01.02.1994

GITARREN zu Pflugscharen

DASS ES GRAUSAM werden würde, hatte Christa Jenal schon vor dem Konzert geahnt. Denn die Kerle dort oben waren berüchtigt für ihre brutale Musik und die geschmacklosen Texte und den Soundmixer, der taub sein mußte, weil er die Regler immer aufriß, daß nur ganz harte Fans den Krach aushalten konnten. Christa Jenal dagegen war 39 Jahre und eine Lehrerin aus Saarbrücken. Deshalb hatte sie sich
vorher mit Ohropax die Ohren verstöpselt.
Aber schon nach den ersten Takten wußte sie, daß diese Pfropfen kein taugliches Mittel waren gegen die Gruppe Slayer. Jenal stand ziemlich weit vorn in dem Konzert, in der Nähe der Boxen, und die Gitarre fauchte wie ein Düsenjäger durch den Gehörgang, und dann raste das Schlagzeug noch hinterher und detonierte irgendwo in ihren Eingeweiden, und dazu grunzte einer der Musiker selbstgedichteten Wortschrott ins Mikrofon, bei dem ihr schon vom bloßen Zuhören übel wurde. "Körperliches Zerfleischen", sang er, "trinkt reinstes Blut / anhaltender Drang zum Töten / nun kommt der Tod über Euch." Für Christa Jenal war das ein Gefühl,
als würde die Schädeldecke von ihrem Gehirn weggesprengt. So ähnlich müssen Elektroschocks wirken, dachte sie fassungslos. Warum tun junge Leute sich so etwas an? Und was finden sie bloß an Texten, die von zersägten Leichen oder zertrümmerten Gliedmaßen handeln, und die alles ignorieren, was seit der
Erfindung von Jugendkultur, Ende der fünfziger Jahre, zur Jugend gehörte: die Fragen nach Sinn und Wahrheit, das Verweigern von Kompromissen, das Graben nach Authentizität und Gerechtigkeit und der Glaube an eine bessere Welt?
Die Gruppe hier glaubte an gar nichts mehr. Sie kämpfte nicht für eine bessere Welt. Sondern propagierte die schlechtere. Sie kümmerte sich einen Dreck um Emanzipation oder Aufklärung. Sondern verklebte den Zuhörern lieber mit bluttriefenden Phantasien das Hirn. Und selbst das tat sie nicht mit einer neuen Ästhetik, sondern mit Hakenkreuzen und satanischen Diagrammen und was sich sonst noch als Beleidigung bewährt hatte für den guten Geschmack. Dazu machten sie eine Musik, als würden sie nach Noten pro Minute bezahlt.
Death Metal nannte sich das Geschrammel und jagte Christa Jenal einen kräftigen Schauer über den Rücken. So hatte sie sich den Fortschritt der Menschheit nicht vorgestellt. Aber noch schlimmer war für sie, daß mittlerweile auch Skinhead-Bands wie Endsieg oder Kraftschlag enormen Zulauf hatten, und sich kaum ein Richter fand, der diesen Rassismus-Trommlern die dummdeutschen Verse verbieten wollte. "Dabei haben wir nicht nur eine Verantwortung für das, was wir tun", sagte Jenal, "sondern auch für das, was wir denken." Deshalb startete sie einen gewaltigen Kreuzzug gegen die Gewalt in der Popmusik.
Sie legte sich mit den Fantastischen Vier an und kämpfte gegen die Gruppe Kraftschlag und gegen alle anderen braunen Socken sowieso, aber ihr ganz spezieller Gegner wurde der Death Metal. Denn der hat im Saarland besonders viele Verehrer.
Denen versucht Jenal das Leben so schwer zu machen wie nur irgend möglich. Fünf Strafanzeigen und einstweilige Verfügungen hat sie in den letzten drei Jahren Justiz veranlaßt. Sie hat gegen einzelne Konzerte geklagt und gegen einzelne Platten, und außerdem 100 offene Briefe geschrieben an wichtige Menschen wie Rita Süssmuth oder Oskar Lafontaine oder Angela Merkel. Und dann hielt sie noch jede Menge Vorträge auf Kirchentagen und saß auf irgendwelchen Podiumsdiskussionen herum und schimpfte sogar im Fernsehen gegen die sittliche Verrohung in der Musik.
