01.05.1993

Lebens-Tips mit Grips und Witz

Was will ich Dir sagen mit
dem "Tu was Du willst"
als grundlegendem Motto dieser Ethik, an die wir uns herantasten wollen? Ganz einfach (auch wenn es nicht so einfach sein wird, fürchte ich), daß Du Dich befreien mußt von Befehlen und Gebräuchen, von Belohnung und Strafe, kurz von allem, was Dich von außen lenken will, und daß Du diese ganze Angelegenheit aus Dir selbst heraus, aus Deinem Gewissen und freien Willen entwickeln mußt. Frage niemanden, was Du mit Deinem Leben anfangen sollst: Frage Dich selbst. Wenn Du wissen willst, wozu Du Deine Freiheit am besten einsetzen kannst, dann verliere sie nicht, indem Du Dich von Anfang an anderen unterwirfst, mögen sie auch noch so gut, weise und angesehen sein: Befrage über den Gebrauch der Freiheit - die Freiheit selbst. Klar, weil Du ein kluger Kopf bist, hast Du wahrscheinlich bereits bemerkt, daß es hier einen gewissen Widerspruch gibt. Wenn ich Dir sage, "Tu was Du willst", sieht es so aus, als ob ich Dir regelrecht einen Befehl gebe: Tu dies und nicht das", auch wenn der Befehl darin besteht, daß Du aus freiem Willen handeln sollst. Wahrhaftig der komplizierteste Befehl, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet.
Glaub mir, ich will Dir kein Rätsel aufgeben, wie die auf der Freizeitseite in den Zeitungen. Wenn ich Dir das alles auch mit einem Lächeln zu sagen versuche, damit wir uns nicht mehr als nötig langweilen, ist die Angelegenheit doch ernst: Es geht hier nicht darum, sich die
Zeit zu vertreiben, sondern sie gut zu nutzen. Der offensichtliche Widerspruch, der in dem "Tu was Du willst" enthalten ist, ist nur ein Reflex des Kernproblems der Freiheit: daß wir nicht frei sind, nicht frei zu sein, daß wir nicht anders können, als frei zu sein. Und wenn Du mir sagst, das sei ja alles schön und gut, aber Du hättest genug und wolltest nicht länger frei sein? Und wenn Du Dich entscheidest, Dich dem Meistbietenden als Sklave anzubieten, oder zu schwören, daß Du in allem und für immer diesem oder jenem Tyrannen gehorchen willst? Dann tust Du das, weil Du es so willst, also
freiwillig, und auch wenn Du einem anderen gehorchst oder mit dem Strom schwimmst, handelst Du weiter so, wie es Dir lieber ist: Du verzichtest dann nicht darauf zu wählen, sondern Du wählst, nicht selbst zu wählen. Daher sagte der französische Philosoph Jean-Paul Sartre: "Wir sind zur Freiheit verdammt." Von dieser Verdammung gibt es keine Begnadigung.
Also, mein "Tu was Du willst" ist nicht mehr als eine Form, Dir zu sagen, Du sollst das Problem der Freiheit ernst nehmen, nämlich, daß Dich niemand von der schöpferischen Verantwortung lossprechen kann, Deinen eigenen Weg zu wählen. Quäle Dich nicht mit der Frage, ob dieses ganze Theater um die Freiheit "die Mühe lohnt", weil Du, ob Du es willst oder nicht, frei bist, und ob Du es willst oder nicht, wollen mußt. Auch wenn Du sagst, Du willst von diesen langweiligen Sachen nichts wissen und ich soll Dich in Ruhe lassen, willst Du etwas: Du willst nichts wissen, Du willst, daß man Dich in Frieden läßt - auch um den Preis, daß Du mehr
oder weniger zum Herdentier wirst. Aber verwechseln wir dieses "Tu was Du willst" nicht mit den Launen, über die wir gesprochen haben. Es ist eine Sache, daß Du tust, "was Du willst", und eine andere, völlig verschiedene, daß Du tust, "wozu Du zuerst Lust hast". Ich sage nicht, daß in bestimmten Situationen die reine und einfache Lust auf etwas nicht genügen kann - z.B. wenn man Lust hat, in ein Restaurant essen zu gehen. Da Du ja glücklicherweise einen robusten Magen hast und Dich nicht darum kümmerst, ob Du dick wirst, geh nur und bestelle, worauf Du Lust hast. Aber Vorsicht, manchmal gewinnt man nicht mit der Lust, sondern verliert. Hierzu ein Beispiel.
