsmonster China heranreichen.
Um auch nur den gegenwärtigen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, der ärmlich genug ist, müßte die Regierung in Neu-Delhi jedes Jahr zusätzlich 127 000 Schulen herbeischaffen, 373 000 Lehrer, rund vier Millionen Arbeitsplätze und wenigstens zehn Millionen Tonnen Nahrungsmittel - eine unlösbare Aufgabe.
Es ist beispielhaft: Fortschritte in der Dritten Welt, ob mit Hilfe von außen erzielt oder aus eigener Kraft, werden durch die rasche Zunahme an Menschen sogleich wieder aufgezehrt. Nach einer Analyse der internationalen Entwicklungspolitik, die der Uno-Fonds UNFPA letztes Jahr präsentierte, hat sich im Durchschnitt zwar die Ernährung verbessert, gibt es bemerkenswerte Erfolge im Bildungswesen - aber: Die absolute Zahl der völlig Armen, der Hungernden und der Analphabeten ist mit den wuchernden Menschenmassen erheblich gestiegen.
Noch während Ägypten den Assuanstaudamm bauen ließ, durch den ausreichend Land für vier Millionen Menschen bewässert werden sollte, vermehrten sich die Ägypter um zehn Millionen. Binnen elf Jahren.
Afrika, vor allem südlich der Sahara, setzt beim Bevölkerungszuwachs der Entwicklungsländer noch einmal Spitzenwerte. Nie zuvor haben sich die Menschen eines Kontinents so rasch vermehrt wie dort, und in keinem anderen Erdteil sind die Lebensverhältnisse so miserabel. In Kenia zum Beispiel sind 50 Prozent des Volkes jünger als 20 Jahre, die Arbeitslosen von morgen. 17 Jahre noch, und dann werden sich die Kenianer schon wieder verdoppelt haben - 44 Millionen in einem Land, das zu drei Vierteln unfruchtbar ist.
Platz ist genug da in Afrika und anderwärts in der Dritten Welt. Es mangelt, wie der Bamberger Demographie-Professor Josef Schmid es formuliert, an "verfügbarem und finanzierbarem Raum", an wirtschaftlicher Leistungskraft und an sozialer Infrastruktur. Es ist der Kontrast zwischen sinkendem Einkommen, Bildungsdefiziten und Arbeitslosigkeit auf der einen und einer steil steigenden Geburtenzahl auf der anderen Seite, der diese Regionen zu demographischen Krisenherden macht - und daran ändert auch die Entwicklung in einigen ostasiatischen Ländern nichts, in denen sich gerade eine bescheidene ökonomische Blüte entfaltet.
Kinder haben, in dieser Lebenswelt einen gänzlich anderen Status als in den hochentwickelten Gesellschaften der Erde. Daß so viele und immer noch mehr gezeugt werden, hat zwar auch etwas zu tun mit Versäumnissen und Irrwegen in der Familienplanung. Vorherrschend aber ist ein komplexes, vom Kulturraum geprägtes und von den Sozialstrukturen diktiertes Muster aus mythischen, traditionellen und überaus pragmatischen Beweggründen.
Da ist eine erziehungsgeschädigte Männerwelt in Lateinamerika, in der das Kindermachen als untrüglicher Beleg für Kraft und Herrlichkeit gilt. Häufig jedoch sichern Kinder in jenen Regionen, in denen es beim Lebensunterhalt immer gleich ums Überleben geht, die Existenz der ganzen
Familie. Sie knien in der Landwirtschaft auf den Äckern, verkaufen Krimskrams in den Städten, schuften als Hilfsarbeiter in Läden oder Werkstätten und verbessern so wenigstens das Einkommen der Sippe.
Und weil sie dann, erwachsen geworden, die alten Eltern unterstützen müssen, dürfen es nicht zu wenige sein. Dort, wo soziale Absicherung aus vielen Händen besteht, erklärt der ehemalige Bonner Entwicklungsminister Erhard Eppler, kann "es höchst vernünftig sein, viele Kinder zu haben".
Durchweg trägt eine hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit in den Entwicklungsländern dazu bei, daß Nachwuchs gleichsam auf Vorrat in die Welt gesetzt wird. Und ähnliche Folgen hat die Vorliebe für männliche Nachkommen. Auch Glaubenslehren gehören zu den erfolgreichen Geburtshelfern, vor allem dort aber, wo die sozialen Bedingungen ihnen Vorschub leisten. Im katholischen Italien oder in Österreich haben die Kinderzahlen die Reproduktionsgrenze schon unterschritten. Doch im afrikanischen Ruanda, wo die katholische Kirche als größte Religionsgemeinschaft das gesellschaftliche Leben dominiert, kommt die Geburtenkontrolle nicht von der Stelle. Von Staats wegen ist zwar Familienplanung vorgesehen, aber über die Kanzeln und die kirchlich gegängelten Gesundheitseinrichtungen geht der Vatikan dagegen an.