Erreicht hat sie mit ihrem Eifer wenig: Süssmuth dankte ihr für "das couragierte Auftreten", Merkel bestätigte den Eingang des Briefes und Lafontaine ließ ausrichten, daß er, "ehrlich gesagt, nicht ganz klug daraus" werde. Auch wurden keine Konzerte verboten und keine Platten beschlagnahmt und keinem Künstler die Einreise ins Saarland verweigert. Das hat "ihren Glauben in den Rechtsstaat etwas erschüttert". Sagt sie.
Nicht verringert aber hat dies ihr Engagement. Immer noch fahndet sie in den Saarbrücker Plattenläden nach indizierbaren Titeln und geht sogar zu den Auftritten der Krawallbands, und manchmal steht sie auch mit anderen Mitstreitern vor den Konzertsälen und hält Pappschilder in den saarländischen Himmel.
Dafür wird sie von den Musikern belächelt und von den Veranstaltern gehaßt, und die Journalisten sagen wahlweise "Geschmacksfaschistin"
oder "Reichszensurbehörde" zu ihr. Heavy-Metal-Fans nennen sie schlicht "die furchtbare Jenal". Und belohnten sie 1992 mit einer Plazierung in ihrem Zentralorgan Rock Hard unter der Rubrik "Trottel des Jahres": Rang sechs - hinter Helmut Kohl, aber lange vor Jürgen Möllemann und Max Streibl.
Das lag an einem grundlegenden Mißverständnis. Denn wie die meisten Journalisten witterten auch die "Hard-Rocker" in Jenals Engagement ähnliche Motive wie bei den Nazis und deren Feldzug gegen die "entartete Kunst". Dabei ist Jenal keine stahlbetonmäßige Zensurbehörde. Sondern für die sanfte Geburt.
Sie ist ein engagiertes Mitglied der Grünen im Saarland und eine engagierte Vorsitzende im "Verein für Friedenserziehung", und noch engagierter ist sie als Gymnasiallehrerin in den Fächern Geschichte, Ethik und Englisch. Früher saß sie auch noch schwer engagiert auf den Blockaden der Friedensbewegung herum.
Das änderte sich, als die Pershings aus Deutschland verschwanden und die Todes-Metaller begannen, eine Bedrohung für den Frieden zu sein. Seit dieser Zeit arbeitet Jenal bis tief in die Nacht an offenen Briefen oder Zeitungsartikeln oder Aufklärungsschriften für ihren Unterricht.
Dazu sitzt sie in einer Altbauwohnung, die vollgestellt ist mit lauter Exponaten, die historisch gesehen noch aus der Mutlangen-Epoche stammen: überall freundliche Weichholzschränke und Peddigrohrsofas und echte Kieselsteine im Durchgang und eine Einwegpalette als Tisch in der Mitte des Raums. Es ist ein Museum des kritischen Engagements, alternativ und politisch korrekt bis zum letzten Deckchen aus den peruanischen Anden. Keine einzige modische Anfechtung hat sich hier in den letzten 20 Jahren sedimentiert. Und kein geschmackliches Wagnis. Das perfekt materialisierte gute Gewissen.
Auch Christa Jenal ist mit ihren verspielten Locken, der bestickten Eheste und dem knöchellangen Rock ein Denkmal dieser Reinheit des Lebens. Und deshalb wundert es nicht, daß ihre Argumente ebenfalls so nah am kritischen Ansatz siedeln. Und so weit entfernt sind von der heutigen Wirklichkeit.
"Heute", sagt sie, "ist die Gefahr viel größer, Musik als Droge zu konsumieren. Anstatt als Vergnügen. Das liegt an der desolaten Situation der jugendlichen heute. Und das ist gefährlich. Denn solche Jugenlichen lassen sich zu allen möglichen Untaten mißbrauchen".