Ich weiß nicht, ob du viel in der Bibel gelesen hast. Sie ist voller interessanter Dinge, und man muß nicht sehr religiös sein - Du weißt ja, ich bin es nicht besonders -, um sie zu schätzen. Im ersten Buch, der Genesis, wird die Geschichte von Esau und Jakob, den Söhnen Isaaks, erzählt. Sie waren Zwillinge, aber Esau wurde zuerst geboren, wodurch er das Erstgeburtsrecht erhielt. Erstgeborener zu sein war in diesen Zeiten nicht ohne Bedeutung, weil damit verbunden war, daß man eines Tages den gesamten Besitz und alle Privilegien des Vaters erbte. Esau ging gerne auf die Jagd und wollte was erleben, während Jakob lieber zu Hause blieb und ab und zu etwas Köstliches kochte. Einmal kehrte Esau müde und
hungrig vom Feld zurück. Jakob hatte einen leckeren Linseneintopf gekocht, und seinem Bruder, kaum hatte er das Essen gerochen, lief das Wasser im Mund zusammen. Er verspürte große Lust mitzuessen und bat Jakob darum, ihn einzuladen. Der Bruder meinte: "Sehr gerne, aber nicht umsonst, sondern im Austausch für das Erstgeburtsrecht." Esau dachte: "Worauf ich jetzt Lust habe, sind die Linsen. Das Erbe meines Vaters werde ich irgendwann in der Zukunft antreten. Wer weiß, womöglich sterbe ich noch vor ihm!" Und er stimmte zu, seine zukünftigen Rechte als Erstgeborener gegen die schmackhaften Linsen der Gegenwart zu tauschen. Sie müssen fürchterlich gut gerochen haben, diese Linsen! Selbstverständlich bereute er das schlechte Geschäft, sobald er sich den Bauch vollgeschlagen hatte, was zu ziemlichen Problemen unter den Brüdern führte (mit dem nötigen Respekt sei gesagt, ich hatte immer den Eindruck, daß Jakob eine
linke Type war). Aber wenn Du wissen willst, wie die Geschichte ausging, dann lies die Genesis. Für das, was ich mit diesem Beispiel sagen will, genügt das, was ich Dir erzählt habe.
Da ich Dich für etwas bockig halte, würde es mich nicht wundern, wenn Du versuchen würdest, diese Geschichte gegen meine früheren Aussagen zu kehren: "Hast Du mir nicht diesen schönen Rat gegeben, 'Tu was Du willst'? Hier hast Du das Ergebnis: Esau wollte Eintopf und setzte alles daran, ihn zu bekommen, und am Ende stand er ohne Erbe da. Ein toller Erfolg!" Ja, natürlich, aber ... Waren die Linsen das, was Esau wirklich wollte, oder waren sie das, was ihn nur in dem Augenblick reizte? Immerhin war das Erstgeburtsrecht damals eine einträgliche Sache, mit den Linsen dagegen ist es natürlich so: Wenn Du sie magst, ißt Du sie, wenn nicht, läßt Du sie stehen ... Es ist logisch zu denken, daß das, was Esau im Grunde wollte, das Erstgeburtsrecht war, das ihm in einem mehr oder weniger nahen Zeitraum das Leben beträchtlich verbessern sollte. Zufällig hatte er auch Lust, Eintopf zu essen, aber wenn er sich die Mühe gemacht hätte, nur ein bißchen nachzudenken, dann hätte er erkannt, daß dieser zweite Wunsch eine Weile hätte warten können, um nicht die Chance zu verspielen, das Wesentliche zu erreichen. Manchmal wollen wir Menschen sich widersprechende Sachen, die miteinander in Konflikt geraten. Es ist wichtig, Prioritäten setzen und eine gewisse Hierarchie bilden zu können zwischen dem, was einem sofort gefällt, und dem, was man eigentlich langfristig will. Und wenn man das nicht kann, sollte man Esau fragen.