Im islamischen Kulturraum finden sich die gleichen Wertmuster wie beim Götterglauben und in östliche Lehren: viele Kinder, möglichst Söhne. Und alles in allem, so meinen die Autoren einer Bevölkerungsstudie der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), sind "religiöse Vorstellungen möglicherweise die stärkste Komponente der hohen Fruchtbarkeit" in den Entwicklungsländern. Zu den starken Komponenten zählen sicher die miserablen Bildungsstände. Seit den siebziger Jahren haben sich die Schulsysteme in weiten Teilen der Dritten Welt verschlechtert. Der Anteil der ausgebildeten Menschen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung nimmt durch den fortwährenden Geburtenschub stetig ab, und die Zahl der Analphabeten ist weltweit gewachsen.
Bildung und Kinderzahl, so belegen etliche Untersuchungen, stehen eng beieinander. Lateinamerikanische Studien weisen aus, daß die Geburtenrate von Frauen, die keine Schule besucht haben, dreimal höher ist als die Quote der Schulabsolventinnen. In Brasilien etwa macht das im Durchschnitt ein Gefälle von 6,5 zu 2,5 Kindern. Ein minderer Sozialstatus der Frau zählt, keine Überraschung, ebenfalls zu den wesentlichen Triebkräften des Bevölkerungswachstums in der Dritten Welt. "Wo immer Frauen unterdrückt werden", resümiert der
Frankfurter Sozialforscher Klaus Leisinger in einer jüngst erschienenen Studie, "ist und bleibt die Geburtenrate hoch."
Kann sein, daß den Frauen im Süden sehr bald noch ein weiteres Feld zu bestellen bleibt, die Altenpflege. Denn die Bevölkerungsexplosion ist nicht nur eine Folge immer höherer Geburtenquoten, sondern auch der zunehmenden Lebenserwartung. Es ist eine paradox anmutende Entwicklung, in Gang gesetzt durch die Wohltaten der Industrieländer.
Penicillin und Pockenschutz, ein breites Sortiment aus dem Chemie- und Heilmittelschatz der entwickelten Welt haben ihre Wirkung auch in den bedürftigen Ländern getan. So sank zwar die Sterblichkeit, doch die Geburtenraten blieben hoch. Die Basis, auf der sich die Geburtenzahlen der nächsten 25 bis 50 Jahre vorhersagen lassen, wird immer breiter - ein Menetekel: In den Industriestaaten sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre, in den Entwicklungsländern aber sind es 39 Prozent. Mithin ist ein reichliches Drittel der Menschen des Südens jetzt noch gar nicht im reproduktionsfähigen Alter - und ihre künftige Fortpflanzungsrate wird die des Nordens um ein Vielfaches übertreffen.
Ein Kampf ums Überleben und nicht die Spur an sozialer Sicherheit; schwarze Löcher im Bildungswesen und kümmerliche Rechte bei den Frauen; religiöse Unterwerfung, die respektiert werden muß, und medizinische Hilfe, die Probleme löst, aber gleich neue macht: Beim Kinderkriegen herrscht rege Beteiligung, und eine Rangfolge ist kaum aufzustellen. "Diejenigen, die heute so viele Kinder haben wollen in der Dritten Welt", sagt der in Berlin lehrende Demographie-Professor Rainer Münz, "fällen für sich die richtige Entscheidung - und richten damit globales Unheil an, ein Unheil, das sie zu Lebzeiten noch einholen wird."
Von Westen her betrachtet ist bei allem Kopfschütteln über die Rückstände der Dritten Welt ohnehin Vorsicht angebracht, denn die Industrienationen sind an dieser Lage nicht unbeteiligt. Die sogenannten Terms of Trade, die Austauschrelationen im Welthandel, haben sich für die Entwicklungsländer deutlich verschlechtert. Zollmauern und andere Hemmnisse sorgen auf vielen Märkten dafür, daß die Erste Welt nicht zu kurz und die Dritte Welt nicht zum Zuge kommt.
Unter dem weltweiten Verfall der Rohstoffpreise hatten vor allem die Länder des Südens zu leiden. Verschuldung und Devisenknappheit verstärken die ohnehin einseitige Ausrichtung der Volkswirtschaften und speziell des
Agrarbereichs auf den Export. Da blieb nicht viel übrig für eine soziale Infrastruktur, die dem unkontrollierten Bevölkerungsschub hätte entgegenwirken können.
Der fixe Vorwurf, die Dritte Welt sei an der Leine der Kapitalisten und nur deshalb knapp vor dem Kollaps, greift gleichwohl zu kurz. In Asien und in Südamerika und erst recht in Afrika sind das wirtschaftliche wie das soziale Desaster mit erheblicher Eigenleistung zustande gekommen. "Das Versagen der Politiker", so faßt es Sozialforscher Leisinger in seiner Untersuchung zusammen, "ist ein zentrales Entwicklungshindernis - es gibt zu oft falsche politische Prioritäten, zuviel Ressourcenverschwendung, zu hohe und teils steigende Militärausgaben, zuviel ineffiziente öffentliche Unternehmen, zu zahlreiche Prestigeobjekte, zuviel Kapitalflucht und überbordende Korruption."