Solche Sätze haben altgediente Beatles-Fans aus den sechziger Jahren auch noch in Ohr.
Damals aber dienten sie der Unterdrückung, und deshalb war es eine heilige Pflicht, gegen diese Verbote zu rebellieren. Heute dagegen singen die Musiker von "Parasiten", die von der Sozialhilfe leben (Type 0-negative) oder von "Kanaken", die ins KZ gehören (Endsieg) und ihre Fans sind 13 Jahre alt und haben keinen kritischen Ansatz. Sie sind im Gegenteil die erste Generation, die die Welt nicht mehr verbessern will. Die erste Generation, die auch weniger Geld haben wird als die Eltern und weniger Hoffnung auf Gerechtigkeit und keinen Glauben
mehr an das Gute, weil das Gute schon besetzt ist durch ihre Eltern, und darin liegt das ganze Problem.
Denn noch nie hat eine Generation die folgende so sehr beschissen wie die Alt 68er ihre Kinder. Da sitzen sie auf der Macht und ruinieren die Welt, aber halten sich immer noch für das Abbild des aufrechten Menschen. Da scheffeln sie Geld und sind gleichgültig, aber nennen sich tolerant und verständnisvoll und nehmen den Jungen damit auch noch die Legitimation für einen Aufruhr. Da diskreditieren sie den Widerstand und die Revolte, indem sie sich selbst für deren Verkörperung halten, und die Jugend hat keine andere
Chance mehr, als sich zur Schlechtigkeit zu bekennen. Und die nennt das dann Satanismus. In der Musik sagt man Black oder Death Metal dazu.
Mit diesem Bekenntnis zur Schlechtigkeit kommen dann auch die toleranten Altrebellen an ihre Grenze. Obwohl die Brutalität der Death-Metal-Szene im Unterschied zum Rechtsrock nur eine Attitüde ist, die sich nicht gegen jemanden richtet, sondern allein der Abgrenzung dient. Diesen Unterschied aber mag das besorgte Establishment nicht mehr verstehen. Und das ist gut so, denn genau das ist der Sinn von Unterschieden in einer Jugendkultur.
Christa Jenal dagegen hält das für blödsinnig. "Die Darstellung von Gewalt zur Unterhaltung verführt die jugendlichen immer zur Identifizierung", sagt sie. "Ganz egal, ob es sich dabei um den Satan oder den Rechtsradikalismus handelt. Deshalb darf man jugendliche auch nicht allein lassen damit. Sondern muß sie zu kritischen Menschen erziehen. Und ihnen ein gutes Beispiel geben."
Solche Beispiele sind nach ihrer Meinung BAP oder Konstantin Wecker. Und im Zweifelsfall ist sie dieses Beispiel auch selbst. Denn in der heutigen Zeit ist es ziemlich mutig, öffentlich gegen rechtsradikale Gruppen vorzugehen, die - im Unterschied zu den Schwermetallern - keine Skrupel haben vor der Gewalt. Auch Christa Jenal hat das schon spüren müssen: So terrorisierten anonyme Ausländerfeinde sie nächtelang am Telefon und beschimpften sie "rote Sau" oder "Arschloch" und drohten, daß sie die nächsten Tage nicht überleben werde. Dann malte jemand SS-Runen auf ihr Auto, demolierte den Spiegel und trat die Fahrertür ein, und einmal wurde der Wagen von mehreren Leuten mitten auf eine Kreuzung getragen, so daß die Polizei ihn abschleppen ließ und Jenal für die Kosten aufkommen mußte. Denn die deutsche Polizei ist auf dem rechten Ohr immer noch taub und glaubte nicht an rechtsradikale Täter. Was beweist, wie wichtig Jenal ist für die Volkserziehung. Auch wenn sie den Death Metal zu keiner Sekunde begriffen hat.
Christoph Scheuring, 36, ist Reporter bei Tempo.
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Lehrerin Jenal: Politisch korrekt bis zur Tischdecke
Fans beim Metal-Konzert: Tolerante Altrebellen an ihre Grenze getrieben

SPIEGEL SPECIAL 2/1994
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