01.02.1994

„Zuviel von dem Kirsch-Whisky“

CAMPINO: Waren Sie überhaupt irgendwann einmal jung?
MERKEL: Bei mir war das irgendwie anders. Ich habe viele meiner Freunde beneidet. Die konnten Musik hören und dabei ihre Schularbeiten machen. Ich habe das nie geschafft, und doch erschien mir das als erstrebenswert, weil die meisten jungen Leute das können. Auf Feten war ich unheimlich traurig, daß ich mich nicht in die Musik reinsteigern konnte. Ich war immer das Mädchen, das Erdnüsse ißt und nicht tanzt.
CAMPINO: Waren Sie mal auf einem Popkonzert?
MERKEL: Na, ich werde wohl mal bei den Puhdys gewesen sein, die waren ja neben Karat die bedeutendste DDR-Gruppe. Ich habe auch Beatles gehört und auch mal "Smoke on the Water" von Deep Purple so ist es ja nicht. Mich hat es bloß nie vom Hocker gerissen. Ich bin immer mehr so mitgegangen.
CAMPINO: CDU und Jugend, ist das nicht ein Widerspruch in sich?
MERKEL: Nein, das glaube ich nicht. Warum sind Sie der Meinung?
CAMPINO: Der CDU bröseln die Jugendlichen doch nur so weg. Ich weiß gar nicht, ob es da überhaupt einen jugendlichen gibt.
MERKEL: Hören Sie auf. Die SPD hat doch dieselben Probleme. Selbst bei den Grünen hat man zur Zeit Mühe, Mitglieder unter 20 Jahren zu gewinnen.
CAMPINO: Können Sie sich vorstellen, was Jugendliche an Ihnen - nicht an Ihrer Person, sondern an Ihnen als Jugendministerin - hassen? Haben Sie sich das schon mal überlegt?
MERKEL: Es gibt natürlich viel zu hassen, wenn man von der Annahme ausgeht, daß alle Politiker verdorben sind und arrogant, sich nicht verständlich machen können und im übrigen nur in ihre eigene Tasche wirtschaften.
CAMPINO: Würden Sie es einem Jugendlichen übelnehmen, wenn er sagt: Frau Merkel? Nein. Die ist blöd. Mit der rede ich nicht.
MERKEL: Das Interessante ist: Dort, wo ich hinkomme, hat mir noch nie jemand gesagt, daß ich blöd bin. Wenn ich mich in einem Jugendclub anmelde, werde ich meistens freundlich und einigermaßen gesittet empfangen. Und trotzdem sind die Jugendlichen weit davon entfernt, mich, die Jugendministerin, als ihre Schwester anzusehen.
CAMPINO: Waren Sie mal richtig betrunken? Ich meine: Hat es mal einen Zeitpunkt gegeben, an dem Sie jung waren und richtig betrunken?
MERKEL: Ja.
CAMPINO: Können Sie uns das mal erklären?
MERKEL: Was heißt erklären? Waren Sie noch nie betrunken?
CAMPINO: Ich würde sagen: Die Frage ist dumm. Ich gebe sie an Sie zurück.
MERKEL: Ich bin mal aus einem Boot gekippt. Das war nachts, vier Uhr früh, nach der Abiturfeier. Ich war damals achtzehn. Ich hatte zuviel von dem Kirsch-Whisky getrunken, und dann hatte ich plötzlich einen Aussetzen. Für einen Moment hatte ich vergessen, daß ich ins Wasser falle, wenn der neben mir aufsteht.
CAMPINO: Haben Sie Erfahrungen mit Drogen?
MERKEL: Nein. Also nicht mit Rauschgift. Wenn Alkohol eine Droge ist, dann habe ich da schon...
CAMPINO: Frau Merkel, erklären Sie mal: Was ist eigentlich eine "Haschischspritze"?
MERKEL: Ich muß schon bitten. Ich habe dieses Wort nie benutzt. Ich kenne den Unterschied zwischen Haschisch und Heroin.
CAMPINO: Glauben Sie, daß es Gründe gibt, stolz auf dieses Land zu sein?