In der Geschichte aus der Bibel gibt es ein wichtiges Detail. Was Esau dazu veranlaßt, den vor ihm stehenden Eintopf zu wählen und auf die zukünftige Erbschaft zu verzichten, ist der Schatten des Todes, oder wenn es Dir lieber ist, die Mutlosigkeit aufgrund der Kürze des Lebens. "Da ich weiß, daß ich auf jeden Fall sterben werde und vielleicht noch vor meinem Vater, warum soll ich mich abmühen und darüber nachdenken, was mir zusagt? Jetzt will ich Linsen, und morgen bin ich vielleicht schon tot, also her mit den Linsen und basta!" Es scheint, als ob die Sicherheit des Todes Esau dazu verleitete zu denken, daß das Leben sich nicht lohnt, daß alles gleich ist. Aber nicht durch das Leben ist alles gleich, sondern durch den Tod. Beachte: Aus Angst vor dem Tod entscheidet sich Esau zu leben, als wenn er bereits tot und alles egal wäre. Leben ist Zeit, und unsere Gegenwart ist voller Erinnerungen und Hoffnungen, aber Esau lebt, als ob es für ihn keine andere Realität gäbe als den Duft der Linsen, der ihm jetzt in die Nase steigt, ohne Gestern und Morgen. Und weiter: Unser Leben besteht aus Beziehungen zu den anderen - wir sind Eltern, Kinder, Brüder, Freunde oder Feinde, Erben oder Beerbte -, aber Esau entscheidet, daß die Linsen (die eine Sache sind, keine Person) für ihn mehr zählen als diese Verbindungen zu anderen, die ihn zu dem machen, was er ist. Und jetzt eine Frage: Erreicht Esau wirklich das, was er will, oder ist es nicht so, daß der Tod ihn hypnotisiert und sein Wollen paralysiert und zerstört?
Lassen wir Esau mit seinen kulinarischen Launen und seinen Familiengeschichten. Kehren wir zu Deinem Fall zurück, der uns hier interessiert. Wenn ich Dir sage, Du sollst tun, was Du willst, scheint es angebracht, daß Du zuerst ausführlich und gründlich darüber nachdenkst, was Du willst. Zweifellos gefallen Dir viele, sich oft widersprechende Sachen, wie das bei allen so ist: Du möchtest ein Motorrad haben, willst Dir aber nicht auf der Straße den Hals brechen, Du möchtest Freunde haben, aber ohne Deine Unabhängigkeit zu verlieren, Du möchtest Geld haben, aber Du möchtest nicht den Nächsten ausbeuten, um es zu bekommen, Du möchtest etwas wissen und verstehst daher, daß man lernen muß, aber Du möchtest Dich auch vergnügen, Du möchtest, daß ich Dir nicht auf den Wecker gehe und Dich nach Deiner Art leben lasse, aber Du willst auch, daß ich da bin, um Dir zu helfen, wenn es nötig ist. Wenn Du all dies resümieren und Deinen wahren Wunsch in Worte fassen müßtest, würdest Du mir sagen: "Was ich will, Papa, ist, mir ein schönes Leben machen." Bravo! Du hast einen Orden verdient! Genau das wollte ich Dir raten: Als ich Dir sagte "Tu was Du willst", wollte ich Dir im Grunde empfehlen, daß Du es wagst, Dir ein schönes Leben zu machen. Achte nicht auf die Traurigen und die Frommen, mit Verlaub: Die Ethik ist nicht mehr als der rationale Versuch, herauszubekommen, wie man besser lebt. Wenn es sich lohnt, sich für die Ethik zu interessieren, dann, weil uns das schöne Leben gefällt. Nur wer geboren wird, um Sklave zu werden, oder wer solche Angst vor dem Tod hat, daß er glaubt, alles sei egal, der wendet sich den Linsen zu und lebt auf irgendeine Art.