Erst in letzter Zeit regt sich Bewußtsein für die B-Bombe im eigenen Lande - die ja womöglich nicht nur die Existenz der Armen bedroht. Für Haltemanöver aber scheint es zu spät zu sein. "Der Zug zu den zehn Milliarden Menschen, also quasi zu einer Verdopplung", rechnet Demograph Schmid, "ist bereits abgefahren, da ist jetzt schon nichts mehr anzuhalten."
Wohl auch nicht mehr zu stoppen sind deshalb die
Verheerungen, die diese Menschenflut in der globalen Umwelt anrichten wird. Schon wahr: Beim Verbrauch von Ressourcen oder bei der Produktion von Abfall sind die Konsumgesellschaften des Nordens der Dritten Welt weit voraus. Ein Viertel der Weltbevölkerung, angesiedelt in den Industrienationen und einigen Schwellenländern, verbraucht drei Viertel aller Energie. Würde auch nur ein Teil der Menschen im Süden so leben wie die Amerikaner, im Spitzenfeld der Verschwender: viele Rohstoffe wären binnen kurzem erschöpft, ökologische Grenzbereiche noch schneller überschritten.
Doch die Bevölkerungsexplosion wird die Anteile verändern. Der Treibhauseffekt, ein Beispiel, entsteht nicht nur durch Kohlendioxid, durch die Verbrennung von Öl und Kohle. In immer größeren Mengen entweicht auch das Spurengas Methan in die Atmosphäre - durch die Ausdünstung wachsender Viehherden und den Naßreisanbau, der sich weiter ausbreiten wird. Nach einer Aufstellung des World Resources Institute über die Anteile aller Nationen an der Erderwärmung befinden sich unter den ersten zehn bereits fünf Entwicklungsländer.
In ihrem Weltbevölkerungsbericht gehen Uno-Experten davon aus, daß die wachsende Menschheit in den nächsten 20 Jahren von den Rohstoffen, die nicht zu erneuern sind, doppelt soviel verbraucht wie bisher - schlimm
genug. Doch der Endlichkeit von Lebensquellen ist durch die Bevölkerungsexplosion eine weitere Dimension hinzugefügt worden. Es geht an die Substanz der sogenannten erneuerbaren Ressourcen, Acker- und Weideland, Wasser und Holz. Schon jetzt wird davon mehr verbraucht, als ersetzt werden kann.
Wald etwa fällt aus vielerlei Gründen: in Costa Rica, um Flächen für das Weidevieh und den Fleischexport zu schaffen; in Afrika und Asien für die Holzindustrie; in Brasilien, um die Landlosen zu ernähren. Die größten Verluste aber entstehen durch das Einschlagen von Brennholz.
70 Prozent aller Bewohner der Dritten Welt müssen zum Kochen und Heizen vor allem auf diese Energiequelle zurückgreifen - und täglich werden es mehr. Nach Schätzungen der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO
sind bereits 1987 von den rund 1,7 Milliarden Kubikmetern Holz, die in den Tropenländern verbraucht wurden, 86 Prozent verfeuert worden.
Das Sterben der Regenwälder hat sich herumgesprochen, weniger der Umstand, daß auch dabei der Menschenzuwachs eine treibende Kraft ist. Thailand beispielsweise ließ seine Baumriesen fällen, weil immer mehr Menschen zu ernähren und zugleich die Kreditschulden abzutragen waren. Vor drei Jahrzehnten lebten dort 30 Millionen Menschen, jetzt sind es 56 Millionen - und der Regenwald schrumpfte in dieser Zeit auf ein Viertel seiner ursprünglichen Fläche.
Das Bevölkerungswachstum, so haben die Vereinten Nationen errechnet, ist Ursache für 79 Prozent aller Entwaldung auf dieser Erde. Auch deshalb gehen jedes Jahr weltweit 25 Milliarden Tonnen guten Bodens durch Erosion verloren. Nach Uno-Einschätzungen ist von den Weide- und Waldgebieten in den Entwicklungsländern durch Sorglosigkeit, schlechte Bewirtschaftung und verfehlte Exportausrichtung schon der größte Teil "degradiert" - überweidet und versandet, abgeholzt oder versteppt.
Daß rund 780 Millionen Menschen hungern, wie die Vereinten Nationen gezählt haben, wäre trotzdem nicht nötig. Häufig behindern Kriege oder nur unfähige Bürokraten die Versorgung, auch in Ländern, die noch fruchtbar genug sind. Erhebliche Mengen der Nahrungsmittelproduktion werden auf den Transportwegen von Schädlingen und Krankheiten vernichtet. In Afrika und Indien vertilgen Ratten annähernd ein Drittel des Getreides.