MERKEL: Ich finde, daß man sich freuen kann, Deutscher zu sein, so wie sich ein Franzose darüber Freuen kann, daß er Franzose ist.
CAMPINO: Und worüber definiert sich das? Über den Paß?
MERKEL: Nein.
CAMPINO: Vielleicht über einen ordentlichen Kartoffelsalat?
MERKEL: Der ordentliche Kartoffelsalat stirbt langsam aus.
CAMPINO: Warum? Weil es zu viele Pizzabäcker gibt?
MERKEL: Ja. Auch.
CAMPINO: Au. Au. Wenn das die Italiener lesen.
MERKEL: Also, passen Sie mal auf: Meine ersten 4.50 DM West habe ich für einen guten Döner ausgegeben, weil ich ein großer Döner-Freund bin.
CAMPINO: Sie kannten Döner doch sicher nur vom Hörensagen.
MERKEL: Ja, stimmt. Trotzdem war der Berliner Döner gut und hier im Raum Bonn liegt die Döner-Kultur am Boden. Das hören Sie jetzt wahrscheinlich nicht gerne. Sie sind ja mit Herz und Seele Düsseldorfer.
CAMPINO: Ich trage mein Schicksal mit Fassung. Der Düsseldorfer trägt sein Schicksal mit Fassung.
MERKEL: Was verbindet Sie denn mit dem Düsseldorfer Fußballklub? Da geht es doch um mehr als nur um Fassung?
CAMPINO: Ich gehe doch nicht zur Fortuna, um guten Fußball zu sehen, da gehe ich hin, weil es mein Verein ist - der Ort, wo ich meine Wurst esse. Aber mal was anderes: Wie ist Ihr Verhältnis zu Feministinnen? Finden Sie die alle blöd?
MERKEL: Die Frage ist zu blöd. Die gebe ich an Sie zurück. Wie finden Sie Feministinnen?
CAMPINO: Stellen Sie mir eine vor, und ich sage Ihnen, wie ich sie finde.
MERKEL: Es sind doch die Toten Hosen, die in starkem Maße ein Macho -Gehabe zeigen. Was Macho-Sprüche angeht, seid ihr doch weit vorneweg.
CAMPINO: Nicht doch. Ich kenne viele Frauen, die verdammt gute Sex-Witze erzählen können.
MERKEL: Könnte eine Frau bei den Toten Hosen mitmachen?
CAMPINO: Ich bin ganz ehrlich: Das könnte sie nicht. Die Toten Hosen sind eine Jungen-Band. Haben Sie Erfahrung mit Gewalt?
MERKEL: Persönlich?
CAMPINO: Ja. Haben Sie als Jugendministerin so etwas schon einmal erlebt?
MERKEL: Ich hatte einmal schreckliche Angst, als ich beim NDR in der Disco war. Die Musik war ziemlich heiß. Und es gab da einen Jugendlichen, der sehr aufgedreht war. Der schimpfte ständig über die Politiker an sich. Da habe ich gedacht: Gleich kriegst du eins auf die Rübe.
CAMPINO: Waren Sie schon mal in einem besetzten Haus?
MERKEL: Ja, in Weimar. Ein bißchen hatte ich dabei immer ein mulmiges Gefühl. Ich weiß aber nicht, ob es so toll ist, wenn der Staat erlaubt, daß Leute im Zentrum von Weimar ein Haus besetzen.
CAMPINO: Also rein imagemäßig mal ein kleiner Tip: Wenn man im Ausland liest, daß ein Haus in der Mitte von Weimar besetzt ist, dann gibt das weniger Ärger als wenn man hört, daß in der Mitte von Weimar ein Haus mit ausländischen Bewohnern angezündet wird. Das kann ich nämlich ganz gut beurteilen, ich komme gerade aus Australien. In dem Zusammenhang fällt mir ein: Wie heißt die Hauptstadt von Australien?
MERKEL: Sydney, glaube ich.
CAMPINO: Na klar. Jetzt habe ich eine Wette gewonnen.
_____
Merkel, Campino: "Ich war das Mädchen, das Erdnüsse ißt und nicht tanzt"

SPIEGEL SPECIAL 2/1994
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