Jetzt, um dieses Kapitel etwas entspannter zu beenden, schlage ich Dir vor, daß wir ins Kino gehen. Wenn Du willst, können wir einen tollen Film sehen mit Orson Welles als Regisseur und Hauptdarsteller: Citizen Kane. Ich rufe ihn Dir kurz ins Gedächtnis zurück: Kane ist ein Multimillionär, der ziemlich skrupellos in seinem Palast in Xanadu eine riesige Sammlung aller schönen und kostbaren Sachen der Welt angehäuft hat. Er hat zweifellos alles, und er benutzt alle in seiner Umgebung für seine Zwecke, als bloße Instrumente seines Ehrgeizes. Am Ende seines Lebens geht er alleine durch die Räume seines Wohnsitzes, die voller Spiegel sind, die ihm tausendmal das Bild eines Einsamen zurückwerfen: Nur sein Spiegelbild leistet ihm Gesellschaft. Am Ende stirbt er, ein einziges Wort murmelnd: "Rosebud!" Ein Journalist versucht, die Bedeutung dieses letzten Seufzers herauszufinden, aber ohne Erfolg. "Rosebud" ist der Name eines Schlittens, mit dem Kane als Kind spielte - als er noch in einer Umgebung voller Zuneigung lebte und denen Zuneigung schenkte, die ihn umgaben. Alle seine Reichtümer und seine ganze angesammelte Macht über die anderen konnten ihm nichts Besseres als jene Kindheitserinnerung kaufen. Dieser Schlitten, Symbol süßer menschlicher Beziehungen, war in Wahrheit das, was Kane wollte, das schöne Leben, das er geopfert hatte, um Tausende Sachen zu erhalten, die ihm in Wirklichkeit nichts nützten. Und trotzdem haben ihn die meisten beneidet ...
Sowohl Esau als auch Kane waren davon überzeugt, daß sie taten, was sie wollten, aber keiner von beiden scheint erreicht zu haben, sich ein schönes Leben zu machen. Und trotzdem, wenn man sie gefragt hätte, was sie wirklich wollten, hätten sie das gleiche geantwortet wie Du (oder ich): "Ich will mir ein schönes Leben machen." Schlußfolgerung: Es ist ziemlich klar, was wir wollen (uns ein schönes Leben machen), aber es ist nicht so klar, worin dieses "schöne Leben" besteht. Und das schöne Leben wollen ist nicht irgendein Wollen, wie wenn jemand Linsen, Bilder, Elektrogeräte oder Geld will. Dieses Wollen ist sozusagen einfach, es richtet sich auf einen einzigen Aspekt der Wirklichkeit, es hat keine ganzheitliche Sichtweise. Es ist natürlich nichts Schlechtes daran, Linsen zu wollen, wenn man Hunger hat, aber in der Welt gibt es andere Sachen, andere Beziehungen, das Festhalten am Vergangenen, das Hoffen auf das Kommende und noch viel mehr, alles, was Dir einfällt. Mit einem Wort: Der Mensch lebt nicht von Linsen allein. Um seine Linsen zu bekommen, opferte Esau zu viele wichtige Aspekte seines Lebens, er vereinfachte es über Gebühr. Er handelte, wie ich bereits sagte, unter dem Druck des bevorstehenden Todes. Der Tod ist ein großer Vereinfacher: Wenn Du dabei bist, alle viere von Dir zu strecken, haben nur wenige Sachen Bedeutung (die Medizin, die Dich retten kann; die Luft, die Dir erlaubt, noch einmal die Lungen zu füllen ...). Das Leben ist dagegen immer kompliziert und bedeutet fast immer Komplikationen. Wenn Du jeder Komplikation aus dem Wege gehst und die große Einfachheit suchst (her mit den Linsen!), glaube nicht, daß du länger und besser leben willst, sondern Du willst sofort sterben. Und wir haben gesagt, daß das, was wir wirklich wollen, das schöne Leben ist, nicht der sofortige Tod. Also kann uns Esau nicht als Vorbild dienen.