Die Agrarwirtschaft der Welt könnte noch einige
Milliarden Menschen zusätzlich ernähren - aber ausreichende Nahrung ist ein Verteilungsproblem, und sie fehlt gerade dort, wo sich die Völker verdoppeln und verdreifachen. Landwirtschaftliche Fortschritte, die es durchaus auch in den Entwicklungsländern gibt, werden durch das Bevölkerungswachstum wieder aufgezehrt, buchstäblich. Schwarzafrika hat den Wettlauf schon verloren: Die Menschen vermehren sich dort schneller als die Ernteerträge. China ist inzwischen der Welt größter Getreideproduzent - aber der Getreideertrag pro Kopf geht zurück, weil es zu viele Chinesen gibt. "Technisch gesehen", wird in einer Studie des Club of Rome versichert, sei die Weltbevölkerung auch künftig noch zu ernähren - "wenn man die Landwirtschaft isoliert für sich betrachtet. In der wirklichen Welt aber kann sie aufgrund von Zwängen, die andere Faktoren ausüben, nicht losgelöst von der Weltproblematik betrachtet werden".
Einer dieser Faktoren ist das Wasser. Es gibt genug davon - aber nicht dort, wo es dringend gebraucht wird. Auf der Hälfte der Landfläche ist Wasser Mangelware, und mancherorts würde kein Halm mehr wachsen, wenn es nicht künstlich herbeigeschafft würde. In den zentralasiatischen Republiken und in China, in Indien wie in Ägypten hängt die Landwirtschaft in starkem Maße von der Bewässerung ab.
Die künstlich bewässerte Fläche der Erde hat sich zwischen 1950 und 1980 mehr als verdreifacht, und zwar durchweg dort, wo auch die Geburtenraten in die Höhe schossen. "Das größte Problem ist", so erklärte der schwedische Hydrologe und Uno-Berater Malin Falkenmark in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, daß "Wasserknappheit die Fähigkeit einzelner Länder beschneiden wird, sich selbst mit ausreichend Nahrungsmitteln zu versorgen, denn sie liegen in Weltregionen, wo jedes Jahr Wasser knapp wird oder gar ausgeht". Und besonders betroffen, so der Forscher, werden die Ballungsgebiete sein - "die wachsen zu schnell".
Viel zu schnell. Mit der Bevölkerung werden die Städte explodieren, hoffnungslose Heimstatt für Abermillionen, die auf dem Lande keine Chance mehr für sich und die Familien sehen. Noch in den neunziger Jahren wird die Hälfte der Menschheit in Großstädten wohnen, in Südamerika werden es gar 80 Prozent sein. Sao Paulo etwa wächst jedes Jahr um 250 000 Bewohner - überwiegend in erbärmlichen Unterkünften ohne jegliche urbane Qualität. Und um die Jahrhundertwende werden 13 der 20 größten Städte in der Dritten Welt liegen.
Zu verwalten sind diese Monstergemeinden dann nicht mehr, sie ersticken an ihrem Wachstum. Luft- und Wasserverschmutzung oder die Müllberge können nur mehr zur Kenntnis genommen werden, Planung kann allenfalls reparieren.
"Wer heute in die Slums der Städte zieht", sagt der Bamberger Professor Schmid, "tut etwas Richtiges, denn er verbessert seine Möglichkeiten zu überleben. Aber weil allzu viele diese Hoffnung aufnehmen, werden wir urbane Katastrophen erleben." Es braucht dazu nicht viel Vorstellungskraft: Gewalt und Kriminalität, wirtschaftliche und sozialpsychologische Spannungen werden solche Stadtlandschaften beherrschen.
Redliche Beschäftigung wird für die meisten dieser Städter gar nicht beizubringen sein. "Eine explosiv wachsende Stadtpopulation", so Forscher Kesselring, benötige "eine entsprechende Zunahme an Arbeitsplätzen" - aber das sei "undenkbar" unter den vorhersehbaren Verhältnissen.
Bis zum Jahre 2000, in läppischen sieben Jahren, werden in den Entwicklungsländern noch einmal 600 Millionen junge Leute nach Arbeit suchen, in Regionen, die schon von Arbeitslosigkeit geplagt werden. An der Massenarbeitslosigkeit, die das auslösen wird, scheint kein Weg vorbeizugehen. Sie ist, sagt der Bielefelder Professor Herwig Birg, "ein unglaublicher sozialer Sprengstoff".
Schon das Bevölkerungswachstum in den neunziger Jahren "bedeutet", so das Washingtoner Worldwatch Institute, "daß auch die pro Kopf zur Verfügung stehende Menge von wichtigen Ressourcen wie Boden, Wasser und Holz sich in einem ungeahnten Ausmaß verringern wird". Der soziale Sprengstoff wird sich dann nicht nur nach innen entladen. Kämpfe um Ressourcen, um bessere Böden und vor allem um Wasser, zeigen sich bereits an.
Mit dem Bau des Atatürk-Damms zum Beispiel, hinter dem sich der Euphrat stauen soll, erhält die Türkei eine gefährliche Waffe gegen Syrien und den Irak - Länder, die auf das Wasser von Euphrat und Tigris angewiesen sind. Reibereien zwischen den Anrainern gab es deswegen schon reichlich.
Die Menschheit, so mahnen kritische Zeitgenossen, solle sich schleunigst auf die Suche nach rettenden Ordnungsmustern machen, die unter den veränderten ökologischen und sozialen Bedingungen noch Zukunft haben. Doch es wird wohl dauern, bis sich die Völkerfamilie auf einen neuen Kanon verständigt hat, der ihrem liederlichen Umgang mit der Erde eine Wende gibt. Durch die rapide Vermehrung und die Konfliktlagen, die sie heraufbeschwört, droht der Dialog über tragfähige Konzepte abzustürzen, bevor er noch recht in Gang gekommen ist. Eher schon ist zu erwarten, daß in Ländern und Kulturräumen neue Feindbilder wachsen, Kontinente sich voreinander abschließen werden.
"Ein sehr enges Zusammenleben der Menschen", warnt die Bevölkerungsstudie der EKD, "verstärkt die Unsicherheit und stellt große Anforderungen an die Fähigkeit einer Gesellschaft, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Tendenz mancher Regierungen, die politische Stabilität durch autoritäre Herrschaftsformen und militärische Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten, wird zunehmen."
Weltweit, fürchtet der Bochumer Sozialwissenschaftler Hermann Korte, werde "die Tendenz steigen, sich abzuschotten". Der Sozialdemokrat sieht "Gesellschaften entstehen, die nach
innen und außen mit Mauern leben - nicht nur physisch, sondern auch psychisch". Und in solcher Lage - "Bevölkerungsdruck, fehlende Chancengleichheit sowie Tyrannei und Unterdrückung" - könnten nach der Weltentwicklungsstudie des Club of Rome "Auswanderungswellen Richtung Norden und Westen ausgelöst werden, die sich nicht mehr eindämmen lassen".
Wanderungen größeren Umfangs, darin stimmt die Bevölkerungsforschung überein, scheinen dem Erdball bevorzustehen, und die werden nicht viel gemein haben mit den vergleichsweise bescheidenen Flüchtlingsströmen, die derzeit im Süden der USA und in Europa Verwirrung und Aufregung stiften. Einige Millionen Menschen sind bereits unterwegs - vorerst in Binnenräumen wie Afrika, auf der Flucht vor politischen oder wirtschaftlichen Nöten in die Nachbarregionen.
Mit zunehmendem Druck jedoch könnten diese Wellen, mit denen der Club of Rome rechnet, aus Lateinamerika nach Norden branden oder aus Asien und den südlichen Mittelmeerländern über Europa. 140 Millionen Menschen lebten 1950 im Norden des Mittelmeers, rund 70 Millionen im Süden, aber dieses Verhältnis ist schon gekippt: In Nordafrika sind es jetzt mehr als 150 Millionen, und im Jahre 2025 werden es 300 Millionen sein; allein in Algerien wird sich die Einwohnerzahl binnen 25 Jahren verdoppeln.
"Millionen", sagte der inzwischen verstorbene algerische Präsident Houari Boumedienne zu seinen Amtszeiten voraus, "werden die südlichen, armen Teile der Erde verlassen und, um zu überleben, in die verhältnismäßig leicht zugängliche nördliche Hemisphäre einbrechen." Die Bevölkerung der Türkei etwa, derzeit 56 Millionen, wird sich binnen drei Jahrzehnten um 30 Millionen vermehrt haben, und die demographische Erfahrung lehrt, daß zwischen 10 und 20 Prozent der Menschen bereit sein werden, dem sozialen Druck durch Auswanderung zu entfliehen.
Die Vorstellung, daß da Massen auf Fähren und Frachtern übers Meer kommen oder in
Heeresstärke den gelobten Ländern entgegenstampfen, gehört sicher in den Bereich der Film- und Fernsehproduktion. Eher wird es, wie der französische Forscher Jean-Claude Chesnais und mit ihm viele Kollegen meinen, zu einer steten "Infiltration in immer größerem Ausmaß" kommen. Und es werden nicht, so Rainer Münz, "die Allerärmsten auftauchen, die schaffen das gar nicht, sondern die Flexiblen und Durchsetzungsfähigen".