Auch Kane vereinfachte auf seine Weise das Problem. Im Unterschied zu Esau war er kein Ver-Aschwender, sondern ein ehrgeiziger Sammler. Was er wollte, war Macht, um die Menschen zu beherrschen, und Geld, um sich Sachen zu kaufen, viele schöne und sicher nützliche Sachen. Ich habe nichts dagegen, Geld bekommen zu wollen, und auch nichts gegen die Vorliebe für schöne oder nützliche Dinge. Ich traue den Leuten nicht, die sagen, Geld interessiere sie nicht, und die versichern, daß sie überhaupt nichts brauchen. Womöglich bin ich aus sehr schlecht gebranntem Lehm gemacht, aber es gefällt mir gar nicht, ohne einen Pfennig dazustehen, und wenn morgen Diebe das Haus ausrauben und meine Bücher mitnehmen würden (ich fürchte, viel mehr könnten sie nicht mitnehmen), würde es mir schwer im Magen liegen. Dennoch scheint mir der Wunsch, immer mehr (Geld, Dinge) haben zu wollen, auch nicht völlig gesund zu sein. Denn die Sachen, die wir haben, haben andererseits auch uns: Was wir besitzen, besitzt uns. Dazu ein Beispiel: Eines Tages sagte ein buddhistischer Weiser seinem Schüler genau das, was ich Dir gerade sage, und der Schüler schaute ihn mit dem gleichen merkwürdigen Gesichtsausdruck an ("Der Typ hat sie nicht mehr alle"), mit dem Du vielleicht diese Seite liest. Dann fragte der Weise den Schüler: "Was gefällt Dir in diesem Zimmer am meisten?" Der gewitzte Schüler zeigte auf einen wunderschönen Becher aus Gold und Elfenbein, der eine schöne Stange Geld gekostet haben mußte. "Gut, nimm ihn", sagte der Weise, und der Junge ließ es sich nicht zweimal sagen und ergriff fest mit der rechten Hand das kostbare Stück. "Paß auf, daß Du ihn nicht fallen läßt", bemerkte der Meister scherzend und fügte hinzu: "Und gibt es nichts anderes, das Dir noch gefällt?" Der Schüler gab zu, daß er dem Beutel voller Geld, der auf dem Tisch lag, auch nicht abgeneigt war. "Also los, greif zu!" ermunterte ihn der andere. Und der Junge packte heftig mit der linken Hand den Beutel. "Und jetzt?" fragte er den Meister mit gewisser Nervosität. Und der Weise erwiderte: "Jetzt kratz Dich!" Das konnte er natürlich nicht. So kann es einem gehen, wenn man sich kratzen muß, wenn einem eine Stelle am Körper juckt - oder sogar an der Seele! Mit vollen Händen kann man sich nicht nach Belieben kratzen und gestikulieren. Was wir fest gepackt halten, packt uns ebenfalls auf seine Weise, es ist also wichtig aufzupassen, daß man nicht zu weit geht. In gewisser Hinsicht ist es das, was Kane passierte: Seine Hände und seine Seele waren so voll mit seinen Besitztümern, daß er sofort einen sonderbaren Juckreiz spürte und nicht wußte, womit er sich kratzen sollte.
Aber Du wirst mir sagen, daß den Multimillionär
Kane sicherlich unzählige Leute beneidet haben. Sicher haben viele gedacht: "Der weiß zu leben!" Na und? Wach endlich auf; Mensch! Die anderen können einen von ferne beneiden und nicht wissen, daß wir im selben Augenblick an Krebs sterben. Willst Du lieber den anderen gefallen als Dich selbst zufriedenzustellen? Kane erreichte alles, das nach dem Hörensagen einen Menschen glücklich macht: Geld, Macht, Einfluß, Diener. Und er entdeckte schließlich, daß ihm - mochten die Leute sagen, was sie wollten - das Wesentliche fehlte: die echte Zuneigung, Achtung und sogar Liebe freier Menschen, von Menschen, die er als solche behandelte und nicht wie Sachen. Du sagst womöglich, dieser Kane war etwas seltsam; wie es die Protagonisten von Filmen meistens sind. Viele wären aufs höchste zufrieden gewesen, in so einem Palast und in einem solchen Luxus zu leben; die meisten, versicherst Du mir wie ein Zyniker, hätten sich überhaupt nicht an den Schlitten "Rosebud" erinnert. Womöglich war Kane etwas daneben ... Wie unglücklich fühlte er sich bei der Unmenge von Sachen, die er besaß! Und ich sage Dir, laß die anderen in Ruhe und denk nur an Dich. Das schöne Leben, das Du willst, ist es so etwas wie das von Kane? Begnügst Du Dich mit dem Linsengericht des Esau?