"Wenn die Zahlen explodieren", so Willy Brandt Anfang letzten Jahres in einer Expertenrunde, "werden Migrationsströme zu einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Belastung, übrigens auch für die Herkunftsländer, wo der Weggang von eher unternehmerischen Menschen zu lähmender Hoffnungslosigkeit beiträgt." Raschen Beistand für jene Länder mahnte der Sozialdemokrat damals an, "weil selbst beim besten Willen weder die jetzige noch die sich erweiternde Europäische Gemeinschaft allen Geplagten dieser Erde zur Heimstatt werden kann".
Die Zuwanderung der jüngsten Zeit, die Europa und insbesondere die Deutschen so lebhaft beschäftigt hat, deutet nur vage die Herausforderung an, die von den Bevölkerungsforschern und gelegentlich auch von Politikern vorausgesagt wird. Europas und auch Deutschlands Arbeitsmärkte sind noch aufnahmefähig für. Zureisende, und sie brauchen sie sogar, um den Lebensstandard zu erhalten.
"Da kann eine Menge wandern", wie Meinhard Miegel sagt, Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Aber wenn sich der Andrang vervielfacht, glaubt der Bamberger Wissenschaftler Schmid, wird "die Absorptionsfähigkeit der Westländer ziemlich schnell erschöpft sein".
Darauf eingerichtet sind die Westler überhaupt nicht. Ein Schengener Abkommen, das Europas Grenzen nach innen öffnen, aber nach außen abdichten soll; Einführung eines Visumzwangs der Österreicher für Polen und Verstärkung der Grenzkontrollen in Norwegen und Finnland; härtere Flüchtlingsbestimmungen in Schweden und Asylrechtsverschärfungen der Briten - kaum mehr als nervöse Reaktionen auf einen vergleichsweise mäßigen Zuwanderungsdruck.
Doch über einen kontrollierten Umgang mit den Druckverhältnissen, die eine weltweite Bevölkerungsexplosion in kommenden Dekaden anrichten könnte, hat in den politischen Köpfen der so hochentwickelten Industrienationen noch nicht viel stattgefunden - zu schweigen von den sozialpsychologischen Komplikationen, die das Geschehen in den westlichen Gesellschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit auslösen wird. Europaweit weisen Umfragen darauf hin, daß sich die Akzeptanzschwelle in Sachen Zuwanderung rasant nach oben bewegt.
"Unsere Wohlstandsgesellschaft", warnt der Münchner Geschichts-Professor Hagen Schulze alle Saumseligen, "steht vor einer Prüfung, auf die sie weder institutionell noch vom Bewußtseinszustand der Bevölkerung her vorbereitet ist." Doch unglücklicherweise begibt sich diese Prüfung zu einer Zeit, da die politischen Entscheidungsträger der Ersten Welt unter erheblichen Bewegungsstörungen leiden und sich nur mehr zu Wahlterminen ein wenig aufrappeln. "Regierungen", beschreibt die Studie des Club of Rome diesen Zustand, "bevorzugen Lösungen, die kurzfristigen politischen Nutzen bringen, und vernachlässigen systematisch die langfristige Perspektive." Vielleicht sind die Deutschen da gerade entschuldigt, denn sie haben ihren Abschwung Ost. Zuwanderungspolitik zu betreiben, ohne übereinander herzufallen, scheint für sie überhaupt ein Kunststück zu sein. Selbst die Demographen, so klagen die einstimmig, hatten es wegen der Erblast nationalsozialistischer Volkstumsideologie schwer, Bevölkerungsfragen wissenschaftlich zu erörtern, ohne sich von neuzeitlichen Ideologen den Vorwurf des Rassismus einzufangen. "Deutschland", sagt der Bamberger Professor Schmid, "verhält sich wie ein Chirurg, der kein Blut sehen kann - und der Operationstermin rückt näher."
Die zählebige Asyldebatte, die schon der gegenwärtige Einwanderungsdruck ausgelöst hat, und die Fremdenfeindlichkeit, die das mit sich brachte, schaffen nicht eben Gelassenheit für bevorstehende Eingriffe. Regelungsbedarf aber ist erkennbar, denn die moralischen Kategorien, wie sie derzeit das Diskussionsfeld beherrschen, könnten rasch abgenutzt sein. Es sind, glaubt Demograph Schmid, "reine Schonraum-Produkte", auf die in Krisenstimmung niemand mehr hören werde.
Was in den wohlhabenden Gesellschaften so denkbar ist, wenn Teile der Dritten Welt dorthin aufbrechen, malen Sozialwissenschaftler schon mal aus: Generell, so der Club of Rome, könne sich "eine deutliche Verschärfung des defensiven Rassismus in den Zielländern" einstellen. Aber auch wenn es denn nicht gleich zu massiven Verwerfungen kommt, wird, wie der Humboldt-Professor Münz meint, der Andrang von außen "das Ende vieler kleiner Freiheiten im Innern" bedeuten, "Maßnahmen, die das Leben der Europäer und der Amerikaner unangenehmer machen, und insgesamt eine Rücknahme von Liberalität". In den begehrten Gebieten, prophezeit Herwig Birg, "werden überall die Schwellen höher gesetzt, wird die innere Kontrolldichte zunehmen, und die Leute werden sich ein hohes Maß an Registration und Sozialkontrolle gefallen lassen müssen"
Spätestens zu dieser Zeit müßte die Frage beantwortet sein, für wen denn die Schwellen niedriger gelegt werden sollen - die besonders Bedürftigen etwa oder die besonders Nützlichen, lieber Nordafrikaner oder eher Südasiaten? Dann auch
müßte Verständigung darüber erzielt sein, was nun die Auffanggesellschaften von ihren Zugereisten erwarten dürfen: Integration und weitgehende Einordnung in das vorgegebene Normengeflecht oder, dem derzeitigen Trend in europäischen und nordamerikanischen Einwanderungsgebieten entsprechend, eine strikte kulturelle Eigenständigkeit mit all ihren Reibungsflächen?
Wie schon jetzt wird zur Diskussion stehen, ab wann denn die Grenzen geschlossen werden sollen. Diese Debatte ist ziemlich sinnlos, denn eine absolute Abschottung kann gar nicht gelingen. Aber es ist doch ein Stoff, der an den ethischen Kernbestand menschlicher Beziehungen geht. Rüde Denkmuster sind da bereits in Sicht, etwa die "Lifeboat-ethics", die der amerikanische Biologe Garrett Hardin in die Bevölkerungsdiskussion eingebracht hat.
Hardins Ethik steht dafür, daß die Menschheit nur dann überleben wird, wenn die in den sicheren Rettungsbooten sitzenden Völker diejenigen, die im Wasser treiben, absaufen lassen. Denn wer dummerweise Platz macht, läßt einen Versager herein, und am Ende gehen die Besseren ganz über Bord - zu Lasten der Welterhaltung sowie künftiger Generationen.
Nichts mehr zu machen? Wird sich wirklich, wie der französische Forscher und Umweltschützer Jacques-Yves Cousteau prophezeit, die Menschheit unter dem Gewicht der Bevölkerungslawine letzter Hemmungen entledigen, wird "der allgemeine Groll Haß erzeugen und der furchtbarste Völkermord, der Milliarden Menschen treffen könnte, unvermeidlich sein"?
Ansätze, den Zuwachs einzudämmen, hat es immer mal gegeben, doch die Ergebnisse waren nicht ermutigend. In der Entwicklungshilfe der Nordländer - ohnehin oft ohne Sinn und Verstand - rangierte Familienplanung weit hinten. Programme zur Geburtenkontrolle schlugen meist nur unzureichend an, manchmal überhaupt nicht. Eine gewaltige Aktion in Indien etwa - 102 000 Gesundheitszentren, 40 000 Ärzte, 390 000 Berater - geriet zu einem gewaltigen Reinfall, und die Inder vermehren sich mehr denn je. In Thailand und Indonesien wiederum, in Südkorea und Taiwan zeigten solche Programme Wirkung, doch in diesen Ländern war das auch begleitet von ansehnlichem Wirtschaftsaufschwung.
Wie Geburtenkontrolle eigentlich zu bewerkstelligen sei, erinnert sich Demograph Schmid, "das ist für die Fachwelt lange umstritten und rätselhaft gewesen". Der Gebrauch von Verhütungsmitteln ist nach den Angaben der Weltgesundheitsorganisation in den letzten 25 Jahren um das Zehnfache gestiegen. Doch die Verhüterli-Verteilung allein gibt nichts her, wenn es an einfachster Aufklärung fehlt - und in Afrika die Pille an kranke Rinder verteilt oder das Kondom zum Beischlaf über den Finger gestülpt wird, weil der Geburtenberater es diskreterweise so vorgeführt hat.
Nur eben ein Drittel der Inder im zeugungsfähigen Alter benutzt empfängnisverhütende Mittel, und in das seltsame Bild paßt es, daß diese Mittel in weiten Teilen der Dritten Welt auch denen nicht zur Verfügung stehen, die Geburten vermeiden möchten. Rund 381 Millionen Paare in den Entwicklungsgebieten verhüten regelmäßig, aber bis zur Jahrhundertwende müßten es wenigstens 550 Millionen sein, wenn auch nur die "mittlere Prognose" der Vereinten Nationen eingehalten werden soll - 8,5 Milliarden Menschen im Jahre 2025.
Erfolgreiche Familienplanung, darin stimmen die Experten nun überein, hängt ab vom komplexen Zusammenwirken vieler Faktoren. "Nur wo einige Grundbedürfnisse befriedigt werden", erläutert der sozialdemokratische Fachmann Erhard Eppler, "ausreichende Nahrung, erträgliche Behausung, Arbeit, Alphabetisierung und soziale Mindestsicherung bei Krankheit
und Alter", könne sich ein dauerhafter Geburtenrückgang einstellen - "mit kostenlosen Kondomen dann wohl noch etwas rascher als ohne".