Du antwortest nicht besonders schnell. Was die Ethik genau beabsichtigt, ist herauszufinden, worin eigentlich über das hinaus, was man uns erzählt oder was wir in der Fernsehwerbung sehen, dieses verflixte schöne Leben besteht, das uns so gefällt. Wir wissen jetzt bereits, daß ein schönes Leben auf Sachen angewiesen ist (wir brauchen z.B. Linsen, die viel Eisen enthalten), aber daß es Menschen noch weniger entbehren kann. Mit den Sachen müssen wir wie mit Sachen umgehen, und die Menschen müssen wir wie Menschen behandeln: So helfen uns die Sachen in vieler Hinsicht, die Menschen aber in einem fundamentalen Aspekt, den keine Sache ausfüllen kann, nämlich Menschen zu sein. Du fragst Dich jetzt vielleicht, ob wirklich Kane spinnt - oder ich? Womöglich ist es nicht wichtig, Mensch zu sein, weil wir es ohnehin schon sind, ob wir wollen oder nicht. Aber man kann Mensch-Sache oder Mensch-Mensch sein, entweder ein Mensch, der sich einfach nur darum kümmert, die Sachen des Lebens zu bekommen - alle Sachen, je mehr, desto besser -, oder ein Mensch, der das Menschsein genießt, das er unter Menschen erfährt! Setz Dich bitte nicht selbst herab, überlaß das den Kaufhäusern; zu denen paßt es!
Ich erkenne an, daß viele dem, was ich sage, auf den ersten Blick keine allzu große Bedeutung beimessen. Kann man ihnen trauen? Sind sie die Klügsten oder schenken sie einfach dem wichtigsten Thema - ihrem Leben - weniger Aufmerksamkeit? Man kann für die Geschäfte oder die Politik klug und gleichzeitig in ernsthafteren Angelegenheiten, z.B. wie man gut lebt, ein großer Depp sein. Kane war darin ungeheuer klug, was sich auf das Geld oder die Manipulation der Leute bezog, aber am Ende wurde ihm bewußt, daß er sich im Wichtigsten geirrt hatte. Da, wo er unbedingt richtig handeln mußte, lag er daneben. Ich wiederhole ein Wort, das mir in diesem Zusammenhang wesentlich zu sein scheint: Aufmerksamkeit. Ich meine damit nicht die Aufmerksamkeit des Uhus, der zwar nicht redet, aber ungeheuer aufpaßt (nach dem alten Witz, in dem jemandem statt eines Papageis - den er kaufen wollte - ein Uhu angedreht wurde), sondern die Fähigkeit, über das, was man tut, zu reflektieren und zu versuchen, den Sinn dieses "schönen Lebens", das wir haben wollen, möglichst genau zu definieren. Und zwar ohne bequeme, aber gefährliche Vereinfachungen, wenn wir versuchen, die gesamte Komplexität dieser Angelegenheit des Lebens (ich meine des menschlichen Lebens) zu verstehen - und das ist ganz schön schwer.
Ich glaube, die erste und unerläßliche ethische Bedingung ist die, entschlossen zu sein, nicht auf
irgendeine Art leben zu wollen: davon überzeugt zu sein, daß nicht alles egal ist, auch wenn wir früher oder später sterben werden. Wenn man von "Moral" redet, meinen die Leute gewöhnlich die Befehle und Gewohnheiten, die man zu respektieren pflegt, zumindest anscheinend und manchmal ohne genau zu wissen, warum. Aber vielleicht liegt die wahre Schwierigkeit nicht darin, sich einem Kodex zu unterwerfen oder sich den aufgestellten Regeln zu widersetzen (was ebenfalls bedeutet, sich einem Kodex zu unterwerfen, einem umgekehrten), sondern in dem Versuch, zu verstehen. Zu verstehen, warum uns bestimmte Verhaltensweisen gefallen und andere nicht, zu verstehen, woher das Leben kommt und was es für uns Menschen "schön" machen kann. Vor allem, sich nicht damit zufriedenzugeben, für gut gehalten zu werden, vor den anderen gut zu sein. Natürlich muß man dafür nicht nur wie ein Luchs aufpassen oder wie ein Roboter gehorchen, sondern auch mit den anderen reden, ihnen recht geben und ihnen zuhören. Aber die Mühe, sich zu entscheiden, muß jeder in Einsamkeit auf sich nehmen: niemand kann für Dich frei sein.
Fernando Savater: "Tu was Du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen". Aus dem Spanischen von Wilfried Hof. Campus Verlag, Frankfurt/ Main; 176 Seiten; 29 Mark.
Von Fernando Savater

SPIEGEL SPECIAL 5/1993
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