Es ist eine "Patchwork-Aufgabe", wie Forscher Münz sagt - und die wäre nur mit einer großzügigen Beihilfe der Wohlstandsstaaten zu erledigen. Aber: Eine Entwicklung der Dritten Welt nach dem überkommenen Muster der Industrienationen dürfte keinesfalls stattfinden. Sie hätte fatale Folgen für die globale Umwelt, würden den ökologischen Kollaps um Riesenschritte näherbringen.
Beim Aufbau in Elendsländern wären bessere, erdverträgliche Technologien gefragt. Es gibt sie, und auch das so überaus erfolgreiche kapitalistische Wirtschaftssystem ließe sich dort segensreich entfalten - wenn es nur solidarisch genug gefügt und mit sozialen Sicherungsstrukturen versehen wäre. Vorzügliche Maßnahmen, mit denen die B-Bombe demontiert werden könnte, lassen sich also aufzählen.
Um derlei Entwürfe jedoch durchzusetzen, hätte sich in den Machtgremien der Dritten Welt ein radikaler Bewußtseinswandel zu vollziehen - von dem bislang nichts zu erkennen ist. Entsprechende Einsichten haben es schwer genug in der aufgeklärten und wohlinformierten Industriewelt, wo Wirtschaft wie Politik vom Prinzip Verantwortung noch ein gutes Stück entfernt sind. Technologische, soziale und ökologische Standards wären in dieser anderen Dritten Welt geboten, hinter denen auch die entwickelten Länder noch her sind.
Nicht nur Geld würde das kosten, sondern auch die Aufgabe partikularer Interessen wäre dann angesagt, eine halbwegs solidarische Welt, deren wohlhabende Bewohner Verzicht üben müßten. "Wir alle" würden, wie Eppler es formuliert, bei allem, was wir tun, "die Überlebensinteressen des Südens mit zu bedenken haben" - Voraussetzungen, die die Völkergemeinschaft offenkundig noch nicht bereitstellen will.
Von den Entscheidungen der nächsten Jahre, so die Pakistanerin Nafis Sadik, Leiterin des Uno-Bevölkerungsfonds, wird es abhängen, ob sich die Menschheit "verdreifacht oder nur verdoppelt" und "ob die Zerstörung der Umwelt schneller oder langsamer vor sich gehen wird". Doch viel zu hoch - wenn es denn um Jahre geht - scheinen schon die kulturellen Barrieren, die einem Abbau der Geburtenmasse im Wege stehen. Von Oberhäuptern des Hinduismus ist immerhin zu hören, daß der Glaube einer Empfängnisverhütung nicht entgegenstehe. Beim Papst liest man es anders, zu schweigen von der weiten Welt des Islam, die gerade wieder zu ihren Fundamenten strebt.
Fundamental und vor allem bald hätte sich die Rolle der Frau in der Dritten Welt zu ändern, wenn Familienplanung greifen soll. Doch wie dieser notwendige Zuwachs an Autonomie gegen jene festgefügten gesellschaftlichen Regelwerke in Afrika, Asien und Südamerika durchgesetzt werden soll, ist nicht auszumachen. Das alles sei, sagt der Wissenschaftler Birg, "ein multikulturelles Problem im Weltmaßstab, in 50 Jahren kaum zu lösen".
Inzwischen, versichern die Demographen, sei in zahlreichen Entwicklungsländern der gute Wille zu einer Geburtenkontrolle gewachsen - was noch nicht heißt, daß diese Läuterung bei den politischen Führungskräften ebenfalls angekommen ist. Und bis es denn einmal so weit ist, wird die Menschheit unweigerlich gewachsen sein, auf zehn, zwölf oder auch mehr Milliarden.
"Ein globaler Ausweg aus dieser Spirale von Armut, wirtschaftlicher Unterentwicklung und raschem Bevölkerungswachstum", befindet der Experte Münz, "ist nicht in Sicht." Sein Kollege Birg von der Uni Bielefeld erlebt an jedem Semesterende deprimierende Debatten mit seinen Studenten. Befragt nach globalen oder doch regionalen Lösungen für das Fortpflanzungsdrama, fallen ihm hoffnungsvolle Antworten einfach nicht ein, und seine Zuhörer "sind dann immer ganz traurig".
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Bevölkerungsexplosion
Wasserressourcen
Menschenmenge in Afrika (Äthiopien)
Elendsviertel in Asien (Bombay)
Kinderarbeit in der Dritten Welt (Kolumbien)
Frauenarbeit in Asien (Indien)
Alphabetisierung in Afrika (Sambia)
Umweltbedrohung Holzsuche (in Somalia)
Festgenommene Grenzgänger (im Grenzgebiet USA-Mexiko)
Von Hans Joachim Schöps

SPIEGEL SPECIAL 4/1993
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